Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

wippen

In einer kürzlichen Talksendung wurde neben anderen Diskussionsteilnehmern eine Frau eingeladen, die einigen Zuschauern vor allem dadurch auffiel, dass sie – die Knie übereinandergeschlagen – unablässig mit dem Fuß wippte. Durch die Kameraeinstellung stand das Wippen recht penetrant im Vordergrund, was in sozialen Netzwerken zu entsprechenden Kommentaren veranlasste, bis hin dazu, das Wippen doch bitte einzustellen.

Jetzt zählt Wippen noch zu den harmloseren Varianten von Stimming. Neben schädlichen Angewohnheiten und selbstschädigendem Stimming gibt es auch an sich harmlose, aber gesellschaftlich verpönte Varianten, dazu zählen z.B. Händeflattern (Kreiselbewegungen, Schüttelbewegungen mit den Händen), schaukeln, Kugelschreiber klicken, Stifte zerbeißen, sonstige Körperbewegungen. Weiterlesen

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Je mehr Autisten aufklären, desto besser.

Kein Kampf, sondern Menschen begegnen, über Gespräch Sichtweise ändern, Brücken über nicht vorhandene Gräben bauen. Die gibt es nur in den Köpfen. Mehr Gemeinsamkeit als Trennendes.

Und weil Autisten verschieden sind, gibt es auch verschiedene Möglichkeiten der Aufklärung. Autisten sind genauso Individuen wie Nichtautisten auch. Autisten, die zugleich Eltern sind, sehen ihren Autismus oder ihre autistischen Sprösslinge mitunter anders als Nichteltern. Autisten, die traumatische Erfahrungen gemacht haben (ja, das sind sehr viele, mit unterschiedlichen Traumata), denken anders darüber als jene, die mit einem wohlwollenden Umfeld aufgewachsen sind. Autisten, die Psychologie oder Medizin studiert haben und diese praktizieren oder darin forschen, haben wieder einen ganz anderen Blickwinkel, als wenn man die Diagnose bekommen hat, sich aber nicht weiter mit den Ursachen und der Vielfalt an Symptomen auseinandersetzt.

Ebenso unterschiedlich wie die Autisten sind, ist auch das Interesse am Autismus selbst. Ein gewisser Prozentsatz wird nach der Diagnose nicht weiter nachforschen, sie leben ihr Leben, das reicht für sie. Andere, und das insbesondere seit der Erfindung und Verbreitung des Internets, emanzipieren sich von den bisherigen Behindertenvertretern und gründen eigene Gruppen oder Bewegungen, wieder andere sprechen nur für sich selbst. Das, was andere Autisten als brennende Themen bezeichnen, mag für die einen nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil es sie nicht selbst betrifft oder sie bereits mit dem eigenen Leben genügend Kraft verbrauchen.

Und nicht zuletzt gibt es verschiedene Wege, an Nichtautisten heranzutreten. Es gibt es Bewegungen, die sich sehr intensiv mit ABA auseinandersetzen und diese Therapiemethode als Folter anprangern, insbesondere im Hinblick auf aktuelle, kontroverse Förderungen von Aktion Mensch (siehe Artikel ein paar Wochen vorher), dann gibt es auch einzelne Aufklärende, die weniger gegen etwas kämpfen wollen als den Dialog zu suchen, auch mit denen, die diese Therapiemethode befürworten. Manche schreiben Bücher und lassen uns an ihrem Autismus teilhaben, der von einem Savant-Autismus wie bei Temple Grandin bis zum frühkindlichen Autismus einer Carly Fleischmann reicht. Diese und zahlreiche weitere Veröffentlichungen zeigen die Sicht von Innen und widerlegen viele Vorurteile von außen. Forscherinnen wie Michelle Dawson klären auf, indem sie sehr kritisch wissenschaftliche „Durchbrüche“ kommentieren. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich zu beteiligen, z.B. Gesprächsrunden oder Vorträge, Comicbücher oder Magazine, naturgemäß ziehen viele kommunikativ eingeschränkte Autisten die schriftliche Form vor, aber es gibt auch jene, die reden können und wollen.

Mir ist nur langsam, aber in letzter Zeit immer deutlicher klargeworden, dass ich ein Dialogmensch bin. Auch wenn mir das Reden schwerfällt, aber ich bin derjenige, der gerne auch mal an jemand Unbekanntes ein E-Mail schickt, denn eine E-Mail kann man in Ruhe schreiben und muss nicht gleich darf antworten. Wenn mir etwas am Herzen liegt, suche ich den Dialog, selbst, wenn ich die Meinung des anderen überhaupt nicht teile, und von vorneherein skeptisch dem gegenüber bin, was er als Verteidigung seiner Argumente anbringt.

Anlassfall für diesen Blogeintrag ist jedenfalls die Ankündigung eines Vortrags von Gee Vero bei Autismus Hamburg, Samstag, 2. April 2016, 15:00 Uhr (Einlass ab 14:30 Uhr, freier Eintritt). Universität Hamburg, Hauptgebäude, Hörsaal C, Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg (ÖPNV: S-Bahn Dammtor/ U-Bahn Stephansplatz). Autismus Hamburg ist deswegen in der Kritik, weil sie auf ihrer Website ABA als wirksame und empfohlene Therapiemethode anbieten.

