Elternsicht versus Betroffenensicht

Ich lese immer wieder Aussagen wie Eltern würden ihre Sicht auf Autismus zu sehr verallgemeinern, sie sollten stärker betonen, dass es sich nur um eine Einzelerfahrung handelt. Allerdings kommen diese Vorwürfe oft gerade von jenen, die selbst gerne verallgemeinern und eine Deutungshoheit suggerieren, was Autismus und Autisten betrifft. Grundsätzlich muss man festhalten, dass wir alle zwangsläufig verallgemeinern. Uns gelingt es nie, jeden Text so spezifisch und gleichzeitig allgemein zu halten, dass man alle im Spektrum darin wiederfindet. Außerdem gibt es eine Reihe von Einschränkungen, was die Verallgemeinerungen und Spezifizierungen betrifft: Continue reading

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Berufsbiografien von Asperger – Autisten: Die Interviewfragen (III)

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Folgende Fragen stammen aus …

Kohl, Seng & Gatti (2017), Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen.

Wenn sich hier weitere autistische Blogger anschließen möchten, freut mich das – dann kommen mehr als die 22 Interviews aus dem Buch zusammen. Fragen, die man nicht beantworten möchte, kann man auch weglassen. Zum Schluss sollte man außerdem entscheiden, was man öffentlich machen will und was nicht.

Ich bin schon geoutet. Außerdem möchte ich mit meinen Antworten aufrütteln, mehr Bewusstsein schaffen und mitunter Aspekte ansprechen, die Nichtautisten bisher nicht bewusst waren, dass sie eine Rolle spielen können. Das verlangt Mut zur Offenheit. Nicht jeder ist aber in so einer priviligierten Lage. Wägt also bitte genau ab, was ihr preisgebt.

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Sichtbarkeit von Autismus ist kontextabhängig

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Kommunikation ist für mich häufig ein Drahtseilakt (trotz gelungener Metaphern …)

Ich hatte gestern ein sehr anregendes Gespräch über Autismus und Barrieren im Alltag mit der Buchhändlerin meines Vertrauens in Wien. Um die Mittagszeit war gerade wenig los im Buchladen. Der Straßenlärm war von der Eingangsfront gut abgeschirmt, keine störende Hintergrundmusik. Den Verkäufer zu kennen, das macht den großen Unterschied für mich. Hier kommt ebenso wie beim Bergsportladen meines Vertrauens hinzu, dass ich durch die Glasfront erkennen kann, ob die mir bekannte Person im Laden ist. Dann trau ich mich reinzugehen. Nur so bin ich in der Lage, in kleinere Geschäfte zu gehen. Continue reading

Vienna Love

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Vogelsangberg (516m), one of my favorite hills in Vienna

First of all, I’m sorry you have to read another english post. My recent posting about relocation has been somewhat sober, according to a great friend. At current times I have troubles to be emotional in my native language. To be honest: I missed Vienna just a couple of months after moving to Salzburg two years ago. Each trip to Vienna since then felt like holiday, like balm for the soul, with great encounters and profound conversations. Back in Salzburg I was constantly annoyed about the sparse bus intervals at main station, prolonged waiting with egoistic smokers prompting me to change position every minute. The bus was often crowded and I always had to go a few more minutes by foot, along too narrow pavements being slippery during winter as winter services usually clear the main roads but not the side roads (Overall there are only 40 men in the winter services responsible for entire Salzburg!). 30 minutes by bus, 10 minutes taking the taxi. So in the end I didn’t like to come back, neither from Vienna trips nor from any hiking tours. It was always a pain in the ass.

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Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun

“#Sprechstunde #Landarztpraxis Eine 22-jährige normal entwickelte junge Frau kommt mit Erkältung. In Begleitung ihrer Mutter. Mehr muss man über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung nicht wissen.”

So tweetete kürzlich ein Arzt über ein Erlebnis in seiner Praxis. Daraufhin entwickelte sich ein heftiger Shitstorm, der von User @Motte als Paradebeispiel für fehlerhafte Kommunikation gesehen wurde:

Ganz im Sinne von audiatur et altera pars (auch der Andere möge gehört werden) habe ich seine Tweet-Kette hier abgeschrieben:

“Eine Sach-Botschaft wird auf Beziehungs-, Appell- und Selbstkundgebungsohr gehört.”

Immer mehr junge körperlich und geistig gesunde Menschen gehen, durch Unselbständigkeit und völlig fehlendem Körpergefühl begründet, mit kleinsten Wehwehchen zum Arzt und müssen durch Vertrauenspersonen begleitet werden. Was durchaus im weiteren Verlauf auf eine Angst- oder Panikstörung hinweisen kann, diese aber auch in wachsender Inzidenz und Prävalenz einiges über unsere Gesellschaft und die Befähigung junger Menschen zur Autonomie aussagt. Was ankommt, ist eine Herabwürdigung der Patientin und ein lustig machen über psychiatrische Erkrankungen. Mit keinem Wort wird die imaginäre Patientin ins lächerliche gezogen. Einzig und alleine ein Phänomen wird beschrieben und an eine Kritik unserer Gesellschaft gebunden.

