Geschafft.

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2800 Höhenmeter (laut Veranstalter sogar 2900, nachgemessen habe ich aber weniger) und 66 Kilometer sind es am Ende geworden. Etwas länger und mehr Aufstieg als ursprünglich geplant, aber der durch den Regen durchnässte Untergrund erforderte eine Adaption der Strecke. Müde, aber glücklich erreichte ich nach 24 Stunden unterwegs sein in Bad Goisern das Ziel. Eine körperliche, mentale und autistische Meisterleistung. Weiterlesen

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Der Rechtsruck macht mir Sorgen.

Möchte Politik hier eigentlich heraushalten, aber beide richtungsweisenden Wahlen in Deutschland und Österreich haben auch Einfluss darauf, wie sich Inklusion weiterentwickelt und wie man mit Tabuthemen umgeht, mit psychischen Problemen und mit negativ konnotierten Diagnosen wie Autismus, ADHS oder Borderline.

Grob zusammengefasst in Deutschland: Rotgrün haben damals mit Hartz4 den Nährboden für eine Neidgesellschaft gelegt, die bei einer neoliberalen Politik bei rechten Rattenfängern auf fruchtbaren Boden fällt. Statt konstruktiver Lösungen fällt es am leichtesten, auf Fremde und Flüchtlinge zu zeigen. Seit der Pegida-Bewegung und AfD-Gründung ist der Rechtsextremismus wieder salonfähig. Mitschuld daran tragen die Volksparteien, die sich unpopulären Lösungen verweigern und insgesamt nach Rechts rücken, die, vor allem die, TV-Journalisten, die Rechtsextreme in Talkshows einladen und unwidersprochen lassen, ein genereller Rechtsruck in der Sprache und in Umfragen sowie die unterschätzten „Sozialen Medien“, wo es Staat und Polizei lange Zeit versäumt haben, Regeln für Meinungsäußerungen aufzustellen und auch durchzusetzen. Im Internet verbreitet sich Propaganda weitaus effektiver, schneller und vernetzter als offline. Jetzt trauen sich auch wieder Menschen etwas zu sagen, die früher aus gutem Grund geschwiegen haben.

Grob zusammengefasst in Österreich: Im Gegensatz zu Deutschland gab es nie eine umfassende, nachhaltige Aufklärung über die Nazizeit. Das N*-Wort ist selbst in der mittleren Generation (> 40) noch sehr verbreitet, die aus einem Verbund von Altnazis hervorgehende FPÖ war immer stimmenstark. Im Gegensatz zu Deutschland spielen Gratis-Zeitungen und von Politik unterstützte Boulevardzeitungen schon immer eine viel größere Rolle, um rechtspopulistische Propaganda unters Volk zu bringen. Marktanteil 70% und höher. FPÖ-Vertreter sind seit jeher in allen Diskussionen, bei allen Interview-Gelegenheiten vertreten. In Österreich wählen prozentual gesehen deutlich mehr Männer rechts als Frauen. 15 % der Bevölkerung darf gar nicht wählen, weil sie den falschen Pass hat. Darunter viele gut verdienende Deutsche, die wahrscheinlich eher nicht die FPÖ wählen. Die schlechterverdienenden Drittstaatangehörige haben höhere Hürden zur Staatsbürgerschaft. Das eigentliche Problem ist aber, dass seit dem weitgehenden Niedergang der KPÖ (die Kommunisten wurden in Österreich nie verboten) keine linke Partei mehr existiert, die die Stimme der „Schlechterverdienenden“ vertritt. Auch Grün schafft das nicht. Bei den anderen Parteien ist dasselbe Phänomen wie in Deutschland zu beobachten, ein Verschieben programmatischer Inhalte nach Rechts statt nach Links.

In Summe droht am 24. September in Deutschland der Einzug der AfD in den Bundestag, erstmals einer klar neonazistisch geprägten Parteiprogrammatik seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die NPD war nie so stark, nur lokal in Landtagen im Osten, und wurde zurecht gesellschaftlich und politisch geächtet. In Österreich zeichnet sich derzeit schwarzblau am 15. Oktober ab. Besonders mies dabei, wie ein erst 30jähriger Parteichef mit zuletzt klar ausländerfeindlichen und Kernfamilie betonenden Slogans, die sich kaum von jenen der NPD unterscheiden, auf niedere Instinkte abzielt und in den Umfragen momentan weit vorne liegt. Karrieregeilheit ist das Eine, aber sich so unverblümt rechter Parolen bedienend das andere.

Wie kürzlich Betroffene auf Twitter geschildert haben, gab es 2000 unter schwarzblau, damals noch von EU-Politikern verurteilt mit Aufruf zu Sanktionen, massive Anfeindungen gegenüber Menschen anderer Religion, Herkunft und/oder Hautfarbe. Damals gab es allerdings noch keine „sozialen“ Medien, und keine Möglichkeit, sich zusammenzurotten, um Andersdenkende zu bedrohen. Deswegen macht es mir im Jahr 2017 noch viel mehr Sorgen.

Um den Bogen zurück zu Autismus zu schlagen: In so einer gesellschaftlich düsteren Stimmung ermutigt es Betroffene nicht, Diagnosen zu suchen und damit offener umzugehen. Generell rät man seit jeher von offenem Umgang ab, obwohl das total schädlich ist für unerkannte Betroffene oder solche, die sich gerne outen würden, aber keine Vorbilder kennen oder auf solche verweisen können.

