Zettelwirtschaftsminister

romnai

Seit der Kindheit hantiere ich mit Zetteln umanaund.  Überall musste ich etwas notieren, in den Anfängen meines Wetterhobbys die Wolken, den Regen, irgendwelche Messwerte oder besondere Ereignisse. Ich schrieb meine Beobachtungen zunächst in Stichpunkten und unsortiert in Blöcke und Hefte, und fertigte dann eine zweite Version in Schönschrift an. Auch in der Schule und während den Vorlesungen existierten immer zwei Abschriften. Das hatte den Vorteil, dass beim zweiten Abschreiben das Aufgeschriebene nochmal wiederholt werden könnte und ggf. Unklarheiten beseitigt werden konnten.

Heute verwende ich meine Zettel für Einkaufslisten, für Packlisten, für Dinge, die ich in naher und mittelfristiger Zukunft einkaufen möchte und für meine To-Do-Liste zum Abarbeiten. Diese wird ständig erneuert. Manchmal wird sie etwas umfangreicher, weil ich nicht dazu gekommen bin, nur selten ist sie ziemlich kurz, wenn das Wichtigste erledigt ist. Doch es stehen auch „unwichtige“ Punkte darauf, also Dinge/Pläne, die mir gut tun, wo ich mir etwas gönnen kann.

Am Beginn kann die Zettelwirtschaft bedrohlich umfangreiche Auswüchse ausfassen, wenn ich das Wesentliche noch nicht erkannt habe. Im Laufe der Zeit, wenn das Geschriebene ins Langzeitgedächtnis transferiert wird, bin ich immer weniger darauf angewiesen. Es bleibt dennoch eine Absicherung, im Zweifelsfall etwas zum Nachschauen parat zu haben. Umso ärgerlicher natürlich, wenn ich die Mitnahme des Einkaufszettels vergesse. Ich versuche zumindest gelegentlich daran zu denken, ihn mit dem Handy abzufotografieren, denn das Handy vergesse ich sehr selten.

Die Zettel haben aber noch einen weiteren Vorteil: Ich bin ein sehr visuell denkender Mensch, habe zumindest in Ansätzen ein eidetisches Gedächtnis, sehe also den betreffenden Zettel bildlich vor mir und kann davon ablesen, wie wenn er tatsächlich vor mir liegen würde. Ähnlich funktioniert es mit Wanderkarten, die ich im Kopf rauf und runterscrollen kann, ohne sie physisch vor mir haben zu müssen. Wenn ich sage, dass ich in Bildern denke, kann man das durchaus wörtlich verstehe, ich denke in allem, was ich fotografiert bzw. auf einem Blatt Papier vermerkt habe.

Mündlich versus schriftlich

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Der erste Prüfungstag ist überstanden und bestanden. Die drei schriftlichen Prüfungen hab ich alle vor der Zeit beendet. Für zwei davon hab ich nicht einmal die Hälfte der Zeit benötigt. Das Ergebnis war sehr zufriedenstellend. Sogar das Fach, vor dem ich mich fürchtete, hab ich gemeistert. Weiterlesen

Boulderkurs: Wider dem Stress, für Körper und Geist

Seit Mitte Januar besuche ich einen Boulderkurs. Bei Bouldern handelt es sich um Klettern ohne Seilsicherung bis in maximal vier Meter Höhe. Ziel ist es, vor allem durch technische Kniffe und dynamische Bewegungen mit wenig Kraftaufwand Routen zu klettern. Das geht sowohl in der Halle als auch an Boulderfelsen im Gelände. Für mich ist es der erste Sportkurs seit der Schulzeit.

