Geschafft.

12

2800 Höhenmeter (laut Veranstalter sogar 2900, nachgemessen habe ich aber weniger) und 66 Kilometer sind es am Ende geworden. Etwas länger und mehr Aufstieg als ursprünglich geplant, aber der durch den Regen durchnässte Untergrund erforderte eine Adaption der Strecke. Müde, aber glücklich erreichte ich nach 24 Stunden unterwegs sein in Bad Goisern das Ziel. Eine körperliche, mentale und autistische Meisterleistung. Weiterlesen

Advertisements

Fortschritte

46

Ich beschließe den Tag mit ein paar positiven Notizen…

Da wäre einmal die Feststellung, dass mir die Arbeit wieder Spaß macht und ich das erste Mal seit Abschluss des Studiums meine Stärken zeigen kann. Nach sieben Lehrjahren keine Selbstverständlichkeit. Das Berufsbild des Meteorologen wandelt sich ständig, die technologischen Fortschritte galoppieren davon. Nicht jeder ist ein Nutzen. Die ständigen Veränderungen machen mir schon arg zu schaffen, aber was sich zum Glück nicht ändert, sind physikalische Gesetze und die meteorologischen Grundphänomen. Trotz allem High-Tech, der uns zur Verfügung steht, lassen sich Gewitter (kleinräumig) oder Italientiefs (großräumig) immer noch nicht vernünftig prognostizieren. Lucky us, es braucht also weiter Meteorologen!

Der Sommer war mies, leider oft Schlechtwetter immer zu meinen freien Tagen, zuletzt im Urlaub und jetzt zeichnet es sich auch für mein größtes Wanderprojekt ab, für eine 24-Stunden-Benefizwanderung mit 60 Kilometer Wegstrecke und 2700 Höhenmetern. Eine absolute Grenzerfahrung, die ich wenigstens bei trockenen Bedingungen unternommen hätte. Aber es soll heuer einfach nicht sein.

Trotz allem kann ich auf mehrere Errungenschaften stolz sein …

… dass ich mir so etwas überhaupt zutraue, wo ich noch in der Schulzeit mit Sport auf Kriegsfuß stand. Trauma besiegt und Grenzen erweitert.

… dass ich eisern bleibe und konsequent auf ein Auto verzichte und alle meine alleinigen Wandertouren ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln umsetze. Ich orientiere mich dabei selten an bereits begangene Routen oder Tourenvorschläge, sondern stelle meine Strecken selbst zusammen.

  • … von 2004 bis 2010 waren 29 Touren in Begleitung, 8 alleine (400km, 34 100 Höhenmeter)
  • …2011 6 alleine von 18 insgesamt
  • …2012 9 alleine von 29 insgesamt
  • …2013 11 alleine von 43 insgesamt
  • …2014 16 alleine von 51 insgesamt
  • …2015 21 alleine von 56 insgesamt
  • …2016 40 alleine von 78 insgesamt (1250km, 70 300 Höhenmeter)
  • …2017 bisher 31 alleine von 54 insgesamt

2011-2017: 288 780 Höhenmeter, 4697km.

Schrittweise habe ich mich gesteigert, in Ausdauer, Kondition, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Material, Risikoeinschätzung (Wetter, Gelände, Lawinen) und bin gerne alleine unterwegs, scheue einsame Wälder nicht mehr.

Das Naturerlebnis, die Fotografie, die kreativen Tourenziele und -umsetzungen – das alles ist quasi meine Lebensversicherung, mein Rückzugsort, wo ich sein darf, wie ich bin, ohne Rechtfertigungsdruck, ohne Missverständnisse, ohne Reizüberflutung.

Schwäche als Stärke

Autisten mögen keine Veränderungen, vor allem keine unerwartenden. Sie mögen auch keine Überraschungen. Alles soll möglichst vorhersehbar sein. Das schließt spontan sein aber nicht aus. Wesentlich ist die eigene Kontrolle über das, was man tut und das, was einem geschieht. Ich entscheide oft spontan, was ich am nächsten Tag mache, doch bereiten mir unerwartete äußere Einflüsse großes Unbehagen. Was meine Arbeit als Meteorologe betrifft, mag man es zunächst als große Schwäche auffassen, wenn man mit Veränderungen großes Unbehagen empfindet. Die Wettervorhersage ist mit allgegenwärtigen Unsicherheiten behaftet, niemals exakt mit ewig unzulänglichem Datenmaterial. Unschärfe bleibt immer bestehen bis hin zur ungeliebten Aussage: „Ich weiß es nicht.“ Meteorologie ist eben keine exakte Wissenschaft, vergleichbar mit Psychologie. Fehleinschätzungen gehören dazu.

