Stressfaktoren (und Bewältigung?)

Unter positivem Stress funktioniere ich schneller und gelange eher in den Hyperfokus, wo ich sehr konzentriert und effektiv arbeiten kann. Unter negativem Stress arbeitet mein Betriebssystem langsamer. Negativer Stress ist durch die andere Wahrnehmung bedingt, aber auch durch sozialen Stress. Dadurch ist das Stresslevel in meinem Grundzustand ständig erhöht und entsprechend addiert sich jeglicher sonstiger Stress. Ich spielte fast die gesamte Schulzeit hindurch Akustikgitarre und hatte auch Unterricht. Feinmotorische Handlungen verursachten Stress, am meisten das Aufziehen neuer Saiten, die Saite durch die Ösen führen, an beiden Seiten die Knoten machen. Meine Hände waren dabei oft so stark verschwitzt, dass ich mehrfach abbrechen, abtrocknen und wieder anfangen musste. Und das war nicht einmal vor Publikum! Je länger ich spielte, desto stärker wurde das Lampenfieber vor Auftritten. Meinen letzten Auftritt mit zwei Stücken holperte ich so dahin, weil ich so aufgeregt und verschwitzt war, dass ich das Griffbrett nicht mehr richtig angreifen konnte. Danach wollte ich mir das nicht mehr antun. Menschen sind die Hauptstressverursacher. Das kann ein (unerwarteter) Telefonanruf sein, allgemein Menschenmassen, sich hektisch bewegende Menschen. Kinder, die ständig hin und her laufen, schreien, weinen, jammern. Besonders grelle-hochfrequente Töne, etwa auch die akustischen Signale, wenn sich in öffentlichen Verkehrsmitteln die Türen schließen. Rettungssirenen, rückwärts fahrende Laster. Manchmal addieren sich soziale Situationen und offene Reizfilter. Etwa, wenn in einem überfüllten Bus oder Tram jemand noch unbedingt telefonieren muss, genauso an der Kasse oder neulich im Warteraum am Flugschalter. Ich hab spätestens dann den Jackpot erwischt, wenn ich selbst nachdenken muss, wenn ich etwas durchzuplanen habe, und Entscheidungen treffen muss. Wenn dann zu viele Menschen um mich herum sind, zu viele intensive Gerüche, Bewegungen, Geräusche, und DANN noch jemand Belangloses Zeug ins Telefon plärrt, ja, dann ist der Overload perfekt.

Die beste Erholung vom Overload ist Rückzug, im Speziellen Schlafen. Viel Schlaf hilft. Und in dieser Zeit möglichst nicht angesprochen, angerufen oder sonstwie gestört werden. Neulich hatte ich einen klassischen Overload: Ich stand in der überfüllten S-Bahn, konnte mich nicht einmal richtig umdrehen, ohne jemanden zu berühren und umgekehrt. Vier Frauen schnatterten und kicherten in einem Tonfall, der meine kritische Frequenz traf. Ich konnte mich nicht entziehen, weil ich nicht vorher aussteigen konnte, stieg dann aber bei der nächsten Gelegenheit aus, und nahm die nachfolgende, leere S-Bahn. Dann Supermarkt, elektronisches Jingle Bells-Gedudel in der kritischen Frequenz. Schnell raus, rein in die U-Bahn, wieder zu viele Menschen. Umsteigen nach vier Haltestellen. Möchte eigentlich zu meiner Straßenbahn, dann aber spricht mich jemand an „Excuse me?“, wo ich inmitten des Fluchtinstinkts bin, er reißt mich aus den Gedanken, ich schüttle den Kopf und nehme den falschen Ausgang. Um mich herum Gewusel. Bis ich endlich beim richtigen Ausgang bin, fährt meine Straßenbahn vor der Nase weg. 10 Minuten Warten. Erst dann – endlich – bekomme ich sogar noch einen Sitzplatz, und fahre ohne Zwischenstopp nach Hause. Nebenher hatte ich eine wichtige Nachricht erhalten, über die ich konzentriert nachdenken musste. Das ging in der Umgebung nicht. Zwar setzte ich Kopfhörer auf und hörte meine Musik, doch selbst diese störte mich in diesem Augenblick. „Ich möchte doch nur nach Hause…“, dachte ich mir verzweifelt, und jeder Mensch in der Umgebung war einer zuviel.

