“Falter”: Die Mär von zu wenig Empathie

Erst vor kurzem hatte ich über einen Artikel in der Wiener Wochenzeitung “Falter” gebloggt, ein entsprechender Leserbrief wurde (gekürzt) auch veröffentlicht. Heute wurde ein weiterer Leserbrief von jemandem abgedruckt, die “seit fünf Jahren zum Thema Behinderung im Bereich Kommunikation/PR in Organisationen” arbeitet. Sie moniert, dass viele Artikel platt sind, Stereotypen bedienen und über Menschen mit Behinderung schreiben, als seien sie entweder Helden oder bemitleidenswerte Opfer, die Reportage im Falter habe das nicht getan. Ich respektiere natürlich, dass man zur Qualität des Artikels eine andere Meinung haben kann. Jedoch geht es hier um Autismus im Speziellen und nicht um irgendeine körperliche Behinderung. Fünf Jahre Außensicht zum Thema Behinderung allgemein reichen nicht aus, um zu beurteilen, ob hier korrekt über die autistische Wahrnehmung berichtet wurde. Heute ereilte mich die Empörung zahlreicher Frauen in meiner Twitter-Timeline, dass der Feuilletonchef Dusini im Falter zum Thema “Tugenden in Zeiten des Shitstorms”, mit Gabalier und Sargnagel als Protagonisten, kommentiert, relativ prominent auf Seite fünf, wo normalerweise das Leitkommentar von Armin Thurnher steht. Zahlreiche Screenshots zeigten die provokativen Zeilen. Da ich zufällig die aktuelle Ausgabe besaß, las ich weiter und gleich im nächsten Satz steht “Manchmal hilft vielleicht auch das Asperger-Syndrom.” Continue reading

Spitalsaufenthalt

spitalsausblick
Meine Hausberge (Kapuzinerberg, Kühberg und Gaisberg) im schönsten Herbstkleid (Blick aus dem Zimmer vom Spital)

Erste OP seit 11 Jahren (kleiner Nabelbruch wurde direkt genäht mit selbstauflösenden Fäden). Über die Vorbereitung hatte ich schon berichtet. Der zweite Versuch, den Chirurgen zu treffen, hat dann funktioniert. Ich hatte das Aufklärungsgespräch in seinem Büro und das mit der Anästhesistin im Schwesternbüro. Der Eingriff dauerte nur rund zwanzig Minuten und verlief komplikationslos. Nach einer Nacht im Spital wurde ich am nächsten Morgen entlassen. Meine Mutter kam am gleichen Tag aus Deutschland und half mir im Haushalt in den letzten Tagen. Mittlerweile ist die Bewegung fast schmerzfrei und mein lästiger Husten fast weg, den ich mir kurz zuvor eingefangen habe.  In diesem Beitrag möchte ich kurz erwähnen, was gut lief und was in der Kommunikation zwischen mir (Autisten) und medizinischem Personal ausbaufähig ist.

Wichtig hervorzuheben ist mir: Pfleger, Schwestern und Ärzte waren alle freundlich. Ohne Migranten würde so ein Spital nicht funktionieren, ich möchte Euch nicht missen. Danke, dass es Euch gibt!

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Welt-Autismus-Tag: Wir sind eine Krankheit …

Freud und Leid liegen manchmal nah beieinander. Über Twitter stoße ich auf eine großartige Presseaussendung über Autismus von Martin Schenk, dem Menschenrechtsaktivisten, Psychologen und stv. Direktor der Diakonie Österreich. Der Text kommt sprachlich völlig ohne defizitäre Anwandlungen aus, so ist nicht von “-Störung”, sondern nur vom Autismus-Spektrum die Rede …

Viele Menschen im Autismus Spektrum sind Vorurteilen und Stigmatisierung ausgesetzt. „Dieser Tag ist ein Weckruf für Respekt und Achtsamkeit gegenüber einfachen Bildern und falschen Diagnosen“, so Schenk, selbst Psychologe. […] Schätzungen sprechen von 80 000 Betroffenen in Österreich.