Bouldern ist aus mehreren Gründen auch für Autisten ein gutes Training:

Man beansprucht viel mehr Muskelgruppen als bei einfachen Sportarten wie Joggen oder Radfahren. Das stärkt auf Dauer gerade Rücken, Schultern und Bauch, und kann damit Rückenschmerzen oder gar Bandscheibenvorfälle bei längerem Sitzen vorbeugen. Zudem gewinne ich auch an Kraft in Armen und Beinen und verbessere Körperwahrnehmung und Kondition, gerade letzteres zählt häufig nicht zu den Stärken von Autisten mit sensomotorischen Schwierigkeiten. Nebenbei beugt die Bewegung auch Volkskrankheiten wie Diabetes und Osteoporose vor. Klettern und Bouldern stärkt das Selbstwertgefühl. Es besteht kein Zwang oder Wettbewerbsgrund, unbedingt alle Routen zu Ende zu klettern, man kann auch zuerst die Technik verbessern, oder zuerst die Kraft trainieren. Aber über längere Zeit ist ein Fortschritt sichtbar, und das ermutigt zum Dranbleiben. Hallenbouldern ist wetterunabhängig und damit das ganze Jahr über betreibbar.

Der wichtigste Punkt aber ist – wie beim Wandern auch – der Abbau von Stresshormonen, die bei mir sonst aufgrund der Reizoffenheit und niedriger Frustrationsschwelle rascher in den Overload führen.

Eine liebe Autistin hat mir das so erklärt, dass beim Sport Adrenalin abgebaut wird, sobald man in das berühmte „Runner’s High“ im Flow-Zustand gerät. Der Flow tritt jedoch erst ein, sobald die Bewegungsmuster aus dem Cerebellum (Kleinhirn) abgespielt werden, also unbewusst geschehen . Bei Marathonläufern, langen Wanderungen oder ausdauernden Kletterern ist das der Zustand, wenn man keine Schmerzen mehr spürt, alles eine rhythmisch fließende Bewegung ist, die scheinbar ewig andauern könnte.

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg mit so manchen Rückschlägen. Menschen mit Autismus (und 47,XXY) zeigen zum Teil funktionale und/oder strukturelle Abweichungen im Kleinhirn (Cerebellum) und benötigen daher länger als andere Menschen, bis diese Bewegungsmuster dort abgespeichert sind. Länger heißt jedoch nicht nie! Und ist es erst einmal geschafft, kann man mit dem Sport das Adrenalin wieder runterbringen, was durch die Reizoffenheit aufgebaut wurde. Das macht auf Dauer belastbarer und glücklicher und ist ein Gewinn an mentaler Stärke.

Nun besteht die Hauptschwierigkeit für mich darin, während der Boulderaktivität in der Halle für eine möglichst reizarme Umgebung zu sorgen. Denn ich bin dort leider nicht alleine, sondern zahlreiche andere Kletter sind dabei. Im Hintergrund läuft häufig Musik in mehr oder weniger angenehmer Lautstärke, manchmal spielen Kinder und Jugendliche Tischfußball oder rufen laut Kommandos. Andere sitzen auf den Bänken und unterhalten sich. Unter der Woche, aber zum Teil auch während der Kurse herrscht also ein gewisser Lärmpegel, der zeitweise meine Schmerzgrenze überschreitet (Overload). Das Entziffern der Ansagen vom Kursleiter ist dann besonders anstrengend und zieht Energie, die ich für die restlichen Aktivitäten bräuchte. Hinzukommt die Präsenz der anderen, auf die ich visuell stark reagiere, d.h., ich nehme hektische Bewegungen ständig wahr, ich fühle mich eingeengt, wenn zu viele um mich herum stehen oder sitzen oder klettern, und wenn sie in meine Richtung klettern, setzt mich das unter Druck. Ich werde dann fahrig, schwitze noch mehr als sonst und bin rascher frustriert. Auch die Interaktion mit Trainer und den anderen Kursteilnehmern ist noch eine Herausforderung, darum zu bitten, etwas vorzuzeigen, Fragen stellen, Smalltalk führen, das Gefühl, wenn andere mich beobachten, während ich mich an einer Route versuche. In Summe sind das viele Reize und Stressfaktoren, die mich immer an den Rand vom Overload bringen. Hinzukommt die Ernährung, die ich erst auf diesen kraftraubenden Sport umstellen muss.

