Sars-CoV-2: Gegen die Panik

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Raus aus der Wohnung in die Natur, das lenkt ab und hilft seelisch.

Autisten leiden wesentlich häufiger unter Angsterkrankungen als Nichtautisten. Dazu zählen vor allem auch soziale Phobien, etwa der Aufenthalt gemeinsam mit Menschenmassen, z. B. in Einkaufszentren oder in den Öffis, aber auch in touristisch überlaufenen Innenstädten. Es ist eine Mischung aus “sich exponiert/beobachtet fühlen”, “oft unbegründete Ängste, sich falsch zu verhalten” und “Überflutung durch äußere und mentale Reize”, letzteres die Gedankengrübeleien, die nicht aufhören, etwas ewig durchdenken müssen”. Soziale Phobien hindern uns in Kombination mit der autistischen Erschöpfung oft daran, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Je stärker die Erschöpfung, desto schwieriger fällt es einem, als neurotypisch durchzugehen, die sozialen Gepflogenheiten zu beachten, die von der neurotypischen Norm vorgegeben sind. Abhängig von der kognitiven Intelligenz (Fähigkeit zur Selbstreflexion) bemerkt man dieses Unvermögen und die Ängste und Kreisgedanken verstärken sich, dass das soziale Unvermögen bemerkt und kommentiert wird. Dies als Vorbemerkung und als kleiner Seitenhieb auf das häufig gehörte “wir sind doch alle ein bisschen autistisch, nicht?” Ich bezweifle das persönlich sehr, dass Nichtautisten diese Art von Ängsten regelmäßig haben. Angst ist also ein stetiges Thema bei Autismus und wirkt sich neben chronischem Stress (Reizüberflutung, exekutive Überforderung, etc.) massiv negativ auf das Immunsystem aus.

Die Berichterstattung über das Coronavirus bereitet wahrscheinlich mehr Sorgen und mitunter irrationale Ängste als die reelle Gefahr, sich anzustecken, und auch wie sich das mittelfristig auf unseren Alltag und unsere Pläne/Routinen auswirken wird. Wenn ich mit einem ernsthaften (medizinischen) Problem konfrontiert bin, versuche ich möglichst viel darüber zu lesen, natürlich seriöse Informationen und keine Zeitungsberichte mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitatschnipseln.

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ORF-Bericht mit der Krankheit Autismus

Heute wurde mir ein ORF-Artikel über Autismus (abgerufen am 13.02., 20.33) zugetragen, über die Eröffnung des ersten Autismus-Zentrums in Österreich, genauer gesagt in St. Pölten. Vorher stand dort das Ambulatorium Sonnenschein. Davon hörte ich schon vor vier Jahren im Rahmen einer Radio Ö1-Sendung über Autismus (ich berichtete), wo ich mit gemischten Gefühle zurückblickte.

Das neue Autismuszentrum gleich gegenüber bietet jetzt Platz für Kinder mit besonders schweren Erkrankungsformen.

Auch wenn es schwere Ausprägungen der autistischen Grundsymptomatik bzw. schwere Begleiterkrankungen gibt, ist und bleibt Autismus keine Erkrankung.

Lautes Gedränge auf dem Bahnhof, unbekannte Situationen, einkaufen in einem neuen Supermarkt – was für viele Kinder ein Abenteuer ist, wird für autistische Kinder schnell zur Belastungsprobe. Denn Reize zu filtern fällt ihnen schwer, erklärt Sonja Gobara, die ärztliche Leiterin des neuen Autismuszentrums in St. Pölten.

Ja. Doch nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene.

[…]

Autistische Kinder fordern ihre Eltern nicht nur in der Erziehung, sondern oft auch finanziell. Viele Therapien sind teuer. Die Kinder im Autismuszentrum bekommen hochfrequente Behandlungen. Ihre Eltern kommen mit ihnen zwei- bis dreimal pro Woche über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Im Autismuszentrum Sonnenschein werden alle anfallenden Kosten von der Sozialversicherung und vom Land übernommen.

Das Attribut hochfrequent deutet auf intensive Verhaltenstherapieformen hin, welche die Österreichische Krankenkasse bisher nicht übernommen hat. Ich meine auch, dass ich vom Ambulatorium Sonnenschein von 20 Stunden Therapie pro Woche gelesen habe. In meinen Augen – als Autist, nicht als Fachkraft – ist das bereits zu viel für kleine Kinder. Davon abgesehen klingt der erste Satz so, als seien Autisten nur eine Belastung für die Eltern, Erziehung und ihren Geldbeutel, was mitnichten der Fall ist.

