Wie offen ist offen?

Es war und ist eine schwierige Abwägung, wie offen ich mit meiner Diagnose umgehen kann und darf.

Aus persönlicher Sicht ist es sicherlich ungeschickt. Autismus, Asperger und überhaupt alles, was einen psychiatrischen Hintergrund hat, ist gesellschaftlich stigmatisiert. Viele Menschen wissen sehr wenig oder gar nichts darüber. Selbst im Psychologie-Studium ist Autismus höchstens eine Randnotiz. Das ist schade. Der namensgebende Hans Asperger war ein Österreicher. Seinem engagierten und teilweise riskanten Verdiensten ist es zu verdanken, dass zahlreiche Kinder mit Autismus-Diagnose vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet wurden.

Eine Diagnose wird anhand von Defiziten und Schwierigkeiten gestellt, andernfalls besteht kein Grund, eine Diagnostik zu machen. Autismus ist keine Diagnose, mit der man sich schmücken kann und die eine Übervorteilung gegenüber Nichtautisten bringt. In vielen Fällen ist es leider eine Ausschlussdiagnose, nämlich ein Ausschluss davon, zeigen zu können, dass man als diagnostizierter Mensch nicht nur aus Defiziten und Schwierigkeiten besteht. Stärkenorientiertes Denken ist nicht nur bei Autisten wichtig, es wäre für die Gesellschaft insgesamt eine Bereicherung, nicht nur auf die Herkunft zu schauen.

Mein offener Umgang damit ist jedoch die logische Folge dieses Missstands, dass immer noch sehr wenig über Autismus bekannt ist, dass viele Menschen Autismus nur durch Rain Man kennen, und dass die große Bandbreite des Autismus-Spektrums nicht durch die mediale Berichterstattung abgedeckt wird. Ich bin der Überzeugung, dass ein Verstecken nicht dazu führen wird, dass mehr über Autismus bekannt wird, und dass es auch anderen Betroffen nicht helfen wird, sich gegenüber Vorurteilen behaupten zu können. Es ist dem eigenen Energiehaushalt nicht zuträglich, ständig darüber nachzudenken, wie man Symptome maskieren kann. Macken hat schließlich jeder.

Ich glaube, dass wir in der gerade sich rapide veränderten Arbeitswelt darauf schauen müssen, dass Menschen wie wir nicht den Anschluss verlieren. Wer in der IT und technischem Umfeld arbeitet, hat sicherlich das goldene Los gezogen. Das gilt für Autisten und Nichtautisten gleichermaßen. Technologie ist die Zukunft, während alles, was mit Schreiben zu tun hat, an Bedeutung verliert – beginnend damit, dass die Schreibschrift immer weniger unterrichtet wird und kulminierend darin, dass Print durch Online ersetzt wird, was allerdings kein adäquater Ersatz ist, wie man an diversen Online-Medien-Schnellschüssen merken kann. Für nicht technikaffine Menschen wird es immer schwieriger noch eine Arbeit zu finden, wo man sich geistig austoben kann, und wo man nicht wegrationalisiert wird. Die wenigsten Menschen können sich Jobs frei aussuchen, noch viel weniger können ihr Hobby zum Beruf machen. Mein Wetterinteresse war schon seit der frühen Kindheit da (danke an die Kärntner Pension, in die der Blitz einschlug), es war wohl so vorherbestimmt, an allen Hürden und Barrieren vorbei.

Ich habe mich für den Weg entschieden, anderen Betroffenen Mut zu machen und durch meine Schilderungen einen Wiedererkennungswert zu liefern – so wie mir die Schilderungen von anderen Bloggern und Autoren geholfen haben, mich selbst zu finden und zahlreiche Aha-Erlebnisse ausgelöst haben. Nichtsdestotrotz geschieht all das nicht uneigennützig, da ich meine Erfahrungen durch das Schreiben selbst verarbeiten kann.

