Zu laut

Schwierig. Wenn es laut ist, kann ich nicht vernünftig denken. Zu viele Umgebungsreize. Ich verstehe nicht mehr, was man mir sagt, ich höre nicht mehr, wenn man mich anspricht. Und wenn es motorisierter Lärm ist, schlägt der Fluchtinstinkt durch. So geschehen neulich, als ich bei laufenden Forstarbeiten unter ohrenbetäubenden Sägen einen frischen Schlag durchqueren musste. Umdrehen war alternativlos. Wenn ich bei Verstand bzw. Bewusstsein gewesen wäre, hätte ich meine Sonnenbrille im Rucksack verstaut oder um den Hals gehängt. Ich nahm sie ab, weil ich sehr konzentriert steigen musste, um nicht zwischen die Stämme zu fallen. Aber ich steckte sie in die Hosentasche. Der Lärm ging weiter, ich wollte nur noch weg. Als ich endlich durch war und zwischendurch paar mal hängen blieb, war die – empfindlich teure – Sonnenbrille weg. Suchen zwecklos. Ich blickte mich um und konnte nicht mal mehr sagen, welchen Weg ich durch das Schlachtfeld genommen hatte.

Ich blieb unversehrt. Und warnte entgegenkommende Wanderer vor. Aber die Brille war futsch. Außer sie wird zufällig noch gefunden und abgegeben.

Auch bei anderen Situationen mit lauten Lautsprecherdurchsagen ohne Unterbrechungen auf Bahnhöfen oder Baustellenlärm muss ich sehr viel Energie und Konzentration aufwenden, um noch „bei Bewusstsein zu bleiben.“

Äußerlich werdet ihr wenig bemerken, höchstens fange ich an zu fluchen und zu schimpfen. Die tiefergehende Ursache ist die Reizüberflutung durch andauernde zu laute Geräusche.

Noch hab ich keine brauchbare Strategie entwickelt, um mich vor dem Abgleiten in Instinkthandlungen zu bewahren. Freue mich über Anregungen.

Danke.

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Neue S3-Leitlinie für Autismus

Quelle für diese Zusammenfassung: http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/028-018.html. Bei dem hier verlinkten Text handelt es sich um den ersten Teil, der sich mit der Diagnostik beschäftigt. Stand: 23.02.2016

Was ist eine Leitlinie?

Eine medizinische Leitlinie ist – anders als eine Richtlinie – nicht bindend und kann im Einzelfall geändert werden. Es handelt sich um wissenschaftlich fundierte („evidenzbasierte“) und praxisorientierte Handlungsempfehlungen unterschiedlicher Qualität. S3 hat alle Elemente einer systematischen Entwicklung durchlaufen und ist damit die mit der höchsten Qualitität und den strengsten Kriterien.  In einer Dissertation über die Güte von Leitlinien wird jedoch auch Kritik geäußert, etwa an unzureichender Methodik und damit verbunden nicht feststellbaren Nutzens der enthaltenen Empfehlungen, selbst wenn „Evidenzbasiertheit“ vorliegt. Leitlinien seien zudem immer eine Momentaufnahme des aktuellen medizinischen Wissensstandes (Quelle und weitere Kritikpunkte hier).

Warum ist eine S3-Leitlinie für Autismus notwendig?

Hintergrund ist vor allem die steigende Zahl an Autismus-Diagnosen bei gleichzeitig zahlreich vorhandenen Diagnose- und Screeninginstrumenten. Zudem gab es in den letzten Jahren auch zahlreiche Studien zu Therapiemethoden. Nachholbedarf diesbezüglicher Studienergebnisse haben jedoch vor allem Personen, die klinisch arbeiten und nicht in die wissenschaftliche Arbeit eingebunden sind.

Ziel der S3-Leitlinie ist es, „klinisch relevante Schlüsselfragen zu definieren“, und mithilfe einer umfangreichen Literatursuche und Evidenzbasis Empfehlungen abzugeben, für die es innerhalb der Arbeitsgruppe breite Übereinstimmung gibt. Englischsprachige Leitlinien seien nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragbar. (S.8) Weiterlesen

Stimming: Gesellschaftlich akzeptiert oder nicht?

wippen

In einer kürzlichen Talksendung wurde neben anderen Diskussionsteilnehmern eine Frau eingeladen, die einigen Zuschauern vor allem dadurch auffiel, dass sie – die Knie übereinandergeschlagen – unablässig mit dem Fuß wippte. Durch die Kameraeinstellung stand das Wippen recht penetrant im Vordergrund, was in sozialen Netzwerken zu entsprechenden Kommentaren veranlasste, bis hin dazu, das Wippen doch bitte einzustellen.

Jetzt zählt Wippen noch zu den harmloseren Varianten von Stimming. Neben schädlichen Angewohnheiten und selbstschädigendem Stimming gibt es auch an sich harmlose, aber gesellschaftlich verpönte Varianten, dazu zählen z.B. Händeflattern (Kreiselbewegungen, Schüttelbewegungen mit den Händen), schaukeln, Kugelschreiber klicken, Stifte zerbeißen, sonstige Körperbewegungen. Weiterlesen

Schlafstörungen

Bei Lehnhardt et al. (2013) werden unter den Begleitsymptomen für Autismus u.a. Schlafstörungen mit (je nach Literatur) 30 bis 88 % Häufigkeit genannt. Nun treten Schlafstörungen nicht nur bei Autisten, sondern generell recht häufig auf. Es wird auch vermutet, dass Schlafstörungen nicht nur ein Symptom, sondern auch die Ursache für viele psychiatrische Erkrankungen sind. Schlechter Schlaf verschlimmert Depressionen, sorgt für verstärkte Reizoffenheit, beeinträchtigt die Entscheidungsfähigkeit und die Interaktion mit anderen Menschen. Ängste verstärken sich und die allgemeine Anspannung nimmt zu.