Im Erschöpfungszustand nach dem bzw. im Overload sind meine Reaktionen verlangsamt. Das kann zur Folge haben, dass selbst einfache soziale Höflichkeitsregeln nicht mehr funktionieren. Begrüßen, verabschieden, fragen, wie es einem geht, Hilfe anbieten, reagieren statt wie gelähmt zuzusehen. Das ist keine bewusste Unhöflichkeit, sondern Folge eines nicht voll funktionstüchtigen Betriebssystems. Wie zu viel temporäre Dateien, die den Prozessor verlangsamen.

Spezialinteresse Fotografie

Ich fotografiere, seit ich die erste Kamera geschenkt bekam. Das war Ende der 90er der Fall. Zu Zeiten, als die Kamera noch analog war und Filme entwickelten werden mussten. Ich verbrauchte pro Monat manchmal drei Filme à 36 Bilder. Als wir zum Schulaustausch nach Paris fuhren, gab es anschließend einen Austausch der Bilder. Jeder konnte Fotos mitnehmen, und anschließend durften sich andere Fotos heraussuchen, die nachgemacht wurden. Ich hatte die mit Abstand größte Sammlung von sicher rund 60 Fotos .

Meine erste Digitalkamera war die Samsung DigiMax V4, mit 4 MP und 3fach Zoom, vor allem aber einem ausgezeichneten Makro, während man die Zoomfunktion und Panoramaaufnahmen generell vergessen konnte. Diese kleine Kompaktkamera hielt von 2003 bis 2010 durch. Danach bekam ich die Canon Powershot G9 geschenkt, von der ich mir dieses Jahr den G16-Nachfolger erworben habe.

In den analogen Jahren fotografierte ich hauptsächlich Wolken, was mit meinem Spezialinteresse Wetter zusammenhing, das ich sehr exzessiv in der Kindheit und Schulzeit betrieben habe. Mit dem digitalen Zeitalter sattelte ich auf Makros um, etwa Blüten & Regentropfen, später kamen s/w-Fotografie („Streetfotografie“), Schatten und Wasserspiegelungen hinzu. Ich erweiterte mein Repertoir zudem um Natur- und Bergaufnahmen, und um Architekturdetails – gerade die mittelalterlichen Sakral- und Profangebäude haben es mir angetan. Wenn ich woanders Bilder von Fernsichten auf Gipfeln sehe, werde ich schnell unrund, wenn diese nicht beschriftet wurden. Ich möchte immer wissen, welche Gipfel in der Ferne man sieht. Ebenso möchte ich wissen, aus welchem Jahrhundert die Kirche stammt, ihre Entstehungsgeschichte. Ein Bild ist für mich nicht einfach ein Bild, das Emotionen transportiert, sondern auch Informationen. Darum sind meine Wanderberichte oftmals recht  detailreich ausgeschmückt, um dem Informationsgehalt Rechnung zu tragen. Das gefällt nicht jedem, ist aber inzwischen zu meinem Markenzeichen geworden. In Zeiten, wo Speicherplatz im Web nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, gibt es für mich keinen Grund, Bildberichte auf ein Minimum zu beschränken.

Es heißt gelegentlich, dass Autisten eine andere visuelle Wahrnehmung besitzen (nicht alle tun das!); sie nehmen eher Details als das Ganze wahr. Sie sehen die einzelnen Bäume statt den Wald, die Gräser statt die Wiese, die einzelnen Eigenschaften eines Reklameschilds statt nur „Werbung“. Ich weiß nicht, ob ich eine besondere Wahrnehmung habe. Fotografen gibt es wie Sand am Meer, nicht zuletzt, seit jeder mit seinem Handy auch fotografieren kann, und natürlich gibt es sehr viele Fotografen, die sich auf Details spezialisiert haben. Autisten haben hier keine Sonderstellung – aber neigen eher dazu, auf Details wertzulegen als z.B. auf Landschaftsfotografien.

Ich möchte nachfolgend ein paar Aufnahmen meiner Spezialmotive präsentieren.

1.  Wasserspiegelungen

Berliner Fernsehturm
Berliner Fernsehturm
Marktstraße in Prag
Marktstraße in Prag
Sommer 2014
Sommer 2014
Bürgerspitalskirche in Steyr
Bürgerspitalskirche in Steyr

2. Streetfotografie

Storytelling
Storytelling
InterChange
InterChange
The Call
The Call
Movie Maker
Movie Maker
Pop Star
Pop Star

3. Schatten

Together
Together
Family Matters
Family Matters
Spot On!
Spot On!

