Multitasking und Telefonate

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Asperger-Autisten sind nicht dafür berühmt, mehrere Sachen gut gleichzeitig zu können. Sie bevorzugen Aufgaben schrittweise zu erledigen, also eins nach dem anderen und tun sich damit schwerer, die Aufmerksamkeit zu teilen. Doch selbst wenn es mit viel Übung und mit dem Abarbeiten eines bestimmten Musters („Routine“) gelingt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, bleibt etwas unweigerlich auf der Strecke: die zwischenmenschliche Kommunikation. Das kann sich etwa so äußern, dass man im Multitasking-Prozess schroff oder gar unhöflich erscheint, etwa nicht antwortet, knapp antwortet, undiplomatisch antwortet und dabei gar noch das Gesicht verzieht. Entweder konzentriert man sich auf die Aufgabe oder mehrere Aufgaben zugleich oder auf die Kommunikation. Das Gehirn ist nur begrenzt teilungsfähig. Ich persönlich glaube ja, dass kein Mensch während Multitasking 100 % Leistung bringen kann, zumindest nicht über längere Zeit hinweg, aber wie dem auch sei, die Unhöflichkeit des Asperger-Autisten hat hier eben ihre handfesten Gründe, und ist nicht Teil eines schlechten Charakters oder einer schlechten Kinderstube. Weiterlesen

Anschluss finden ist schwierig

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Vor kurzem wurde ich gefragt, wie mir das in Innsbruck und Wien zuvor gelungen ist, wo ich je sechs Jahre gewohnt habe.  Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Gegensatz zu vielen Nichtautisten habe ich keinerlei Kontakt und auch nie das Bedürfnis danach gehabt, alte Schulkollegen wiederzusehen. Man kann sich wahrscheinlich vorstellen, dass mit zwischenmenschlichen Missverständnissen und noch dazu ohne Diagnose/Erklärung ein autistisches Schulleben alles andere als einfach ist, im Grunde war es traumatisch. Ich verstand mich mit den Lehrern immer deutlich besser als mit Gleichaltrigen oder Jüngeren. Ich war ja schon immer ein Kopfmensch und maß mich nicht mit anderen Schülern. Ein gutes Lehrerverhältnis macht Schüler nicht unbedingt beliebter. Ich hatte wechselnde Freunde abseits der Schule, und ein Kumpel, mit dem ich früher oft meine Freizeit verbrachte, verlor ich aus den Augen, als ich ins Gymnasium kam und er in die Realschule ging. Die meiste Zeit verbrachte ich alleine, erst durch meine Wetterleidenschaft ergaben sich bis 2002 zaghafte Kontaktversuche mit meist älteren Leuten, über deren Wetterhobby durch die regionale Zeitung berichtet worden war. Weiterlesen

Wie offen ist offen?

Es war und ist eine schwierige Abwägung, wie offen ich mit meiner Diagnose umgehen kann und darf.

Aus persönlicher Sicht ist es sicherlich ungeschickt. Autismus, Asperger und überhaupt alles, was einen psychiatrischen Hintergrund hat, ist gesellschaftlich stigmatisiert. Viele Menschen wissen sehr wenig oder gar nichts darüber. Selbst im Psychologie-Studium ist Autismus höchstens eine Randnotiz. Das ist schade. Der namensgebende Hans Asperger war ein Österreicher. Seinem engagierten und teilweise riskanten Verdiensten ist es zu verdanken, dass zahlreiche Kinder mit Autismus-Diagnose vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten gerettet wurden.

Eine Diagnose wird anhand von Defiziten und Schwierigkeiten gestellt, andernfalls besteht kein Grund, eine Diagnostik zu machen. Autismus ist keine Diagnose, mit der man sich schmücken kann und die eine Übervorteilung gegenüber Nichtautisten bringt. In vielen Fällen ist es leider eine Ausschlussdiagnose, nämlich ein Ausschluss davon, zeigen zu können, dass man als diagnostizierter Mensch nicht nur aus Defiziten und Schwierigkeiten besteht. Stärkenorientiertes Denken ist nicht nur bei Autisten wichtig, es wäre für die Gesellschaft insgesamt eine Bereicherung, nicht nur auf die Herkunft zu schauen.