Heute merkte ich den Unterschied in einer reizarmen, guten Stunde: Die Halle war relativ leer, die Wände frei und nur wenige Rundenkletterer unterwegs (das sind die, die routenunabhängig den ganzen Raum umrunden, und dabei alle verdrängen, die gerade an einer Route beschäftigt sind), die Musik war angenehm zurückhaltend. Keine Kinder, kein Geschrei oder Wuzzler nebenan. Auf einer Ratgeberseite hatte ich von den Vorzügen von Koffein vor dem Klettern gelesen und mir daher schnell noch einen Espresso reingehauen. Das blies die Müdigkeit weg und half mir tatsächlich in der Konzentration und Ausdauer. In Summe ging wesentlich mehr weiter als in der frustrierenden Kursstunde davor, wo ich mich soziophobisch und unsicher fühlte. Nach der fünften Kursstunde und drei Mal zwischendurch trainieren hatte ich erstmals das Gefühl, dass irgendwas ins Kleinhirn rüberhupfte, nämlich ging das Eindrehen an der Wand flüssiger als vorher, ohne dass ich überlegen musste, wie ich mich Hindrehen muss. An diesem Fortschritt werde ich auch das nächste Mal anknüpfen. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch, mich nicht unnötiger Reizüberflutung auszusetzen, sondern die ruhigen Hallenphasen zu suchen.

Beim Wandern gelingt mir das inzwischen dadurch, dass ich bewusst unmarkierte oder weglose Strecken gehe, wo ich unter Garantie keine Massen habe. So oder so spüre ich den Fortschritt und bin froh, mich zum Kurs überwunden zu haben und dranzubleiben. Ich kann es nur weiterempfehlen.

Asperger-Autisten definieren Autismus

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Vorwort: Kein Autist ist gleich, und nicht jeder Autist wird mit den Definitionen von Autismus übereinstimmen, die andere Autisten machen. Gerade schwer beeinträchtigte Autisten mit massiver Reizüberflutung (evtl. verbunden mit Epilepsie) werden die Definitionen von „hochfunktionalen“ Autisten eher mit Skepsis beurteilen. Auch Angehörige mit erhöhtem Betreuungsaufwand werden den neutral gehaltenen Definitonen nicht immer zustimmen. In wenigen Fällen, wo sich etwa frühkindliche Autisten übers Netz mitteilen können, ist auch bekannt, dass sie sich durch Asperger-Autisten vertreten fühlen. Umgekehrt empfinden auch einige Asperger-Autisten ihren Autismus eher als Behinderung oder Last denn als Befähigung oder schlicht andere Wahrnehmung. Bitte verallgemeinert nicht, weder in die eine noch in die andere Richtung! Weiterlesen

Spezialinteresse: Wetter

Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten
Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten

Wie alles begann

Ich habe bereits in der frühen Kindheit ein Interesse für das Wetter entwickelt. Niederschlag liebte ich in jeder Form und während andere bei Regenwetter deprimiert und lustlos waren, genoss ich es, draußen zu sein. Stundenlang saß ich am geöffneten Zimmerfenster und lauschte dem gleichmäßigen Geräusch des prasselnden Dauerregens auf den Ziegeln, das gluckernde Strömen entlang der Dachrinne. Ebenso mochte ich das Dachfenster schräg über meinem Bett – Regen als Einschlafhilfe. Nur bei Gewitter schloss ich den Rolladen. Plötzliche Lichtblitze ebenso wie knallender Donner erschrecken mich noch heute, speziell, wenn man in einem Zuhause ohne Blitzableiter aufwächst. Neben Regen liebe ich Schneefall, aber auch starken Wind. Das Rauschen und Heulen beruhigt mich – und Schnee dämpft zusätzlich die Umgebungsgeräusche. Der Verkehr wird leise. Weiterlesen