Abstruse Theorien? Mitnichten!

abstrus
Tweet in meine Richtung am 31.08.18

Der Tag war zu schön, um darauf zu antworten. Nachdem ich Twitter am Handy deinstalliert habe, hätte ich sowieso nicht antworten können und selbst im eingeloggten Zustand wäre es nicht gegangen, weil mich besagter User blockiert hat, dennoch in den letzten Jahren immer wieder zitierte und seiner Twitterblase den Fraß vorwarf, eine Methodik, die man auch bei anderen radikal(er)en Gruppierungen öfter sieht: So zitieren (z.b. ein Screenshot), dass der andere nicht darauf reagieren kann (er ist ja weiterhin blockiert) und nichts davon mitbekommt. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich so ein hinterrückliches Verhalten nicht ausstehen kann. Das grenzt an Mobbing, insbesondere, wenn die zitierten Tweets dann umgedeutet werden. So wurde vor Jahren einmal behauptet, ich hielte mich für etwas besseres als frühkindliche Autisten, weil ich mich als Asperger bezeichne. Völliger Schwachsinn – führte aber dazu, dass ich aus einem Gemeinschaftsblog mit anderen Autistinnen ausgestoßen wurde.

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Nazi News sell better!

Ich möchte auf den Inhalt der Veröffentlichung von Herwig Czech noch in einem anderen Artikel eingehen. Zuvor ein Gedankenspiel …

“Ich möchte etwas sagen. Ich habe eine Asperger-Diagnose. Das ist …”

“Asperger…? Das ist doch der Arzt, der für die Ermordung dutzender Kinder in der Nazizeit verantwortlich war.”

“Ja, eigentlich spricht man heute auch nur noch von Autismus-Spektrum?”

“Autismus? Aber Du kannst doch sprechen!”

“Ich hab sogar studiert und arbeite selbständig in …”

“Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Autismus ist doch diese Krankheit, bei der Kinder schaukelnd in einer Ecke sitzen und bei allem Hilfe im Alltag brauchen.”

“Autismus ist keine Krankheit. Es heißt doch darum Spektrum, weil es so viele individuelle Ausprägungen davon gibt, von sprechenden zu nichtsprechenden Autisten, von Autisten mit verminderter bis zur hohen Intelligenz, von …”

“Hab schon verstanden. Was hat das mit dem Asperger-Nazi zu tun?”

“Asperger hat diese Form von Autismus während der 30er und 40er Jahre entdeckt und Kinder danach behandelt. Es geriet aber danach in Vergessenheit und Leo Kanner, mit dem nach ihm benannten Kanner- bzw. frühkindlichen Autismus erntete die größte Aufmerksamkeit. Seine Autismus-Patienten waren von außen betrachtet viel stärker betroffen. In den 80er Jahren wurde das Asperger-Syndrom von Lorna Wing wiederentdeckt, übrigens eine …”

“Das ist mir zu kompliziert. Ich habe nicht das Gefühl, dass Du stärker betroffen bist.”

“Deswegen spreche ich lieber von Asperger, das stößt die Menschen nicht sofort vor den Kopf, wenn sie es das erste Mal hören, aber jetzt denken alle bei Asperger sofort an die Naziverbrechen. Dabei …”

“Asperger war also ein Nazi.”

“… war Asperger laut Aussagen seiner damaligen Weggefähren wahrscheinlich selbst im autistischen Spektrum zuhause.”

“Asperger war also ein Nazi.”

“Er war nicht Mitglied der NSDAP, aber er war auch nicht die heilige Figur, die später aus ihm gemacht wurde. In Östereich war der Austrofaschismus und Nationalismus schon lange vor der Nazizeit sehr beliebt in der Bevölkerung. Viele waren Mitläufer und Opportunisten. Wenn er sich widersetzt hätte und nicht Mitglied bei NS-Organisationen geworden wäre, hätte er vermutlich nicht mehr praktizieren dürfen.”

“Asperger war also ein Nazi.”