Fortschritte

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Ich beschließe den Tag mit ein paar positiven Notizen…

Da wäre einmal die Feststellung, dass mir die Arbeit wieder Spaß macht und ich das erste Mal seit Abschluss des Studiums meine Stärken zeigen kann. Nach sieben Lehrjahren keine Selbstverständlichkeit. Das Berufsbild des Meteorologen wandelt sich ständig, die technologischen Fortschritte galoppieren davon. Nicht jeder ist ein Nutzen. Die ständigen Veränderungen machen mir schon arg zu schaffen, aber was sich zum Glück nicht ändert, sind physikalische Gesetze und die meteorologischen Grundphänomen. Trotz allem High-Tech, der uns zur Verfügung steht, lassen sich Gewitter (kleinräumig) oder Italientiefs (großräumig) immer noch nicht vernünftig prognostizieren. Lucky us, es braucht also weiter Meteorologen!

Der Sommer war mies, leider oft Schlechtwetter immer zu meinen freien Tagen, zuletzt im Urlaub und jetzt zeichnet es sich auch für mein größtes Wanderprojekt ab, für eine 24-Stunden-Benefizwanderung mit 60 Kilometer Wegstrecke und 2700 Höhenmetern. Eine absolute Grenzerfahrung, die ich wenigstens bei trockenen Bedingungen unternommen hätte. Aber es soll heuer einfach nicht sein.

Trotz allem kann ich auf mehrere Errungenschaften stolz sein …

… dass ich mir so etwas überhaupt zutraue, wo ich noch in der Schulzeit mit Sport auf Kriegsfuß stand. Trauma besiegt und Grenzen erweitert.

… dass ich eisern bleibe und konsequent auf ein Auto verzichte und alle meine alleinigen Wandertouren ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln umsetze. Ich orientiere mich dabei selten an bereits begangene Routen oder Tourenvorschläge, sondern stelle meine Strecken selbst zusammen.

  • … von 2004 bis 2010 waren 29 Touren in Begleitung, 8 alleine (400km, 34 100 Höhenmeter)
  • …2011 6 alleine von 18 insgesamt
  • …2012 9 alleine von 29 insgesamt
  • …2013 11 alleine von 43 insgesamt
  • …2014 16 alleine von 51 insgesamt
  • …2015 21 alleine von 56 insgesamt
  • …2016 40 alleine von 78 insgesamt (1250km, 70 300 Höhenmeter)
  • …2017 bisher 31 alleine von 54 insgesamt

2011-2017: 288 780 Höhenmeter, 4697km.

Schrittweise habe ich mich gesteigert, in Ausdauer, Kondition, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit, Material, Risikoeinschätzung (Wetter, Gelände, Lawinen) und bin gerne alleine unterwegs, scheue einsame Wälder nicht mehr.

Das Naturerlebnis, die Fotografie, die kreativen Tourenziele und -umsetzungen – das alles ist quasi meine Lebensversicherung, mein Rückzugsort, wo ich sein darf, wie ich bin, ohne Rechtfertigungsdruck, ohne Missverständnisse, ohne Reizüberflutung.

Schwäche als Stärke

Autisten mögen keine Veränderungen, vor allem keine unerwartenden. Sie mögen auch keine Überraschungen. Alles soll möglichst vorhersehbar sein. Das schließt spontan sein aber nicht aus. Wesentlich ist die eigene Kontrolle über das, was man tut und das, was einem geschieht. Ich entscheide oft spontan, was ich am nächsten Tag mache, doch bereiten mir unerwartete äußere Einflüsse großes Unbehagen. Was meine Arbeit als Meteorologe betrifft, mag man es zunächst als große Schwäche auffassen, wenn man mit Veränderungen großes Unbehagen empfindet. Die Wettervorhersage ist mit allgegenwärtigen Unsicherheiten behaftet, niemals exakt mit ewig unzulänglichem Datenmaterial. Unschärfe bleibt immer bestehen bis hin zur ungeliebten Aussage: „Ich weiß es nicht.“ Meteorologie ist eben keine exakte Wissenschaft, vergleichbar mit Psychologie. Fehleinschätzungen gehören dazu.

Ein Modell ist nur so gut wie die Annahmen, auf denen es beruht.

Was für die Wettermodelle zutrifft, gilt ebenso für die Interpretation von diesen. Ein Meteorologe muss wissen, welches Datenmaterial hilfreich ist und welches keinen Mehrwert liefert. Das ist jeden Tag neu zu entscheiden. Aufgrund aktueller Beobachtungen, Modellprognosen und eigener Erfahrungen sowie Zweit- oder Drittmeinungen wird die Vorhersage erstellt und zum Schluss für den Endkunden verständlich aufbereitet. Wie man sieht, reichen die Fehlerquellen von fehlerhaften Daten, ungenauer Modellprognosen über falsche Interpretation bis hin zu missverständlicher Übersetzung für den Leser. Das macht den Beruf so herausfordernd, aber auch immer wieder interessant und spannend.

Ich schaue mir möglichst viele Daten an, um auch auf den „low probability – high impact“-Fall immer vorbereitet zu sein, d.h., auch die Szenarien mit geringer Eintreffwahrscheinlichkeit, aber markanten Auswirkungen bleiben im Hinterkopf, wenn ich an eine Vorhersage herangehe. So wird aus einer Schwäche, Unbehagen bei Überraschungen mit Gefahr der Handlungsstarre (exekutive Dysfunktion) zu empfinden, eine Stärke, nämlich sich sorgfältig und umfangreich vorzubereiten, und im „low probability“-Fall nicht darüber nachdenken zu müssen, warum es jetzt anders gekommen ist. Man könnte auch sagen, ich neige zum Perfektionismus, wohlwissend, in diesem Beruf niemals Perfektion erreichen zu können. Doch senkt es mein Stresslevel erheblich im Wissen, gut vorbereitet zu sein.