Medienkritik: Artikel über Autismus

Weil ich gerade nach Thunberg-Artikeln gesucht habe …
“Autismus ist eine Entwicklungsstörung, bei der sich das Gehirn anders entwickelt. Autismus ist keine Krankheit, sondern eher eine Wesensart. Menschen mit Autismus nehmen die Welt anders wahr. Es fällt ihnen schwer, mit anderen zu sprechen oder sich in jemanden hineinzuversetzen. Sie zeigen Emotionen anders und ihr Blick wirkt manchmal starr oder gleichgültig. Unter 100 Menschen haben im Durchschnitt ein bis zwei eine Form von Autismus. Eine eher unauffällige Autismus-Art ist das Asperger-Syndrom. Kinder mit Asperger legen großen Wert auf Ordnung und Rituale. Sie haben oft eine sehr “erwachsene” Sprache und großes Interesse für eine bestimmte Sache. Manchmal sind sie auch hochbegabt. Das nennt man dann “Inselbegabung”.

Quelle: https://www.sn.at/panorama/kinder/wie-fuehlt-es-sich-an-ein-fan-zu-sein-77879299 © Salzburger Nachrichten VerlagsgesmbH & Co KG , abgerufen am 24.10.2019

An sich eine zufriedenstellende Definition, auch wenn man zur anderen Wahrnehmung die Über- und Unterempfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken und emotionale Empathie hätte erwähnen können. Inselbegabung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Hochbegabung. Echte Inselbegabungen (Savant-Fähigkeiten) sind sehr selten und treffen höchstens auf eine niedrige dreistellige Anzahl weltweit zu. Hochbegabungen finden sich wesentlich häufiger. Wesentlich unglücklicher bin ich mit der Formulierung “unauffällige Autismus-Art” bei Asperger – dazu hab ich erst vor kurzem gebloggt.
Der zweite Artikel wurde in der “Deutschen Ärztezeitung” veröffentlicht. Hier ist es besonders ärgerlich, wenn unsauber mit Begriffen umgegangen wird:
Asperger-Autisten gelten oft als besonders begabte Wunderkinder – so wie Greta Thunberg. Doch viele haben eine falsche Vorstellung von der Krankheit.
[…]

Autismus ist keine Krankheit, sogar in einer Provinzzeitung wie den Salzburger Nachrichten hat man das begriffen.

Menschen mit Asperger oder sogenanntem hochfunktionierendem Autismus haben eine höhere Intelligenz als Menschen mit „klassischem“ Autismus, dem Kanner-Autismus.
[…]
Das ist falsch. Denn es gibt für die Intelligenzmessung unterschiedliche Tests. Man hat herausgefunden, dass Autisten in rein nonverbalen Intelligenztests (Raven-Matrizentest) besser abschneiden als im klassischen Wechsler-Test (vgl. https://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/autismus-intelligenz.html). Deswegen kann man nicht mehr sagen, dass Asperger-Autisten intelligenter sind als “klassische” Autisten.

Wissenschaftler untersuchen weiter, ob Unterschiede zwischen Autisten nur Nuancen sind oder auf separate Krankheiten hinweisen.Autismus-Experte Simon Baron-Cohen rät, einen Oberbegriff mit Subtypen zu haben – wie bei Diabetes Typ-1 und Typ-2. So ließe sich unter anderem besser verstehen, welche Hilfsangebote wem helfen.

Autismus ist keine Krankheit. Demzufolge halte ich den Vergleich mit Diabetes für entbehrlich. Ich weiß aber, worauf er hinaus will, und halte das auch für sinnvoll, also Subtypen je nach genetischen Gemeinsamkeiten. Aber das ist Zukunftsmusik.

Auch Betroffene sind sich nicht einig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Andere sprechen sich unter dem Stichwort Neurodiversität dafür aus, dass sie nur eine andere Art der Wahrnehmung hätten. Wo Autismus anfängt, ist in der Tat unklar. Nach den neuen Diagnose-Kriterien würden viele Asperger-Autisten gar nicht mehr als Autisten gelten – laut einer Meta-Analyse träfe das auf jeden Vierten zu.

Das hätte man schon ausführen dürfen, wie man zu dieser Schlussfolgerung kommt. Temple Grandin erwähnt “The Autistic Brain” eine solche Studie (aus dem Jahr 2012), nach der von 657 nach dem DSM-IV diagnostizierten Autisten nur 60% gemäß den neuen Kriterien im DSM-V ihre Diagnose behalten würden (mehr dazu hier).

Wissenschaftler raten schon länger, Erkrankungen nicht nach Personen zu benennen.

Ja, aber Autismus ist keine Erkrankung, und Hans Asperger’s Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus sollte man von seinen Entdeckungen davor und danach trennen.

Ö1-Punkteins: Leben mit Asperger-Syndrom

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Einschränkung, Sonderbegabung und der Kampf um soziale Akzeptanz
Gäste: Dr. Wolfgang Gombas, Psychiater. “Maria”: Betroffene
Moderation: Philipp Blom (noch abrufbar bis 13.09.2019)

Maria tritt anonym auf, weil nur engste Familienmitglieder und nahe Freunde Bescheid wissen, wohnt in kleinem Ort. Sie kann nicht abschätzen, was passiert. Es mangelt an Aufklärung in Österreich, es wird stigmatisiert.

Gombas kann das verstehen, wegen der Stigmatisierung durch die offiziellen Diagnosen. Asperger ist ein Syndrom, eine Ansammlung von Symptomen. Diagnosen verändern sich. Asperger ist im ICD-10, wird also als Erkrankung bezeichnet, dürfte dann aber nicht Syndrom heißen.

