Autismus-Bullshitbingo

autism-bullshitbingo

Wer wissen möchte, warum ich diese Aussagen genommen hatte, möge bitte weiterlesen:

Du kannst doch sprechen!
Autismus ist ein Spektrum. Manche sprechen, andere können sich zwar verbal nicht mitteilen, jedoch schriftlich oder mit Talker/Zeichensprache, etc.

Du hast doch studiert!
Autismus ist keine geistige Behinderung und spricht daher auch nicht gegen ein Studium.

Das sieht man Dir aber gar nicht an!
Autisten kompensieren häufig ihre Defizite, sie unterdrücken auffälliges Stimming oder sagen nicht offen, wenn sie mit etwas Probleme haben. Der immense geistige und emotionale Aufwand, um unauffällig zu wirken, wird daher unterschätzt.

Ich kenne einen Autisten, Du bist ganz anders.
Kennst Du einen Autisten, kennst Du genau einen Autisten. Autismus beschreibt zwar ein Sammelsurium an Symptomen, die jedoch bei jedem anders ausgeprägt sein können. Darum heißt es auch Autismus-Spektrum, aufgrund der individuellen Vielfalt.

Das sind die ganzen Umweltgifte.
Bisher gibt es keine Studie, die zweifelsfrei belegen kann, dass Schwermetalle oder andere Umweltgifte etwas mit Autismus zu tun haben.

Was ist Deine Inselbegabung?
Zwar besitzen manche Autisten ein außergewöhnlich gutes Langzeitgedächtnis, können „Kalenderrechnen“ bzw. ungewöhnlich gut Kopfrechnen, doch trifft dies nicht auf alle zu. Häufiger als eine ausgeprägte Inselbegabung sind Spezialinteressen anzutreffen. Viele Autisten nutzen das Alleinsein dazu, enorme Mengen an Wissen anzuhäufen. Das macht sie zu autodidaktische Experten auf ihrem Gebiet. Jedoch sollte man davon abgehen, dass jeder Autist derartiges Expertenwissen oder Begabungen hat, weil das die Erwartungshaltung zu hoch setzt.

Du bist sicher gut in Mathe!
Das Klischée entstand, weil mehrheitlich über in Mathe und Programmieren begabte Autisten in den Medien berichtet wurde. Tatsächlich umfassen Begabungen und Interessen jedoch alle Bereiche, die Nichtautisten auch haben. Insbesondere hervorzuheben sind hier auch Fähigkeiten, sich schriftlich auszudrücken (autistische Autoren), visuelle Fähigkeiten (Zeichner, Künstler, Fotografen), Musiker, etc.

Kenne ich. So wie „Rain Man“?
Der Film löst bei manchen Autisten eher zwiespältige Gefühle aus. Einerseits hat er das Thema Autismus bekannt gemacht, andererseits geizt er nicht mit Klischeebildern. Wenn Du damit andeuten willst, dass ich Zahnstocher durch bloßes Hingucken zählen kann, dann nein.

Du hast höchstens milden Autismus.
Francesca Happé schreibt:

„Das Asperger-Syndrom wird heute als der Teil des Autismus-Spektrums betrachtet, der sich durch gute sprachliche und intellektuelle Fähigkeiten auszeichnet, doch wäre es ein Fehler, ihn für “milden” Autismus zu halten. Da ist nichts mild, wenn man Stress und Ängste betrachtet, mit denen Asperger-Autisten leben, ganz zu schweigen die Sorgen und Herzschmerzen der Eltern, die ihre ungeschützten Kinder bis zum Erwachsenwerden zu unterstützen versuchen.“

Du bist höchstens ganz leicht betroffen.
Das ist Deine Sicht von außen! Du siehst es nicht mit meinen Augen, meine Schwierigkeiten und Hürden im Alltag, meine Probleme mit Reizüberflutung, mit Handlungen planen und ausführen.

Du schaukelst ja gar nicht!
Schaukeln ist eine Form selbststimulierenden Verhaltens (Stimming), es gibt noch viele andere, z.B. summen, mit dem Kugelschreiber klicken, sich mit den Fingern durch die Haare fahren, hin und her laufen, etc. Na, welche erkannt? Richtig, Stimming umfasst auch viele Bewegungsmuster, die Nichtautisten ebenso praktizieren. Daneben existieren auch noch mit den Händen flattern, sich im Kreis drehen und andere „Stims“, die eher mit Autismus assoziiert werden. Manche Autisten wurden gezwungen, sich auffällige Stims abzugewöhnen. Stims sind jedoch ein wichtiges Mittel, um Reizüberflutung/Overloads vorzubeugen bzw. zu durchstehen, und dürfen keinesfalls unterdrückt werden!

Du schaust mich aber an!
Mangelnder Blickkontakt kann ein Merkmal von Autismus sein, muss jedoch nicht vorliegen. Manche Autisten haben Blickkontakt auch trainiert, was bei einem längeren Gespräch zur Erschöpfung führen kann bzw. besteht die Gefahr, leichter den Gesprächsfaden zu verlieren.