“Seine Ansichten im Einklang mit dem Euthanasieprogramm und seine Handlungen, die den Tod dutzender Kinder zur Folge hatten, sind nicht zu rechtfertigen. Dennoch kommt man nicht umhin, sich mit allen seinen Veröffentlichungen und Aussagen über Autismus differenziert auseinander zu setzen. Ohne seine Verdienste unabhängig von seiner Rolle während der NS-Herrschaft wären noch heute zehntausende, hunderttausende Autisten undiagnostiziert, mit hohem Leidensdruck ohne zu wissen, woher die Andersartigkeit kommt.

Leider geht in der derzeitigen hysterischen Berichterstattung genau diese Differenzierung verloren. Das, was seine damaligen Weggefährten über ihn sagten, kann man nicht ignorieren, auch nicht mit den neuen Erkenntnissen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Überhaupt geht es in den derzeitigen Zeitungsberichten gar nicht mehr um die vorurteilsfreie Aufklärung über Autismus, sondern nur um eine reflexhafte Verbannung Aspergers aus dem medizinhistorischen Bewusstsein.”


Und genau das macht mir Angst. Ob das neue Psychiatriegesetz in Bayern, dass Menschen mit Depressionen registrieren will, oder die Datensammelwut der schwarzblauen Regierung in Österreich. Eine logische Überleitung wäre, von der Rolle Aspergers im Nationalsozialismus auf die heutigen Gefahren eines deutlichen Rechtsruck in Mitteleuropa zu verweisen. Was es bedeutet, wenn Menschen mit psychiatrischen Diagnosen stigmatisiert werden, wenn im Regierungsprogramm betont wird, wie wichtig Sonderschulen sind, wenn sozialdemokratische Bürgermeister durchklingen lassen, dass sie kein Fan von inklusiven Schulversuchen sind. Der Koalitionspartner der ÖVP in Österreich, die FPÖ, fällt fast täglich durch “Einzelfälle” von Nazisagern auf. Angesprochen auf den Nationalsozialismus antwortete Kanzler Kurz mit “das war vor meiner Geburt” (1986). Seit die neue Regierung im Amt ist, schweigt die ÖVP zu allen rassistischen Ausfällen ihres Koalitionspartners.

Die aktuelle Regierung ist nicht sonderlich bemüht, ihre eigene Nazivergangenheit aufzuklären. Im Gegenteil, und viele Regierungsmaßnahmen bedeuten Rückschritte für den Sozialstaat, die offenen Drohungen gegen den staatlich geführten ORF, wenn er nicht pro-FPÖ berichtet, zeigen deutlich, wes Geistes Kind sie sind. Über zwei Drittel der Reichweite österreichischer Zeitungen gehen auf das Konto des Boulevard, die vor allem durch regierungsfreundliche Berichterstattung und rassistisch motivierte Falschmeldungen auffallen, nicht selten werden Infos von der Polizei zugesteckt, um ausländerfeindliche Meldungen zur Quotensteigerung konstruieren zu können.

 

Kernaussage dieses Gedankenspiels ist:

Asperger wurde jahrzehntelang als Diagnose verdrängt. Autismus für sich gehört(e) nicht einmal zur Pflichtvorlesung im Psychologie-Studium. Viele Allgemein- und Fachärzte haben erschreckend wenige Kenntnisse darüber. Wenn überhaupt, denken sie an den “frühkindlichen” Autismus. Die Bevölkerung selbst kannte Asperger vielfach überhaupt nicht, oder dachte allenfalls an “Rain Man”. Die wenigen ehrenamtliche Organisationen und Vereine in Österreich sind fast ausschließlich an Kinder und Jugendliche mit Autismus adressiert, nicht an Asperger und vor allem nicht an Erwachsene. Viele Österreicher denken immer noch, dass Autismus nur männliche Personen betrifft und sie denken an nichtsprechende, schaukelnde Kinder, nicht an Erwachsene mit einer bunten Vielfalt an autistischen Ausprägungen und Berufswünschen, die mitten im Leben stehen, wie man so schön sagt, sogar Familien gründen, Freundschaften aufbauen.