[…]

Manche Kommentatoren machen aus “normal entwickelt” einen Bezug auf das Aussehen und sagen als Arzt dürfe man das nicht beurteilen. Sorry, natürlich gibt die körperliche und geistige Entwicklung des Patienten Rückschlüsse über zu erwartende Erkrankungen und Differentialdiagnosen. Und auch die Begleitung durch die Mutter bei objektiv minimalem Krankheitswert der Beschwerden gibt Hinweise auf möglich zugrunde liegende Probleme, wie zum Beispiel die häufig erwähnten Panikstörungen. Von einem guten Arzt erwarte ich, dass er sowas aufnimmt und für die Diafferentialdiagnostik sowie weitere Versorgung beachtet und bewertet. “Mit Fieber darf man kein Auto fahren!” Dem aufmerksamen Leser wird auch hier auffallen, von Fieber steht nix in dem Tweet. Eine Erkältung ist nicht unbedingt ein fieberhafter Infekt! Warum werden frei Symptome ergänzt, damit man sich aufregen kann?

[…]

“Jetzt darf ich nicht mal mehr meine Mama mit zum Arzt nehmen!”

Steht auch nicht in dem Tweet. Viele schreiben, dass sie aufgrund einer Panikstörung Begleitung zum Arzt brauchen. Das ist auch völlig ok und wichtig, dass es möglich ist.

Aber wie schon geschrieben, sagt die Zunahme von Panik- und Angststörungen etwas über unsere Zeit, die Gesellschaft sowie den kontinuierlichen Erfolgs- und Leistungsdruck aus, der viele, völlig nachvollziehbar, krank macht. Auch gibt es immer mehr Menschen, die durch traumatische Erlebnisse an psychischen Störungen erkranken. Aber das ist wieder ein Hinweis auf abnehmende Resilienz der Menschen und zeigt, dass hier irgendetwas grundlegend falsch läuft. Und das zu kritisieren und herauszustellen, zeugt nicht von fehlender Empathie, sondern Frustration mit dem System, an dem wir alle unser Päckchen zu tragen haben. Natürlich kann man das alles, herabwürdigen einer Patientin mit Angststörung, verkennen einer schweren Erkrankung, etc. in diesen Tweet implizieren, wenn man will. Aber dazu gehört der eigene Wille, hier etwas boshaftes zu lesen. […]

Ich gebe zu, ich hatte so wie viele Leser auch den Willen etwas Boshaftes darin zu lesen, auch wenn ich einige Reaktionen klar für überzogen halte: “So jemand hat hoffentlich keine Kinder.” – “Falschen Beruf erwischt!” – “Dem sollte die Approbiation entzogen werden!”

Wohlwollend betrachtet wollte der Arzt das System des wachsenden Leistungsdrucks kritisieren und sich nicht über den Umstand lustig machen, dass eine junge Frau für eine banale Erkältung Begleitung bis ins Sprechzimmer braucht. Das Attribut “normal entwickelt” gibt der Grundaussage allerdings einen unguten Unterton. Mein erster (impulsiver) Gedanke war: Woran macht er das fest, dass jemand normal entwickelt ist?

Meine erste Reaktion war:

“Ich wirke vermutlich auch ‘normal entwickelt’, vergesse aber leider oft wichtiges zu fragen und meine Mimik passt nicht immer zu den Schmerzen. Ich wäre froh, wenn öfter mal jemand dabei wäre.”

Woran ich nicht dachte, war: Er schrieb diesen Tweet nicht in situ, sondern nach dem Besuch, als für ihn deutlich war, dass es sich um eine banale Erkältung gehandelt hat. Man möchte dem Arzt schließlich nicht unterstellen, dass er unfähig sei, den geistigen und körperlichen Zustand einer Patientin zu erkennen.

Ungeachtet dessen, wie sich die Kritik entwickelt hat, wurde offenbar ein wunder Punkt getroffen, was der Umgang von Ärzten mit ihren Patienten betrifft. Wegen dem Gesundheitsystem, wie es sich heute präsentiert, dauert ein Termin gerade beim Hausarzt oft nur wenige Minuten. Es ist gerade für Menschen mit kommunikativen Schwierigkeiten eine Herausforderung bei der Mehrzahl der Ärzte , seine Bedürfnisse angemessen zu artikulieren. Gerade unter Stress. Da würde es manchmal helfen, wenn man zusätzlich zum Termin vor Ort noch wichtige Anliegen per E-Mail klären könnte. Stattdessen werden E-Mails, selbst wenn Kontakt via E-Mail angeboten wird, meistens ignoriert. Das führt dazu, dass viele Autisten häufig nicht die Hilfe erhalten, die sie brauchen – weil die Hürden der Kommunikation zu hoch sind. Der Gesundheit ist das langfristig abträglich, wenn Arztbesuche aus diesem Grund nicht möglich sind – oder nicht das Anliegen behandeln, weswegen man eigentlich dort war. Da würde eine Begleitung schon helfen, das artikulieren zu können, was einem wichtig ist.

Schade letzendlich, dass der besagte Arzt seine Kritik nicht näher ausgeführt hat. Twitter ist dazu auch nicht unbedingt geeignet aufgrund der Zeichenbeschränkung und der Unübersichtlichkeit von Tweet-Ketten.