“Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

Erst vor kurzem hatte ich über einen Artikel in der Wiener Wochenzeitung “Falter” gebloggt, ein entsprechender Leserbrief wurde (gekürzt) auch veröffentlicht. Heute wurde ein weiterer Leserbrief von jemandem abgedruckt, die “seit fünf Jahren zum Thema Behinderung im Bereich Kommunikation/PR in Organisationen” arbeitet. Sie moniert, dass viele Artikel platt sind, Stereotypen bedienen und über Menschen mit Behinderung schreiben, als seien sie entweder Helden oder bemitleidenswerte Opfer, die Reportage im Falter habe das nicht getan. Ich respektiere natürlich, dass man zur Qualität des Artikels eine andere Meinung haben kann. Jedoch geht es hier um Autismus im Speziellen und nicht um irgendeine körperliche Behinderung. Fünf Jahre Außensicht zum Thema Behinderung allgemein reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob hier korrekt über die autistische Wahrnehmung berichtet wurde. Heute ereilte mich die Empörung zahlreicher Frauen in meiner Twitter-Timeline, dass der Feuilletonchef Dusini im Falter zum Thema “Tugenden in Zeiten des Shitstorms”, mit Gabalier und Sargnagel als Protagonisten, kommentiert, relativ prominent auf Seite fünf, wo normalerweise das Leitkommentar von Armin Thurnher steht. Zahlreiche Screenshots zeigten die provokativen Zeilen. Da ich zufällig die aktuelle Ausgabe besaß, las ich weiter und gleich im nächsten Satz steht “Manchmal hilft vielleicht auch das Asperger-Syndrom.” Continue reading

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Bericht über einen Autisten in der Wiener Wochenzeitschrift “Falter”

Autismus ist ein Spektrum, leider wissen das die meisten Journalisten nicht

Erstmals hat es Autismus auf die Titelseite einer Zeitung geschafft. “Der gefundene Sohn. Drei Jahre war der Autist Saraie verschollen. Warum? Die große Geschichte seiner Reise.” Das weckt natürlich Erwartungen und provoziert Enttäuschungen. Der Ansatz ist löblich, aber leider nicht zu Ende gedacht werden. Um meine Kritik zuzuspitzen: Ich vermisse die Darstellung von Autismus als Spektrum. Genau solche Artikel machen es Autisten, die nach außen unauffälliger erscheinen als der Beschriebene, schwer, sich zu anderen gegenüber zu öffnen oder gar zu outen. Continue reading

Presse: Genialität oder Krankheit?

spektrum
Skizze: Prozentuale Verteilung der Genialität bei Autismus

Der 2. April ist Welt-Autismustag: Das Bild der Krankheit wird noch immer durch Vorurteile bestimmt.

Quelle: Kleine Zeitung, 02.04.18, 05:10 Uhr

Genau mein Humor, danke.

Autismus ist keine Krankheit, denn Autismus ist nicht heilbar. Sonst bis auf das Einmachglas als Symbolbild ein guter Artikel.

Und die Deutsche Welle beginnt ihren Artikel über “Krankheit oder Charakterzug?” mit einem Bild von Stephen Wiltshire, der das Savant-Syndrom hat, einer in dieser Ausprägung sehr seltenen Sonderform bei Autismus. Im Text wird gut differenziert, auch die gewählten Beispiele sind gut, doch dann werden wieder Bilder eingestreut von weiteren Savant-Autisten (Daniel Tammet und “Rain Man”). Continue reading

Welt-Autismus-Tag: Wir sind eine Krankheit …

Freud und Leid liegen manchmal nah beieinander. Über Twitter stoße ich auf eine großartige Presseaussendung über Autismus von Martin Schenk, dem Menschenrechtsaktivisten, Psychologen und stv. Direktor der Diakonie Österreich. Der Text kommt sprachlich völlig ohne defizitäre Anwandlungen aus, so ist nicht von “-Störung”, sondern nur vom Autismus-Spektrum die Rede …

Viele Menschen im Autismus Spektrum sind Vorurteilen und Stigmatisierung ausgesetzt. „Dieser Tag ist ein Weckruf für Respekt und Achtsamkeit gegenüber einfachen Bildern und falschen Diagnosen“, so Schenk, selbst Psychologe. […] Schätzungen sprechen von 80 000 Betroffenen in Österreich.

Danach folgt ein anschauliches Beispiel anhand eines Schülers mit der Diagnose Asperger und ein Appell für mehr Inklusion.