Meine Befürchtung ist jetzt, dass “Asperger” als Thema noch stärker gemieden wird, dass man damit nur alte Wunden nicht aufgearbeiteter Nazivergangenheit aufreißt. Es ist schon ohne diese Vergangenheit schwierig, sich als Autist zu outen, offen über Autismus zu reden, in einem Land, das einmal jährliche stattfindende ArmeHascherl-Spendenaktionen wie “Licht ins Dunkle” bereits als ausreichend empfindet statt offen über Inklusion zu reden.

Die Abschaffung des Begriffs Asperger-Syndroms würde übrigens nicht ausreichen. Auch das Rett-Syndrom ist nach einem Entdecker mit nationalsozialistischer Vergangenheit (Andreas Rett) benannt und noch heute in Verwendung. Und dies ist schon wesentlich länger bekannt als bei Hans Asperger. Auch mit dem Begriff Klinefelter-Syndrom bin ich nicht sehr glücklich, weil Harry F. Klinefelter 1942 lediglich anhand von 9 Buben charakteristische Merkmale feststellte, die, wir wir heute wissen, alle ein zusätzliches X-Chromosom aufweisen. Nicht alle Personen mit 47,XXY entwickeln jedoch das Klinefelter-Syndrom (Testosteronmangel) und nicht alle mit diesem Mangel wollen diesen therapiert haben (Intersexualität, Transgender). Es handelt sich um ein Spektrum wie bei Autismus auch. Trotzdem wird Klinefelter-Syndrom heute synonym mit 47,XXY verwendet, ohne das Spektrum dahinter zu hinterfragen.

Summa summarum: Die Naziverbrechen von damals, den Mangel an Widerstand im Kontext heutiger politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen sehen, die Betroffenen dabei nicht aus den Augen verloren und vor allem nicht in Schwarzweiß-Denken verfallen. Von vielen Veröffentlichungen und Entdeckungen Aspergers und seiner Kollegen profitieren Autisten noch heute, trotz seiner – wie jetzt erst bekannt wird – ethisch verwerflichen Rolle.

2. Autismus-Fachtagung in Rosenheim, 12.11.17

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Am 6. Jahrestag meiner ersten Kuhschneeberg-Besteigung fuhr ich das erste Mal auf eine Fachtagung über Autismus, die von Autismus Rosenheim e.V. veranstaltet wurde. Sie erstreckte sich über zwei Tage, am Samstag waren fünf bekannte Buchautoren mit autistischem Hintergrund zu hören (Preißmann, Schmidt, Linke, Hübner, Anouk), am Sonntag kamen die Fachleute Tebartz van Elst, Theunissen, Schilbach sowie die niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin Eva Maria Paas zu Wort. Continue reading

Kritisch sein gegenüber Aussagen

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Es gibt keine universelle Wahrheit. Es gibt Gesetze der Physik und wissenschaftliche Fakten, die durch sie geschaffen werden. Es gibt Bereiche der Unschärfe, die durch die Statistik abgedeckt wird. Das Studium hat mich gelehrt, kritisch zu hinterfragen, die Ursprünge von Aussagen anzuschauen. Nicht nur die Quelle ist wichtig, sondern auch mögliche Befangenheit, wenn etwa wissenschaftliche Studien durch eine bestimmte Lobby oder Unternehmen gefördert werden, die bestimmte Ergebnisse sehen wollen. Objektivität ist eine Herausforderung. Wenn sie nicht durch äußere Zwänge beeinflusst wird, dann durch voreilige Schlüsse, die man selbst zieht. Continue reading

Autismus, genetisch betrachtet von Rolf Knippers

knippers

Ein emotional herausforderndes Buch, weil es aus der defizitorientierten Perspektive geschrieben ist. Es beinhaltet eben gerade jede Formulierungen, die von Aleksander Knauerhase in seinem Buch und von vielen anderen Autisten, oft berechtigt, kritisiert werden. Wenn man sich an den Begriff Störung gewöhnt hat, ist es hochinteressant zu lesen und zeigt auf, woher die Vielfalt des autistischen Spektrums eigentlich kommt. Ebenso wird deutlich, weshalb die bisherige Einteilung Kanner, Asperger, atypisch nicht unbedingt zielführend ist, weil sie auf Verhaltensbeobachtung basiert und nicht auf genetische Besonderheiten. Continue reading