Begriffe

Stand, 03.08.16

Assistenzhund
Assistenzhund für Autisten
Der Hund hilft der autistischen Person besonders im reizüberfluteten Alltag zu navigieren.

AutismSpeaks
Amerikanische Organisation, die Autismus mit Krebs vergleicht und Autismus am liebsten ausrotten möchte
Die “Light-it-up-blue”-Kampagne wird von AutismSpeaks instrumentalisiert, geht jedoch gemäß dem Verein „Rainman’s Home“ NICHT auf AutismSpeaks zurück, sondern ist schon viel älter.

Gender Diversity
Erweiterung des binären Systems (Mann-Frau)
Transgender, Agender, etc.

Hyperfokus
auch Flow genannt
tritt bei Autisten und ADHSlern auf
  • so in Spezialinteresse oder Tätigkeit versunken sein, dass man durch nichts ablenkbar ist
  • hohe Konzentration, sehr produktiv/effizient
  • im Flow-Zustand kommen Körper und Geist zur Ruhe
  • Manche entspannen daher erst dann, wenn sie etwas erschaffen, wenn sie in Aktion sind.

Also macht wohlgemeinte friedhofsruhe mich unruhig Aber action macht mich stiller

(Birger Sellin)

Literaturtipp:

Mihaly Csikszentmihalyi, Flow – The Psychology of optimal experience (1990)

Inselbegabung
auch Savant-Syndrom genannt. Begabung auf meist nur einem Gebiet (z. B. Sprachen erlernen, Zeichnen, Lesen), hat nur ein winziger Teil von Autisten
häufig mit Spezialinteresse verwechselt. Spezialisierte Autisten erscheinen wie Experten, ist aber erlerntes Wissen aufgrund intensiver Beschäftigung mit einem Thema
Meltdown
aktive Reaktion auf einen Overload
z. B. durch Wutausbrüche, Schreien, Gewalt (meist gegen Sachen)

Neurodivergenz
beschreibt ein Gehirn, das in der Funktion von der “normalen” Mehrheitsgesellschaft abweicht.
Begriff wurde von Kassian Sibley geprägt und wird von Nick Walker unterstützt, umfasst angeborene und erworbene Gehirnfunktionsänderungen (neutral); umstrittener Sammelbegriff, weil er alles in einen Topf wirft.
Neurodiversität
Vielfalt menschlicher Gehirne und Gedanken
Keine Einstellungssache, sondern bezeichnet die Vielfalt der Menschen generell
Neurotypisch
Neurokognitive Funktion, die innerhalb der “normalen” Mehrheitsgesellschaft liegt.
manchmal abwertend gemeint für “die Person versteht uns nicht, weil sie kein Autist ist” oder für Verhalten, das nicht verstanden wird. Das heißt aber noch lange nicht, dass neurotypisches Verhalten falsch oder schlechter ist!
Overload
Überlastung durch innere (Gedankengrübeln) und äußere Reize (soziale Situationen, Sinnesreize)
Autisten haben unterschiedliche Schwellen, ab denen ein Overload eintritt bzw. als solcher empfunden wird.
 

Propriozeption
Grundlage für Körperwahrnehmung, Gefühl für Muskeln, Gelenke und Sehnen, Feinmotorik wie Suppe essen, Hemd zuknöpfen
trägt zu Körperhaltung und Fortbewegung bei; manche Autisten wirken steif, unbeholfen oder haben eine ungewöhnliche Gangart, andere fallen leicht, patzen sich an beim Essen, krabbeln kaum als Kleinkind
 

Prosopagnosie
Gesichtsblindheit; Unfähigkeit, fremde und vertraute Gesichter nicht voneinander unterscheiden zu können
Das kann dazu führen, dass sie das eigene Kind, den Partner oder Kollegen nicht mehr erkennen.
 

