Frustration und Feinmotorik

Als Kind habe ich lange und gerne musiziert. Insgesamt hatte ich nach den zwei Jahren obligatorischen Blockflöte noch elf Jahre Gitarrenunterricht angeschlossen. Das größte Problem war jedoch immer neue Saiten aufziehen. Die glitschigen Nylonseiten durch die kleinen Ösen ziehen und am Griffbrett dann verknoten. Leider bekomme ich bei so feinmotorischen Arbeiten immer schwitzige Hände, später beim Spielen wurden daraus regelrechte Schweißausbrüche, sodass ich währenddessen sogar abrutschte. Auch die Nervosität (Lampenfieber) wurde mit den Jahren immer stärker, nicht schwächer. Ich habe das Spielen dann aufgegeben, weil ich dem (vermeintlichen) Druck der mich alle anschauenden Zuhörer nicht mehr standhalten konnte. Ich bekam dabei total nasse Hände.

Auch heute ist es noch so, dass ich bei jeglichen Arbeiten mit Faden und Ösen, oder auch Schnüren sofort zu schwitzen anfange und dann abrutsche.Als wäre das nicht nervig genug, setzt mein Gehirn anscheinend aus, sobald ein Faden mehr als einmal gedreht werden muss, um einen Knoten zu binden. Aus diesem Grund liegen die Grödeln (leichte Steigeisen) seit zwei Jahren unbenutzt im Kasten. Selbst wenn ich sie mitnähme, könnte ich sie nicht anlegen, weil ich die Bedienungsanleitung nicht verstehe. Die Bänder müssen in einer bestimmten Reihenfolge um den Schuh geschwungen werden, damit sie fest anliegen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Klettersteigset. Ich brauche immer einen zweiten, der mir sowas anlegt, sonst wäre es lebensgefährlich für mich.

So, und jetzt habe ich mir den langjährigen Wunsch einer Spiegelreflexkamera erfüllt und scheitere beim Anlegen des Riemens, weil ich die Abbildung im Benutzerhandbuch nicht verstehe:

riemenscheissdreck

Warum muss sowas in ein Bild gepackt werden, warum kann man nicht vier Bilder daraus machen, wenn das Handbuch eh schon über 100 Seiten hat?

Ich brauche solche Anweisungen sehr klein zerstückelt in die einzelnen Schritte, um sie zu verstehen. Ähnlich auch beim Aufbau von Möbeln, wenn mehrere Teilschritte zusammengefasst wurden. Darum ziehe ich die bösen IKEA-Steuersünder anderen Möbelanbietern vor, deren Anleitungen viel zu klein und zu knapp gefasst sind.

Das ist sehr frustrierend und die Versuche von Bekannten, mir die Vorgehensweise zu erläutern, hat bisher nicht gefruchtet, weil ich nicht weiß, wo Anfang und Ende ist, wie rum ich die Kamera bzw. den Riemen halten muss, dass es nicht falsch eingefädelt wird. Und natürlich fange ich wieder extrem zu schwitzen an, sobald ich es versuche.

Keine Ahnung, welche pathologische ICD-Nummer das trägt, aber es begleitet mich seit der Kindheit und hat schon oft zu Unverständnis geführt, wenn ich nicht daraufkam, einfach etwas umzudrehen, und schon wäre es richtig gewesen, so wie ich mich im Kunstunterricht schon blamiert habe, weil ich die Kohlezeichnung nur um 180° hätte drehen müssen und sicher 10 min daraufgestarrt und überlegt habe. Der Kommentar des Kunstlehrers: „Sowas hab ich ja noch nie gesehen!“

[Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber der Nachteil eines fotografischen Gedächtnisses ist auch, dass ich mich an dutzende peinliche Situationen der letzten 25 Jahre erinnern kann, als wäre es gestern gewesen. Sowas möchte man doch lieber vergessen.]

Viel zu organisieren

Drei Wochen ist der letzte Beitrag her. Wegen einer neuen beruflichen Perspektive haben sich die Prioritäten in meinem Leben gerade ziemlich verschoben und mir fehlt die Muße und Energie zu bloggen. Das ist an sich nicht weiter schlimm, ich bin gerade gut ausgelastet, auch wenn mir das Schreiben natürlich schon fehlt. Vorab: Ich schreibe hier über meine persönlichen Erfahrungen, das kann man nicht pauschal auf alle ummünzen, aber vielleicht erkennen sich manche wieder.

