Multitasking und Telefonate

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Asperger-Autisten sind nicht dafür berühmt, mehrere Sachen gut gleichzeitig zu können. Sie bevorzugen Aufgaben schrittweise zu erledigen, also eins nach dem anderen und tun sich damit schwerer, die Aufmerksamkeit zu teilen. Doch selbst wenn es mit viel Übung und mit dem Abarbeiten eines bestimmten Musters („Routine“) gelingt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, bleibt etwas unweigerlich auf der Strecke: die zwischenmenschliche Kommunikation. Das kann sich etwa so äußern, dass man im Multitasking-Prozess schroff oder gar unhöflich erscheint, etwa nicht antwortet, knapp antwortet, undiplomatisch antwortet und dabei gar noch das Gesicht verzieht. Entweder konzentriert man sich auf die Aufgabe oder mehrere Aufgaben zugleich oder auf die Kommunikation. Das Gehirn ist nur begrenzt teilungsfähig. Ich persönlich glaube ja, dass kein Mensch während Multitasking 100 % Leistung bringen kann, zumindest nicht über längere Zeit hinweg, aber wie dem auch sei, die Unhöflichkeit des Asperger-Autisten hat hier eben ihre handfesten Gründe, und ist nicht Teil eines schlechten Charakters oder einer schlechten Kinderstube. Weiterlesen

Zettelwirtschaftsminister

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Seit der Kindheit hantiere ich mit Zetteln umanaund.  Überall musste ich etwas notieren, in den Anfängen meines Wetterhobbys die Wolken, den Regen, irgendwelche Messwerte oder besondere Ereignisse. Ich schrieb meine Beobachtungen zunächst in Stichpunkten und unsortiert in Blöcke und Hefte, und fertigte dann eine zweite Version in Schönschrift an. Auch in der Schule und während den Vorlesungen existierten immer zwei Abschriften. Das hatte den Vorteil, dass beim zweiten Abschreiben das Aufgeschriebene nochmal wiederholt werden könnte und ggf. Unklarheiten beseitigt werden konnten.

Heute verwende ich meine Zettel für Einkaufslisten, für Packlisten, für Dinge, die ich in naher und mittelfristiger Zukunft einkaufen möchte und für meine To-Do-Liste zum Abarbeiten. Diese wird ständig erneuert. Manchmal wird sie etwas umfangreicher, weil ich nicht dazu gekommen bin, nur selten ist sie ziemlich kurz, wenn das Wichtigste erledigt ist. Doch es stehen auch „unwichtige“ Punkte darauf, also Dinge/Pläne, die mir gut tun, wo ich mir etwas gönnen kann.

Am Beginn kann die Zettelwirtschaft bedrohlich umfangreiche Auswüchse ausfassen, wenn ich das Wesentliche noch nicht erkannt habe. Im Laufe der Zeit, wenn das Geschriebene ins Langzeitgedächtnis transferiert wird, bin ich immer weniger darauf angewiesen. Es bleibt dennoch eine Absicherung, im Zweifelsfall etwas zum Nachschauen parat zu haben. Umso ärgerlicher natürlich, wenn ich die Mitnahme des Einkaufszettels vergesse. Ich versuche zumindest gelegentlich daran zu denken, ihn mit dem Handy abzufotografieren, denn das Handy vergesse ich sehr selten.

Die Zettel haben aber noch einen weiteren Vorteil: Ich bin ein sehr visuell denkender Mensch, habe zumindest in Ansätzen ein eidetisches Gedächtnis, sehe also den betreffenden Zettel bildlich vor mir und kann davon ablesen, wie wenn er tatsächlich vor mir liegen würde. Ähnlich funktioniert es mit Wanderkarten, die ich im Kopf rauf und runterscrollen kann, ohne sie physisch vor mir haben zu müssen. Wenn ich sage, dass ich in Bildern denke, kann man das durchaus wörtlich verstehe, ich denke in allem, was ich fotografiert bzw. auf einem Blatt Papier vermerkt habe.

Frustration und Feinmotorik

Als Kind habe ich lange und gerne musiziert. Insgesamt hatte ich nach den zwei Jahren obligatorischen Blockflöte noch elf Jahre Gitarrenunterricht angeschlossen. Das größte Problem war jedoch immer neue Saiten aufziehen. Die glitschigen Nylonseiten durch die kleinen Ösen ziehen und am Griffbrett dann verknoten. Leider bekomme ich bei so feinmotorischen Arbeiten immer schwitzige Hände, später beim Spielen wurden daraus regelrechte Schweißausbrüche, sodass ich währenddessen sogar abrutschte. Auch die Nervosität (Lampenfieber) wurde mit den Jahren immer stärker, nicht schwächer. Ich habe das Spielen dann aufgegeben, weil ich dem (vermeintlichen) Druck der mich alle anschauenden Zuhörer nicht mehr standhalten konnte. Ich bekam dabei total nasse Hände.

