Ärztefrust

Ja, ich hab chronische Fußschmerzen und hätte schon viel früher zum Arzt gehen sollen. Ausschlussgrund war lange Zeit das Telefonieren, und die Angst, zu wenig Zeit zu haben, wenn ich dort bin, nicht genau genug beschreiben zu können, was wehtut, zu wenig Zeit zum Fragen stellen. Der heutige Besuch des Orthopäden in Wien hat mich wieder bestätigt.

Ich hab knapp zwei Stunden gewartet, der Arzt hat mich nicht einmal fünf Minuten lang untersucht. Ich kam nicht dazu Fragen zu stellen, zu erwähnen, dass ich bereits Osteopenie habe, dass ich viel wandern gehe, dass die Schmerzen zeitverzögert dazu begannen, als ich auf Laufschuhe umgestiegen bin und vor allem nach längerem Tragen der deutlich flacheren und engeren Schuhe sukzessive spürbar waren. Sesambeinentzündung, Röntgen veranlasst, Zinkverband und Einlagen. Das ging so schnell, dass ich gleich wieder vergaß, wann ich zur Kontrolle sollte. Und dann begannen die Probleme. Der Verband ist feucht und nässte meine Socken durch, soll drei Tage draufbleiben, darf natürlich nicht nass werden. Wie ich das machen soll, fragte ich den Orthopädietechniker, kreativ sein, sagte er. Ich bin derzeit im Hotel, sagte ich, Frischhaltefolie. Nur funktioniert das nicht, weil ich zwischen Haut und Folie nicht abschließen kann. Die letzten frischen dickeren Socken sind jetzt von Zinksalbe durchtränkt. Und mehr weiß ich nicht. Sportpause, bis das Röntgen oder die Einlagen fertig sind? Wie mach ich das mit dem Umzug? Wie werd ich schnell wieder fit? Welche Schuhe soll ich tragen? Welche soll ich meiden? Dafür blieb keine Zeit.

Auf den Fall war ich natürlich nicht vorbereitet. Hatte weder Deo noch Waschlappen dabei, weil es war nicht geplant, dass ich die Dusche nicht benutzen kann. Irgendwie hatte ich schon befürchtet, dass die 11 Tage (!) Dienstreise nicht reibungslos verlaufen werden. Selbst wenn seine Diagnose korrekt ist, fehlen mir die entscheidenden Infos, vor allem, weil mich das total niederschlägt. Worst Case. Großer Stress ohnehin durch die Dienstreise, den Umzug nächste Woche und danach schon wieder Dienstreise. Und die freien Tage zwischendurch kann ich mich jetzt nicht bewegen, kann den Stress nicht abbauen. Auch das Thema Bouldern hat sich auf unbestimmt erledigt, weil dazu muss man enge Schuhe tragen, um klettern zu können. Darauf hatte ich mich bei der Rückkehr gefreut. Jetzt geht weder wandern noch bouldern, meine wichtigsten (einzigen) Ausgleichssportarten. Ich war schon davor am Limit, was den erhöhten Stress durch das viele Reisen betrifft. Viel Neues, viel zu lernen. Und jetzt fehlt der Ausgleich. Mein Körper läuft auch unrund, wenn ich mich nicht bewegen kann. Die Verdauung streikt, ich schlafe schlechter, usw. Eine wertschätzende ganzheitliche Medizin nimmt auf sowas Rücksicht. Kein Wunder, dass viele zum Heilpraktiker oder Homöopathen rennen. Auch wenn man die “Medikamente” in den Mistkübel hauen könnte. Aber nach hundert Minuten Wartezeit drei Minuten Behandlungszeit? Und das Gefühl, der Arzt ist auf dem Sprung, und vor lauter Gehudel und Ultraschnelldiagnostik kommt man nicht dazu, die Fragen loszuwerden, die man loswerden wollte. Überhaupt lief es schon schief, als ich dort ankam. Im Internet stand nämlich, dass die Ärzte dort Privatärzte seien. Tatsächlich gab es wie auf der Titanic zwei Eingänge, einen für die Gstopften und einen für die Armen. Der Gstopfteneingang war gähnend leer, das Wartezimmer für die Kassenpatienten bumpvoll. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, zahlen zu müssen, dafür ausgiebiger untersucht zu werden. Die zwei Eingänge haben mich so verwirrt, dass ich bei der Praxis für die Kassenpatienten rein bin. Das hätte ich mir sparen können.