Gewissermaßen sind derzeit wieder alle Schlüsselaspekte von Autismus betroffen. In meiner aktuell laufenden Ausbildung habe ich tagsüber Unterricht, was mich dazu zwingt, jeweils zur Rush Hour mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Diese haben in dieser Zeit teils beträchtliche Verspätung, sodass ich trotz früherem Start immer noch zu spät komme. Unpünktlichkeit behagt mir gar nicht. Ich komme seit Jahren immer zu früh zu einem Termin oder in die Arbeit. Gerade beim Besuch unbekannter Orte bin ich grundsätzlich zu früh da, um Zeit zur Orientierung zu haben. Ich muss mich wie ein Alpinist in großen Höhen erst an die Umgebung akklimatisieren. Wenn mir diese Zeit aufgrund von Verspätungen genommen wird, ist die Gefahr wesentlich größer, dass in dieser Zeit etwas schiefgeht, was sich meistens verbal bzw. durch Fettnäpfchen auswirkt. Ich fühle mich zudem unrund und brauche ein wenig Zeit, um wieder ruhiger zu werden. Ich bin auch gezwungen, sämtliche Einkäufe und Erledigungen auf den Abend zu legen, wo die meisten Leute unterwegs sind. Der Vorteil, zwei Stunden länger als zu Schichtzeiten schlafen zu können, wird also durch Reizüberflutung und ständige Overloads teuer erkauft bzw. ins Gegenteil gewandelt. Zumal das Gehirn ohnehin so voll mit To-Do-Listen ist, dass ich nicht früher schlafen gehen kann. Da ich neben dem Unterricht auch „Lernzeit“ habe, die ich mir individuell einteilen kann, versuche ich jetzt, diese nach vorne zu legen. Den Tag früher beginnen, nicht mit der Masse in die Arbeit fahren, dafür am Nachmittag mehr Zeit freizuschaufeln. Ohne sichtbare Not von außen also die Anpassung an das frühere Leben. Wer nicht an Reizoffenheit leidet, kann sich das nur schwer vorstellen, dass das ein Problem sein könnte.

Auch sonst wird viel Flexibilität abverlangt. Termine verschieben sich kurzfristig, aber auch mittelfristig. Die Zeit alleine fürs Selbststudium ist eine große Herausforderung nach über sechs Jahren Abwesenheit von der Universität. Ich hatte damals schon Schwierigkeiten, den Lernstoff zu verinnerlichen, dank der größten Ablenkung der Menschheitsgeschichte (nein, nicht Katzen …), dem Internet. Der Zwang, immer wieder Mails und Foren zu checken, ist kaum abzustellen. Leider ist das Lernen von heute zunehmend interaktiv konzipiert. Weil viele Inhalte durch Hyperlinks verknüpft sind, kommt man um einen Internetzugang auch beim Lernen nicht mehr herum. Ich versuche daher, den Stoff, für den ich das Internet nicht benötige, zuerst einzuprägen, indem ich den Computer ausgeschaltet lasse. Erst nach dieser Lerneinheit wird er mitverwendet, um Verknüpfungen oder weiterführende Informationen nachzuschlagen. Was nicht vorgesehen, aber unvermeidbar ist: Essen, Trinken, Einkaufen, Haushalt müssen auch untergebracht werden. Fange ich dann verspätet an, weil etwa der Signalton meines Wecker aus unerfindlichen Gründen ausgeschaltet war, gerät der ganze Tagesplan durcheinander.

Meine persönliche Ansicht ist, dass Autisten viel mehr schaffen können als man ihnen zutraut. Die Herausforderung kommt nicht von der Sache alleine, die ist bewältigbar, sondern vom Umfeld, von der Umgebung, von Reizoffenheit. Das ganze Drumherum, mit denen nichtautistische Menschen weniger oder auch gar keine Schwierigkeiten haben, für die sie ein soziales Netz haben und leichter darauf Zugriff haben, weil sie auch keine sozialen Ängste haben, wenn es um Kontaktaufnahme geht. Ich muss mir das alles erst mühsam erarbeiten, muss lernen, Fragen zu stellen, selbst solche, die für die meisten banal erscheinen.

Am meisten muss ich wohl über die eigene Hürde der mündlichen Kontaktaufnahme springen. Die Mehrheit erledigt dringende Dinge nun mal sofort durch Anruf oder Rückruf. Ich muss erst überlegen, formuliere es dann schriftlich, um alles Wichtige unterzubringen. Jetzt bin ich gleich mehrfach gezwungen, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Neben Jobsuche gibt es wohl nur ähnlich ebenbürtige Hürde für Autisten: die Wohnungssuche.

Wenn man mit anderen Suchenden konkurriert, muss man fast zwangsläufig telefonieren, um sich seine Chance zu sichern. Zumal bei Print-Angeboten ohnehin oft nur Telefonnummern abgedruckt sind.

Dann gilt es, einen Termin auszumachen, beim Telefonat nicht auf das Wichtigste zu vergessen, beim Besichtigungstermin auf alles Wichtige achten, während man gleichzeitig den Worten des  Vermieters oder Maklers lauscht. Zudem sollte man einen halbwegs passablen Eindruck auf den Vermieter machen, wenn man die Wohnung denn auch bekommen will. Die Übersiedlung will gut organisiert sein, das Ausräumen und Reinigen der alten Wohnung, die behördlichen und organisatorischen Dinge für die neue Wohnung. Für all das braucht es einen guten Plan, und bestenfalls ein paar Helfer, die erinnern und beim Besichtigen mitschauen, keinen Haken zu übersehen.

