Epilog zur Kur

(abgewandeltes Zitat frei nach dem genügend lange toten Karl Valentin gelöscht, weil keine Lust auf weitere Grundsatzdiskussionen hier, ironischerweise befindet sich weiter unten im Text ein direktes Zitat mit Quellenangabe, langjährige Leser wissen, dass ich hohen Wert auf Quellenangaben lege. )

Skurrilerweise muss ich noch etwas loben vom Kurort, nämlich das immer frische Brot, das von Bäckereien aus der Umgebung selbst gebacken wurde. Herzhaftes Vollkornbrot zum Frühstück. Auch Fleisch und Fisch stammten aus der Umgebung.

Am letzten Tag hatte ich mit der Tischnachbarin ein Gespräch über Stressbewältigung, sie gab mir den Tipp, beim nächsten Waldspaziergang die Bäume richtig zu umarmen, um den Harz-bzw. Holzgeruch tief einatmen zu können. Wir redeten auch darüber, warum sie früher Stress besser aushielt als heute und dass das nicht (nur) am Alter lag, sondern daran, wie wir heute den Feierabend und die Freizeit verbringen: Dauerberieselung durch Smartphone, Whatsapp und social media, Fake-News und CO. Früher war man entweder alleine oder war gezwungen, sich mit anderen “real” zu treffen, aber blieb nicht im Dauerkontakt. Früher, das sagte der Psychologe beim Workshop, war es auch üblich am Land, dass jedes Haus ein Bankerl vor der Tür hatte, wo man einfach saß und sich unterhielt oder nichts tat. Diese Kultur fehlt heute, die wenigen Bänke sind meist verwaist (Parkbänke sind etwas anderes, aber selbst da sitzt man heute oft, um ins Handy zu schauen statt in die Umgebung). Der Stress ist also hausgemacht, das Abschalten nach der Arbeit gelingt immer schwerer.

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Work-Life-Balance: Arbeit und Freizeit

Work-Life-Balance besteht nicht nur aus Arbeit und Freizeit, sondern in der Arbeit gibt es einen roten Balken, der für die Arbeitsbelastung steht, und einen gelben Balken, der für Pausen steht, für erholsame “zwischen Tür und Angel”-Gespräche und für humorvolle Unterhaltungen (er bezeichnete sich als Viktor Frankl-Schüler, Frankl betonte oft den Humor, um Belastungen zu bewältigen). All das nimmt Stress aus der Arbeit selbst. Im Freizeitbereich gibt es wieder einen roten Balken, der steht für Verpflichtungen, Arzttermine, Einkaufen, Behörden, Kinder, Haushalt. Dann einen gelben Balken, für Freizeitaktivitäten wie Sport, Buch lesen, Fernseh schauen, am Computer sitzen und einem weißen Balken, der für das aktive Nichtstun steht, für in die Luft schauen, Spazieren gehen, Entspannungstechniken, Musik hören, Baden. Bei ausnahmslos allen Burnoutpatienten fehlt der weiße Balken gänzlich. Sie haben oft weder auf Arbeit die Pausen noch gönnen sie sich die Ruhezeiten in der Freizeit. Nichtstun muss man (wieder)erlernen, die wenigsten nehmen das ernst.

Die Rückfahrt war übrigens wieder Nervenkitzel: Der Regionalzug hatte 11min Verspätung, zeitweise zeigte Scotty den Anschlusszug gar nicht mehr an. Wir kamen um 11.57 in Attnang-Puchheim an. Ich rannte mit dem schweren Gepäck beinahe die älteren Leute um, aber es ging nicht anders. Um 11.59 saß ich im Railjet, um 12.00 fuhr er los. Das war wirklich knapp! Im Ruheabteil, wo ich reserviert hatte, saß außer mir nur ein Anzugträger, der zwei Mal telefonieren musste. Ein weiterer Fahrgast übersah, dass erste Klasse war, packte sein McDonalds-Essen aus und telefonierte auch gleich. Der durchgehende Bordkellner sagte nichts, der Kontrolleur kam erst später. Davon abgesehen verlief die Fahrt ereignislos, ich bestellte ein Frühstück und bekam wegen dem schlechten Umsatz an dem Tag meinen großen Geldschein nicht los. Das sollte sich später rächen, als ich in Wien ins Taxi stieg. Der serbische Taxifahrer sah meinen Schneeschuhe und fragte, wo ich herkomme, ich sagte, von einer Kur. Wir kamen rasch ins Gespräch, er hatte wegen seinem Beruf ständig Rückenschmerzen und überlegte wegen meiner Auskunft, nun selbst auf Kur zu gehen. Ich fragte, ob der Chef das durchgehen lassen würde, und er meinte, er sei mit dem Chef gut gestellt, das würde schon gehen. Beim Ausfahren vom Bahnhof über die Favoritenstraße lief beinahe eine junge Frau ins Auto, die aufs Handydisplay schauend ohne auf den Verkehr zu achten über die Straße ging. Dann standen wir schon vor meiner Adresse und ich hatte nur den großen Schein und er keine Wechselscheine. Auf die Idee mit Kreditkarte zu zahlen kam ich nicht, er aber auch nicht, eventuell hatte er kein Terminal. Ich schaute, was ich an kleinerem Geld hatte, aber es reichte nicht, zu viel Differenz zum Fahrtpreis, das hätte Verlust für ihn bedeutet. Er stoppte den Zähler und wir fuhren gemeinsam zum Penny um die Ecke, er wartete am Gehsteig, während ich schnell hineinrannte, sinnlos Cola und Mannerschnitten kaufte, meinen Schein damit verkleinern konnte. Dann fuhren wir gemeinsam zurück und ich konnte ihn endlich bezahlen. Ich entschuldigte mich für die Umstände, die kleineren Scheine hatte ich bereits in der Früh vor der Abfahrt an das Haus- und Reinigungspersonal als Dankeschön verteilt. Wir kamen damit auch auf Serbien, er meinte, er kenne immer wieder Menschen dort, die so arm seien, dass sie ihre Stromrechnung nicht zahlen könnten. Sie hätten nicht viel Wahl, entweder auswandern oder kriminell werden, letzteres betonte er “Nicht, um sich einen Ferrari zu kaufen oder teures Gewand, sondern zum Überleben!” Er hatte zwei Kinder und betonte, wie wichtig Bildung sei, seine Kinder würden auch studieren bzw. eine Lehre machen. Bildung sei der Schlüssel zu allem.