Das Ende der Geschichte wird sein, dass ich mir den Verband morgen schon entfernen werde, um duschen zu können und nicht weitere Flecken im Socken und auf dem Boden zu hinterlassen.

 

 

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Elternsicht versus Betroffenensicht

Ich lese immer wieder Aussagen wie Eltern würden ihre Sicht auf Autismus zu sehr verallgemeinern, sie sollten stärker betonen, dass es sich nur um eine Einzelerfahrung handelt. Allerdings kommen diese Vorwürfe oft gerade von jenen, die selbst gerne verallgemeinern und eine Deutungshoheit suggerieren, was Autismus und Autisten betrifft. Grundsätzlich muss man festhalten, dass wir alle zwangsläufig verallgemeinern. Uns gelingt es nie, jeden Text so spezifisch und gleichzeitig allgemein zu halten, dass man alle im Spektrum darin wiederfindet. Außerdem gibt es eine Reihe von Einschränkungen, was die Verallgemeinerungen und Spezifizierungen betrifft: Continue reading

Berufsbiografien von Asperger – Autisten: Die Interviewfragen (III)

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Folgende Fragen stammen aus …

Kohl, Seng & Gatti (2017), Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen.

Wenn sich hier weitere autistische Blogger anschließen möchten, freut mich das – dann kommen mehr als die 22 Interviews aus dem Buch zusammen. Fragen, die man nicht beantworten möchte, kann man auch weglassen. Zum Schluss sollte man außerdem entscheiden, was man öffentlich machen will und was nicht.

Ich bin schon geoutet. Außerdem möchte ich mit meinen Antworten aufrütteln, mehr Bewusstsein schaffen und mitunter Aspekte ansprechen, die Nichtautisten bisher nicht bewusst waren, dass sie eine Rolle spielen können. Das verlangt Mut zur Offenheit. Nicht jeder ist aber in so einer priviligierten Lage. Wägt also bitte genau ab, was ihr preisgebt.

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Sichtbarkeit von Autismus ist kontextabhängig

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Kommunikation ist für mich häufig ein Drahtseilakt (trotz gelungener Metaphern …)

Ich hatte gestern ein sehr anregendes Gespräch über Autismus und Barrieren im Alltag mit der Buchhändlerin meines Vertrauens in Wien. Um die Mittagszeit war gerade wenig los im Buchladen. Der Straßenlärm war von der Eingangsfront gut abgeschirmt, keine störende Hintergrundmusik. Den Verkäufer zu kennen, das macht den großen Unterschied für mich. Hier kommt ebenso wie beim Bergsportladen meines Vertrauens hinzu, dass ich durch die Glasfront erkennen kann, ob die mir bekannte Person im Laden ist. Dann trau ich mich reinzugehen. Nur so bin ich in der Lage, in kleinere Geschäfte zu gehen. Continue reading

Vienna Love

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Vogelsangberg (516m), one of my favorite hills in Vienna

First of all, I’m sorry you have to read another english post. My recent posting about relocation has been somewhat sober, according to a great friend. At current times I have troubles to be emotional in my native language. To be honest: I missed Vienna just a couple of months after moving to Salzburg two years ago. Each trip to Vienna since then felt like holiday, like balm for the soul, with great encounters and profound conversations. Back in Salzburg I was constantly annoyed about the sparse bus intervals at main station, prolonged waiting with egoistic smokers prompting me to change position every minute. The bus was often crowded and I always had to go a few more minutes by foot, along too narrow pavements being slippery during winter as winter services usually clear the main roads but not the side roads (Overall there are only 40 men in the winter services responsible for entire Salzburg!). 30 minutes by bus, 10 minutes taking the taxi. So in the end I didn’t like to come back, neither from Vienna trips nor from any hiking tours. It was always a pain in the ass.

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