Wie geht Urlaub?

 

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Venedig

Unmittelbar nach der frohen Botschaft, im kommenden Jahr wieder in Wien arbeiten und leben zu dürfen, begann mein insgesamt neuntägiger Urlaub. Über so einen langen Zeitraum habe ich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn nur selten Urlaub genommen. Auslandsreisen mache ich alleine gar nicht, für längere Hüttentouren kam in mir zu sehr der Meteorologe zum Vorschein – leider manchmal, denn mit dem Wissen, wie gewittrig die Sommermonate sein können und wie gefährlich entsprechend alpine Unternehmungen, kann ich nicht ein halbes Jahr im Voraus Urlaub planen. Dieses Jahr werde ich mit diesem kategorischen Nein erstmals brechen, wenn ich im Juli eine Woche durch die Ötztaler Alpen wandere und Ende September eine Woche durch die Hohe Tatra (jeweils geführte Touren).  Nervenkitzel alleine durch das Wetter – das versuche ich zu meiden. Ich bin vielleicht kein expliziter Schönwetterwanderer, wohl aber dann, wenn die Touren anspruchsvoll werden. Continue reading

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Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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Fremd in der Fremde

Clipboard01Vergangenes Wochenende: Geführte Schneeschuhwanderungen in einer Gruppe mit 20 Teilnehmern. Die Angaben auf der Webseite des Alpenvereins hatte ich bei der Anmeldung falsch interpretiert, denn das maximal 10 Teilnehmer pro Gruppe bezog sich auf den Guide, und bei zwei Guides hieß das 20 Teilnehmer. Das war schon bei dem ersten geführten Wanderwochenende Ende Januar eine Herausforderung. Ich hätte natürlich absagen können, aber mich sprachen die sportlichen Herausforderungen und die mir völlig unbekannte und öffentlich schwer erreichbare Region an.

Neben den technischen und konditionellen Herausforderungen, die ich alle – auch dank meiner allgemeinen körperlichen Verfassung – gut bewältigen konnte, gibt es auch autistische Herausforderungen. Für meinen Autismus bedeutet das: Wie bewegt man sich als Neuer in einer Gruppe von Menschen, die ich nicht einschätzen kann und die umgekehrt nichts von meinem Autismus wissen, ohne ständige Missverständnisse und Fettnäpfchen?

Natürlich kann man sich beruhigen und sagen, dass es jedem so geht, wenn er neu ist, aber mein kommunikativer Zugang ist eben ein anderer, was schon im Vorfeld damit begann, dass ich mich nicht traute, den Guide anzurufen, wie er es sich von jedem neuen Teilnehmer gewünscht hätte, um festzustellen, ob er dem Anspruch seiner Wanderungen gerecht wird, und dass ich mehrfach wegen Mitfahrgelegenheit um eine E-Mail bat, während der Angeschriebene diese Bitte ignorierend meinte “ruf doch am besten an, das geht schneller.”

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Zahnarztbesuch

Kurzer Rückblick in die letzte Woche und wieder einmal ein Beleg dafür, dass es manchmal nicht vermeidbar ist, seine Diagnose offenzulegen. Durch Zufall fand ich bei der Internetrecherche eine auf Angstpatienten spezialisierte Zahnklinik, die Online-Terminvereinbarung anbot, wo es sogar einen umfangreichen Angstfragebogen gab, den man ausfüllen und anschließend um einen Termin bitten konnte. Weil ich Schmerzen in einem abgebrochenen Weisheitszahn hatte und eine gute Woche später ein gebuchtes Schneeschuhwanderwochenende anstand, überwand ich meine Angst und füllte den Bogen aus. Abgeschickt: Fehlermeldung. Das zwei Mal in Folge. Wieder verstrichen zwei Tage, bis ich mich vergangenen Montag entschied, direkt ans Sekretariat hinzumailen, kurz das erläuterte, was ich eigentlich in den Fragebogen schrieb, u.a. dass ich im Schichtdienst arbeite und dieses Wochenende Urlaub ansteht und ich entscheiden müsste, ob das was wird oder nicht. Ich bekam sofort eine Antwort mit einem Termin wenige Stunden später. Es handelt sich um eine Gruppenpraxis und ich geriet leider an einen wenig gesprächigen, phasenweise nicht anwesend wirkenden Arzt [der übrigens auch ein paar Mal gehustet hat, was mich regelrecht schockiert hat]. Ich war furchtbar nervös, weil es der erste Zahnarztbesuch seit vielen Jahren war und ich war mit der Situation vollkommen überfordert. Er hatte natürlich von der Zusammenfassung in meiner Mail keine Ahnung und ich brachte auf die Schnelle nicht alles so herüber, wie ich unbedingt sagen und fragen wollte.