4. Architektur

Nikolaikapelle, romanischen Ursprungs
Nikolaikapelle, Lainzer Tiergarten (1321 erstmals urkundlich erwähnt, errichtet im späten 12. Jahrhundert). Rundbogen, an dem die Halbkreisapsis anschließt. Der Bogen wird links und rechts durch Würfelkapitelle begrenzt, welche typisch für die ottonische Zeit (10.-11. Jahrhundert) sind. Einfaches, aber massives Kreuzrippengewölbe.
Bürgerhaus und Bürgerspital, Steyr
Steyr, historische Altstadt, Zweigeschossiges Bürgerhaus, ehemaliges Messerzechhaus, im Kern 16. Jahrhundert, laut Tafel romanischen Ursprungs, im Hintergrund Bürgerspitalskirche (14. Jahrhundert)
spätgotischer Winzerhof in Nußdorf
Nußdorf, Döbling. Kahlenberger Straße 8: spätgotischer Winzerhof mit schopfwalmgedeckten Fronten, im Kern aus 14-16. Jahrhundert, diente als Wirtschaftshof des Bürgerspitals, mit Kragsteinen, Erker und gotischen Spitzbogenfenstern

5. Gipfel in der Ferne

Fernsicht vom Kahlenbergerdorf zu den Kleinen Karpaten
Fernsicht vom Kahlenbergerdorf zu den Kleinen Karpaten
Fernsicht von der Traisener Hinteralm in die Oberösterreichischen Voralpen
Fernsicht von der Traisener Hinteralm in die Oberösterreichischen Voralpen

6. Bäume

Verzweigte Buche am Pechkogel, Niederösterreichische Voralpen
Verzweigte Buche am Pechkogel, Niederösterreichische Voralpen

 

Entrindeter Baumstumpf im Lainzer Tiergarten
Entrindeter Baumstumpf im Lainzer Tiergarten
Individuum nahe Türnitzer Höger, Türnitzer Alpen
„Edward mit den Scherenästen“

7. Tiere

Steinbock am Röthelstein, Grazer Bergland
Steinbock am Röthelstein, Grazer Bergland
Heuschreckenpärchen
„Motorradfahrer“
Gämsen am Schneeberg, Alpenostrand
Gämsen am Schneeberg, Alpenostrand

Sport und Autismus: (m)eine Erfolgsgeschichte

Ich lernte erst im Alter von neun Jahren Rad fahren, hatte mit Motorik und Koordination große Probleme. Turnen war für mich ein Horror. Reckturnen, am Barren, wie macht man eine gerade Rolle vorwärts? Und rückwärts?  Reckstangen. Vorturnen? Kribbeln am ganzen Körper, Unruhe, vor Aufregung nichts essen können vor dem Sportunterricht und dann Unterzuckerungsanfälle bekommen. Beim Sprint oft zu langsam, beim Weitwurf und Weitsprung – wie koordiniert man noch einmal das rechtzeitige Stehenbleiben bzw. Abspringen? Ich sprang immer sehr geringe Weiten, weil ich mich so darauf konzentrieren musste, rechtzeitig abzuspringen, dass ich nicht auf den nötigen Schwung achtete. Kugelstoßen… eine zu komplexe Bewegung. Teamsport? Wahrscheinlich ein Horror für fast jeden Autisten, denn wer mag schon jemanden im Team haben, der sich wegdreht, sobald der Ball auf ihn zugeflogen kommt? Ich dachte jahrelang, das sei, weil ich Brillenträger bin. Handball, Volleyball, das schied entsprechend aus. Im Fußball fehlte wieder die Koordination, obwohl ich gern spielte. Aber wie bekommt man Praxis, wenn man nie angespielt wird? Klassisch auch die Teamzusammensetzung zu Beginn jedes Spiels. Natürlich wurde ich als Letzter ausgewählt, wobei es sich viel mehr um zugewiesen handelte, da mich keiner haben wollte. Beim Schwimmen das Problem, unter Wasser wegen dem Chlor nicht die Augen öffnen zu können. Springen vom Sprungbrett? Undenkbar. Rückenschwimmen? Angst, dabei zu ersaufen. Koordination beim Brustschwimmen eher so mäßig. Arme bewegen geht, aber die Beine so dazu, dass es eine flüssige Bewegung ergibt, die mich vorwärts treibt? Nein.

