Mündlich versus schriftlich

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Der erste Prüfungstag ist überstanden und bestanden. Die drei schriftlichen Prüfungen hab ich alle vor der Zeit beendet. Für zwei davon hab ich nicht einmal die Hälfte der Zeit benötigt. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend. Sogar das Fach, vor dem ich mich fürchtete, hab ich gemeistert. Weiterlesen

Boulderkurs: Wider dem Stress, für Körper und Geist

Seit Mitte Januar besuche ich einen Boulderkurs. Bei Bouldern handelt es sich um Klettern ohne Seilsicherung bis in maximal vier Meter Höhe. Ziel ist es, vor allem durch technische Kniffe und dynamische Bewegungen mit wenig Kraftaufwand Routen zu klettern. Das geht sowohl in der Halle als auch an Boulderfelsen im Gelände. Für mich ist es der erste Sportkurs seit der Schulzeit.

Bouldern ist aus mehreren Gründen auch für Autisten ein gutes Training:

Man beansprucht viel mehr Muskelgruppen als bei einfachen Sportarten wie Joggen oder Radfahren. Das stärkt auf Dauer gerade Rücken, Schultern und Bauch, und kann damit Rückenschmerzen oder gar Bandscheibenvorfälle bei längerem Sitzen vorbeugen. Zudem gewinne ich auch an Kraft in Armen und Beinen und verbessere Körperwahrnehmung und Kondition, gerade letzteres zählt häufig nicht zu den Stärken von Autisten mit sensomotorischen Schwierigkeiten. Nebenbei beugt die Bewegung auch Volkskrankheiten wie Diabetes und Osteoporose vor. Klettern und Bouldern stärkt das Selbstwertgefühl. Es besteht kein Zwang oder Wettbewerbsgrund, unbedingt alle Routen zu Ende zu klettern, man kann auch zuerst die Technik verbessern, oder zuerst die Kraft trainieren. Aber über längere Zeit ist ein Fortschritt sichtbar, und das ermutigt zum Dranbleiben. Hallenbouldern ist wetterunabhängig und damit das ganze Jahr über betreibbar.

Der wichtigste Punkt aber ist – wie beim Wandern auch – der Abbau von Stresshormonen, die bei mir sonst aufgrund der Reizoffenheit und niedriger Frustrationsschwelle rascher in den Overload führen.

Eine liebe Autistin hat mir das so erklärt, dass beim Sport Adrenalin abgebaut wird, sobald man in das berühmte „Runner’s High“ im Flow-Zustand gerät. Der Flow tritt jedoch erst ein, sobald die Bewegungsmuster aus dem Cerebellum (Kleinhirn) abgespielt werden, also unbewusst geschehen . Bei Marathonläufern, langen Wanderungen oder ausdauernden Kletterern ist das der Zustand, wenn man keine Schmerzen mehr spürt, alles eine rhythmisch fließende Bewegung ist, die scheinbar ewig andauern könnte.

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg mit so manchen Rückschlägen. Menschen mit Autismus (und 47,XXY) zeigen zum Teil funktionale und/oder strukturelle Abweichungen im Kleinhirn (Cerebellum) und benötigen daher länger als andere Menschen, bis diese Bewegungsmuster dort abgespeichert sind. Länger heißt jedoch nicht nie! Und ist es erst einmal geschafft, kann man mit dem Sport das Adrenalin wieder runterbringen, was durch die Reizoffenheit aufgebaut wurde. Das macht auf Dauer belastbarer und glücklicher und ist ein Gewinn an mentaler Stärke.

Nun besteht die Hauptschwierigkeit für mich darin, während der Boulderaktivität in der Halle für eine möglichst reizarme Umgebung zu sorgen. Denn ich bin dort leider nicht alleine, sondern zahlreiche andere Kletter sind dabei. Im Hintergrund läuft häufig Musik in mehr oder weniger angenehmer Lautstärke, manchmal spielen Kinder und Jugendliche Tischfußball oder rufen laut Kommandos. Andere sitzen auf den Bänken und unterhalten sich. Unter der Woche, aber zum Teil auch während der Kurse herrscht also ein gewisser Lärmpegel, der zeitweise meine Schmerzgrenze überschreitet (Overload). Das Entziffern der Ansagen vom Kursleiter ist dann besonders anstrengend und zieht Energie, die ich für die restlichen Aktivitäten bräuchte. Hinzukommt die Präsenz der anderen, auf die ich visuell stark reagiere, d.h., ich nehme hektische Bewegungen ständig wahr, ich fühle mich eingeengt, wenn zu viele um mich herum stehen oder sitzen oder klettern, und wenn sie in meine Richtung klettern, setzt mich das unter Druck. Ich werde dann fahrig, schwitze noch mehr als sonst und bin rascher frustriert. Auch die Interaktion mit Trainer und den anderen Kursteilnehmern ist noch eine Herausforderung, darum zu bitten, etwas vorzuzeigen, Fragen stellen, Smalltalk führen, das Gefühl, wenn andere mich beobachten, während ich mich an einer Route versuche. In Summe sind das viele Reize und Stressfaktoren, die mich immer an den Rand vom Overload bringen. Hinzukommt die Ernährung, die ich erst auf diesen kraftraubenden Sport umstellen muss.