Reizfilter
Funktionierende Reizfilter können wichtige Reize von unwichtigen trennen
Bei einer Reizfilterschwäche werden i) alle Reize in gleicher Intensität und/oder ii) bestimmte Reizer stärker wahrgenommen als andere; auch Reizoffenheit/Reizüberflutung genannt, tritt auch bei Migräne, Stress, Depression auf.
Sensorik
Sinnesreize; am häufigsten sind Hören und Sehen betroffen, seltener riechen/schmecken/tasten
Hyperreaktion: Rückzug bei Sonnenlicht, Hyporeaktion: Unempfindlichkeit gegenüber Kälte
 

Shutdown
passive Reaktion auf einen Overload
Rückzugsverhalten, Verstummen, hohes Schlaf- und Ruhebedürfnis, manchmal für mehrere Stunden oder Tage
 

“social cues”
soziale Signale wie Gestik, Mimik, nonverbale Signale
Menschen kommunizieren in hohem Maße nonverbal. Autisten haben Schwierigkeiten, diese nonverbalen Signale zu erfassen und richtig zu interpretieren*
Spiegelneuronen
Imitation und Empathie werden nicht nur rational, sondern auch intuitiv erworben. Dabei spielen aktive Spiegelneuronen (Nervenzellen) eine Rolle.
Bei Autisten sollen Spiegelneuronen weniger stark ausgeprägt sein. Jedoch existieren widersprüchliche Erkenntnisse.
 

Spezialinteressen
unterscheiden sich in Ausmaß und Intensität von Hobbys.
in der Kindheit z. B. Fahrpläne, Dinosaurier, allgemein Statistiken, Objekte; im Erwachsenenalter häufiger Comics, Video/Computerspiele, Wetter, Fachbücher, Verkehrsmittel, Vogelarten **
 

Stimming
Selbststimulierendes Verhalten, Stereotypien (z. B. flattern, hüpfen, klatschen, wippen, singen)
Stereotypien sind prinzipiell kein Verhalten, das abzustellen ist. Sie dienen der Verarbeitung der äußeren (und inneren) Reize, und damit zum Abbau der Reizüberflutung bzw. zur Entspannung; Ausnahme sind selbstverletzende Stereotypien (sich schlagen, beißen, Kopf gegen die Wand…)
Weiterführende Links:

Taktiles System
Tastsinn, Umarmungen, Abwehrreflexe, greifen, Handfertigkeiten
Nicht alle Autisten mögen keine Berührungen.
 

TEACCH
Treatment and Education of Autistic and Related Communication Handicapped Children
  • 1964 an der Universität von North Carolina entwickelt
  • basiert auf der Theorie, dass autistische Kinder starke visuelle Fähigkeiten aufweisen und daher gut auf visuelle Symbole und Signale reagieren. Schwerpunkt auf Bildsysteme, um Exekutivfunktionen zu verbessern.
  • basiert auf Hirnforschung, die zeigt, dass Autisten mehr Probleme haben, ihre Aufmerksamkeit zwischen verschiedenen Aufgaben zu verlagern.
 

Vestibulares System
Wahrnehmung des Körpers zu Bewegung, Gleichgewicht und Schwerkraft
Ängstliche Reaktionen auf normale Bewegungsaktivitäten (z. B. Rutschen, sich in der Schräge bewegen), Schwierigkeiten, klettern oder Treppensteigen zu lernen. Motorische Unbeholfenheit. Manche Kinder versuchen aktiv, ihr vestibulares System zu stimulieren, indem sie springen, sich im Kreis drehen…
 

*Auch hierzu gibt es verschiedene Abstufungen:

Autisten, die normal Blickkontakt halten, die gar keinen Blickkontakt halten (bzw. das eher widerwillig tun und selbst antrainiert anstrengend für sie ist), oder bewusst Blickkontakt halten, der in Starren übergeht. Gesichtsausdrücke, die in deutlichem Gegensatz zueinander stehen, sind meist gut auseinanderzuhalten, z.B. Freude und Trauer oder Freude und Wut; schwieriger wird es mit Wut und Trauer, oder Ärger und Flirten.

Bei manchen Autismus (Selbst-) Tests werden Augenpartien oder Videos gezeigt. Allerdings stellen – in meinen Augen – Schauspieler besonders theatralisch die Gesichtsausdrücke dar, und das erkenne ich in den meisten Fällen problemlos. Es sind in der Testsituation auch keine anderen störenden Reize um mich herum, während im Alltag die Situation “im Fluss“ ist, und meist nur ein kurzes Zeitfenster für Erfassung und korrekte Interpretation gegeben ist, speziell in Interviewsituationen.

** Spezialinteressen dienen ebenso wie Stereotypien der Erholung. Häufig sind es Interessen, für die Sozialkontakt nicht notwendig ist, die man etwa zuhause ausüben kann. Autisten können sich innerhalb kurzer Zeit massenhaft Wissen zu einem Spezialinteresse anhäufen, weil sie sich nicht durch soziale Kontakte und Treffen ablenken lassen