Zu Schlafstörungen bei Autisten gibt es aus den vergangen zwei Jahrzehnten einige Forschungsergebnisse. So wurde ein Zusammenhang zwischen niedriger Schlafqualität und verringerten kognitiven Leistungen bei erwachsenen Autisten nachgewiesen (Limoges et al., 2013), gehäuftes Auftreten von Schlaflosigkeit und Schlafstörungen gibt es bei allen Altersgruppen und Autismus-Subtypen (gemäß ICD-10 und DSM-IV). Weiterlesen

Ist Synästhesie bei Autismus häufiger?

Vor meiner Beschäftigung mit Autismus hatte ich noch nie etwas von Synästhesie gehört. Ich kenne auch ausschließlich Autisten mit Synästhesie. Das ist natürlich keineswegs repräsentativ. Es wird geschätzt, dass etwa 4 % der Weltbevölkerung eine Synästhesie hat. Autismus betrifft etwa 1 % der Weltbevölkerung. Wenn beide Erscheinungsformen voneinander unabhängig wären, sollten sie gemeinsam nur bei 4 von 10 000 Menschen auftreten.

Eine im November 2013 erschienene Studie von Simon Baron-Cohen und weiteren untersuchte erstmals die Häufig von Synästhesie bei Autisten. Sie fanden 31 von 164 mit Autismus und Synästhesie – fast drei Mal häufiger als in der Kontrollgruppe (7 von 97).

Man spricht von Synästhesie, wenn die Empfindung eines Sinnesreizes automatisch eine Reaktion eines anderen Sinnesreizes auslöst. Am häufigsten betrifft es Wörter oder Geräusche, die Farben auslösen.Beispielsweise sieht eine Person Farben, wenn sie Töne hört. Manche erfahren sogar mehr als einen Typ von Synästhesie.

Beispiele für Aussagen von Synästhetikern: 

  • Der Buchstabe q ist dunkelbraun.
  • Der Klang einer Glocke ist rot.
  • Das Wort Hallo schmeckt wie Kaffee.
  • Zahnschmerzen sind wie ein Rechteck geformt.

Ein frühkindlicher Autist beschreibt seine Synästhesie so:

Gibt wörter die ich hasse weil die nicht gut sind also sehen nicht gut aus sind laut schmecken komisch und das.

Synästhesie fördert außerdem Overloads (Überlastungen) bei Autismus, wenn etwa eine verkehrsreiche Straße nicht nur als laut, sondern schillernd bunt-grell empfunden wird, also mehrfache Sinneseindrücke zusammenkommen. Ich kann das hier nur nüchtern beschreiben, weil ich keine Synästhesie aufweise. Für mich ist eine Hauptverkehrsstraße laut, und das ist bereits belastend.

Es wird zwischen ‚entwickelter Synästhesie‘ (genetisch vererbt und seit Geburt vorhanden) und ‚erworbener Synästhesie‘ (Erfahrungen erst später im Leben, etwa durch Drogen) unterschieden.

Bildgebende Verfahren für das Gehirn bestätigten, dass Synästhesie mit Unterschieden in der Gehirnstruktur und/oder -funktion verbunden ist. Nach der Hypothese der Hyperkonnektivität sind die Nervenverbindungen zwischen verschiedenen Regionen in größerem Ausmaß vorhanden als bei nicht betroffenen Menschen. Auch bei Autisten vermutet man verringerte Langstrecken-Nervenverbindungen, die mit einer Zunahme von lokalen Kurzstrecken-Nervenverbindungen einhergehen. Diese Hypothese könnte Aspekte von Autismus wie detailorientierte Verarbeitung erklären. Die Zunahme von lokaler Konnektivität könnte also sowohl bei Autismus als auch Synästhesie eine Rolle spielen.

10 % der Autisten zeigt Savant-Fähigkeiten und rund 50 % der Savants hat Autismus. Daniel Tammet, der sowohl Asperger als auch Synästhesie hat und als Gedächtnis-Savant berühmt wurde (er kann sich die Zahl Pi bis auf die 22 514. Nachkommastelle merken) regte die Hypothese an, dass das Savant-Syndrom dann entsteht, wenn Autismus und Synästhesie zusammentreffen. Sowohl ein außergewöhnlicher Blick fürs Detail als auch starke Systematisierung sind Produkte von übermäßig ausgeprägten Nervenverbindungen. Bisherige genetische Nachforschungen zeigen jedoch keinen eindeutigen Zusammenhang.

Eine weitere Studie zeigte, dass Synästhesie und absolutes Gehör bedeutende Überschneidungen beim Genotyp und Phänotyp zeigen. Auch ein absolutes Gehör tritt bei Autisten häufiger auf.

Die erhöhte Häufigkeit von Synästhesie bei Autisten könnte dadurch erklärt werden, dass Autisten tendenziell eher ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen erfahren als Nichtautisten. Unter den Personen mit beiden Phänomen befanden sich auch Autisten, die angaben, keine Synästhesie zu haben, aber aufgrund ihrer Antworten im Fragebogen Synästhesie aufwiesen. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass die Dunkelziffer an Synästhetikern bei Autisten eher höher als niedriger sein könnte.

Einschränkung: Die Studie war auf hochfunktionale, erwachsene Autisten beschränkt.

Fazit:

Autisten und Synästhetiker teilen sich eine von der Mehrheitsgesellschaft abweichende Wahrnehmung(sverarbeitung). Ein Zusammenhang ist denkbar, weil beide Phänomene häufiger vorkommen als statistisch erwartet, nachgewiesen werden konnte er bisher nicht.