Wenn ich den Sportunterricht rekapituliere, dann war es eine traumatische Erfahrung, die vom bayrischen Schulsystem noch gefördert wurde, weil der Notenschlüssel vom Alter abhing, und nicht von der körperlichen Konstitution bzw. Größe. Ich war in meiner Klasse einer der ältesten, aber zugleich der zweitkleinste. Entsprechend waren die geforderten Zeiten, Strecken und Distanzen unerreichbar für mich. Hinzu kamen die motorischen Schwierigkeiten und schlicht die mangelnde Muskelmasse.

Unter diesen geschilderten Voraussetzungen erscheint es undenkbar, dass ich mich je wieder mit Sport befasst hätte. Doch mein ungebrochener Wille gab einen anderen Lebensweg vor.

Noch während der Schulzeit machte ich dank zweier netter Sportlehrer bei einem Schultriathlon mit. Zur Vorbereitung ging ich innerhalb drei Monaten die Ironman-Distanz (180 km Radfahren, 42 km Laufen und 3,8 km Schwimmen, der Wettkampf selbst bestand aus 400 m Schwimmen, 11 km Radfahren und 3 km Laufen. Ich schloss erschöpft, aber überglücklich als 17. von 18 Teilnehmern ab. Dabei sein war alles!

Zwar lernte ich erst spät Radfahren, fuhr aber seitdem ständig Rad und machte auch den Führerschein ein Jahr später als alle anderen. Ich fuhr bei jedem Wetter die 4,2 km zur Schule (führte damals schon ein Notizbuch über meine Zeiten und Maximalgeschwindigkeiten), im Winter bei starkem Ostwind und eisigen -8 Grad, im Sommer bei Hitze, aber auch bei Regen. In gewisser Weise ersparte ich mir dadurch das jahrelange Gedrängel am Schulbus, der oft überfüllt war. Später genoss ich aber auch einfach die Bewegung, die Natur und die Unabhängigkeit.

Im Studium fuhr ich weiterhin Rad, wenn auch nicht mehr so häufig am ersten Studienort, nach der Übersiedlung nach Innsbruck wieder wesentlich häufiger, weil die Vorlesungsorte auseinander lagen und ich öfter pendeln musste. So summierten sich pro Tag durchaus bis zu 20 km, sodass ich mein Pensum pro Jahr vorübergehend auf über 1000 km steigern konnte. Während dem Studium entdeckte ich zudem meine Liebe zum Wandern. Seitdem habe ich Ausdauer, Kondition, Schwierigkeit und Kreativität beim Bergwandern stetig gesteigert und gehe inzwischen das ganze Jahr, jedes Monat, sofern es mir die Freizeit und das Wetter erlauben.

Zum Bergwandern hinzu kam vor drei Jahren das Bouldern, wenngleich ich derzeit bis zur Absolvierung eines Boulderkurs ausgesetzt habe. Auch Klettersteige (bis Schwierigkeit B) habe ich ausprobiert. Allgemein liegt mir das leichte Felsklettern sehr. Ich taste und fühle den Fels ab, bis der Griff sitzt. Wenn ich richtig in Fahrt komme, klettere ich wie eine Katze aufwärts. Solange man dabei nicht nach unten schaut, ist alles in Butter. Was speziell das Klettern und Bouldern lehrt, ist eine verbesserte Körperwahrnehmung. Seine Gliedmaßen richtig zu spüren und deren Länge einzuschätzen, wenn man in der Kletterhalle nach dem nächsten Griff sucht. Den Körperschwerpunkt verlagern, das Hohlkreuz ausbalancieren. Muskelgruppen verwenden, von deren Existenz man bis zum ersten Muskelkater nicht einmal etwas wusste. Ich fing eigentlich mit dem Bouldern an, weil ich mir vor ein paar Jahren beim Radfahren das Kreuz verrissen hatte und mehrere Monate ständig Schmerzen hatte und die 0815-Therapien der Krankenkasse nichts halfen. Später entdeckte ich erst, dass es sogar therapeutisches Klettern gibt. Seit ich anfing zu klettern, sind die Rückenschmerzen weg. Ich könnte mir vorstellen, dass gerade für Autisten mit größeren motorischen Problemen das Klettern sehr geeignet ist, sofern keine taktilen Überempfindlichkeiten gegenüber den Griffen bzw. dem Magnesiumpulver herrschen.