Buch über Autisten im Beruf übersetzt und Neuigkeiten zum Geschlechterverhältnis bei Autisten

Die erste gute Neuigkeit ist schon ein wenig älter, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu berichten:

  1. Rudy Simone – Asperger’s on the Job

Das Buch der Autistin Rudy Simone ist in meinen Augen DAS Standardwerk für Asperger-Autisten, Kollegen (von Autisten) und Arbeitgeber. Es wurde nun vom Autismus-Verlag übersetzt. Weshalb ich das Buch so wertvoll halte? Für mich persönlich war es ein echter Augenöffner. Ich las es erstmals, als ich noch den Verdacht hatte, Asperger zu sein (Frühjahr 2014) und bis auf ein paar durchaus eindeutige Internet-Selbsttests wenig Handfestes gelesen hatte. Die Aha-Erlebnisse bei der Lektüre waren regelrecht ein Schock! Ich erkannte mich in so vielen Situationen wieder, das konnte ich mir gar nicht alles einbilden! Auszüge aus ihrem Buch habe ich in Teil II und Teil III meiner dreiteiligen Serie über Autismus im Beruf übersetzt (außerdem: Teil I ).

Die zweite Neuigkeit bestätigt meinen subjektiven Eindruck, dass Autismus bei Mädchen und Frauen viel häufiger ist als in den derzeitigen Statistiken widerspiegelt wurde. Vergesst bitte die Theorie des extrem männlichen Gehirns von Baron-Cohen. Es suggeriert außerdem, dass Autisten weniger Empathie hätten, während nach Dziobek et al. (2008= die emotionale Empathie (Mitgefühl) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt ist.

  1. 2. In diesem Spektrum-Artikel wurde das Geschlechterverhältnis bei Autisten nun von 4:1 auf 3:1 reduziert.

Die Professorin für kognitive Neurowissenschaften am King’s College in London, Francesca Happé, sagt dazu: „Es gibt uns bis heute die stärkste empirische Grundlage, welche die Idee unterstützt, dass Autismus bei Mädchen wahrscheinlich unterdiagnostiziert wird. Das sind wirklich große Neuigkeiten.“ Zumal die derzeitigen Theorien zur Ursachenentstehung bei Autismus auf der Annahme basieren, dass Männer anfälliger sein als Frauen. Autismus bei Mädchen wird eher übersehen, weil Ärzte und andere denken, es beträfe vorwiegend Buben. Mädchen maskieren ihre autistischen Eigenschaften zudem besser [Anmerkung: Und erhalten dann eher eine Borderline- oder ADHS-Diagnose]. Die Analyse zeigte außerdem eine gleichmäßigere Verteilung von Buben und Mädchen (3.1:1) bei Studien mit hohem Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung. Die Fähigkeit von Mädchen, ihren Autismus zu überspielen, hängt mitunter von ihrer Intelligenz ab oder sie werden stärker beeinträchtigt als Buben.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Verhältnis insgesamt sogar unter 3:1 liegen könnte, weil Autismus-Tests vorrangig für typische Eigenschaften bei Buben entwickelt wurden. „Weil die Forschung und klinische Erfahrung mehrheitlich Buben umfasst, sind unsere Diagnosekriterien beinahe mit Gewissheit zugunsten von Männern verschoben“, sagt Happé.

Auch eine weibliche Form von Autismus ist denkbar, da Mädchen eher zu subtilen eingeschränkten Interessen und weniger repetitives Verhalten als Buben neigen. Doch die Diagnosekriterien zu ändern, um mehr Frauen mit autismusähnlichen Eigenschaften zu diagnostizieren ist keine leichte Aufgabe, weil dadurch Autismus selbst anders definiert werden müsste.

Übersiedlung geglückt: ein Rückblick

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Geiereck (1805m, Untersberg) mit Bannerwolke (starker Westwind streicht über den Gipfel, erzeugt im Lee Unterdruck, dadurch aufsteigender Luftstrom mit Hebungskondensation und Wolkenbildung)

Die letzten Wochen war unglaublich anstrengend: Prüfungen, Wohnungsübergabe neu, erste Dienste, Gerümpel einpacken, Übersiedlung und Wohnungsübergabe alt und alles wieder einräumen. Die körperliche Anstrengung war weniger eine Herausforderung als die mentale. Viel direkter Kontakt war notwendig, viele Telefongespräche. In Summe eine der schwierigsten Phasen in meinem Leben. Die vergangenen Umzüge (ich hatte derer schon fünf innerhalb 14 Jahren) waren alle unter günstigeren Umständen, entweder mit Unterstützung durch die Familie oder innerhalb des Wohnorts. Jetzt hatte ich zwar familiäre Unterstützung beim Umzug selbst, aber die Vorbereitung lief vollständig über mich. Neben Prüfungsvorbereitungen und neue Wohnung dingfest machen.

