Autismus und Empathie

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Dieser Artikel von Sue Fletcher-Watson und Geoffrey Bird, erschienen am 01.November 2019, – mit freundlicher Genehmigung beider Autoren habe ich wesentliche Erkenntnisse ins Deutsche übersetzt. Es handelt sich um einen monatlichen Leitartikel im Autismus-Journal, der regelmäßig Mythen widerlegen soll. Nach Ansicht der Autoren haben irreführende Begrifflichkeiten, Studien und theoretische Grundlagen über das Thema Autismus und Empathie zu einem falschen Bild von Autisten beigetragen – insbesondere wirkt sich das Vorurteil, Autisten besäßen wenig Empathie, sehr negativ für sie aus.

Das Problem fängt schon damit an, dass es keine wissenschaftlich gültige Definition von Empathie gibt. In einem Lexikon wird sie definiert als ‘Fähigkeit, die Gefühle anderer zu verstehen und sie zu teilen”. Dazu existieren zahlreiche Synonyme wie Seelenverwandtschaft, Sympathie, Empfindsamkeit, Verständnis, Identifikation, Bewusstsein, freundschaftliche Gefühle, Gleichgesinnt sein, Nähe empfinden, usw. Empathievermögen gilt daher als menschliche Eigenschaft, die zugleich schwer greifbar und messbar ist. Continue reading

Welt-Autismus-Tag: Wir sind eine Krankheit …

Freud und Leid liegen manchmal nah beieinander. Über Twitter stoße ich auf eine großartige Presseaussendung über Autismus von Martin Schenk, dem Menschenrechtsaktivisten, Psychologen und stv. Direktor der Diakonie Österreich. Der Text kommt sprachlich völlig ohne defizitäre Anwandlungen aus, so ist nicht von “-Störung”, sondern nur vom Autismus-Spektrum die Rede …

Viele Menschen im Autismus Spektrum sind Vorurteilen und Stigmatisierung ausgesetzt. „Dieser Tag ist ein Weckruf für Respekt und Achtsamkeit gegenüber einfachen Bildern und falschen Diagnosen“, so Schenk, selbst Psychologe. […] Schätzungen sprechen von 80 000 Betroffenen in Österreich.

Danach folgt ein anschauliches Beispiel anhand eines Schülers mit der Diagnose Asperger und ein Appell für mehr Inklusion.

„AutistInnen brauchen ein Gegenüber, das sensibel dafür ist, dass sie ihre Umwelt anders wahrnehmen und soziale Prozesse und Begegnungen anders verarbeiten”

In Summe ist es der beste Text, den ich je in Österreich von Nichtautisten über Autismus gelesen habe. An dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank an Martin Schenk und Christiane Dobernig.

In drei Tageszeitungen wurde die Presseaussendung der Diakonie Österreich (Original-Quelle von APA OTS, abgerufen am 30.03.18) sofort aufgegriffen und umgeschrieben. Doch anscheinend kann man es der österreichischen Bevölkerung nicht zumuten, neutral über Autismus zu berichten.

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Autisten sind nicht gestört, sie stören andere

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“Wahrnehmungsstörung” oder besondere Wahrnehmung?

Zugegeben eine provokante Neu-Interpretation des vielbenutzten Begriffs Autismus(-Spektrum)-Störung. Ich möchte dabei ein Gefühl ansprechen, das manche Autisten von uns gut kennen. Wenn sie das Gefühl haben, sie können wichtige Anliegen nicht ansprechen, weil sie anderen damit auf die Nerven gehen. Diese Gefühle treten immer wieder auf, in Alltagssituationen, bei wichtigen Gesprächen, bei Behördengängen, bei Ärzten, in der Arbeit, aber vor allem die medizinische Deutung von Störung wird auch gerne von Journalisten genutzt.

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Autismus als Spektrum

Das Autismus-Spektrum, das nach den neuesten Definitionen Asperger-Syndrom, frühkindlichen Autismus und atypischen Autismus miteinschließt, lässt sich bestenfalls so darstellen wie im zuletzt übersetzten Artikel.

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Im Autismus-Spektrum zeigen Autisten Auffälligkeiten mehr oder weniger ausgeprägt in allen Bereichen, aber niemals die exakt selben Auffälligkeiten. Deswegen ist ein Autist genauso einzigartig wie ein Nichtautist auch. Schwierigkeiten verändern sich über die Lebensspanne hinweg. Reifeprozesse und Unterstützung von außen können zur Verbesserung führen, Erschöpfung und Depressionen genauso zur Verschlechterung. Continue reading

Autismus, genetisch betrachtet von Rolf Knippers

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Ein emotional herausforderndes Buch, weil es aus der defizitorientierten Perspektive geschrieben ist. Es beinhaltet eben gerade jede Formulierungen, die von Aleksander Knauerhase in seinem Buch und von vielen anderen Autisten, oft berechtigt, kritisiert werden. Wenn man sich an den Begriff Störung gewöhnt hat, ist es hochinteressant zu lesen und zeigt auf, woher die Vielfalt des autistischen Spektrums eigentlich kommt. Ebenso wird deutlich, weshalb die bisherige Einteilung Kanner, Asperger, atypisch nicht unbedingt zielführend ist, weil sie auf Verhaltensbeobachtung basiert und nicht auf genetische Besonderheiten. Continue reading