Maria wurde spät diagnostiziert, Anfang 30, zufällig durch einen Freund darauf angesprochen, ob sie nicht im Autismus-Spektrum sei. Sie hat es anfangs nicht ernstgenommen, hat aber nach einigen Monaten begonnen, viel darüber zu lesen und konnte sich damit identifizieren. Sie erkannte sich wieder in den Problemen der Reizüberflutung. Sie wusste nie, warum sie alles so anstrengend empfand. Sie begriff erst, dass es für andere leichter sei. Continue reading

Radio Ö1: Rückschritt in der Autismus-Aufklärung

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Ursachen, Überschneidungen und Kernsymptome von Autismus

Die Aufklärung über das Autismus-Spektrum ist in Österreich nicht weit gediegen. Die Mehrheit der Bevölkerung hat noch nie den Namen (und zugleich Diagnose) Asperger gehört. Hans Asperger war Österreicher, seine Verdienste während der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der Wissenschaft und für die Autisten sind nicht unumstritten, wie neuere Recherchen und Bücher belegen. Nichtsdestotrotz hat seine Entdeckung verschiedener Formen von Autismus (“Asperger-Autismus”) dazu geführt, dass man heute vom Autismus-Spektrum spricht. Unter diesem Oberbegriff werden heute alle Autismus-Formen zusammengefasst (vorher sprach von frühkindlichem Autismus, Asperger-Autismus und atypischen Autismus).

Das Spektrum lässt sich unterschiedlich interpretieren: Unter Autisten bekannt ist die Aussage “Kennst Du einen Autisten, kennst Du genau diesen Autisten.” Das heißt: Autismus kann individuell sehr verschieden ausgeprägt sein. Die Grundsymptome sind zwar bei allen vorhanden, die Schwerpunkte aber unterschiedlich ausgeprägt. Manche Begleitsymptome sind bei dem einen gar nicht vorhanden, beim anderen sehr stark. Spektrum bedeutet aber auch, dass die Autismus-Symptome von der Tagesverfassung abhängen, von Stress, von Umweltfaktoren, ob man von Gleichgesinnten oder neurotypischen Menschen umgeben ist und vieles mehr. Ein Autist kann heute in der Lage sein, extrovertiert zu kommunizieren und am nächsten Tag nicht imstande sein, die Wohnung zu verlassen.

Beim Radiosender Ö1 gab es am 03.05.2019 in der Rubrik “Wissen” einen Kurzbeitrag über die Ursachen von Autismus:

Ein weithin unbekanntes Terrain ist auch die Krankheit Autismus. In Österreich sind Schätzungen zufolge knapp 90 000 Menschen von Autismus betroffen, exakte offizielle Zahlen gibt es nicht. Wobei Experten und Expertinnen sprechen nicht von “einer” Krankheit, sondern von der Autismus-Spektrum-Störung, ähnliche Symptome mit vielen verschiedenen Ursachen, die u.a. am Institut für Science and Technology (IST) erforscht werden.

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“Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

Erst vor kurzem hatte ich über einen Artikel in der Wiener Wochenzeitung “Falter” gebloggt, ein entsprechender Leserbrief wurde (gekürzt) auch veröffentlicht. Heute wurde ein weiterer Leserbrief von jemandem abgedruckt, die “seit fünf Jahren zum Thema Behinderung im Bereich Kommunikation/PR in Organisationen” arbeitet. Sie moniert, dass viele Artikel platt sind, Stereotypen bedienen und über Menschen mit Behinderung schreiben, als seien sie entweder Helden oder bemitleidenswerte Opfer, die Reportage im Falter habe das nicht getan. Ich respektiere natürlich, dass man zur Qualität des Artikels eine andere Meinung haben kann. Jedoch geht es hier um Autismus im Speziellen und nicht um irgendeine körperliche Behinderung. Fünf Jahre Außensicht zum Thema Behinderung allgemein reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob hier korrekt über die autistische Wahrnehmung berichtet wurde. Heute ereilte mich die Empörung zahlreicher Frauen in meiner Twitter-Timeline, dass der Feuilletonchef Dusini im Falter zum Thema “Tugenden in Zeiten des Shitstorms”, mit Gabalier und Sargnagel als Protagonisten, kommentiert, relativ prominent auf Seite fünf, wo normalerweise das Leitkommentar von Armin Thurnher steht. Zahlreiche Screenshots zeigten die provokativen Zeilen. Da ich zufällig die aktuelle Ausgabe besaß, las ich weiter und gleich im nächsten Satz steht “Manchmal hilft vielleicht auch das Asperger-Syndrom.” Continue reading

Bericht über einen Autisten in der Wiener Wochenzeitschrift “Falter”

Autismus ist ein Spektrum, leider wissen das die meisten Journalisten nicht

Erstmals hat es Autismus auf die Titelseite einer Zeitung geschafft. “Der gefundene Sohn. Drei Jahre war der Autist Saraie verschollen. Warum? Die große Geschichte seiner Reise.” Das weckt natürlich Erwartungen und provoziert Enttäuschungen. Der Ansatz ist löblich, aber leider nicht zu Ende gedacht werden. Um meine Kritik zuzuspitzen: Ich vermisse die Darstellung von Autismus als Spektrum. Genau solche Artikel machen es Autisten, die nach außen unauffälliger erscheinen als der Beschriebene, schwer, sich zu anderen gegenüber zu öffnen oder gar zu outen. Continue reading