„AutistInnen brauchen ein Gegenüber, das sensibel dafür ist, dass sie ihre Umwelt anders wahrnehmen und soziale Prozesse und Begegnungen anders verarbeiten”

In Summe ist es der beste Text, den ich je in Österreich von Nichtautisten über Autismus gelesen habe. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Martin Schenk und Christiane Dobernig.

In drei Tageszeitungen wurde die Presseaussendung der Diakonie Österreich (Original-Quelle von APA OTS, abgerufen am 30.03.18) sofort aufgegriffen und umgeschrieben. Doch anscheinend kann man es der österreichischen Bevölkerung nicht zumuten, neutral über Autismus zu berichten.

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Autisten und Do-it-yourself-Mentalität

Im gestern erschienenen Artikel in der Wiener Zeitung über die zunehmende Do-it-yourself-Mentalität im Handel kommt der Redakteur wieder einmal nicht ohne die von Vorurteilen geprägte Metapher Autismus aus. Der Artikel leitet mit dem Elektronikfachladen SATURN ein, der in Innsbruck seit einiger Zeit mit einer innovativen Neuerung aufwartet.

Es gibt keine Kassen. Freilich ist die angebotene Ware – hier sind es zuvorderst Kleinteile wie Batterien, Kabel, Kopfhörer, aber auch Kaffeemaschinen – nicht gratis. Es gilt, vorab eine App auf sein Mobiltelefon zu laden, seine Zahlungsverbindungen zu hinterlegen und mit dem integrierten Scanner das Preisschild des gewünschten Objekts zu erfassen. Der Diebstahlschutz wird flugs entfernt. Dann kann man schnurstracks wieder aus dem Laden marschieren. Personal ist zwar vorhanden, es kümmert sich aber nur auf Nachfrage um Erläuterung des Konzepts oder konkrete Hilfestellung. Der Konsument der Zukunft ist tendenziell Autist. Und immer online.

Der Autor schließt mit den Worten

Aber bis auf weiteres werde ich die Supermärkte ansteuern, die noch Kassen besitzen. An denen Menschen aus Fleisch und Blut sitzen. Und denen gelegentlich – ohne Vorahnung – ein Lächeln entweicht.

Nun, ich bin Autist und ich bevorzuge aus denselben Gründen Geschäfte mit menschlichen Kassen wie der Autor. Weil ich selbst in einer Branche arbeite, die stark gefährdet ist, in naher Zukunft durch Automaten ersetzt zu werden. Diese Mentalität will ich nicht unterstützen. Es wurden schon genug Arbeitsplätze vernichtet, weil man vordergründig die Bequemlichkeit unterstützen möchte, in Wahrheit geht es aber nur darum, Personalkosten einzusparen.

Für mich persönlich ist Kontakt mit Verkäufern lediglich dann ein Graus, wenn ich beim Betreten eines Geschäfts keine Zeit habe, mich zuerst umzusehen, sondern sofort angelabert werde. Das setzt mich unter Druck und ich bekomme Schweißausbrüche. Weiters merke ich genau, wenn ein Verkäufer fachlich wenig Ahnung hat und nur versucht, mir einen teuren Artikel anzudrehen. Wenn ich dagegen meine Lieblingsbergsportgeschäfte aufsuche, bin ich sogar dankbar, wenn mir Artikel empfohlen werden, die besser bzw. günstiger sind als das, was ich mir online ausgesucht habe. Geschäfte ohne Onlineshop vermeide ich daher weitgehend.

Mir persönlich macht es grundsätzlich aber gar nichts aus, an einer Kassa zu zahlen, wo ein Mensch sitzt. Im Gegenteil finde ich die verschiedenen Selbstbedienungskassen mit selbst einscannen wie bei Spar, Billa, Merkur oder McDonalds verwirrend, und wenn sich hinter mir dann Schlangen bilden, ist der Druck dann größer als mit Schlangen an den Menschenkassen. Bei letzteren stört mich einzig, wenn die Menschen keinen Abstand halten und auch die Trennteile nicht benutzen, sodass ihre Ware in meine geschoben wird. Oder der Kassamensch nebenher plaudert und unkonzentriert ist und vom Wartenden hinter mir was über den Scanner ziehen will. All dies ist lästig, aber ich nehme diese Lästigkeit in Kauf, wenn es den Arbeitsplatz des Kassamenschen sichert.

Technikaffine Autisten, die mit Selbstbedienungskassen keine Probleme haben und mit dem Onlineshop von SATURN zurechtkommen (ich nicht), mögen das neue System toll finden, ich gehöre nicht dazu. Ich bin aber auch kein technikaffiner Autist und empfinde diese Metapher daher als unnötige Verallgemeinerung.