So schloss sich gewissermaßen der Kreis, ich hatte drei Wochen lang mit den “Ausländern” die besten, offensten, tiefsinnigsten, ehrlichsten Gespräche geführt, erfuhr viel über ihre Heimatländer, dass Lebensmittel in Polen und Slowenien gleich teuer wie in Österreich seien, dass es sich nicht mehr lohne, nach Hause zu fahren, um dort etwas mitzunehmen. Hygieneartikel seien in beiden Ländern teilweise teurer als in Österreich. Dafür hat Slowenien ein besseres Arbeitsrecht als Österreich, es kann dort nämlich nicht im Krankenstand gekündigt werden, während in Österreich zwar nicht verhindert werden kann, dass die Arbeitnehmer auf Krankenkassenkur fahren, aber nachdem der als Krankenstand zählt, können sie sehr wohl im Krankenstand gekündigt werden. So hatte ich zum Abschluss ein sehr angenehmes Gespräch mit dem Taxifahrer und bereute am Ende, dass ich nicht mehr Trinkgeld gegeben hatte, aber ich war nach dem langen Tag nicht mehr dazu in der Lage.

Am Tag danach hatte ich gleich meinen ersten Arbeitstag, zwar nur passiv (Vorträge), aber dennoch anstrengend. Es fühlt sich auch heute noch alles seltsam an. Die Wohnung schien mir am ersten Tag fremd, drei Wochen sind eben doch lang. Wenn ich die Straße entlang blicke, erwarte ich jeden Moment, dass einer der Kurgäste auftaucht, mit denen ich drei Wochen zusammen war. Ich vermisse die Gespräche am Frühstückstisch, wir hatten auch viel Spaß. Der Psychologe hatte positiv bemerkt, dass ich schnell mit anderen Kurgästen ins Gespräch kam. Ich meinte, das lag an gemeinsamen Interessen (Bergsport) und dass ich mit Ausländern leichter ins Gespräch käme, weil sie weniger auf soziale Codes achten als auf den Inhalt, es ist für viele auch nicht so interessant, woher man kommt, bzw. anders gesagt, sie fragen viel gezielter nach, wie es in der Heimat sei, während Österreicher oft nur oberflächliche Neugier befriedigt sehen wollen.

Ein Zitat vom (nicht dezidiert Autismus-) Kurpsychologen möchte ich hier auch noch einmal gesondert erwähnen:
“Betrachten Sie Ihren Autismus bitte niemals als Störung. Es ist eine Charakterausprägung, eine Art Persönlichkeit! Sie haben ihre Schwachstellen, aber andere Menschen haben andere Schwachstellen. Dafür haben Sie auch Stärken, die andere nicht haben.”

Jetzt versuche ich langsam wieder Fuß zu fassen im Alltag. Ein paar Wanderberichte möchte ich noch schreiben. Der Computer läuft mit Win10, braucht aber relativ lange zum Hochfahren, den PC/Laptop-Neukauf habe ich also nur verzögert, aber Stress möchte ich mir damit keinen machen. Meine drei Übungen habe ich heute schon gemacht, noch vor dem Frühstück. Sonst genieß ich zugegeben gerade den Tag in der Wohnung.

Abreise und Zusammenfassung: 21 Tage Kuraufenthalt auf Kasse

Drei Wochen Kur im Schatten des Grimmings

Vom 08. bis 29. Jänner verbrachte ich meine erste Kur auf Kasse. Über meine Erfahrungen habe ich drei Wochen lang Tagebuch geführt. Ich nenne hier bewusst keinen Namen des Kurorts, weil ich nicht möchte, dass er über die Google-Suche auffindbar ist. Im folgenden Text möchte ich meine Erfahrungen preisgeben, einerseits, damit man sich grundsätzlich ein Bild machen kann, wie eine Kur heutzutage abläuft, andererseits besonders Autisten, die die Möglichkeit zu einer Kur haben, eine Hilfestellung zu geben, was auf sie zukommt. Die Erfahrungen sind nicht repräsentativ für andere Kurorte! Hier ging es relativ locker zu, woanders sind die Bedingungen strenger, der Zeitplan dichter, aber auch die Therapie mitunter individueller zugeschnitten. Auf Anfrage per Mail nenne ich den Namen des Kurorts (sofern man ihn sich aufgrund meiner Angaben nicht ohnehin schon herleiten konnte).

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