Auch heute ist es noch so, dass ich bei jeglichen Arbeiten mit Faden und Ösen, oder auch Schnüren sofort zu schwitzen anfange und dann abrutsche.Als wäre das nicht nervig genug, setzt mein Gehirn anscheinend aus, sobald ein Faden mehr als einmal gedreht werden muss, um einen Knoten zu binden. Aus diesem Grund liegen die Grödeln (leichte Steigeisen) seit zwei Jahren unbenutzt im Kasten. Selbst wenn ich sie mitnähme, könnte ich sie nicht anlegen, weil ich die Bedienungsanleitung nicht verstehe. Die Bänder müssen in einer bestimmten Reihenfolge um den Schuh geschwungen werden, damit sie fest anliegen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Klettersteigset. Ich brauche immer einen zweiten, der mir sowas anlegt, sonst wäre es lebensgefährlich für mich.

So, und jetzt habe ich mir den langjährigen Wunsch einer Spiegelreflexkamera erfüllt und scheitere beim Anlegen des Riemens, weil ich die Abbildung im Benutzerhandbuch nicht verstehe:

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Warum muss sowas in ein Bild gepackt werden, warum kann man nicht vier Bilder daraus machen, wenn das Handbuch eh schon über 100 Seiten hat?

Ich brauche solche Anweisungen sehr klein zerstückelt in die einzelnen Schritte, um sie zu verstehen. Ähnlich auch beim Aufbau von Möbeln, wenn mehrere Teilschritte zusammengefasst wurden. Darum ziehe ich die bösen IKEA-Steuersünder anderen Möbelanbietern vor, deren Anleitungen viel zu klein und zu knapp gefasst sind.

Das ist sehr frustrierend und die Versuche von Bekannten, mir die Vorgehensweise zu erläutern, hat bisher nicht gefruchtet, weil ich nicht weiß, wo Anfang und Ende ist, wie rum ich die Kamera bzw. den Riemen halten muss, dass es nicht falsch eingefädelt wird. Und natürlich fange ich wieder extrem zu schwitzen an, sobald ich es versuche.

Keine Ahnung, welche pathologische ICD-Nummer das trägt, aber es begleitet mich seit der Kindheit und hat schon oft zu Unverständnis geführt, wenn ich nicht daraufkam, einfach etwas umzudrehen, und schon wäre es richtig gewesen, so wie ich mich im Kunstunterricht schon blamiert habe, weil ich die Kohlezeichnung nur um 180° hätte drehen müssen und sicher 10 min daraufgestarrt und überlegt habe. Der Kommentar des Kunstlehrers: „Sowas hab ich ja noch nie gesehen!“

[Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber der Nachteil eines fotografischen Gedächtnisses ist auch, dass ich mich an dutzende peinliche Situationen der letzten 25 Jahre erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Sowas möchte man doch lieber vergessen.]

Viel zu organisieren

Drei Wochen ist der letzte Beitrag her. Wegen einer neuen beruflichen Perspektive haben sich die Prioritäten in meinem Leben gerade ziemlich verschoben und mir fehlt die Muße und Energie zu bloggen. Das ist an sich nicht weiter schlimm, ich bin gerade gut ausgelastet, auch wenn mir das Schreiben natürlich schon fehlt. Vorab: Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen, das kann man nicht pauschal auf alle ummünzen, aber vielleicht erkennen sich manche wieder.

Gewissermaßen sind derzeit wieder alle Schlüsselaspekte von Autismus betroffen. In meiner aktuell laufenden Ausbildung habe ich tagsüber Unterricht, was mich dazu zwingt, jeweils zur Rush Hour mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Diese haben in dieser Zeit teils beträchtliche Verspätung, sodass ich trotz früherem Start immer noch zu spät komme. Unpünktlichkeit behagt mir gar nicht. Ich komme seit Jahren immer zu früh zu einem Termin oder in die Arbeit. Gerade beim Besuch unbekannter Orte bin ich grundsätzlich zu früh da, um Zeit zur Orientierung zu haben. Ich muss mich wie ein Alpinist in großen Höhen erst an die Umgebung akklimatisieren. Wenn mir diese Zeit aufgrund von Verspätungen genommen wird, ist die Gefahr wesentlich größer, dass in dieser Zeit etwas schiefgeht, was sich meistens verbal bzw. durch Fettnäpfchen auswirkt. Ich fühle mich zudem unrund und brauche ein wenig Zeit, um wieder ruhiger zu werden. Ich bin auch gezwungen, sämtliche Einkäufe und Erledigungen auf den Abend zu legen, wo die meisten Leute unterwegs sind. Der Vorteil, zwei Stunden länger als zu Schichtzeiten schlafen zu können, wird also durch Reizüberflutung und ständige Overloads teuer erkauft bzw. ins Gegenteil gewandelt. Zumal das Gehirn ohnehin so voll mit To-Do-Listen ist, dass ich nicht früher schlafen gehen kann. Da ich neben dem Unterricht auch „Lernzeit“ habe, die ich mir individuell einteilen kann, versuche ich jetzt, diese nach vorne zu legen. Den Tag früher beginnen, nicht mit der Masse in die Arbeit fahren, dafür am Nachmittag mehr Zeit freizuschaufeln. Ohne sichtbare Not von außen also die Anpassung an das frühere Leben. Wer nicht an Reizoffenheit leidet, kann sich das nur schwer vorstellen, dass das ein Problem sein könnte.

