Jeder gegen Jeden?

freistellung

Seit einem halben Jahr bin ich offizielles Mitglied der Autismus-Gemeinde. Vor der Diagnose hatte ich mich bereits intensiv mit Autismus auseinandergesetzt, Blogs und Autobiografien, einschlägig bekannte Fachbücher auf Deutsch und Englisch gelesen, auch Fachzeitschriften und -artikel erweckten mein Interesse, besser gesagt Spezialinteresse. Seitdem habe ich nicht nur positive Erfahrungen innerhalb der Autisten-Communities gemacht, sondern auch das Bedürfnis bei manchen festgestellt, sich deutlich von den negativ konnotierten Persönlichkeitsstörungen oder von Neurotypischen abzugrenzen, manchmal aber auch den Autismus der anderen in Zweifel zu ziehen. Weiterlesen

Rezension: Hochfunktionale Autisten im Beruf von Ina Blodig

Heute kam das Buch von Ina Blodig: „Hochfunktionale Autisten im Beruf“, das ich zum 22.1. vorbestellt hatte (Neuerscheinung!). Ich habe es weitgehend durchgelesen.
Schöner, strukturierter Aufbau, zu Beginn steht das Thema Offenlegung der Diagnose im Vordergrund, wobei man nicht erwarten darf, dass hier eine allgemein gültige Antwort gegeben wird. Ein Restrisiko bleibt immer, aber eine selektive Offenheit hat sich als guter Kompromiss erwiesen, d.h. Stärken/Schwächen äußern, ohne das Kind beim Namen zu nennen (RW).
Auch ein nachträgliches Coming Out ist denkbar, etwa wenn sich Verstimmungen oder Missverständnisse mit Kollegen/Vorgesetzten anbahnen. Dann kann man seine “Eigenheiten“ erläutern, die von anderen beobachtet werden, und dann erklären, warum man das macht.
Außerhalb des deutschsprachigen Raums wird zudem viel mehr auch über Autisten abseits des IT-Bereichs berichtet, hierzulande ist weitgehend unbekannt, dass Autisten auch eine große soziale Kompetenz aufweisen können und soziale Berufe daher nicht ausgeschlossen sind.
Ein Autist wird dediziert positiv hervorgehoben, der sich bewusst für die Offenheit im Bewerbungsverfahren entschied:
„Aufgrund meiner Asperger-Persönlichkeit verfüge ich über [Stärken]…. Hierbei handelt es sich um eine angeborene, von der Mehrheit abweichende Wahrnehmung. Klare Zielsetzung und ruhige Arbeitsumgebung tragen zu besonders guter Arbeitsqualität bei.“
Essentielle, förderliche Rahmenbedingungen identifiziert Blodig nach einer Studie aus Köln:
1. eindeutige, zielgerichtete Kommunikation
2. fester Ansprechpartner
3. konstruktiver Austausch mit Vorgesetzten
4. Rückzugsmöglichkeiten für Pausen
5. Einfluss auf Umgebungsreize
Schön fand ich, dass unter dem Subkapitel Spezialinteressen auch die Meteorologie erwähnt wurde „andere führen Tabellen oder Listen, beispielsweise über Wetterphänomene […]“. Wer ein wenig nach Autismus und Wetter/Meteorologie googelt, wird auf etliche Ergebnisse stoßen. Doch wie viele Autisten dieses Spezialinteresse zum Beruf gemacht haben, bleibt bis heute unklar. Ich kenne keinen geouteten Meteorologen-Autisten.
Sehr wichtig fand ich die Erwähnung dass das Klischee der monotonen Routinetätigkeiten als ideales Betätigungsfeld für Autisten problematisch sei:

Einerseits geben Routinen Verlässlichkeit und werden als angenehm und stabilisierend empfunden, andererseits wünschen sich Autisten auch inhaltliche Anregung und geplante Abwechslung.

Besonders positiv hervorheben möchte ich noch, dass sie Autisten als Experten zu Wort kommen lässt (wie auch bei Rudy Simone).
Was in meinen Augen etwas ausführlicher hätte besprochen werden können: Vor- und Nachteile des nachträglichen Coming Outs sowie Umgang mit Mobbing, speziell wenn es keinen Betriebsrat und keinen Schwerbehindertenvertreter gibt.
Sonst ist es ein gutes Nachschlagewerk, was unausgesprochene Regeln, Teamarbeit, Konfliktmanagement, etc. betrifft. Bisweilen ist es mir etwas zu viel Text, die ein oder andere Leerzeile mehr hätte der Übersichtlichkeit gut getan.
Ich sehe beide Bücher – von Ina Blodig und Rudy Simone’s Asperger’s on the Job als gute gegenseitige Ergänzung. Etwas kompakter ist letztgenanntes, das zudem Arbeitgeber direkt anspricht und in verhältnismäßig einfachem Englisch geschrieben ist, sodass die englische Sprache hier keine große Barriere darstellen dürfte.

