“Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

Erst vor kurzem hatte ich über einen Artikel in der Wiener Wochenzeitung “Falter” gebloggt, ein entsprechender Leserbrief wurde (gekürzt) auch veröffentlicht. Heute wurde ein weiterer Leserbrief von jemandem abgedruckt, die “seit fünf Jahren zum Thema Behinderung im Bereich Kommunikation/PR in Organisationen” arbeitet. Sie moniert, dass viele Artikel platt sind, Stereotypen bedienen und über Menschen mit Behinderung schreiben, als seien sie entweder Helden oder bemitleidenswerte Opfer, die Reportage im Falter habe das nicht getan. Ich respektiere natürlich, dass man zur Qualität des Artikels eine andere Meinung haben kann. Jedoch geht es hier um Autismus im Speziellen und nicht um irgendeine körperliche Behinderung. Fünf Jahre Außensicht zum Thema Behinderung allgemein reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob hier korrekt über die autistische Wahrnehmung berichtet wurde. Heute ereilte mich die Empörung zahlreicher Frauen in meiner Twitter-Timeline, dass der Feuilletonchef Dusini im Falter zum Thema “Tugenden in Zeiten des Shitstorms”, mit Gabalier und Sargnagel als Protagonisten, kommentiert, relativ prominent auf Seite fünf, wo normalerweise das Leitkommentar von Armin Thurnher steht. Zahlreiche Screenshots zeigten die provokativen Zeilen. Da ich zufällig die aktuelle Ausgabe besaß, las ich weiter und gleich im nächsten Satz steht “Manchmal hilft vielleicht auch das Asperger-Syndrom.” Continue reading

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Buchempfehlung: Berufsbiografien von Asperger-Autisten (I)

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Wie bei vielen Autistinnen und Autisten ist auch bei mir rund ein Jahr nach der Diagnose eine gewisse Sättigung bei der Suche nach neuen Erkenntnissen und Erfahrungsberichten anderer Autistinnen eingetreten. Hier und da hat man immer wieder Aha-Erlebnisse, doch insgesamt hat man sich mit der Diagnose abgefunden und versucht damit zurechtzukommen. Das folgende Buch stellt eine Ausnahme dar:

Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017

Nicht nur das 50 Seiten starke Vorwort hat beeindruckt, sondern auch die Lebensgeschichten der 22 Asperger-Autistinnen und -Autisten, die interviewt wurden. Jedem Interview mit gleichlautenden Fragen wurde ein je nach Stil der Autoren ein kurzer oder langer Bericht über den beruflichen Werdegang vorangestellt. Erst die Summe der individuellen Erfahrungsberichte macht die Stärke und Bedeutung dieses Buchs aus, viele Gemeinsamkeiten, aber auch die Beseitigung von Klischees über Autistinnen.

Im Teil I möchte ich auf das Vorwort eingehen, in Teil II versuche ich eine Zusammenfassung der 22 Interviews, denn das einzige Manko des Buchs ist ein fehlendes schlussfolgerndes Kapitel. In Teil III möchte ich ein paar der vorformulierten Interviewfragen selbst beantworten.

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Premium-Fehlinformationen über Autismus

Eher zufällig stieß ich auf diesen Artikel über Hans Asperger, als ich nach einer Verbindung zwischen der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und Asperger suchte. Leider ist er hinter einer Paywall verborgen, die die Zeitung “Die Presse” Premium-Artikel nennt. Erläuterung dazu:

In premium-Geschichten wie Reportagen, Analysen, Kommentaren oder Dossiers steckt besonders viel Energie, Zeit, Expertise oder Rechercheaufwand.

Der Inhalt des Artikels straft dieser mutigen Ansage leider Lügen. Er kaut lediglich die bekannten Klischees über das Asperger-Syndrom wider, die in der Story über den Benenner himself verpackt werden.  Das grundsätzliche Problem von Journalisten mit “Spektren” wird wieder einmal sichtbar: Pars pro toto. Verallgemeinerungen, die gerade bei einer so großen individuellen Vielfalt wie im Autismus-Spektrum nicht zulässig sind.

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2. Autismus-Fachtagung in Rosenheim, 12.11.17

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Am 6. Jahrestag meiner ersten Kuhschneeberg-Besteigung fuhr ich das erste Mal auf eine Fachtagung über Autismus, die von Autismus Rosenheim e.V. veranstaltet wurde. Sie erstreckte sich über zwei Tage, am Samstag waren fünf bekannte Buchautoren mit autistischem Hintergrund zu hören (Preißmann, Schmidt, Linke, Hübner, Anouk), am Sonntag kamen die Fachleute Tebartz van Elst, Theunissen, Schilbach sowie die niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin Eva Maria Paas zu Wort. Continue reading

Karriere-Standard, 12.11.16: Richtigstellung!

Besonders gelungen empfinde ich den Text von Martin Jan Stapanek auf Futurezone, der die Veranstaltung von Specialisterne & Anecon am Dienstag, 8.11., zusammengefasst hat.  Nicht so gelungen ist der Absatz über mich, der im Karriere-Standard vom 12.11.16 erschien. Ich möchte für jene, die meinen Blog finden, folgendes klarstellen:

Meine Aussagen über Lärmempfindlichkeit, viele Erholungspausen und “Probleme, auf andere Kollegen zuzugehen” bezogen sich auf die Frage, warum Autisten das Studium schwerfällt. Ich bezog mich ausdrücklich nicht auf meinen Berufsalltag. Zudem erwähnte ich zu allen Schwierigkeiten, die ich im Anschluss an diese Frage im Hinblick auf den Berufsalltag nannte, mögliche Lösungswege. Die Veranstaltung stand unter dem Licht autistischer Stärken, nicht Schwächen, was im restlichen Text von der Redakteurin ja auch deutlich gemacht wird.

Es macht übrigens auch einen wesentlichen Unterschied, ob man alleine in eine Ausbildung, Studium oder Beruf eintritt, und niemanden kennt, oder ob man in ein Umfeld kommt, wo bereits vertraute Menschen sind. Letzteres war bei mir bisher immer der Fall. Nachdem ich mehrere Jahre 100 % Schichtdienst gearbeitet habe, und dies sicherlich fordernd ist, kann ich dennoch sagen, dass es machbar ist. Das hängt nicht nur von der Dauer des Dienstes, sondern auch von Organisation und Atmosphäre ab.

Meine Absicht bei dieser Veranstaltung war, lösungsorientiert zu argumentieren und nicht die Schwächen alleine stehen zu lassen, wie es jetzt leider in der Print-Ausgabe geschehen ist.