Ein Autist geht wandern

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Links Mutspitze, mittig Kesselwandferner, rechts Anstieg zu den Guslarspitzen

Eine Woche Bergwandern in den Ötztaler Alpen mit vier Dreitausendern hat gut getan. Trotz großer Gruppe, aber bekannte Gesichter, einfühlsame Guides. Die Hüttenabende sind für mich immer die größte Herausforderung. Ausgebuchte Hütten mit 80 bis 120 Leuten. Laute Gaststuben, sich räumlich zurechtfinden, checken, wie die Duschen funktionieren (Münzeinwurf), keine Privatsphäre in den Zimmern und Lagern. Manchmal war auch die eigene Gruppe laut, alle redeten durcheinander, ich konnte mich akustisch nicht mehr auf mein Gegenüber konzentrieren. In solchen Momenten stand ich einfach auf und ging nach draußen, mit der dünnen Fleecejacke bekleidet, setzte mich auf die Terrasse und schaute in die Ferne. Da war es auszuhalten. Continue reading

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Countdown 24-Stunden-Wanderung (16-17.6.)

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Altausseer See mit Sandling (links) und Loser (rechts)

Es ist wieder so weit. Im vergangenen Jahr hat mich das Feuer gepackt, als ich das erste Mal bei einer 24-Stunden-Wanderung mit dabei war. Es ist nicht das, was ihr zuerst denkt, denn man geht hier nicht 24 Stunden nonstop durch, sondern die Wanderung dauert insgesamt 24 Stunden, mit mehreren, teils stündlichen Unterbrechungen mit Jausenstationen. Letztes Jahr ging ein Marathonläufer mit, der für das Verkehrsreferat von Bad Aussee zuständig ist und mit dem ich mich eine Weile unterhalten konnte. Er plante in seiner Heimat ebenfalls eine 24-Stunden-Wanderung, die nun realisiert werden konnte und vom Samstag, 16. Juni, 8.00 auf Sonntag, 17. Juni, 8.00 stattfindet. Start ist in Altaussee im Salzkammergut. Insgesamt werden 100 Teilnehmer zugelassen (ca. 60 weniger als im Vorjahr), die Strecke ist 60km lang (6km weniger) und 2000 Höhenmeter hinauf (800 hm weniger). Continue reading

Geschafft.

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2800 Höhenmeter (laut Veranstalter sogar 2900, nachgemessen habe ich aber weniger) und 66 Kilometer sind es am Ende geworden. Etwas länger und mehr Aufstieg als ursprünglich geplant, aber der durch den Regen durchnässte Untergrund erforderte eine Adaption der Strecke. Müde, aber glücklich erreichte ich nach 24 Stunden unterwegs sein in Bad Goisern das Ziel. Eine körperliche, mentale und autistische Meisterleistung. Continue reading

Innovatives Denken als Stärke

Die Zahlen ähneln sich in den USA, in UK und wahrscheinlich auch in Deutschland oder Österreich: Nur rund 15 % der erwerbsfähigen Autisten haben eine Vollzeitstelle. Viele arbeiten Teilzeit oder wechseln häufig den Job, weil auf ihre Bedürfnisse, aber auch Fähigkeiten zu wenig Rücksicht genommen wird. Viele arbeitsfähige Autisten arbeiten zudem unter ihrer Qualifikation, werden oft in Werkstätten abgeschoben. Dabei handelt es sich bei Autismus um keine geistige Behinderung. Meine Erfahrungen dürfen keineswegs als stellvertretend für das Spektrum gesehen werden. Wenn sich andere Autisten in meinen Erfahrungen wiederfinden, zeigt das aber deutlich, welche grundsätzlichen Schwierigkeiten immer wieder auftreten. Ich hab dazu schon öfter gebloggt, in der Theorie klingen meine Anregungen auch wunderbar, nur in der Umsetzung hapert es. Warum? Continue reading

Peter Schmidt bringt es auf den Punkt

Im 2016 erschienen Buch von Georg Theunissen, “Autismus verstehen. Außen- und Innenansichten” wurde eine geniale Symbiose aus fachlichen Kommentaren und Ideen sowie den Erfahrungen von Autisten selbst geschaffen. Das Buch ist reich an Literaturhinweisen. Insbesondere ein neueres Paper von Courchesne et al. (2015) wird mehrmals erwähnt, wo hervorgehoben wird, dass die Intelligenz von autistischen Kindern deutlich unterschätzt wird, also gemeinhin jene früher als “niedrigfunktional” eingestufte Kinder, die beim Wechsler-IQ-Test unterdurchschnittlich abschneiden, bei anderen IQ-Tests, bei denen Sprache nicht im Vordergrund steht, aber normal abschneiden, teils sogar schneller sind als nichtautistische Kinder. Im Prinzip bekräftigt diese Studie lediglich das, was viele autistische Mütter bereits wissen: Nicht vorhandenes oder nur geringes Sprachvermögen heißt nicht, geistig behindert zu sein!

Zurück zu Peter Schmidt. Er bringt in wenigen Sätzen wesentliche Voraussetzungen für autistische Grundbedürfnisse am Arbeitsplatz auf den Punkt:

  • Klare Anweisungen und Ziele
  • Feste, verlässliche Strukturen
  • Freiheiten in der Umsetzung: Wege zum Ziel dürfen und sollen gerne aufgezeigt, aber nicht vorgeschrieben werden (außer rechtliche Vorgaben und Standardprozeduren).
  • Aufgaben werden i.d.R. sequentiell und nicht durch Multitasking gelöst.

Der wichtigste Punkt in meinen Augen:

Es darf grundsätzlich nicht das gleiche Arbeitsverhalten erwartet werden wie von den Kollegen, weil ein Autist nur dann erfolgreich die ihm übertragenen Aufgaben lösen kann, wenn er seine eigene Ordnungen, Routinen und Ritualen nachgehen kann. (Seite 165)

Dazu passt auch ein weiteres Zitat eines jungen Autisten gut:

Es gibt keinen Autismus. Ich denke nur anders! (S. 98)

Wenn diese (und weitere) Rahmenbedingungen nicht geschaffen werden können, entstehen Situationen, die in weiterer Folge meist unweigerlich zum Rückzug, Isolation und innerer Kündigung führen.

Aber: Jedes Entgegenkommen lohnt sich und schlägt sich in der Produktivität und Arbeitsleistung nieder!

Wichtig: Alles, was hier aufgezählt wurde, gilt für alle Autisten, nicht nur für sogenannte hochfunktionale oder Asperger-Autisten. Es kann aber sehr wohl schwieriger für jene mit (mehrfachen) Begleiterkrankungen sein.

Vollständige Liste aller von mir gelesenen Bücher rund um Autismus (und neurologische Besonderheiten)