Ein Modell ist nur so gut wie die Annahmen, auf denen es beruht.

Was für die Wettermodelle zutrifft, gilt ebenso für die Interpretation von diesen. Ein Meteorologe muss wissen, welches Datenmaterial hilfreich ist und welches keinen Mehrwert liefert. Das ist jeden Tag neu zu entscheiden. Aufgrund aktueller Beobachtungen, Modellprognosen und eigener Erfahrungen sowie Zweit- oder Drittmeinungen wird die Vorhersage erstellt und zum Schluss für den Endkunden verständlich aufbereitet. Wie man sieht, reichen die Fehlerquellen von fehlerhaften Daten, ungenauer Modellprognosen über falsche Interpretation bis hin zu missverständlicher Übersetzung für den Leser. Das macht den Beruf so herausfordernd, aber auch immer wieder interessant und spannend.

Ich schaue mir möglichst viele Daten an, um auch auf den „low probability – high impact“-Fall immer vorbereitet zu sein, d.h., auch die Szenarien mit geringer Eintreffwahrscheinlichkeit, aber markanten Auswirkungen bleiben im Hinterkopf, wenn ich an eine Vorhersage herangehe. So wird aus einer Schwäche, Unbehagen bei Überraschungen mit Gefahr der Handlungsstarre (exekutive Dysfunktion) zu empfinden, eine Stärke, nämlich sich sorgfältig und umfangreich vorzubereiten, und im „low probability“-Fall nicht darüber nachdenken zu müssen, warum es jetzt anders gekommen ist. Man könnte auch sagen, ich neige zum Perfektionismus, wohlwissend, in diesem Beruf niemals Perfektion erreichen zu können. Doch senkt es mein Stresslevel erheblich im Wissen, gut vorbereitet zu sein.

Gekommen, um nicht zu bleiben

wasserturm

So schnell ändern sich Perspektiven, Einstellungen, Lebensziele, Gefühle.

In Wien hatte ich eine harte Zeit, sechseinhalb Jahre lang. Angefangen von einer Zweck-WG, die zum Alptraum wurde, über einen soziopathischen Arbeitgeber, der mehr in den Bore-Out als in den Burn-Out drängte und meine Fähigkeiten absprach, bis hin zum ununterbrochenen Lärm einer Großstadt, im Alltag, in der Nachbarschaft, allgegenwärtig. Als ich Ende November die einmalige Gelegenheit hatte, all dem den Rücken zuzukehren und einen Neustart zu vollziehen, ergriff ich sie natürlich. Weiterlesen

Multitasking und Telefonate

IMG_6923

Asperger-Autisten sind nicht dafür berühmt, mehrere Sachen gut gleichzeitig zu können. Sie bevorzugen Aufgaben schrittweise zu erledigen, also eins nach dem anderen und tun sich damit schwerer, die Aufmerksamkeit zu teilen. Doch selbst wenn es mit viel Übung und mit dem Abarbeiten eines bestimmten Musters („Routine“) gelingt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, bleibt etwas unweigerlich auf der Strecke: die zwischenmenschliche Kommunikation. Das kann sich etwa so äußern, dass man im Multitasking-Prozess schroff oder gar unhöflich erscheint, etwa nicht antwortet, knapp antwortet, undiplomatisch antwortet und dabei gar noch das Gesicht verzieht. Entweder konzentriert man sich auf die Aufgabe oder mehrere Aufgaben zugleich oder auf die Kommunikation. Das Gehirn ist nur begrenzt teilungsfähig. Ich persönlich glaube ja, dass kein Mensch während Multitasking 100 % Leistung bringen kann, zumindest nicht über längere Zeit hinweg, aber wie dem auch sei, die Unhöflichkeit des Asperger-Autisten hat hier eben ihre handfesten Gründe, und ist nicht Teil eines schlechten Charakters oder einer schlechten Kinderstube. Weiterlesen