Landeshauptfrau Mikl-Leitner (ÖVP) sprach bei der Eröffnung von einer „Selbstverständlichkeit“, denn „wenn man als Familie eine so große Herausforderung zu stemmen hat, dann muss die Behandlung gratis sein“.

Danke. Gegenüber Flüchtlingen, die Kriegstraumata, Folter, Verfolgung bewältigen müssen, während sie gleichzeitig fließend deutsch lernen und am besten hochqualifiziert sein sollen, war Mikl-Leitner als damalige Innenministerin nicht so generös.

[…]

Denn bis Autismus bei Kindern diagnostiziert wird, haben betroffene Kinder und deren Eltern oft einen schwierigen und langen Weg hinter sich. Nicht selten sind Schulprobleme der Grund für eine Zuweisung. Zu diesem Zeitpunkt sind aber bereits sechs Entwicklungsjahre verlorengegangen, so der auf Autismus spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiater Christian Popow. Autisten, die in ihrer Kindheit keine Therapien bekommen hätten, würden „fast zu hundert Prozent nicht arbeiten können“, so Popow.

Also ich hab in der Kindheit auch keine Therapie bekommen. Jetzt arbeite ich seit 10 Jahren Vollzeit im Schichtdienst. Ich kenne eine Menge anderer Autisten, die genauso arbeiten, spätdiagnostizierte Autisten sind ebenso viele darunter. Halte ich also für eine gewagte Aussage, aber das liegt an der mangelnden Differenzierung. Hier wird nämlich kein einziges Mal erwähnt, dass es sich bei Autismus um ein Spektrum handelt, mit einer großen Bandbreite individueller Ausprägungen.

Dennoch sei die Krankheit „kein Schicksal“. Man könne einem großen Teil autistischer Kinder helfen, „und man kann versuchen, ihnen die Funktionen, die aufgrund einer Vernetzungsstörung im Gehirn entstanden ist, in den Griff zu bekommen“. Vorausgesetzt, die genetisch bedingte Erkrankung des Nervensystems wird möglichst früh diagnostiziert.

Ein Absatz, der weh tut und diametral zur Aussage des Kurpsychologen steht, die ich hier gerne noch einmal zitiere:

“Betrachten Sie Ihren Autismus bitte niemals als Störung. Es ist eine Charakterausprägung, eine Art Persönlichkeit! Sie haben ihre Schwachstellen, aber andere Menschen haben andere Schwachstellen. Dafür haben Sie auch Stärken, die andere nicht haben.”

Autismus ist weder eine Krankheit, Vernetzungsstörung noch Erkrankung. Solche Aussagen verletzen meine Gefühle. Autismus ist eine andere Art des Seins, mit Stärken und Schwächen. Viele moderne Autismus-Experten sind auch der Ansicht, nur kommen die in den österreichischen Medien leider kaum zu Wort.

Laut Gobara liege ein optimaler Behandlungsbeginn im Alter von etwa 18 Monaten vor. „Aus Erfahrung wissen wir, dass Eltern sehr früh ahnen, dass ihr Kind eine Form von Autismus haben könnte, meistens schon nach dem ersten Lebensjahr.“ Woran es dann aber oft mangelt, sind die entsprechenden Diagnosen.

Wie gesagt, Autismus ist ein Spektrum, und nachdem es sich um keine Krankheit handelt, besteht auch kein Behandlungs-, sondern höchstens ein Unterstützungsbedarf, um im Alltag besser klarzukommen. Dabei sollte aber die andere Wahrnehmung des Kindes berücksichtigt werden.

In Summe wieder mal ein Artikel, der vor allem Schwächen, Krankheit und finanzielle Belastung in den Vordergrund stellt. Journalistische Qualität zum Abgewöhnen. Beweise mir, dass Du auch anders kannst, Österreich!

Twitterpause

Seit 9 Tagen bin ich von Twitter weg. So lang dauerte seit meiner Anmeldung im November 2013 noch keine Pause. Trotzige Entzugsversuche endeten oft halbherzig nach ein oder zwei Tagen mit der Wiederanmeldung. Dieses Mal blieb ich standhaft, der Kuraufenthalt hilft naturgemäß mit. Grund für die Auszeit war dreierlei. Der zu dem Zeitpunkt sehr akute Freundschaftskummer, das Mobbing durch eine Gruppe von Autisten, wodurch es doppelt schwer ist, wenn man von einer Gruppe gemobbt wird, die die gleiche Diagnose hat und man eigentlich zusammenhalten sollte, gerade auch im Bewusstsein, dass neun von zehn Autisten selbst Mobbing und Traumata erlebt haben. Und drittens wollte ich während der Kur nichts mitbekommen von der Außenwelt, von politischen Kleinkriegen der neuen Regierung in Österreich, von den ewigen Empörungswellen, der täglichen Sau, die durch das Twitterdorf getrieben wird. Trump hier, Brexit dort, ich kann es nicht mehr lesen. Ich hab mich vor Jahren bewusst gegen einen Fernseher zuhause und gegen Ö3 entschieden und dann erhält man täglich mit zigfachen Retweets genau die Themen in die Timeline gespült, denen man aus dem Weg gehen wollte. Ganz auskommen tu ich auf der Kur auch nicht. In fast jedem Raum wird nerviges Radio mit Werbung gespielt. Dauerberieselung, der ich nur auf dem Zimmer, beim Schwimmen oder draußen entkomme.