Danach folgt ein anschauliches Beispiel anhand eines Schülers mit der Diagnose Asperger und ein Appell für mehr Inklusion.

„AutistInnen brauchen ein Gegenüber, das sensibel dafür ist, dass sie ihre Umwelt anders wahrnehmen und soziale Prozesse und Begegnungen anders verarbeiten”

In Summe ist es der beste Text, den ich je in Österreich von Nichtautisten über Autismus gelesen habe. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Martin Schenk und Christiane Dobernig.

In drei Tageszeitungen wurde die Presseaussendung der Diakonie Österreich (Original-Quelle von APA OTS, abgerufen am 30.03.18) sofort aufgegriffen und umgeschrieben. Doch anscheinend kann man es der österreichischen Bevölkerung nicht zumuten, neutral über Autismus zu berichten.

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Der nützliche Autist im Einmachglas

trottelbuld

Ein besonders originelles Bild, um einen Autisten darzustellen. Übertroffen wird die klischeehafte Darstellung nur durch die Bildunterschrift. Im Titel steht dann “Firmen machen gute Erfahrungen mit Autisten” (abgerufen am 16. November 2017). Nein, es reicht nicht, Autisten schaukelnd in der Ecke darzustellen, es muss ein Einmachglas sein. Continue reading

Autismus im Job: Gute Jobs für Autisten?

Nachdem der Autor auf meinen Kommentar unter einem Text in der  “Karriere-Bibel” nicht reagiert hat, nun etwas prominenter:

„Verallgemeinerungen sind immer heikel, auch reicht das Spektrum hier immerhin von frühkindlichem Autismus bis hin zur Inselbegabung.“

Frühkindlicher Autismus ist kein Antonym zur Inselbegabung – ein Vergleich von Äpfel und Birnen.

Der Autor suggeriert, dass frühkindliche Autisten eine geringe Intelligenz und/oder Begabung aufweisen.Tatsächlich hängt das Ergebnis der Intelligenztests davon ab, ob es sich um den Standard-IQ-Test von Wechsler (teilverbal) oder den komplett nonverbalen Ravens Matrizentest handelt. Autisten, die Sprachdefizite aufweisen, schneiden je nach Test deutlich besser oder schlechter ab. Frühkindlicher Autismus ist kein Synonym für unbegabt oder unintelligent! Auf der anderen Seite ist Inselbegabung kein Synonym für Autismus (unter inselbegabten Menschen finden sich genauso Nichtautisten), und jene Autisten mit Inselbegabung können massive Probleme haben, ein selbstständiges Leben zu führen.

Beispiel: Drücken Sie einem Nicht-Autisten 70 Euro in die Hand, dann zockt er mit dem Geld mit ungleich höherer Wahrscheinlichkeit dann, wenn er “50 Euro verlieren” kann, als wenn er “20 Euro behalten” kann. Die Aussicht, Geld zu verlieren, verstärkt in uns den Drang, dieses Szenario aktiv zu verhindern. Dabei sind beide Szenarien im Prinzip völlig identisch. Einen Autisten hingegen würde dieses Psycho-Spielchen völlig kalt lassen, er würde rein rational entscheiden.

Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es hängt auch davon ab, ob man zu impulsiven Verhalten neigt, was etwa beim (häufig) komorbidem ADHS der Fall sein kann. Es ist einfach verkehrt, von Autisten zu erwarten, sie entscheiden immer rational. Ebenso wenig sind sie immer impulsiv.