Genetische Architektur von Autismus

Zu den genetischen Ursachen von Autismus gibt es bereits einige Forschungsergebnisse. In einem 2012 erschienenen Artikel von Devlin und Scherer, Genetic architecture in autism spectrum disorder, werden rund 20 % der genetischen Ursachen identifiziert:

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Darunter finden sich mit Autismus verwandte Syndrome, z.B. Fragiles X oder das Rett-Syndrom. Ebenso seltene Chromosomenvarianten wie Trisomie 21, 45x-Turner-Syndrom, 47,XYY oder 47,XXY (Klinefelter-Syndrom), bzw. seltene „copy number varations“ oder Mikrodeletionen, z.B. 22q11 (DiGeorge-Syndrom). Schließlich gibt es auch seltene „penetrante Gene“, die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit den jeweiligen Phänotyp verursachen. Weiterlesen

Spezialinteresse: Wetter

Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten
Schweres Gewitter am 8. Juni 2012 im Donauraum bei Amstetten

Wie alles begann

Ich habe bereits in der frühen Kindheit ein Interesse für das Wetter entwickelt. Niederschlag liebte ich in jeder Form und während andere bei Regenwetter deprimiert und lustlos waren, genoss ich es, draußen zu sein. Stundenlang saß ich am geöffneten Zimmerfenster und lauschte dem gleichmäßigen Geräusch des prasselnden Dauerregens auf den Ziegeln, das gluckernde Strömen entlang der Dachrinne. Ebenso mochte ich das Dachfenster schräg über meinem Bett – Regen als Einschlafhilfe. Nur bei Gewitter schloss ich den Rolladen. Plötzliche Lichtblitze ebenso wie knallender Donner erschrecken mich noch heute, speziell, wenn man in einem Zuhause ohne Blitzableiter aufwächst. Neben Regen liebe ich Schneefall, aber auch starken Wind. Das Rauschen und Heulen beruhigt mich – und Schnee dämpft zusätzlich die Umgebungsgeräusche. Der Verkehr wird leise. Weiterlesen

Autismus im Beruf (III)

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Im dritten Teil beschäftige ich mich mit der kniffligen Frage, wie und ob man seine Asperger-Diagnose in der Arbeit outen soll.

Rudy Simone (Kapitel 18, S. 115 ff., „Asperger’s on the Job“) gibt dabei folgendes zu bedenken:

Sich weiter verstecken macht die Ursache nicht sichtbar und hilft nicht dabei, ein positives Licht auf Asperger-Autisten zu werfen. Aber: Wenn jemand gut klarkommt, warum sollte er für Aufruhr sorgen?

Ohne Asperger anzusprechen haben seine Kollegen keinen Bezug dazu und verstehen sein mitunter sonderbares Verhalten nicht. Aber: Selbst wenn er davon erzählt, fragen sich die Leute mitunter weiterhin, warum er Dinge anders macht.

Wenn dem Arbeitgeber die Diagnose verschwiegen wird, kann sich der Autist nicht auf das Antidiskriminierungsgesetz berufen. Aber: Diskriminierung als Ursache für die Probleme in der Arbeit ist in vielen Fällen schwer nachweisbar.

Was man selbst tun kann:

  • es ist Deine Entscheidung, ob Du Dich outest oder nicht
  • Wenn Du gut in Deinem Job bist und anderen von Asperger erzählst, macht dies den Grund dafür sichtbar und hebt das Ansehen der Menschen mit Asperger-Syndrom
  • Wenn Du Schwierigkeiten im Arbeitsalltag hast, könnte die Offenlegung ein Weg sein, mehr Verständnis und Zugeständnisse zu erhalten
  • Es kann genügen, um das zu bitten, was Du brauchst – ohne Dich komplett zu outen

Das deutsche Pendant zu Rudy Simone wird übrigens in Kürze (am 22.1.2016) von Ina Brodig erscheinen und heißt „Hochfunktionale Autisten im Beruf“ (Vorbestellung hier). Die Autorin ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als Beraterin für Specialisterne Deutschland.

Schließlich gibt es recht hilfreiche „Workplace-Disclosure-Strategies“ von Barbara Bissonnette, wesentliche Punkte habe ich nachfolgend ins Deutsche übersetzt:  Weiterlesen