Auch sonst wird viel Flexibilität abverlangt. Termine verschieben sich kurzfristig, aber auch mittelfristig. Die Zeit alleine fürs Selbststudium ist eine große Herausforderung nach über sechs Jahren Abwesenheit von der Universität. Ich hatte damals schon Schwierigkeiten, den Lernstoff zu verinnerlichen, dank der größten Ablenkung der Menschheitsgeschichte (nein, nicht Katzen …), dem Internet. Der Zwang, immer wieder Mails und Foren zu checken, ist kaum abzustellen. Leider ist das Lernen von heute zunehmend interaktiv konzipiert. Weil viele Inhalte durch Hyperlinks verknüpft sind, kommt man um einen Internetzugang auch beim Lernen nicht mehr herum. Ich versuche daher, den Stoff, für den ich das Internet nicht benötige, zuerst einzuprägen, indem ich den Computer ausgeschaltet lasse. Erst nach dieser Lerneinheit wird er mitverwendet, um Verknüpfungen oder weiterführende Informationen nachzuschlagen. Was nicht vorgesehen, aber unvermeidbar ist: Essen, Trinken, Einkaufen, Haushalt müssen auch untergebracht werden. Fange ich dann verspätet an, weil etwa der Signalton meines Wecker aus unerfindlichen Gründen ausgeschaltet war, gerät der ganze Tagesplan durcheinander.

Meine persönliche Ansicht ist, dass Autisten viel mehr schaffen können als man ihnen zutraut. Die Herausforderung kommt nicht von der Sache alleine, die ist bewältigbar, sondern vom Umfeld, von der Umgebung, von Reizoffenheit. Das ganze Drumherum, mit denen nichtautistische Menschen weniger oder auch gar keine Schwierigkeiten haben, für die sie ein soziales Netz haben und leichter darauf Zugriff haben, weil sie auch keine sozialen Ängste haben, wenn es um Kontaktaufnahme geht. Ich muss mir das alles erst mühsam erarbeiten, muss lernen, Fragen zu stellen, selbst solche, die für die meisten banal erscheinen.

Am meisten muss ich wohl über die eigene Hürde der mündlichen Kontaktaufnahme springen. Die Mehrheit erledigt dringende Dinge nun mal sofort durch Anruf oder Rückruf. Ich muss erst überlegen, formuliere es dann schriftlich, um alles Wichtige unterzubringen. Jetzt bin ich gleich mehrfach gezwungen, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Neben Jobsuche gibt es wohl nur ähnlich ebenbürtige Hürde für Autisten: die Wohnungssuche.

Wenn man mit anderen Suchenden konkurriert, muss man fast zwangsläufig telefonieren, um sich seine Chance zu sichern. Zumal bei Print-Angeboten ohnehin oft nur Telefonnummern abgedruckt sind.

Dann gilt es, einen Termin auszumachen, beim Telefonat nicht auf das Wichtigste zu vergessen, beim Besichtigungstermin auf alles Wichtige achten, während man gleichzeitig den Worten des  Vermieters oder Maklers lauscht. Zudem sollte man einen halbwegs passablen Eindruck auf den Vermieter machen, wenn man die Wohnung denn auch bekommen will. Die Übersiedlung will gut organisiert sein, das Ausräumen und Reinigen der alten Wohnung, die behördlichen und organisatorischen Dinge für die neue Wohnung. Für all das braucht es einen guten Plan, und bestenfalls ein paar Helfer, die erinnern und beim Besichtigen mitschauen, keinen Haken zu übersehen.

Noch einmal: Nichtautisten machen sich über all das weniger Gedanken, weder über Rush Hour, Telefonate, Besichtigungen noch abverlangte Flexibilität. Zielgerichtete Gedanken durchaus, aber nicht diese aufwallenden Panikschübe, es nicht mehr bewältigen zu können. Insbesondere dann, wenn man gerade in einem Overload steckt (wie etwa eingekeilt sein in einer überfüllten Straßenbahn), in einen Meltdown gerät und anfangt zu fluchen, und danach unendlich müde ist. Die Zuversicht wächst im Anschluss wieder, wenn der Zustand der Überlastung vorbei ist. Im selbigen aber fällt es schwer, gute Ratschläge anzunehmen oder „es nicht so schwarz zu sehen“. So wie im hervorragenden Briefwechsel von Gee Vero und Melanie Matzies-Köhler (Meine Brücke zu dir: Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog, 11/2016), zu dem ich noch extra bloggen werde, anschaulich beschrieben, befinde ich mich dann im Überlebensmodus und bin unempfänglich für Verhaltensänderungen.

So bin ich auch insgesamt optimistisch gestimmt, weil die Rahmenbedingungen künftig eine Verbesserung bedeuten. Klare Strukturen, überschaubare Flexibilität, höhere Lebensqualität, etwas, das mir derzeit noch abgeht. Der Weg dorthin ist daher weit und verlangt nach kreativen Lösungen.