Heute merkte ich den Unterschied in einer reizarmen, guten Stunde: Die Halle war relativ leer, die Wände frei und nur wenige Rundenkletterer unterwegs (das sind die, die routenunabhängig den ganzen Raum umrunden, und dabei alle verdrängen, die gerade an einer Route beschäftigt sind), die Musik war angenehm zurückhaltend. Keine Kinder, kein Geschrei oder Wuzzler nebenan. Auf einer Ratgeberseite hatte ich von den Vorzügen von Koffein vor dem Klettern gelesen und mir daher schnell noch einen Espresso reingehauen. Das blies die Müdigkeit weg und half mir tatsächlich in der Konzentration und Ausdauer. In Summe ging wesentlich mehr weiter als in der frustrierenden Kursstunde davor, wo ich mich soziophobisch und unsicher fühlte. Nach der fünften Kursstunde und drei Mal zwischendurch trainieren hatte ich erstmals das Gefühl, dass irgendwas ins Kleinhirn rüberhupfte, nämlich ging das Eindrehen an der Wand flüssiger als vorher, ohne dass ich überlegen musste, wie ich mich Hindrehen muss. An diesem Fortschritt werde ich auch das nächste Mal anknüpfen. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch, mich nicht unnötiger Reizüberflutung auszusetzen, sondern die ruhigen Hallenphasen zu suchen.

Beim Wandern gelingt mir das inzwischen dadurch, dass ich bewusst unmarkierte oder weglose Strecken gehe, wo ich unter Garantie keine Massen habe. So oder so spüre ich den Fortschritt und bin froh, mich zum Kurs überwunden zu haben und dranzubleiben. Ich kann es nur weiterempfehlen.

Asperger-Autisten definieren Autismus

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Vorwort: Kein Autist ist gleich, und nicht jeder Autist wird mit den Definitionen von Autismus übereinstimmen, die andere Autisten machen. Gerade schwer beeinträchtigte Autisten mit massiver Reizüberflutung (evtl. verbunden mit Epilepsie) werden die Definitionen von „hochfunktionalen“ Autisten eher mit Skepsis beurteilen. Auch Angehörige mit erhöhtem Betreuungsaufwand werden den neutral gehaltenen Definitonen nicht immer zustimmen. In wenigen Fällen, wo sich etwa frühkindliche Autisten übers Netz mitteilen können, ist auch bekannt, dass sie sich durch Asperger-Autisten vertreten fühlen. Umgekehrt empfinden auch einige Asperger-Autisten ihren Autismus eher als Behinderung oder Last denn als Befähigung oder schlicht andere Wahrnehmung. Bitte verallgemeinert nicht, weder in die eine noch in die andere Richtung! Weiterlesen

Spezialinteresse: Wetter

Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten
Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten

Wie alles begann

Ich habe bereits in der frühen Kindheit ein Interesse für das Wetter entwickelt. Niederschlag liebte ich in jeder Form und während andere bei Regenwetter deprimiert und lustlos waren, genoss ich es, draußen zu sein. Stundenlang saß ich am geöffneten Zimmerfenster und lauschte dem gleichmäßigen Geräusch des prasselnden Dauerregens auf den Ziegeln, das gluckernde Strömen entlang der Dachrinne. Ebenso mochte ich das Dachfenster schräg über meinem Bett – Regen als Einschlafhilfe. Nur bei Gewitter schloss ich den Rolladen. Plötzliche Lichtblitze ebenso wie knallender Donner erschrecken mich noch heute, speziell, wenn man in einem Zuhause ohne Blitzableiter aufwächst. Neben Regen liebe ich Schneefall, aber auch starken Wind. Das Rauschen und Heulen beruhigt mich – und Schnee dämpft zusätzlich die Umgebungsgeräusche. Der Verkehr wird leise. Weiterlesen

Denken in Bildern, Thinking in Pictures

Wenn ich so zurückblicke, war mein Denken seit jeher von Bildern dominiert. In den vergangenen 10 Jahren habe ich sehr viele Fallstudien über Wetterphänomene geschrieben, die nichts direkt mit meinem Studium zu tun hatten. Sie weckten bloß meine Neugierde und das Studium trat in diesen Momenten in den Hintergrund. In dieser Zeit entwickelte ich regelrecht einen Hyperfokus in diesen Spezialinteressen. Ich verlor jegliches Zeitgefühl, als ich Fallstudien machte und Erklärungen über Wetterphänomene und Theorien niederschrieb.

