Übersiedlung geglückt: ein Rückblick

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Geiereck (1805m, Untersberg) mit Bannerwolke (starker Westwind streicht über den Gipfel, erzeugt im Lee Unterdruck, dadurch aufsteigender Luftstrom mit Hebungskondensation und Wolkenbildung)

Die letzten Wochen war unglaublich anstrengend: Prüfungen, Wohnungsübergabe neu, erste Dienste, Gerümpel einpacken, Übersiedlung und Wohnungsübergabe alt und alles wieder einräumen. Die körperliche Anstrengung war weniger eine Herausforderung als die mentale. Viel direkter Kontakt war notwendig, viele Telefongespräche. In Summe eine der schwierigsten Phasen in meinem Leben. Die vergangenen Umzüge (ich hatte derer schon fünf innerhalb 14 Jahren) waren alle unter günstigeren Umständen, entweder mit Unterstützung durch die Familie oder innerhalb des Wohnorts. Jetzt hatte ich zwar familiäre Unterstützung beim Umzug selbst, aber die Vorbereitung lief vollständig über mich. Neben Prüfungsvorbereitungen und neue Wohnung dingfest machen.

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Mündlich versus schriftlich

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Der erste Prüfungstag ist überstanden und bestanden. Die drei schriftlichen Prüfungen hab ich alle vor der Zeit beendet. Für zwei davon hab ich nicht einmal die Hälfte der Zeit benötigt. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend. Sogar das Fach, vor dem ich mich fürchtete, hab ich gemeistert. Weiterlesen

Herkulesaufgabe

Objektiv betrachtet leiste ich gerade sehr viel für meine Verhältnisse, nehme viel in die eigene Hand und tue. So lange ich in Bewegung bin, komme ich schon nicht ins Grübeln. Die vergangene Woche war unglaublich anstrengend. Direkt nach dem Wanderurlaub hatte ich zwei Tage Zeit, meine Wohnung für den Makler herzurichten, was sich auch zum Glück gut ausgegangen ist. Ich hab mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gekämpft, weil ich doppelt so lang in die Arbeit gebraucht habe. Eine Unterrichtsstunde hat schon zwei Mal später begonnen trotz früherem planmäßigen Beginn. Dieses Mal dachte ich, sei es genauso, aber sie begann tatsächlich früher und ich kam zu spät. Wenn im Plan steht, es ist so, dann ist es für mich so. Abweichungen davon irritieren mich. Dann wirkt die Abweichung regulär und plötzlich ist sie es doch nicht. Das irritiert mich noch mehr. Hier muss ich mich dazu ermahnen, lieber nochmal nachzufragen, um sicher zu gehen. Die doppelt so lange Fahrtzeit ins Büro und auch nach Hause kostete viel Energie. Abends war ich dann platt. Dann hab ich einen Termin für eine Besichtigung via E-Mail ausgemacht, im neuen Büro angerufen, dass ich komme, mit einer Bekannten geschrieben, dass ich sie auch treffe und mit einer Pension gemailt, dass ich ein Zimmer brauche. Letztere haben leider zu spät geantworte und ich hatte keine Kraft mehr, um dort anzurufen, was die sichere Variante gewesen wäre.

Am Folgetag fuhr ich gleich zum neuen Wohnort, aber der Makler hat mich vor Ort versetzt. Ich hab eine halbe Stunde bei Kälte und Wind gewartet und ziemlich gefroren – im Gegensatz zu meinen Wanderungen kann ich ja schwerlich in Funktionskleidung aufkreuzen. Ich hab mich überwunden, an der Türklingel zu läuten, aber es hat keiner geantwortet, und ich hab sogar beim Makler angerufen, aber es hob niemand ab. Dann hab ich ihm gemailt, was er nicht gesehen hat. Mir war nun schon richtig kalt und ich hatte einen riesigen Hunger, weil ich vor Aufregung in der Früh zu wenig essen konnte.