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Autismus im Job: Gute Jobs für Autisten?

Nachdem der Autor auf meinen Kommentar unter einem Text in der  „Karriere-Bibel“ nicht reagiert hat, nun etwas prominenter:

„Verallgemeinerungen sind immer heikel, auch reicht das Spektrum hier immerhin von frühkindlichem Autismus bis hin zur Inselbegabung.“

Frühkindlicher Autismus ist kein Antonym zur Inselbegabung – ein Vergleich von Äpfel und Birnen.

Der Autor suggeriert, dass frühkindliche Autisten eine geringe Intelligenz und/oder Begabung aufweisen.Tatsächlich hängt das Ergebnis der Intelligenztests davon ab, ob es sich um den Standard-IQ-Test von Wechsler (teilverbal) oder den komplett nonverbalen Ravens Matrizentest handelt. Autisten, die Sprachdefizite aufweisen, schneiden je nach Test deutlich besser oder schlechter ab. Frühkindlicher Autismus ist kein Synonym für unbegabt oder unintelligent! Auf der anderen Seite ist Inselbegabung kein Synonym für Autismus (unter inselbegabten Menschen finden sich genauso Nichtautisten), und jene Autisten mit Inselbegabung können massive Probleme haben, ein selbstständiges Leben zu führen.

Beispiel: Drücken Sie einem Nicht-Autisten 70 Euro in die Hand, dann zockt er mit dem Geld mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit dann, wenn er „50 Euro verlieren“ kann, als wenn er „20 Euro behalten“ kann. Die Aussicht, Geld zu verlieren, verstärkt in uns den Drang, dieses Szenario aktiv zu verhindern. Dabei sind beide Szenarien im Prinzip völlig identisch. Einen Autisten hingegen würde dieses Psycho-Spielchen völlig kalt lassen, er würde rein rational entscheiden.

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es hängt auch davon ab, ob man zu impulsiven Verhalten neigt, was etwa beim (häufig) komorbidem ADHS der Fall sein kann. Es ist einfach verkehrt, von Autisten zu erwarten, sie entscheiden immer rational. Ebenso wenig sind sie immer impulsiv.

„Autisten verstehen nur schwer Sarkasmus oder Ironie, können keinen Smalltalk, Sozialkompetenz ist sicherlich nicht ihr Steckenpferd. In Bereichen, in denen man andere Menschen führen, beraten oder lesen muss – zum Beispiel im Personalwesen – dürften Autisten in der Regel überfordert sein.“

Das weise ich entschieden zurück! Unter meinem autistischen Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich auch Psychologinnen, Lehrerinnen oder Therapeutinnen, die meines Wissens einen großartigen und sehr einfühlsamen Job machen. Ich glaube, dass Autisten durch ihre eigenen, oft schmerzlichen Lebenserfahrungen sich manchmal besser in andere hineinversetzen können als viele Nichtautisten, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Gerade in solchen Fällen ist Smalltalk oft ein Hemmschuh, da das „um den heißen Brei herumreden müssen“ keine Verbesserung eines unbehaglichen Zustands hervorruft. Erfahrungen aus Firmen mit autistischen Mitarbeitern zeigen im Gegenteil, dass die Direktheit und Ehrlichkeit auch auf das Team überspringen kann und so generell eine für alle angenehmere Atmosphäre schafft, in der man offen reden kann.

Auch in einer Führungsrolle muss Autismus kein Hindernis sein, das hängt von den Anforderungen und der Organisation ab. Gerade weil Autisten weniger nach Bauchgefühl als rational entscheiden, wären sie sogar besonders geeignet. Allerdings verlangt die Führungsrolle viel Fingerspitzengefühl und Beziehungspflege, hier kann ein Zuviel an Sachlichkeit durchaus schwierig werden, es ist aber nicht unmöglich!

