Rote Linie überschritten

Schlimm genug, wenn man nach dem Nachtdienst an einem Sonntag nicht ausschlafen kann, weil man von schreienden und trampelnden Kindern unter einem geweckt wird. Tagsüber geht das dann munter weiter. Am schlimmsten ist aber, dass die Eltern anwesend sind und nicht sagen, dass sie etwas leiser sein sollen. Dank eines Vorgesprächs und zweier Briefe, in denen ich mich den Umständen entsprechend, sehr höflich ausgedrückt habe, wissen die Bescheid, dass der Trittschall gut hörbar ist, ebenso die Stimmen. Beim zweiten Mal war die Reaktion vom Vater etwas schärfer, es würden immer noch die Ruhezeiten gelten. Davon merk ich leider seit Ende der Ferien wenig. Es ist weit nach 22:00 Uhr laut und sonntags ganztägig immer wieder. Ich kann Trittschall und Gepolter nicht übertönen, das lässt sich mit Kopfhörern nicht ausblenden. Das vibriert bis in meinen Körper hinein. Ich bin nach den Nachtdiensten oft sehr müde und würde lieber ruhen als die Wohnung zu verlassen. Ich will derzeit auch nicht öfter als nötig hinausgehen, um den Sesambruch nicht unnötig zu belasten, damit ich wenigstens die beiden verbleibenden Wanderurlaube, die eher Spaziergangurlaube werden, halbwegs genießen kann. Die Wohnung als Rückszugsort, das wäre gerade immens wichtig in meiner Situation. Seit 15 Jahren kämpfe ich immer wieder mit ignoranten Mitmenschen, die weder Verständnis noch ein Mindestmaß an Respekt vor ihren Mitmenschen zeigen – und damit mein ich nicht einmal die zu lauten Kinder, sondern offensichtliche Erziehungsfehler. Es ist nun einmal eine Stadtwohnung, kein Einfamilienhaus. Das ist der Unterschied zu meiner Kindheit. Ich achte schließlich auch darauf, nicht mitten in der Nacht laut Musik zu hören. Meine Reizüberflutung verschärft das Problem, aber ich glaube, auch normal empfindliche Menschen würden an meiner Stelle langsam auszucken. Eine kurzfristige Lösung hab ich nicht. Das Thema Umzug hab ich schon mehrmals thematisiert, die Motivation ist aber gering, weil: Was schützt mich vor einer Wiederholung der Wohnsituation? Meinen Twitteraccount hab ich vorübergehend deaktiviert, ich sinke vom Niveau her sonst zu tief in meiner aggressiven Stimmung.

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Ö1-Punkteins: Leben mit Asperger-Syndrom

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Einschränkung, Sonderbegabung und der Kampf um soziale Akzeptanz
Gäste: Dr. Wolfgang Gombas, Psychiater. “Maria”: Betroffene
Moderation: Philipp Blom (noch abrufbar bis 13.09.2019)

Maria tritt anonym auf, weil nur engste Familienmitglieder und nahe Freunde Bescheid wissen, wohnt in kleinem Ort. Sie kann nicht abschätzen, was passiert. Es mangelt an Aufklärung in Österreich, es wird stigmatisiert.

Gombas kann das verstehen, wegen der Stigmatisierung durch die offiziellen Diagnosen. Asperger ist ein Syndrom, eine Ansammlung von Symptomen. Diagnosen verändern sich. Asperger ist im ICD-10, wird also als Erkrankung bezeichnet, dürfte dann aber nicht Syndrom heißen.

Maria wurde spät diagnostiziert, Anfang 30, zufällig durch einen Freund darauf angesprochen, ob sie nicht im Autismus-Spektrum sei. Sie hat es anfangs nicht ernstgenommen, hat aber nach einigen Monaten begonnen, viel darüber zu lesen und konnte sich damit identifizieren. Sie erkannte sich wieder in den Problemen der Reizüberflutung. Sie wusste nie, warum sie alles so anstrengend empfand. Sie begriff erst, dass es für andere leichter sei. Continue reading

Strategien von Autisten im Umgang mit Schwierigkeiten im Berufsalltag (II)

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Ruhepol der Natur als Energieressource für den Berufsalltag

Dieser Beitrag war schon länger geplant, ist aber doch relativ umfangreich in der Umsetzung. Im ersten Teil hab ich das Buch Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017 umfangreich rezensiert (Link). Im zweiten Teil geht es um einen gemeinsamen Nenner bei der Beantwortung der vorformulierten Interviewfragen für die 22 interviewten Autistinnen und Autisten. Ich möchte mich dabei auf konstruktive Strategien bei Problemen im beruflichen Alltag beschränken. Welche Bewältigungsstrategien funktionieren, was führt zu einer Verschärfung der Problematik? So mancher Leser mag sich denken, hey, das kenne ich auch und ich bin nicht autistisch! Aber das ist kein Widerspruch, denn es gibt keine autistischen Alleinstehungsmerkmale. Erst die Summe bestimmter Symptome qualifiziert für die Diagnose Autismus. Manche Strategien helfen neurotypisch denkenden Menschen also genauso, andere laufen intuitiver ab als bei Autisten – sie müssen darüber nicht extra nachdenken.

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“Das haben aber viele – sind das auch alles Autisten?”

Das Bild zeigt eine Nelkenart auf einem waagrecht hervorstehenden Pflanzenstängel über Waldboden.
Autismus: Der Blick fürs Detail

Wenn ich über Probleme durch meinen Autismus im Alltag spreche, was ohnehin nur sehr selten vorkommt, höre ich oft: “Das kenne ich auch, das haben viele Leute.” Großteils ist es den Leuten, die diese Aussage treffen, wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie uns Autisten damit absprechen, autistische Besonderheiten aufzuweisen. Denn eines ist wichtig: Es gibt kein Alleinstehungsmerkmal bei Autismus! Erst die Anzahl spezifischer Merkmale (gemäß den derzeitig gültigen Diagnosekriterien, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder wandeln bzw. anders gewichtet werden), die zeitliche Beständigkeit und die resultierenden Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebenssituationen (Beruf, Alltag, Freizeit, Familie) qualifiziert für eine Autismus-Diagnose. Continue reading

Nicht wahrnehmbarer Autismus? Really?

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Ich weiß noch immer nicht, ob ich das als Kompliment oder Herausforderung verstehen soll, wenn mir gesagt wird: “Wenn Du vorher nichts gesagt hättest, dann hätte ich nie bemerkt, dass Du Autist bist.” Dieses Mal parierte ich sofort und nachvollziehbar: Im Job sei ich in meinem Element. Solange es um fachliche Dinge gehe, sei mein Autismus nahezu unsichtbar [jedenfalls die beeinträchtigenden Aspekte davon, auch Stärken kann man mit Autismus in Verbindung bringen], erschöpfend sei vielmehr der Alltag, aber das bekommen die Kollegen nicht mit.

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