Sozialberuf? Dann kannst Du kein Autist sein.
Ich kenne inzwischen mehrere Autistinnen, die als Ergotherapeutinnen, Psychologinnen oder Lehrerinnen arbeiten. Ein Sozialberuf setzt durch den intensiven Kontakt mit anderen Menschen sicherlich ein höheres Kompensationsvermögen voraus, aber es ist schaffbar. Besagte Autistinnen zeigen auch ein Spezialinteresse für Menschen oder soziales Verhalten. Diese Berufsbranche ist also keinesfalls ein Ausschlussgrund bei Autismus!

Aber Du hast Freunde?! (Partner, Ehe, Kinder)
Ebenso hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass Autisten automatisch isoliert von der Außenwelt und beziehungsunfähig sind. Die Wissenschaftler sind sich inzwischen einig, dass Autismus eine starke genetische Komponente hat, autistische Familien sind keine Seltenheit. Und Autisten haben die gleichen Bedürfnisse nach Freundschaft und Beziehungen wie Nichtautisten auch, sie leben sie nur mitunter anders aus. Dank Internet kann man virtuell Freundschaften schließen (bzw. nach virtuellem Kontakt face-to-face treffen), Beziehungen lassen sich entwickeln. Alleinsein und Einsamkeit sind verschiedene Dinge. Ich kenne mehr Autisten, die einsam sind als jene, deren Alleinsein gewollt ist.

Du wohnst aber alleine?!
Ein Teil der Autisten ist nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen und lebt zuhause oder in betreuten Wohneinrichtungen. Das Spektrum umfasst jedoch auch jene Autisten, die sich durch eine Arbeit ein unabhängiges Leben finanzieren können.

Autisten kommunizieren nicht.
Alle Autisten kommunizieren, selbst jene, die nicht sprechen können. Nur haben sie mitunter eine eigene Sprache entwickelt, die von der Umwelt nicht verstanden wird. Wer sich nur ein wenig im Netz umschaut, wird auf zahlreiche autistische Blogger und Aktivisten stoßen, die häufig kommunizieren.

Für mich bist Du ganz normal.
Zwiespältige Aussage. Wenn sie impliziert, dass man so gemocht und geschätzt wird, wie man ist, positiv. Meist ist damit jedoch die Erwartungshaltung verbunden, sich so wie alle anderen zu verhalten. Wenn man dies autismusbedingt nicht kann, resultieren Enttäuschungen und Streits entstehen.

Er spricht nicht, er ist geistig behindert.
Für Autisten allgemein herrscht das Vorurteil, dass drei Viertel von ihnen (schwer) geistig behindert seien. Inzwischen geht man von unter 50 % aus, weil die „autistische Intelligenz“ unterschätzt wurde. Die Autistin M. Dawson und der Psychiater L. Mottron sehen die Ursache für das schlechte Abschneiden bei Intelligenztests allerdings nicht in mangelnden intellektuellen Fähigkeiten, sondern in der Art des Tests! Der gängige Wechsler-IQ-Test verlangt auch verbale Kompetenzen, während beim nonverbalen Raven-Matrizen-Test die gleiche Fehlerrate wie bei Nichtautisten erreicht wurde, die Autisten die gestellten Aufgaben jedoch um bis zu 40 % schneller bearbeiteten.

Autismus ist eine Krankheit (, Störung, Erkrankung).
Autismus ist keine Krankheit, sondern eine neurologisch bedingte Wahrnehmung, die von der Mehrheitsgesellschaft abweicht und unter Neurodiversität (Vielfalt der menschlichen Gehirnausprägung) einzusortieren ist. Mit dieser Sichtweise besteht bei Autismus auch kein Heilungsbedarf. Heilungswürdig sind am ehesten damit verbundene Begleiterscheinungen (Stoffwechselstörungen, Epilepsie, Ängste, Depressionen), wobei die Mehrheitsgesellschaft durch Unverständnis, Umerziehungsversuche und Mobbing einen maßgeblichen Anteil an sozialen Phobien und Depressionen hat.

Das ist eine Epidemie geworden!
Theunissen und Paetz (2009) nennen folgende Gründe für die epidemische Zunahme von Autismus: erweiterte Sicht auf das Autismus-Spektrum (durch Zunahme des Asperger-Syndroms), größere Sensibilität (auch dank Internet und Aktivisten), verfeinerte und genauere Diagnose-Instrumente speziell für das Asperger-Syndrom, Interessen und Hoffnung der Eltern durch exaktere Diagnose und Umetikettierung einer geistigen Behinderung bessere Unterstützungsleistungen zu bekommen.

Du suchst nur eine Ausrede, weil Du Dich nicht anpassen willst!
Autisten fallen bestimmte Dinge schwer, insbesondere, wenn es Reizfilterschwäche (z.B. Geräuschs- und Geruchempfindlichkeit), Exekutivfunktionen (Handlungsfähigkeit, Umgang mit Veränderungen) und 1:1 Interaktion betrifft. Das ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens!

Sei nicht so empfindlich!
Insbesondere die Reizfilterschwäche führt dazu, dass die Schwelle für Unbehagen bis hin zu körperlichen Schmerzen bei Autisten niedriger ist als bei anderen Menschen. Für manche mag das Radio im Büro nervig sein, bei Autisten kann es eine Handlungsblockade bis hin zum Overload auslösen.