Folge: Ich übte zu wenig Druck auf den Stoffballen zum Aufbeißen aus und wachte am nächsten Tag mit einem gefühlten Liter Blut im Mund wieder auf, was er dann mit einem blutstillenden Mittel in die offene Wunde behandeln musste. Er hatte mich zwar mehrmals gefragt, ob meine Blutgerinnung normal wäre, aber da ich noch nie einen Zahn gezogen bekam und ich mich nicht einmal erinnern kann, wann ich das letzte Mal eine größere blutende Wunde hatte, konnte ich ihm das nicht beantworten. Ich fragte auch wegen dem Wanderwochenende, aber da wich er irgendwie aus und ich erhielt weder ein ok noch ein no-go. In dem Verhaltensmaßregelzettel, den er mir mitgab, stehen 7 Tage Pause, demzufolge hätte ich absagen müssen. Aber ich bekam weder Antibiotika noch wurde genäht, und es wurde auch nur ein Wurzelrest entfernt, was nur wenige Minuten gedauert hat.

Das nächste Problem war die Arbeit. Ich sagte zwar, wo ich arbeitete, aber er schlussfolgerte nur, dass ich dann keine schwere körperliche Arbeit vor mir hätte. Das nicht, aber ich muss viel telefonieren und reden, was mit einem blutenden Mund nicht so schön ist. Ganz zu schweigen davon, dass es mit der Ernährung auch schwierig ist. Nachdem ich am Folgetag erneut bei ihm war wegen der Blutung, meldete ich mich krank. Ich war völlig fertig, schlief am Nachmittag, auch durch das Schmerzmittel (Ibu 600) eher schwindlig auf den Beinen. An Arbeiten war nicht zu denken. Auch am Folgetag schleppte ich mich noch durch den Dienst, ich musste ja wegen der Blutgerinnung auf Koffein bzw. Kaffee verzichten. Bei 12 Stunden Schicht mühsam. Insgesamt hatte ich die Folgen deutlich unterschätzt und fühlte mich auch nicht gut aufgeklärt, was genau ich jetzt wie lange unterlassen soll, ab wann ich wieder normal essen und trinken darf, wie lange keine Milchprodukte oder Koffein, etc. Das Hauptproblem war eigentlich, dass ich in der Situation vor und nach dem Eingriff reizüberflutet war und das meiste gleich wieder vergaß, was er sagte, oder inhaltlich gar nicht zu mir vordrang.

Was ich mir für die Zukunft merke: An den Folgetagen eines solchen Eingriffs unbedingt freie Tage oder Krankenstand einplanen. Und ich hatte den Satz mit dem Autismus schon in der Mail, aber dann wieder entfernt, weil ich mir eh schon dachte, dass das jetzt nur die Ordinationshilfe liest, nicht der zuständige Arzt. Ich wollte eigentlich begründen, woher mein großer Würgereiz kam, dass das sensorische Ursachen hat. Der hat ja dazu geführt, dass ich den ersten Aufbissballen gleich wieder ausspuckte und nicht lange Druck ausüben konnte. Jedenfalls fahre ich jetzt trotzdem wie geplant zum Wandern, bisher scheint es keine Komplikationen bei der Heilung zu geben, die Schmerzen sind vollkommen weg. Aber ein ungutes Gefühl bleibt einfach. Am kommenden Montag ist übrigens die Nachkontrolle. 10.30 steht drauf, obwohl ich gesagt habe, dass ich ab 11 Uhr arbeiten muss. Ich könne ja früher kommen. Ja, aber mindestens eine Stunde früher, sonst schaff ich das nicht. Das kommt eben davon, wenn man keine Zeit oder Gelegenheit hat, sich klar und unmissverständlich zu artikulieren.

Flashbacks

ffDie sentimentalen Phasen nehmen gerade zu. Ich bin (zuviel) alleine und habe viel Zeit, über verpasste und genutzte Chancen nachzudenken. Als ich von Wien nach Salzburg wechselte, hatte ich keine andere Wahl. Entweder weiter auf Teilzeit bleiben, bis auch die Reserven rasant schwinden, oder einen Vollzeitjob in einer fremden Stadt ohne soziales Auffangnetz. Zum Zeitpunkt der alternativlosen Wahl war es die richtige Entscheidung. Dass ich so abhängig sein würde von meinen (geliebten) Türöffnermenschen, war mir nicht bewusst. Ich hoffe, dass es keine Jahre bis zur Rückkehr werden. Salzburg ist für mich Exil, so günstig der Arbeitsplatz für mich auch ist. Dabei war der Weg dorthin ein persönlicher Meilenstein.

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