Also hab ich mich mit der Bekannten (die ich zuvor noch nie gesehen hatte) zum Mittagessen verabredet und bin langsam in die Richtung des Lokals gegangen. Dabei ist mir meine Orientierung abhanden gekommen. Ich konnte nichtmal auf der Karte am Handy trotz GPS erkennen, in welche Richtung ich musste. Mir fehlten die Bezugspunkte, weil ich zwischen den Häusern die Berge oder markante Sichtpunkte (z.B. Fabrikschlote, Kirchtürme) nicht erkennen konnte. So ging ich ein paar Mal falsch und fand dann auch den Eingang zum Lokal nicht. Zum Hunger gesellte sich zu allem Überfluss nun auch der Verkehrslärm. Ich konnte einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen und war schon nahe an einer Panik und wäre am liebsten zum Bahnhof gefahren und ab nach Hause. Ich hab mich dann durch Twitter abgelenkt und stand vor dem Lokal und wartete auf die Bekannte. Etwa eine Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt zur Wohnungsbesichtigung rief mich der Makler am Telefon an, den ich wegen schlechten Empfang nur bruchstückhaft verstehen konnte. Er hatte sich verspätet und war jetzt dort. Nur war ich da schon zu weit weg und ich hatte wirklich GROSSEN Hunger, und außerdem war ich verabredet. Und danach hatte ich schon einen Termin am neuen Arbeitsplatz, von dem ich erwartete, dass er länger dauern würde, und ich die Wohnung gerne bei Tageslicht angesehen hätte (scheiß Jahreszeit zum Suchen!). Also vereinbarte ich mit ihm einen Termin die Woche darauf, zumal ich dafür jetzt auch eine fixe Reservierung in der Pension hatte. Am liebsten hätte ich sie gleich angeschaut, aber dafür hätte ich das Mittagessen sausen lassen und den Termin im Büro verschieben müssen, was wieder zwei Anrufe gewesen wären. DAS GING EINFACH NICHT MEHR. Ich hatte meine Löffel verbraucht und brauchte dringend eine Regenerierungszeit. Zu allem Überfluss brachte mich das Treffen mit der Bekannten neuerlich aus dem Konzept. Sie erkannte mich zum Glück, (ich sie aber nicht, weil das Profilbild, was ich von ihr hatte – naturgemäß – viel älter war), im Lokal traf sie dann aber eine Freundin, die sie seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Was dann irgendwie auch sehr rührend ist. Aber nun saßen wir zu dritt am Tisch und ich war auf ein Treffen zu zweit eingestellt und wusste nicht recht, wie ich mich verhalten sollte. Dazu war es auch nicht leise in dem Lokal, was meinen Overload nicht so recht abbauen konnte. Im Verlauf des Gesprächs taute ich dann langsam auf und gewann meine sozialen Fähigkeiten zurück. Sie brachte mich dann auch zum neuen Arbeitsplatz und der restliche Nachmittag verlief dann etwas entspannter, wenngleich ich schon erschöpft war von dem Hin und her am Vormittag und mich so kurzfristig auf neue Situationen einstellen. Jetzt sieht es so aus, dass ich noch früher als geplant übersiedeln muss und damit der Druck wächst, rasch eine Wohnung zu finden, weil das sonst ein finanzielles Fiasko wird.

Smalltalk, Telefon, rasche Entscheidungen treffen, fremde Personen, fremde Orte, wichtige Details berücksichtigen, Abläufe koordinieren – eine Herkulesaufgabe. Ganz wesentlich dabei ist für mich, ausreichend zu essen (und zu trinken), weil Unterzuckerungshunger den (sensorischen) Overload verstärkt und zusätzlich erschwert, rationale Entscheidungen zu treffen. Die Menschen, mit denen ich in Kontakt trete, werden großteils nicht mitbekommen, was für eine Energieleistung dahinter steckt, sich souverän zu geben.

Um abschließend etwas vorzugreifen auf die Zeilen, die ich zu Gee Veros und Melanie Matzies-Köhler Dialog zwischen Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums, „Meine Brücke zu Dir“ schreiben werde … mir imponiert die Idee, sich gegenseitig nach einem Treffen Feedback zu geben, wie man den anderen wahrgenommen hat und wie man selbst empfunden hat. So lassen sich aufkeimende Fehlinterpretationen und Missverständnisse frühzeitig beseitigen. Für mich ist es immer wieder ein Spagat, einen harmlosen Smalltalk zu führen und nicht gleich zu viel preiszugeben und zu forsch aufzutreten. Während ich in größeren Gruppen verstumme, kann ich im Zwiegespräch durchaus zum Wasserfall werden, insbesondere, wenn es um meine Spezialinteressen geht. Gegenseitige Offenheit setzt allerdings Vertrauen und den Willen voraus, sich überhaupt auf dieses Experiment einzulassen.