Wenn es nach meinen Plänen geht, dauert die Pause noch bis zur letzten Kurwoche. Ich vermisse gelegentlich den Publikumsjoker, wenn ich technische Probleme mit dem Handy oder Tablet habe. Da bekam man auf Twitter oft gute Antworten speziell von Followern, die einen kennen und einen nicht mit Fachchinesisch erschlagen, bzw wo man auch nachfragen kann. Natürlich sind mir auch zahlreiche Follower ans Herz gewachsen, von denen ich jetzt nichts mehr mitbekomme. Vorher war es so selbstverständlich, täglich zu erfahren, was jemand macht und wie es einem geht. Oft liest man die Stimmungslage aus den Tweets ab, auch wenn zurecht einmal bemerkt wurde, dass ein Retweet nicht zwingend die aktuelle Stimmungslage wiedergeben muss. Vorsicht vor Überinterpretation. Ein bisschen unangenehm ist es mir außerdem, z. B. auf WhatsApp über bestimmte Tweets zu reden. Das sind zwei verschiedene Paar Welten. Entweder antwortet man hier oder dort. Das ist irritierend. Außerdem hat es den schalen Beigeschmack von Kontrolle, ständig über den Gefühlszustand des anderen Bescheid wissen bzw besorgt sein zu wollen. Das kann man auch übertreiben.

Ich hab Listen angelegt mit den allerliebsten Followern, und mit thematischen Interessen, z. B. Wetter, Klima, Soziales, Behinderung, etc. All das ist mir momentan während der Kur zweitrangig, deswegen vermisse ich es nicht besonders. Statt abends nur zu twittern, lese ich tatsächlich wieder mehr als vorher. Der reflexartige Griff zum Handy fehlt, wenn ich eine Situation erlebe oder einen Ausspruch höre, wo ich vorher sagte, das muss ich jetzt twittern. Hinterher vergeht der Moment und die Welt ging auch nicht unter, weil ich nicht darüber getwittert habe.

Wie geht’s weiter? Rückkehr heißt oft, dass ich sporadisch erste Bilder poste und dann automatisch in den alten Trott verfalle. Ich mache mir keine Illusionen, dass es dieses Mal anders ist. Über Autismus will ich aber dennoch weiter aufklären, über meine Sicht der Dinge. Mir folgen viele Psychologen und Lehrer. Ich hoffe, dass mein aufgeklärtes und differeziertes Bild von Autismus ein bisschen Früchte trägt und sich weiter verbreitet, weil immer noch viele Vorurteile existieren.

Medienkritik: Artikel über Autismus

Weil ich gerade nach Thunberg-Artikeln gesucht habe …
“Autismus ist eine Entwicklungsstörung, bei der sich das Gehirn anders entwickelt. Autismus ist keine Krankheit, sondern eher eine Wesensart. Menschen mit Autismus nehmen die Welt anders wahr. Es fällt ihnen schwer, mit anderen zu sprechen oder sich in jemanden hineinzuversetzen. Sie zeigen Emotionen anders und ihr Blick wirkt manchmal starr oder gleichgültig. Unter 100 Menschen haben im Durchschnitt ein bis zwei eine Form von Autismus. Eine eher unauffällige Autismus-Art ist das Asperger-Syndrom. Kinder mit Asperger legen großen Wert auf Ordnung und Rituale. Sie haben oft eine sehr “erwachsene” Sprache und großes Interesse für eine bestimmte Sache. Manchmal sind sie auch hochbegabt. Das nennt man dann “Inselbegabung”.