Ich seh das Ganze so: Gee Vero hat ihren eigenen Weg, über Autismus aufzuklären. Sie fordert mehr Verständnis, Toleranz und Akzeptanz für Autisten und führt die andere autistische Wahrnehmung als Grundlage für das autistische Verhalten an.

Liebend gerne würde ich einen Vortrag von ihr hören, aber bereits ihr Buch und das Interview im MDR zeigten, dass ihre Sicht auf Autismus niemals mit ABA und ähnlichen Verhaltenstherapien vereinbar ist. Im besten Fall wird sie also die Veranstalter und Eltern davon überzeugen können, oder zumindest einen Denkanstoß liefern, zu überdenken, was sie eigentlich zu therapieren beabsichtigen. Keinesfalls wird man die Haltung der Künstlerin als Werbung für ABA instrumentalisieren können.

Ich denke, unterbewusst wissen die Leute ganz viel darüber. ‘Auto’ bedeutet ‘Selbst’, jeder hat ein Selbst. Inwieweit die Menschen sich ihres Wissens bewusst sind, kann ich nicht einschätzen. Ich tue aber alles dafür, dass das Wissen um Autismus zu den Menschen getragen wird. Aber wir können das nur machen, indem wir uns begegnen und ins Gespräch kommen und das ist manchmal etwas schwierig, weil man Autismus dem Menschen nicht ansieht und viele autistische Menschen auch versuchen, so gut im Leben klar zu kommen, dass der Autismus nicht zum Gespräch wird.

Ich bin jedenfalls über jede_n froh, der/die den Mumm hat, vor Publikum zu reden, noch dazu über ein Thema, wo die Emotionen manchmal übergehen, und wo viele Einwände und Skepsis kommen können (Eltern wie Therapeuten). Wer gelegentlich in Elternforen mitliest oder schreibt, weiß, wovon ich rede.

PS: Ich werde nur noch Kommentare freischalten, die ein Mindestmaß an Respekt und Fairness gegenüber dem Verfasser erkennen lassen. Gruppendynamik im negativen Sinne (Verleumdung, Mobbing) hat auf meinem Blog keinen Platz. Überhaupt sollten Autisten als diskriminierte Minderheit mehr zusammenstehen, statt jene zu verurteilen, die eine andere Herangehensweise haben, und die häufig ebenso unter Depressionen, Ängsten oder Traumata leiden oder litten, wie andere Aktivisten auch. Da ist auch ein wenig Fingerspitzengefühl gefragt, nämlich das, was von Nichtautisten ebenso verlangt wird.

„Aktion Mensch“ -leider sehr unkritisch!

Nach der Podiumsdiskussion mit dem Querdenkenden und ABA-Vertretern fördert Aktion Mensch weiterhin trotz heftigem Gegenwind durch Autisten ein umstrittenes Projekt, das Bremer Elterntraining (BET), mit einer Viertelmillion Euro.

Die Aktivisten gehen jetzt zur nächsthöheren Ebene, dieser Offene Brief an das Magazin Monitor soll die Medien dazu anregen, über ABA zu recherchieren, nachdem seitens “Aktion Mensch“ kein Diskussionsbedarf mehr signalisiert wird. Unterschrieben werden kann noch bis kommenden Sonntag, 13.3., 23.59.

Im nachfolgenden Text begründe ich, warum ich Argumentation und Zielsetzung des BET für unvereinbar mit dem Interesse der Betroffenen halte.

Weitere Begründungen:

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Baustellen in Österreich

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Österreich hat generell einen erhöhten Nachholbedarf, was Menschen mit Behinderung betrifft, und einen sehr großen Nachholbedarf, was Autismus betrifft. Das fängt bereits damit an, dass im allgemeinen Sprachgebrauch Autismus von Asperger abgegrenzt und das Vorhandensein eines Spektrums ignoriert wird. Wie in vielen Ländern und speziell im medizinischen Kontext wird unter Autismus eine Störung, Krankheit oder Erkrankung verstanden. Medienberichte neigen dazu, nur die rein defizitorientierten Merkmale von Autismus – oder das krasse Gegenteil, die Inselbegabung, hervorzuheben. In dieser Polarisierung, nicht zuletzt auch die Beschränkung besonderer Fähigkeiten auf den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, finden sich nicht alle Autisten wieder. Weiters klammert man dadurch frühkindliche Autisten aus, denen häufig eine geistige Behinderung nachgesagt wird, wenn sie nicht sprechen oder vom äußerlichen Verhalten sehr auffällig erscheinen.
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Reflexion: Wenn Dinge aus dem Ruder laufen

Vorab: Dieser Eintrag bleibt so stehen. Ich bin manchmal zu selbstkritisch, aber in diesem Fall sind ein paar erklärende Worte nötig, denke ich, auch wenn die angesprochene Leserschaft in der Minderheit sein dürfte. Mit etwas Abstand sehe ich die Dinge klarer und kann auch meine eigene Rolle darin besser bewerten. Dazu zählt u.a.

Ich kann nicht anderen vorwerfen, zu emotional zu agieren, wenn ich selbst zu emotional reagiere.

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