Briefe an einen zehnjährigen Autisten

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Hintergrund:

Ein zehnjähriger Autist findet seinen Autismus peinlich und sieht sich selbst als defekt.

Alle Autisten waren mal zehnjährige Autisten und das Aufwachsen mit Autismus war für die meisten von uns alles andere als leicht.

Daher rufen wir alle Autisten (egal welchen Alters) dazu auf, einen Brief an den zehnjährigen Autisten zu schreiben um ihm dabei zu helfen, Autismus als Teil von sich anzunehmen und herauszufinden, wie großartig es auch sein kann anders zu sein.

Quelle: http://briefeaneinenautisten.tumblr.com/post/117540124631/%C3%BCber-die-aktion

Folgender Text wurde von mir bereits auf einem anderen Blog veröffentlicht, ist inzwischen leider gelöscht worden.

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Mein Autismus

Der Text war Teil eines Vortrags, den ich heute bei einer Veranstaltung von Specialisterne Austria und Anecon in Wien gehalten habe.

Ich bin erst seit eineinhalb Jahren diagnostiziert und zähle wohl zu den unauffälligen Autisten. Unauffällig impliziert aber noch längst nicht, ein leichteres Leben zu haben, sondern auch mit hohen Erwartungen konfrontiert zu sein. In der Kind- und Jugendzeit blieb ich Außenseiter, mit anderem Musikgeschmack (z.B. Jazz) als alle anderen, anderen Hobbys, unsportlich und dafür immer viel am Schreiben, meist auf Notizzetteln und Blocks, aber auch Kurzgeschichten, Gedichte, usw. Meine Stärke war der Kopf, nicht der Körper. Meine Reizempfindlichkeit (gerade auf Geräusche) war zwar frühzeitig ausgeprägt, aber trat auf dem ländlichen Leben nicht sonderlich in Erscheinung. Erst mit dem Übertritt ins Studium bemerkte ich die Schwierigkeiten, weniger vom Lärm als vor allem zwischenmenschliche Kommunikation. Missverständnisse gab es immer wieder und ich kam mir oft reichlich naiv vor. Übrigens verstehe ich Ironie und Redewendungen oft problemlos, nur beim „abends werden die Bürgersteige hochgeklappt“ stellte ich mir das  bildlich vor.

Seit einem Jahr blogge ich hier regelmäßig über Autismus, über alles, was mich interessiert und weil ich gerne Englisch lese, übersetze ich englische Texte über Autismus, gelegentlich schreibe ich auf Englisch, weil ich meine Gedanken so besser zum Ausdruck bringen kann.

Viele dringende Themen betreffend Autismus gehören angesprochen, aber mich gibt es nur einmal und deswegen ist mein wichtiges Anliegen die Arbeit. Zuviele Ängste und Vorurteile verhindern, dass Firmen Autisten einstellen oder weiterbeschäftigen. Oft kommt es zu Missverständnissen aufgrund ihres Verhaltens oder unklarer Vorgaben. Und Autisten sind nicht nur in IT-Berufen zuhause, sondern in allen (!) Berufsfeldern, längst nicht nur Männer, sondern auch viele Frauen. Wenn die Rahmenbedingungen günstig sind, ist ein Autist ein genauso wertvoller und produktiver Mitarbeiter wie alle anderen auch.

Mein Werdegang ist sicherlich nicht stereotyp für Autisten. Zwar findet sich in vielen Infotexten oder Büchern über Autismus der Hinweis auf „beschäftigt sich gerne mit dem Wetter“, doch liest man nirgends von Autisten, die ein solches Spezialinteresse zum Beruf gemacht haben. Ich habe es studiert und arbeite seit über 6 Jahren im Schichtdienst. Dieser spezielle Beruf und meine Leidenschaft bringen es mit sich, sich immerzu mit dem Wetter zu beschäftigen. Wetter hört nie auf, nein, auch nachts nicht (schon zwei Mal bekam ich die irritierende Frage, was ein Meteorologe in der Nacht macht), und deswegen ist Vollzeit für mich kein Nachteil. In meiner Freizeit nutze ich mein Wissen, um meine Wandertouren zu planen und fotografiere währenddessen auch die Wetterphänomene, worüber ich später wieder Berichte und Fallstudien schreibe. So schließt sich der Kreis, es macht mir Spaß und ich gewinne ständig an Erfahrungen, die ich im Beruf direkt einsetzen kann.