Mein offener Umgang damit ist jedoch die logische Folge dieses Missstands, dass immer noch sehr wenig über Autismus bekannt ist, dass viele Menschen Autismus nur durch Rain Man kennen, und dass die große Bandbreite des Autismus-Spektrums nicht durch die mediale Berichterstattung abgedeckt wird. Ich bin der Überzeugung, dass ein Verstecken nicht dazu führen wird, dass mehr über Autismus bekannt wird, und dass es auch anderen Betroffen nicht helfen wird, sich gegenüber Vorurteilen behaupten zu können. Es ist dem eigenen Energiehaushalt nicht zuträglich, ständig darüber nachzudenken, wie man Symptome maskieren kann. Macken hat schließlich jeder.

Ich glaube, dass wir in der gerade sich rapide veränderten Arbeitswelt darauf schauen müssen, dass Menschen wie wir nicht den Anschluss verlieren. Wer in der IT und technischem Umfeld arbeitet, hat sicherlich das goldene Los gezogen. Das gilt für Autisten und Nichtautisten gleichermaßen. Technologie ist die Zukunft, während alles, was mit Schreiben zu tun hat, an Bedeutung verliert – beginnend damit, dass die Schreibschrift immer weniger unterrichtet wird und kulminierend darin, dass Print durch Online ersetzt wird, was allerdings kein adäquater Ersatz ist, wie man an diversen Online-Medien-Schnellschüssen merken kann. Für nicht technikaffine Menschen wird es immer schwieriger noch eine Arbeit zu finden, wo man sich geistig austoben kann, und wo man nicht wegrationalisiert wird. Die wenigsten Menschen können sich Jobs frei aussuchen, noch viel weniger können ihr Hobby zum Beruf machen. Mein Wetterinteresse war schon seit der frühen Kindheit da (danke an die Kärntner Pension, in die der Blitz einschlug), es war wohl so vorherbestimmt, an allen Hürden und Barrieren vorbei.

Ich habe mich für den Weg entschieden, anderen Betroffenen Mut zu machen und durch meine Schilderungen einen Wiedererkennungswert zu liefern – so wie mir die Schilderungen von anderen Bloggern und Autoren geholfen haben, mich selbst zu finden und zahlreiche Aha-Erlebnisse ausgelöst haben. Nichtsdestotrotz geschieht all das nicht uneigennützig, da ich meine Erfahrungen durch das Schreiben selbst verarbeiten kann.

Buch über Autisten im Beruf übersetzt und Neuigkeiten zum Geschlechterverhältnis bei Autisten

Die erste gute Neuigkeit ist schon ein wenig älter, komme aber erst jetzt dazu, darüber zu berichten:

  1. Rudy Simone – Asperger’s on the Job

Das Buch der Autistin Rudy Simone ist in meinen Augen DAS Standardwerk für Asperger-Autisten, Kollegen (von Autisten) und Arbeitgeber. Es wurde nun vom Autismus-Verlag übersetzt. Weshalb ich das Buch so wertvoll halte? Für mich persönlich war es ein echter Augenöffner. Ich las es erstmals, als ich noch den Verdacht hatte, Asperger zu sein (Frühjahr 2014) und bis auf ein paar durchaus eindeutige Internet-Selbsttests wenig Handfestes gelesen hatte. Die Aha-Erlebnisse bei der Lektüre waren regelrecht ein Schock! Ich erkannte mich in so vielen Situationen wieder, das konnte ich mir gar nicht alles einbilden! Auszüge aus ihrem Buch habe ich in Teil II und Teil III meiner dreiteiligen Serie über Autismus im Beruf übersetzt (außerdem: Teil I ).

