Anschluss finden ist schwierig

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Vor kurzem wurde ich gefragt, wie mir das in Innsbruck und Wien zuvor gelungen ist, wo ich je sechs Jahre gewohnt habe.  Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Gegensatz zu vielen Nichtautisten habe ich keinerlei Kontakt und auch nie das Bedürfnis danach gehabt, alte Schulkollegen wiederzusehen. Man kann sich wahrscheinlich vorstellen, dass mit zwischenmenschlichen Missverständnissen und noch dazu ohne Diagnose/Erklärung ein autistisches Schulleben alles andere als einfach ist, im Grunde war es traumatisch. Ich verstand mich mit den Lehrern immer deutlich besser als mit Gleichaltrigen oder Jüngeren. Ich war ja schon immer ein Kopfmensch und maß mich nicht mit anderen Schülern. Ein gutes Lehrerverhältnis macht Schüler nicht unbedingt beliebter. Ich hatte wechselnde Freunde abseits der Schule, und ein Kumpel, mit dem ich früher oft meine Freizeit verbrachte, verlor ich aus den Augen, als ich ins Gymnasium kam und er in die Realschule ging. Die meiste Zeit verbrachte ich alleine, erst durch meine Wetterleidenschaft ergaben sich bis 2002 zaghafte Kontaktversuche mit meist älteren Leuten, über deren Wetterhobby durch die regionale Zeitung berichtet worden war. Weiterlesen

Zettelwirtschaftsminister

romnai

Seit der Kindheit hantiere ich mit Zetteln umanaund.  Überall musste ich etwas notieren, in den Anfängen meines Wetterhobbys die Wolken, den Regen, irgendwelche Messwerte oder besondere Ereignisse. Ich schrieb meine Beobachtungen zunächst in Stichpunkten und unsortiert in Blöcke und Hefte, und fertigte dann eine zweite Version in Schönschrift an. Auch in der Schule und während den Vorlesungen existierten immer zwei Abschriften. Das hatte den Vorteil, dass beim zweiten Abschreiben das Aufgeschriebene nochmal wiederholt werden könnte und ggf. Unklarheiten beseitigt werden konnten.

Heute verwende ich meine Zettel für Einkaufslisten, für Packlisten, für Dinge, die ich in naher und mittelfristiger Zukunft einkaufen möchte und für meine To-Do-Liste zum Abarbeiten. Diese wird ständig erneuert. Manchmal wird sie etwas umfangreicher, weil ich nicht dazu gekommen bin, nur selten ist sie ziemlich kurz, wenn das Wichtigste erledigt ist. Doch es stehen auch „unwichtige“ Punkte darauf, also Dinge/Pläne, die mir gut tun, wo ich mir etwas gönnen kann.

Am Beginn kann die Zettelwirtschaft bedrohlich umfangreiche Auswüchse ausfassen, wenn ich das Wesentliche noch nicht erkannt habe. Im Laufe der Zeit, wenn das Geschriebene ins Langzeitgedächtnis transferiert wird, bin ich immer weniger darauf angewiesen. Es bleibt dennoch eine Absicherung, im Zweifelsfall etwas zum Nachschauen parat zu haben. Umso ärgerlicher natürlich, wenn ich die Mitnahme des Einkaufszettels vergesse. Ich versuche zumindest gelegentlich daran zu denken, ihn mit dem Handy abzufotografieren, denn das Handy vergesse ich sehr selten.

Die Zettel haben aber noch einen weiteren Vorteil: Ich bin ein sehr visuell denkender Mensch, habe zumindest in Ansätzen ein eidetisches Gedächtnis, sehe also den betreffenden Zettel bildlich vor mir und kann davon ablesen, wie wenn er tatsächlich vor mir liegen würde. Ähnlich funktioniert es mit Wanderkarten, die ich im Kopf rauf und runterscrollen kann, ohne sie physisch vor mir haben zu müssen. Wenn ich sage, dass ich in Bildern denke, kann man das durchaus wörtlich verstehe, ich denke in allem, was ich fotografiert bzw. auf einem Blatt Papier vermerkt habe.