„Typische Einsatzfelder liegen dagegen im IT-Bereich, für die Arbeit mit dem Computer sind Autisten geradezu prädestiniert.“

Die Studie von Lorenz und Heinitz (2014), http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0100358#pone.0100358-Schwarzer3

zeigt, dass das autistische Interesse vielfältiger ist als häufig suggeriert. Wie oben erwähnt, findet man in allen Bereichen Autisten. Nur: Ein beträchtlicher Anteil ist nichtdiagnostiziert und hat seine ökologische Nische gefunden, in der oder sie glücklich wird, ein weiterer Teil hat zwar eine Diagnose, hat sich aber nicht geoutet, weil er oder sie zurechtkommen oder Angst vor Repressalien haben, wenn aufgrund einer Offenlegung kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten gegeben wird.

„Es gibt sicherlich eine Reihe adäquater Einsatzfelder, die erst noch entdeckt und freigelegt werden müssen.“

Es gibt sie bereits, und sie müssen nicht entdeckt und freigelegt werden, weil Autisten sogenannte Spezialinteressen aufweisen und darin gut sind. Der Autor hätte für die Recherche seines Texts durchaus Meinungen und Erfahrungen von Autisten bemühen können. Hierfür gibt es Twitter(-Hashtags), aber auch öffentliche Foren, wo recherchieren oder Fragen stellen kann. Ebenso gibt es zahlreiche Blogs im Netz. Es reicht mitunter schon, die zunehmende Auswahl autobiographischer Bücher zu betrachten, die von Literaturwissenschaftlern über Journalisten bis zu Künstlern reicht.

Wiederholende Abläufe
KEIN Zeitdruck

Jein… idealerweise ja, aber was ist schon ideal? Das wissen auch Autisten. Wer in bzw. mit seinem Spezialinteresse arbeitet, toleriert auch gewisse Einschränkungen. Manche Autisten mögen – geplante – Abwechslung und andere kommen mit Zeitdruck klar, wenn eine klare Prioritätenliste gegeben ist, d.h., bei Zeitdruck muss klar sein, in welcher Reihenfolge etwas erledigt werden muss, eine umfassende Vorbereitung nimmt Stress weg. Unter diesen Voraussetzungen ist auch Zeitdruck für eine gewisse Zeit tolerabel. Jeder Mensch, ob Autist oder Nichtautist, besitzt hier seine persönliche Schmerzgrenze.

Karriere-Standard, 12.11.16: Richtigstellung!

Besonders gelungen empfinde ich den Text von Martin Jan Stapanek auf Futurezone, der die Veranstaltung von Specialisterne & Anecon am Dienstag, 8.11., zusammengefasst hat.  Nicht so gelungen ist der Absatz über mich, der im Karriere-Standard vom 12.11.16 erschien. Ich möchte für jene, die meinen Blog finden, folgendes klarstellen:

Meine Aussagen über Lärmempfindlichkeit, viele Erholungspausen und „Probleme, auf andere Kollegen zuzugehen“ bezogen sich auf die Frage, warum Autisten das Studium schwerfällt. Ich bezog mich ausdrücklich nicht auf meinen Berufsalltag. Zudem erwähnte ich zu allen Schwierigkeiten, die ich im Anschluss an diese Frage im Hinblick auf den Berufsalltag nannte, mögliche Lösungswege. Die Veranstaltung stand unter dem Licht autistischer Stärken, nicht Schwächen, was im restlichen Text von der Redakteurin ja auch deutlich gemacht wird.

Es macht übrigens auch einen wesentlichen Unterschied, ob man alleine in eine Ausbildung, Studium oder Beruf eintritt, und niemanden kennt, oder ob man in ein Umfeld kommt, wo bereits vertraute Menschen sind. Letzteres war bei mir bisher immer der Fall. Nachdem ich mehrere Jahre 100 % Schichtdienst gearbeitet habe, und dies sicherlich fordernd ist, kann ich dennoch sagen, dass es machbar ist. Das hängt nicht nur von der Dauer des Dienstes, sondern auch von Organisation und Atmosphäre ab.

Meine Absicht bei dieser Veranstaltung war, lösungsorientiert zu argumentieren und nicht die Schwächen alleine stehen zu lassen, wie es jetzt leider in der Print-Ausgabe geschehen ist.