Das geht uns auch so. Sind wir deswegen auch Autisten?
Das Totschlagargument schlechthin. Ist nicht jeder von uns ein bisschen Autist?
Darum heißt es u.a. Asperger-Syndrom, weil die Summe an Symptomen entscheidend ist. Es gibt kein autismusspezifisches Symptom, aber bei Autisten bestehen die Symptome schon seit Kindheit an (in durchaus wandelnder Intensität und Ausprägung) und betreffen die Kernbereiche Kommunikation/Interaktion und (als Folge der Hyper/Hyposensibilität) ausgeprägte Interessen oder Selbststimulierendes Verhalten betreffen. Ja, du magst geräuschempfindlich sein, aber betrifft es auch sämtliche, andere Bereiche und zwar so sehr, dass Dein Alltagsleben beeinträchtigt ist?

Wurdest Du als Kind etwa gegen [XYZ] geimpft?
Die Studie von Wakefield, wonach die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus verursachen kann, wurde zurückgezogen (Link). Wenn Impfungen autismusähnliches Verhalten nach sich ziehen, kann man allenfalls vermuten, dass hier Gehirnregionen geschädigt wurden, die auch bei idiopathischen Autisten eine veränderte Aktivität aufweisen. Bei Autismus in der heutigen Definition handelt es sich jedoch um eine angeborene, neurologische Art zu sein, nicht um etwas, das erworben werden kann (darum auch die Abgrenzung von Erkrankung oder Krankheit(sbild)).

Du magst bestimmt montone Aufgaben!
Zwar ziehen Autisten eine gewisse Vorhersehbarkeit und Gleichförmigkeit des Alltags vor, weil sie sich mit Veränderungen oft schwer tun, jedoch zeigt sich auch hier ein Spektrum der Ausprägung. Die einen können sich stundenlang mit denselben Aufgaben beschäftigen, während sich andere (geplante) Abwechslung wünschen. Kommt die häufige Begleiterscheinung (jede/r Zweite) ADHS hinzu können sich im hyperaktiven Fall der Drang nach Abwechslung mit dem autistischen Wunsch nach Monotonie überlappen. Denise Linke hat diesen inneren Zwiespalt sehr gut in ihrem Buch über Autismus und ADHS beschrieben.

 PS: Ich habe mich bemüht, den Konjunktiv ausschweifend zu verwenden. Generalisierende Aussagen sollte man bei Autismus eher vermeiden. Solltet ihr eine Aussage finden, mit der ihr gar nicht einverstanden seid, meldet Euch bitte!

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7 Gedanken zu “Autismus-Bullshitbingo

  1. lizzzy07 7. März 2016 / 19:58

    Ich könnte noch hinzufügen: „Wieso sollst du jetzt behindert sein? Jeder hat doch seine Macken!“ Das stammt von Leuten, bei denen ich im Wesentlichen akzeptiert bin. Die Botschaft ist: „Du bist so wie du bist in Ordnung. Und deine Macken sind nichts untolerierbares.“ Nur die Nachbarn von über mir kriegen manchmal mit, dass ich eben doch in einzelnen Bereichen merkliche Schwierigkeiten habe. Dass in meinem Bekanntenkreis niemand erwartet, dass ich perfekt funktioniere (wohl auch weil sie es selber nicht (mehr) können). Allerdings ist der Altersdurchschnitt meiner Bekannten 50 plus. Die jüngeren kann ich an einer Hand abzählen. Vielleicht sind sie deshalb toleranter, eben weil sie schon so viele verschiedene Menschen, auch wesentlich schwierigere, in ihrem Leben gesehen haben. Nur so eine Theorie.

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    • Forscher 7. März 2016 / 20:00

      Guter Punkt. Mein derzeitiger Freundes- und Bekanntenkreis ist auch im Schnitt 20 Jahre älter

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  2. kiki0104 7. März 2016 / 21:12

    Ich finde dein Bullshitbingo klasse! Bei uns ist es halt so, dass ich „Dein Sohn…“ einsetze.
    Ich hasse diese Gespräche und heute erst wieder mit einem Nachbar debattiert: „Autisten haben doch diese Inselbegabungen, so Fähigkeiten, oder?“…. IHR KENNT DAS!

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  3. JanJan 30. August 2016 / 0:13

    Hat dies auf Blickpunkt – Die Freiheit des Denkens rebloggt und kommentierte:
    Ein sehr schöner Beitrag mit tollem Titel, der im Grunde schon alles wesentliche aussagt… die bekannten Klischee’s zum Thema, wie sie wohl viele Autisten zur Genüge kennen.
    Ich lade also mal zum Bingo ein, mitspielen darf jeder… ganz besonders die Menschen, von denen ich schon des Öfteren den Satz „Oh… DAS habe ich auch!“ gehört habe und zwar bei allem möglichen Störungen und Krankheiten über welche ich jemals berichtet habe…. 😉
    Danke an Forscher für den Beitrag.

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