Die zweite Neuigkeit bestätigt meinen subjektiven Eindruck, dass Autismus bei Mädchen und Frauen viel häufiger ist als in den derzeitigen Statistiken widerspiegelt wurde. Vergesst bitte die Theorie des extrem männlichen Gehirns von Baron-Cohen. Es suggeriert außerdem, dass Autisten weniger Empathie hätten, während nach Dziobek et al. (2008= die emotionale Empathie (Mitgefühl) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt ist.

  1. 2. In diesem Spektrum-Artikel wurde das Geschlechterverhältnis bei Autisten nun von 4:1 auf 3:1 reduziert.

Die Professorin für kognitive Neurowissenschaften am King’s College in London, Francesca Happé, sagt dazu: „Es gibt uns bis heute die stärkste empirische Grundlage, welche die Idee unterstützt, dass Autismus bei Mädchen wahrscheinlich unterdiagnostiziert wird. Das sind wirklich große Neuigkeiten.“ Zumal die derzeitigen Theorien zur Ursachenentstehung bei Autismus auf der Annahme basieren, dass Männer anfälliger sein als Frauen. Autismus bei Mädchen wird eher übersehen, weil Ärzte und andere denken, es beträfe vorwiegend Buben. Mädchen maskieren ihre autistischen Eigenschaften zudem besser [Anmerkung: Und erhalten dann eher eine Borderline- oder ADHS-Diagnose]. Die Analyse zeigte außerdem eine gleichmäßigere Verteilung von Buben und Mädchen (3.1:1) bei Studien mit hohem Anteil an Kindern mit geistiger Behinderung. Die Fähigkeit von Mädchen, ihren Autismus zu überspielen, hängt mitunter von ihrer Intelligenz ab oder sie werden stärker beeinträchtigt als Buben.

Manche Forscher sind der Meinung, dass das Verhältnis insgesamt sogar unter 3:1 liegen könnte, weil Autismus-Tests vorrangig für typische Eigenschaften bei Buben entwickelt wurden. „Weil die Forschung und klinische Erfahrung mehrheitlich Buben umfasst, sind unsere Diagnosekriterien beinahe mit Gewissheit zugunsten von Männern verschoben“, sagt Happé.

Auch eine weibliche Form von Autismus ist denkbar, da Mädchen eher zu subtilen eingeschränkten Interessen und weniger repetitives Verhalten als Buben neigen. Doch die Diagnosekriterien zu ändern, um mehr Frauen mit autismusähnlichen Eigenschaften zu diagnostizieren ist keine leichte Aufgabe, weil dadurch Autismus selbst anders definiert werden müsste.

Übersiedlung geglückt: ein Rückblick

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Geiereck (1805m, Untersberg) mit Bannerwolke (starker Westwind streicht über den Gipfel, erzeugt im Lee Unterdruck, dadurch aufsteigender Luftstrom mit Hebungskondensation und Wolkenbildung)

Die letzten Wochen war unglaublich anstrengend: Prüfungen, Wohnungsübergabe neu, erste Dienste, Gerümpel einpacken, Übersiedlung und Wohnungsübergabe alt und alles wieder einräumen. Die körperliche Anstrengung war weniger eine Herausforderung als die mentale. Viel direkter Kontakt war notwendig, viele Telefongespräche. In Summe eine der schwierigsten Phasen in meinem Leben. Die vergangenen Umzüge (ich hatte derer schon fünf innerhalb 14 Jahren) waren alle unter günstigeren Umständen, entweder mit Unterstützung durch die Familie oder innerhalb des Wohnorts. Jetzt hatte ich zwar familiäre Unterstützung beim Umzug selbst, aber die Vorbereitung lief vollständig über mich. Neben Prüfungsvorbereitungen und neue Wohnung dingfest machen.

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