Noch einmal: Nichtautisten machen sich über all das weniger Gedanken, weder über Rush Hour, Telefonate, Besichtigungen noch abverlangte Flexibilität. Zielgerichtete Gedanken durchaus, aber nicht diese aufwallenden Panikschübe, es nicht mehr bewältigen zu können. Insbesondere dann, wenn man gerade in einem Overload steckt (wie etwa eingekeilt sein in einer überfüllten Straßenbahn), in einen Meltdown gerät und anfangt zu fluchen, und danach unendlich müde ist. Die Zuversicht wächst im Anschluss wieder, wenn der Zustand der Überlastung vorbei ist. Im selbigen aber fällt es schwer, gute Ratschläge anzunehmen oder „es nicht so schwarz zu sehen“. So wie im hervorragenden Briefwechsel von Gee Vero und Melanie Matzies-Köhler (Meine Brücke zu dir: Menschen inner- und außerhalb des autistischen Spektrums im Dialog, 11/2016), zu dem ich noch extra bloggen werde, anschaulich beschrieben, befinde ich mich dann im Überlebensmodus und bin unempfänglich für Verhaltensänderungen.

So bin ich auch insgesamt optimistisch gestimmt, weil die Rahmenbedingungen künftig eine Verbesserung bedeuten. Klare Strukturen, überschaubare Flexibilität, höhere Lebensqualität, etwas, das mir derzeit noch abgeht. Der Weg dorthin ist daher weit und verlangt nach kreativen Lösungen.

Autistische Herausforderungen

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Lass mich noch schnell das Getränk notieren für die Wirtin, damit sie weiß, was ich konsumiert habe. Pinot noir? Wie schreibt man das? Ich schreib einfach Pino nwa, dann weiß sie es schon.

P-i-n-ot-

Ich weiß eh!

So ähnlich laufen Dialoge immer wieder ab. Jemand macht einen Scherz, ich verstehe ihn wörtlich und glaube, jemand weiß tatsächlich nicht, wie etwas geschrieben wird, versuche im Sinne der Richtigkeit zu korrigieren und stelle erst dann fest, dass es eben ein Scherz war. Dabei liebe ich Ironie und setze sie selbst gerne ein, doch bei anderen überhöre ich entweder den Tonfall oder übersehe Kon- oder Subtext. Manche der folgenden Situationen ereigneten sich lange vor der Diagnose, als ich nichts von meinem Anderssein wusste. Sie sind unauslöschbar in meinem Gehirn eingebrannt – vielleicht gelingt es mir, sie besser zu verarbeiten, wenn ich die Ursachen für sonderbares Verhalten analysiere.

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Was ihr nicht seht (II)

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Tja, wie erkläre ich Autismus/Asperger so, dass ich verstanden werde? Meist gelingt es mir je nach Aufmerksamkeitsspanne und zeitlichem Rahmen des Gegenüber, nur einzelne Punkte unbefriedigend klar genug zu erläutern. Nervenkitzel ist jedes Mal dabei, denn ich mag weder für einen Inselbegabten mit dann zu hoher Erwartungshaltung an mich noch für einen Schwerbehinderten gehalten zu werden, dem nichts zuzutrauen ist und der nichts auf die Reihe kriegt. Dann besteht auch der ständige Rechtfertigungsdruck, sich von frühkindlichem Autismus abgrenzen zu müssen („nein, so bin ich nicht“), aber auch wiederholt zu betonen, dass Autismus eben keine Modediagnose sei, und nur „weil es Dir auch so geht“, bist Du oder sind nicht alle Menschen gleich autistisch. Weiterlesen

Schlafstörungen

Bei Lehnhardt et al. (2013) werden unter den Begleitsymptomen für Autismus u.a. Schlafstörungen mit (je nach Literatur) 30 bis 88 % Häufigkeit genannt. Nun treten Schlafstörungen nicht nur bei Autisten, sondern generell recht häufig auf. Es wird auch vermutet, dass Schlafstörungen nicht nur ein Symptom, sondern auch die Ursache für viele psychiatrische Erkrankungen sind. Schlechter Schlaf verschlimmert Depressionen, sorgt für verstärkte Reizoffenheit, beeinträchtigt die Entscheidungsfähigkeit und die Interaktion mit anderen Menschen. Ängste verstärken sich und die allgemeine Anspannung nimmt zu.

Zu Schlafstörungen bei Autisten gibt es aus den vergangen zwei Jahrzehnten einige Forschungsergebnisse. So wurde ein Zusammenhang zwischen niedriger Schlafqualität und verringerten kognitiven Leistungen bei erwachsenen Autisten nachgewiesen (Limoges et al., 2013), gehäuftes Auftreten von Schlaflosigkeit und Schlafstörungen gibt es bei allen Altersgruppen und Autismus-Subtypen (gemäß ICD-10 und DSM-IV). Weiterlesen