„Autisten verstehen nur schwer Sarkasmus oder Ironie, können keinen Smalltalk, Sozialkompetenz ist sicherlich nicht ihr Steckenpferd. In Bereichen, in denen man andere Menschen führen, beraten oder lesen muss – zum Beispiel im Personalwesen – dürften Autisten in der Regel überfordert sein.“

Das weise ich entschieden zurück! Unter meinem autistischen Freundes- und Bekanntenkreis befinden sich auch Psychologinnen, Lehrerinnen oder Therapeutinnen, die meines Wissens einen großartigen und sehr einfühlsamen Job machen. Ich glaube, dass Autisten durch ihre eigenen, oft schmerzlichen Lebenserfahrungen sich manchmal besser in andere hineinversetzen können als viele Nichtautisten, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben. Gerade in solchen Fällen ist Smalltalk oft ein Hemmschuh, da das „um den heißen Brei herumreden müssen“ keine Verbesserung eines unbehaglichen Zustands hervorruft. Erfahrungen aus Firmen mit autistischen Mitarbeitern zeigen im Gegenteil, dass die Direktheit und Ehrlichkeit auch auf das Team überspringen kann und so generell eine für alle angenehmere Atmosphäre schafft, in der man offen reden kann.

Auch in einer Führungsrolle muss Autismus kein Hindernis sein, das hängt von den Anforderungen und der Organisation ab. Gerade weil Autisten weniger nach Bauchgefühl als rational entscheiden, wären sie sogar besonders geeignet. Allerdings verlangt die Führungsrolle viel Fingerspitzengefühl und Beziehungspflege, hier kann ein Zuviel an Sachlichkeit durchaus schwierig werden, es ist aber nicht unmöglich!

„Typische Einsatzfelder liegen dagegen im IT-Bereich, für die Arbeit mit dem Computer sind Autisten geradezu prädestiniert.“

Die Studie von Lorenz und Heinitz (2014), http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0100358#pone.0100358-Schwarzer3

zeigt, dass das autistische Interesse vielfältiger ist als häufig suggeriert. Wie oben erwähnt, findet man in allen Bereichen Autisten. Nur: Ein beträchtlicher Anteil ist nichtdiagnostiziert und hat seine ökologische Nische gefunden, in der oder sie glücklich wird, ein weiterer Teil hat zwar eine Diagnose, hat sich aber nicht geoutet, weil er oder sie zurechtkommen oder Angst vor Repressalien haben, wenn aufgrund einer Offenlegung kein Vertrauen mehr in die Fähigkeiten gegeben wird.

„Es gibt sicherlich eine Reihe adäquater Einsatzfelder, die erst noch entdeckt und freigelegt werden müssen.“

Es gibt sie bereits, und sie müssen nicht entdeckt und freigelegt werden, weil Autisten sogenannte Spezialinteressen aufweisen und darin gut sind. Der Autor hätte für die Recherche seines Texts durchaus Meinungen und Erfahrungen von Autisten bemühen können. Hierfür gibt es Twitter(-Hashtags), aber auch öffentliche Foren, wo recherchieren oder Fragen stellen kann. Ebenso gibt es zahlreiche Blogs im Netz. Es reicht mitunter schon, die zunehmende Auswahl autobiographischer Bücher zu betrachten, die von Literaturwissenschaftlern über Journalisten bis zu Künstlern reicht.

Wiederholende Abläufe
KEIN Zeitdruck

Jein… idealerweise ja, aber was ist schon ideal? Das wissen auch Autisten. Wer in bzw. mit seinem Spezialinteresse arbeitet, toleriert auch gewisse Einschränkungen. Manche Autisten mögen – geplante – Abwechslung und andere kommen mit Zeitdruck klar, wenn eine klare Prioritätenliste gegeben ist, d.h., bei Zeitdruck muss klar sein, in welcher Reihenfolge etwas erledigt werden muss, eine umfassende Vorbereitung nimmt Stress weg. Unter diesen Voraussetzungen ist auch Zeitdruck für eine gewisse Zeit tolerabel. Jeder Mensch, ob Autist oder Nichtautist, besitzt hier seine persönliche Schmerzgrenze.