Schon die ersten Wochen meines Meteorologiestudiums zeigte meine andere Wahrnehmung. Ich erinnere mich an einen Bildschirm mit aktuellen Satellitenbildaufnahmen in einem getrennten Raum des Instituts. Keiner der anderen Studenten besuchte diesen in dem Jahr, als ich dort studierte. Mich zog der Satellitenbildfilm in seinen Bann, mit den Infrarotaufnahmen der Wolken, die Tiefdruckgebiete und Fronten bildeten und festlegten, wo Hochs und Tiefs lagen. Dann begann ich mit der Analyse dessen, was ich dort beobachtete. Ich versuchte die Position von Warm- und Kaltfronten, von Tiefs und Hochs, von Gewittergebieten und ausgeprägten Trogachsen zu analysieren. Nach zwei Semestern hatte ich über 100 Satellitenbildanalysen in ein Wetterforum geschrieben, und ausführlich erläutert, was ich sah, und was ich mithilfe weiterer Wetterkarten vorhersagen konnte.

Ich brauche visuelles Denken beim Wandern gehen. Da mein Kurzzeitgedächtnis keine ausgeprägte Stärke ist, fotografiere ich sehr viel. Ich brauche Fotos, um mich zu erinnern, benutze sie manchmal auch, um mich daran zu erinnern, wann ich an einem bestimmten Ort war. Die Uhrzeit auf der Uhr nachschauen, ist nicht genug. Daher dienen Bilder als Erinnerungshilfe. Später beim Niederschreiben meiner Wanderberichte kann ich mich an die Orte und Uhrzeiten anhand meiner Bilder erinnern, ebenso den exakten Wegverlauf. Ich vergesse fast niemals Bilder, und weiß meist sofort, wo sie aufgenommen wurden. Bilder sind jedoch nur ein Teil meines Erinnerungsvorgangs.  Viel wichtiger sind Wanderkarten. Ich mag besonders ausgedruckte Karten, die ich mit den Fingern ertasten kann, wo ich etwas mit einem Stift markieren kann. Gewöhnlich schaue ich mir Wanderkarten mehrfach am Tag vor der Wanderung an, um mir die geplante Route einzuprägen (ich habe keine Inselbegabung, einmal anschauen reicht nicht). Die Mischung aus Routen einprägen, Bildern und diese Routen beschreiten verstärken meine Erinnerungsfähigkeit. Wenn ich sie ein zweites Mal gehe, erkenne ich nicht nur bestimmte Details am Wegesrand, wie einen Baum oder einen Baumstumpf, sondern sehe die Wanderkarte vor mir und kann darin aus- und einzoomen, sie verschieben, wie ich es zuhause am Bildschirm mache. Ich merke mir nicht alle Details (ich bin kein Savant), aber genügend, um selbst schlecht markierte Wege wiederzufinden. Ähnlich verhält es sich damit, wenn ich Gipfel bei Fernsicht anhand ihrer Form wiedererkenne. Ich vergleiche die Bilder von den Bergen mit denen im Kopf. Das ist eine echte Herausforderung, wenn man sie aus verschiedenen Himmelsrichtungen oder in der Winterzeit sieht, wenn die Formen durch Schneebedeckung und unterschiedlich angeleuchtete Teile verändert werden. Nachdem ich in den vergangenen Jahren zahlreiche Touren gegangen bin (knapp 150 in 3 Jahren), ist mein Langzeitgedächtnis angefüllt mit Karten, Routen, Bildern und Bergformationen.