Einschub Studium:

Ich hatte Glück. Ich wurde finanziell unterstützt, hab noch im Diplom studiert, konnte die zeitliche Abfolge der Fächer und Prüfungen großteils selbst bestimmen und es war eine kleine, aber sehr soziale Gemeinschaft an Studienkollegen, die sich gegenseitig geholfen hat. Heutzutage im Bachelor/Master hat sich vieles geändert, gerade in meinem Studienfach eindeutig zum Nachteil. Wen es wirklich in die Wettervorhersage zieht, der hat nach 3 Jahren Bachelor zu wenig Praxis und wird in der Regel schlechter bezahlt als mit Master-Abschluss. Es gibt viele Anwesenheitspflichten und kaum noch freie Wahlfächer (ich besuchte z.B. Sportphysiologie aus purem Interesse), was das interdisziplinäre Denken nicht fördert (das ist aber sehr wichtig, um Kreativität zu fördern).

Viele Autisten tun sich schwer mit …

  • Gruppenarbeit, Kontakte knüpfen, Fragen zu stellen
  • überfüllten Hörsälen, Reizüberflutung, Akustik (Professor ganz vorne verstehen), Prüfungssituationen mit Nebengeräuschen
  • Anwesenheitspflicht, wenn bereits der Alltag anstrengend ist und Erholung nur zulasten von Vorlesungsstunden gehen kann
  • Finanzierung durch Nebenjobs, weil dafür die Energie fehlen kann bzw. typische Nebenjobs nicht zwingend autistenfreundlich sind (z.B. kellnern)

Für viele Probleme gibt es jedoch Lösungen, sei es eine Assistenz(hund), feste Ansprechpartner im Studienfach, Nachteilsausgleiche bei Prüfungen, ein konsequentes Durchsetzen der Ruhe im Hörsaal (quatschende Studenten sind extrem störend und belastend), kleinere Gruppen, Kennenlernen über schriftliche Kanäle, etc.*

Auch in der Arbeit ähneln sich die Schwierigkeiten oft, aber auch hierfür gibt es Lösungen:

Wenn Telefonate schwerfallen … sich Notizen machen (daran erinnert werden, Notizen zu machen), um den Gesprächsinhalt nicht zu vergessen. Möglichst auf E-Mail ausweichen oder zusätzlich ein E-Mail schicken, um den Inhalt noch einmal zusammenzufassen.

Wenn Missverständnisse entstehen … Anweisungen klar formulieren und vor allem nicht auf die Zwischenschritte vergessen. Mir geht es dabei oft wie bei Anleitungen, ein Möbelstück zusammenzubauen, es werden oft Schritte übersprungen, „weil sie für den Durchschnittsmenschen eh logisch sind“, nur für mich eben nicht.

Die Umgebung reizarm gestalten …. also den Kopierer aus dem Büro in den Flur verbannen, nicht das Radio laut aufdrehen und schon gar nicht, wenn man gerade telefonieren muss. Wenn ein Einzelbüro nicht möglich ist, dann Kopfhörer anbieten, auch ein Milchglas hilft als Trennwand, denn ablenkend sind hektische Bewegungen im Blickfeld (wenn Kollegen oder Kunden hin und her laufen).

Infos bezüglich Änderungen rechtzeitig und vollständig bekanntgeben … nicht darauf hoffen „der wird das schon irgendwie erfahren“, gilt besonders bei Teilzeit, wenn die Anwesenheit im Büro zu einem Infomangel führt. Autisten fühlen sich wohler, wenn etwas vorhersehbar ist, wenn etwas geplant werden kann. Das senkt den (negativen) Stress deutlich, sie sind dann deutlich entspannter.

Feste Ansprechpartner sind ebenso hilfreich wie eine – stets aktuell gehaltene Checklist.

Über autistische Stärken habe ich mich erst vor kurzem ausgelassen. Ich glaube, dieses „thinking outside the box“ ist eine der Schlüsselfaktoren, wo Autisten einen Mehrwert einbringen können.

Bei mir ist es das Denken in Bildern bzw. Mustern, was mir in diesem Berufsfeld Vorteile bringt. Meine Aufgabe ist es, das Wetter richtig zu prognostizieren. Das geschieht mithilfe von Wetterkarten, die teils komplex aufgebaut sind. Wiederkehrende Wetterlagen zeigen ähnliche Muster (100 % gibt es nicht) und hier hilft die Erfahrung, diese Ähnlichkeiten zu erkennen. Ich kann die Karten blitzschnell durchscrollen, weil ich ein gutes visuelles Gedächtnis habe.