Quelle: https://www.sn.at/panorama/kinder/wie-fuehlt-es-sich-an-ein-fan-zu-sein-77879299 © Salzburger Nachrichten VerlagsgesmbH & Co KG , abgerufen am 24.10.2019

An sich eine zufriedenstellende Definition, auch wenn man zur anderen Wahrnehmung die Über- und Unterempfindlichkeit gegenüber Sinneseindrücken und emotionale Empathie hätte erwähnen können. Inselbegabung ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Hochbegabung. Echte Inselbegabungen (Savant-Fähigkeiten) sind sehr selten und treffen höchstens auf eine niedrige dreistellige Anzahl weltweit zu. Hochbegabungen finden sich wesentlich häufiger. Wesentlich unglücklicher bin ich mit der Formulierung “unauffällige Autismus-Art” bei Asperger – dazu hab ich erst vor kurzem gebloggt.
Der zweite Artikel wurde in der “Deutschen Ärztezeitung” veröffentlicht. Hier ist es besonders ärgerlich, wenn unsauber mit Begriffen umgegangen wird:
Asperger-Autisten gelten oft als besonders begabte Wunderkinder – so wie Greta Thunberg. Doch viele haben eine falsche Vorstellung von der Krankheit.
[…]

Autismus ist keine Krankheit, sogar in einer Provinzzeitung wie den Salzburger Nachrichten hat man das begriffen.

Menschen mit Asperger oder sogenanntem hochfunktionierendem Autismus haben eine höhere Intelligenz als Menschen mit „klassischem“ Autismus, dem Kanner-Autismus.
[…]
Das ist falsch. Denn es gibt für die Intelligenzmessung unterschiedliche Tests. Man hat herausgefunden, dass Autisten in rein nonverbalen Intelligenztests (Raven-Matrizentest) besser abschneiden als im klassischen Wechsler-Test (vgl. https://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/autismus-intelligenz.html). Deswegen kann man nicht mehr sagen, dass Asperger-Autisten intelligenter sind als “klassische” Autisten.

Wissenschaftler untersuchen weiter, ob Unterschiede zwischen Autisten nur Nuancen sind oder auf separate Krankheiten hinweisen.Autismus-Experte Simon Baron-Cohen rät, einen Oberbegriff mit Subtypen zu haben – wie bei Diabetes Typ-1 und Typ-2. So ließe sich unter anderem besser verstehen, welche Hilfsangebote wem helfen.

Autismus ist keine Krankheit. Demzufolge halte ich den Vergleich mit Diabetes für entbehrlich. Ich weiß aber, worauf er hinaus will, und halte das auch für sinnvoll, also Subtypen je nach genetischen Gemeinsamkeiten. Aber das ist Zukunftsmusik.

Auch Betroffene sind sich nicht einig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Andere sprechen sich unter dem Stichwort Neurodiversität dafür aus, dass sie nur eine andere Art der Wahrnehmung hätten. Wo Autismus anfängt, ist in der Tat unklar. Nach den neuen Diagnose-Kriterien würden viele Asperger-Autisten gar nicht mehr als Autisten gelten – laut einer Meta-Analyse träfe das auf jeden Vierten zu.

Das hätte man schon ausführen dürfen, wie man zu dieser Schlussfolgerung kommt. Temple Grandin erwähnt “The Autistic Brain” eine solche Studie (aus dem Jahr 2012), nach der von 657 nach dem DSM-IV diagnostizierten Autisten nur 60% gemäß den neuen Kriterien im DSM-V ihre Diagnose behalten würden (mehr dazu hier).

Wissenschaftler raten schon länger, Erkrankungen nicht nach Personen zu benennen.

Ja, aber Autismus ist keine Erkrankung, und Hans Asperger’s Verhalten während der Zeit des Nationalsozialismus sollte man von seinen Entdeckungen davor und danach trennen.

Ö1-Punkteins: Leben mit Asperger-Syndrom

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Einschränkung, Sonderbegabung und der Kampf um soziale Akzeptanz
Gäste: Dr. Wolfgang Gombas, Psychiater. “Maria”: Betroffene
Moderation: Philipp Blom (noch abrufbar bis 13.09.2019)

Maria tritt anonym auf, weil nur engste Familienmitglieder und nahe Freunde Bescheid wissen, wohnt in kleinem Ort. Sie kann nicht abschätzen, was passiert. Es mangelt an Aufklärung in Österreich, es wird stigmatisiert.

Gombas kann das verstehen, wegen der Stigmatisierung durch die offiziellen Diagnosen. Asperger ist ein Syndrom, eine Ansammlung von Symptomen. Diagnosen verändern sich. Asperger ist im ICD-10, wird also als Erkrankung bezeichnet, dürfte dann aber nicht Syndrom heißen.

Maria wurde spät diagnostiziert, Anfang 30, zufällig durch einen Freund darauf angesprochen, ob sie nicht im Autismus-Spektrum sei. Sie hat es anfangs nicht ernstgenommen, hat aber nach einigen Monaten begonnen, viel darüber zu lesen und konnte sich damit identifizieren. Sie erkannte sich wieder in den Problemen der Reizüberflutung. Sie wusste nie, warum sie alles so anstrengend empfand. Sie begriff erst, dass es für andere leichter sei. Continue reading