Ein letztes Beispiel für visuelles oder detailreiches Denken: Ich geriet zufällig bei zwei Wandertouren in ein Gewitter. Das erste Mal stellte sich als recht peinlich für mich heraus, weil ich wenige Wochen vorher mein Diplom in Meteorologie erhalten hatte. Wie konnte das einem frisch diplomierten Meteorologen passieren? Weil es ein Theoriefreak ist? Vielleicht … Ich war Teil einer größerern Wandergruppe, wir verbrachten die Tage zuvor an der Alpensüdseite und ich hatte keine Gelegenheit mehr, in die Wetterkarten zu schauen, bevor es passierte. Als wir an die Alpennordseite fuhren, hatte ich ein anderes, ein „Schönwetter“-Szenario vor Augen und erwartete diesen massiven Wetterumschwung nicht. Ich sah an diesem Gewittertag verschiedene Wetterphänomene, darunter lokale Windphänomene, Nebelspiele und besonders eine ganz bestimmte Art an mittelhohen Wolken, nur wenige Stunden bevor uns das schwere Gewitter überraschte.

Ein Jahr später widerfuhr mir ein ähnliches Wetterereignis. Ein heißer Sommertag, kein Wettermodell simulierte Niederschlag in diesem Gebiet. Am Vormittag sah ich diese mittelhohen Wolken (genauer gesagt: Altocumulus stratiformis) erneut, jedoch in Gestalt ausgedehnter Wolkenstraßen unter einer – meinem Gedächtnis nach – gut ausgeprägten Absinkinversion, die Aufwärtsbewegungen unterdrücken sollte. Später verschwanden diese Wolken wieder und ein paar Stunden danach bildeten sich verbreitet konvektive Wolken und nachfolgend Gewitter.

Ich schlussfolgerte aus diesen, zum Glück glimpflich verlaufenden Erlebnissen, dass die mittelhohen Wolken als vorlaufende Signale für Gewitter dienen könnten. Das ergibt auch meteorologisch Sinn: Mittelhohe Wolken können sich nicht durch Sonneneinstrahlung bilden (dafür sind sie zu weit oben), sondern benötigen großräumige Aufwärtsbewegungen, die nur durch eine Front oder einen Trog zur Verfügung gestellt werden können. Das Vorhandensein dieser Wolken zeigt also an, dass großräumige Hebung vorhanden ist. Wenn die restlichen Zutaten – genügend Feuchte in der bodennahen Luftschicht und eine instabile Luftschichtung – passen, sind Gewitter wahrscheinlich, und zwar völlig unabhängig davon, was ein Wettermodell uns Glauben machen will. Da die alpinen Regionen typischerweise mehr Feuchte ansammeln als die vergleichsweise trockene und flache Umgebung, von der die 1-2x täglich produzierten Vertikalprofile stammen, weiß ich nun, dass die Freisetzung der Instabilität wahrscheinlicher ist als es stabile Vertikalprofile der Atmosphäre andeuten. Wenn dann zudem noch Altocumulus-Wolken auftauchen, sollte ich darauf gefasst sein, dass lokale Gewitter möglich sind.

Ich überprüfte diese Theorie mehrfach und sie funktionierte nahezu immer als ein Indikator für hochreichende Feuchtkonvektion, nicht zwingend für ein bedrohliches Gewitter. Die Wolkenart hat jedoch einen Haken – sie ist tendenziell nur für kurze Zeit am frühen Morgen oder Vormittag sichtbar. Wer bei einem wolkenlosen Himmel loszieht, und nicht weiter nach oben schaut, übersieht sie also mitunter. Jetzt weiß ich jedoch, was wenige Stunden später geschehen kann und kann meine geplante Tour ggf. umändern oder so anpassen, dass ich einen Unterschlupf auf dem Weg einplane. In den meisten Fällen ist dieser Indikator ein Segen, aber er kann auch zu Fehlalarmen führen. Doch lieber einmal zu vorzeitig abgebrochen als von einem Schwergewitter getroffen zu werden, speziell, wenn man sich in einem Gelände aufhält, wo man nicht entkommen oder ein sicheres Dach über den Kopf bekommen kann.

Zusammenfassung:

Jahrzehntelang wusste ich nicht, warum ich im Vergleich zu meinen Altersgenossen anders bin. Diese erweiterte Wahrnehmung ist oftmals eine Last, wenn zu viele Reize auf mich einprasseln, während ich unter Menschen bin oder meinen Alltag zu bewältigen versuche. Doch kann eine verstärkte visuelle Detailwahrnehmung auch eine echte Stärke sein, eine Begabung. Obwohl mich viel Lärm belastet, brachte mir mein nahezu absolutes Gehör einen Vorteil beim Gitarre spielen.

Wir neigen zu rasch zum Defizitdenken statt auf den Originalzustand zu schauen: eine andere Wahrnehmung – welchen Vorteil kann ich daraus ziehen?

Dieser Text ist bereits zuvor auf Englisch erschienen; I published this text in english before:

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