Ich achte auf Details und erkenne Kleinigkeiten, die große Auswirkungen auf die Qualität der Prognose haben können. Mein vielfältiges autodidaktisch erarbeitetes Wissen in den unterschiedlichsten Teilbereichen hilft mir hier weiter.

Detailerkennung bedeutet Fehlererkennung, ich sehe Rechtschreibfehler sofort und habe  ein Gefühl dafür, ob ein System „reibungslos“ läuft oder die Effizienz gesteigert werden kann. In den meisten Fällen läuft übrigens etwas unrund, weil ein Mangel an Kommunikation besteht. Es mag ironisch anmuten, dass dies ausgerechnet einem Autisten auffällt, aber aus einer Schwäche kann eben eine Stärke werden.

Eine logisch-systematische Denkweise ist immer hilfreich. Viel zu oft wird die Frage nach dem „warum“ nicht gestellt. Ich gebe mich nie damit zufrieden, wenn eine Prognose nicht hinhaut, sondern betreibe immer Ursachensuche. Erst, wenn ich die Ursachen einer Fehlprognose bzw. einer bestimmten Wetterentwicklung erkannt habe, kann ich dies beim nächsten Mal berücksichtigen und künftige Fehlprognosen vermeiden zu versuchen. Ich breche aus vorgefertigten Schablonen aus und lerne neue Methoden hinzu.

Den typischen Autisten gibt es nicht. Der eine hat kein Problem mit Telefonaten, etwa im Callcenter, weil es immer die gleiche Abfolge hat, die andere mag nur bestimmte Telefonate nicht oder kann nicht telefonieren, wenn es laut ist. Es gibt Autisten, die tagelang Exceltabellen ausfüllen können und andere, die Abwechslung – geplant – lieben. Der vermeintlich schüchterne Autist kann tatsächlich extrovertiert sein und gerne auf Partys oder Betriebsfeiern gehen, aber weiß nicht, wie er seine Kollegen anreden soll. Und nicht zuletzt sind Autistinnen auch in Sozialberufen vertreten, ich kenne Lehrerinnen, Ergottherapeutinnen und Psychologinnen. Ihr Spezialinteresse zum Beruf gemacht, warum muss Autismus da zwingend ein Hindernis sein?

Mein Appell an meine Leser, insbesondere an Arbeitgeber, Personalchefs, etc. ist:

  • Lasst Euch auf den Autismus ein! Wenn ihr von der Diagnose wisst, nehmt sie ernst. Fragt nach, holt Informationen ein, aber lasst ihn auch dazu etwas sagen, denn im Internet findet sich viel veralteter Unsinn über Autismus. Wenn sich ein Autist outet, ist das eine große Kraftanstrengung, die großen Respekt verdient! Legt ihm dann nicht nahe, es für sich zu behalten, wenn er offen damit umgehen möchte. Immerhin betrifft es nicht nur den Chef, sondern auch die Kollegen.
  • Fördert den schriftlichen Austausch! Die Mehrheit der Autisten tut sich schriftlich leichter als mündlich. Viele Angelegenheiten lassen sich besser per Mail klären als mit einem Anruf. Zudem geben sie dem Autisten auch Zeit, eine Antwort zu formulieren anstatt Schnellschüsse zu produzieren.

* Nachtrag bezüglich „Lösungen“. Ich hätte es im Konjunktiv formulieren sollen. Es gäbe viele Möglichkeiten, dass ein Studium für Autisten nicht unmöglich ist. Auch wenn das sicherlich vom Studienfach abhängig ist. Ich habe Naturwissenschaften studiert, wo es wieder anders ist als in Sozial- oder Geisteswissenschaften. Da gab es Arbeitsgruppen, um Übungsaufgaben zu lösen. Ein Studium steht und fällt mit den Finanzen, das gilt für alle, insbesondere weil die heutige Bachelor/Master-Konzeption kaum einen Teilzeitjob oder mehr duldet, aufgrund der häufigen Anwesenheitspflichten und des stark verschulten Lehrplans. Ein tierischer Begleiter im Alltag ist derzeit eher Glück, die Finanzierung dafür momentan theoretisch, zumal viele mit einem Begleithund nur blinde Menschen verbinden, nicht aber autistische Menschen.