Neben Radfahren, Schneeschuhwandern, Bergsteigen und (einfachem) Klettern habe ich meine Liebe für das alleinige Wandern in der Natur entdeckt. Statt schwierige Gipfel wähle ich immer öfter lange Strecken mit mehrfachem Aufundab. Ein ausgezeichnetes Ausdauertraining, und alleine in der Natur auf einsamen, manchmal unmarkierten Wegen unterwegs zu sein, gibt mir viel Erholung. Weg vom Stadtlärm, von Menschenmassen, dafür gelegentliche Sichtungen von Waldtieren, bei meinen Wanderungen dieses Jahr v.a. Rehe, Gämsen und Steinböcke. Ich genieße die Fernsichten, das Fotografieren und die spannenden Wetterabläufe und -anzeichen. Sport und Spezialinteressen in Symbiose.

Andere Sportarten, die mir wegen Koordination und trickreichem Nachdenken gefielen, mangels Trainingspartner aber nie häufiger betreiben konnte, waren Bowling und Billard. So gesehen hat das Wandern den großen Vorteil für mich, nicht auf andere dafür angewiesen zu sein. Mithilfe der öffentlichen Anreise stehen mir viel mehr Möglichkeiten offen, als Autofahrer oft denken, und ich habe inzwischen durchaus eine beträchtliche Kreativität bei der Routenführung entwickelt.

In Summe habe ich das schulische Sportunterrichtstrauma überwunden, habe meine sportliche Erfüllung abseits von Teamsports- bzw. Vereinsportarten gefunden. Luft nach oben ist immer. Mehr Sport, weniger Computer, aber ich sehe hier noch Steigerungspotential. Sport und Autismus schließen sich trotz schwieriger Anfangsbedingungen nicht aus, nur sind es vielleicht nicht immer die Sportarten, die für neurotypische Menschen als erstes in den Sinn kommen (Mannschaftssport, Wettkampf, etc.). Und natürlich hängt es auch davon ab, wie stark die motorischen Einschränkungen ausgeprägt sind.  Das ist eben individuell verschieden, wie alle autistischen Symptome.

Specialisterne Österreich

Am 16. Oktober fand beim österreichischen (unabhängigen) Ableger von Specialisterne der „Tag der offenen Tür“. Es handelte sich dabei um einen Vortrag vor rund 40 Zuhörern mit anschließender Fragerunde

Der äußere Rahmen:

Es war notwendig, sich vorher anzumelden (beschränkte Sitzplätze), das konnte telefonisch und via E-Mail geschehen. Der Sitz des Vereins befindet sich in einem etwas verwinkeltem Innenhof, war aber gut ausgeschildert.

Das Publikum war recht gemischt, es waren sowohl Autisten (Großteil, wenn nicht alle männlich) da als auch Angehörige und Betreuer, allerdings waren die Nichtautisten eher in der Mehrheit. Vom Setting her für mich nicht ideal, um später Fragen zu stellen, da ich damit beschäftigt war, beim Zuhören Informationen zu verarbeiten. Entsprechend habe ich mir vorgenommen, nur mitzuschreiben und ggf. auftauchende Fragen später per Mail zu formulieren.

Der Vortrag dauerte insgesamt etwas mehr als eine Stunde, daran schlossen sich rund 45 min Fragen an.

Der Inhalt:

Das Team in Wien ist zu fünft, und die Vortragenden waren zu dritt. Der Firmengründer Sonne kommt selbst aus dem technischen Bereich. Es handelt sich um einen non-profit-Verein, der bis 2016 noch finanziell unterstützt wird und danach selbsterhaltend arbeiten muss. Specialisterne legt Wert auf eine andere Sichtweise auf Autismus: Nicht Behinderung steht hier im Vordergrund, sondern besondere Fähigkeiten wie Detailerkennung, Genauigkeit, Freude an Routineaufgaben, logisches Denken und Mustererkennung.

In Oberösterreich gibt es rund 8000 Autisten, hier herrscht ein relativ großes Interesse, während in Wien das Interesse geringer ausgeprägt ist. Die Hauptfrage, die Specialisterne stellt ist, wo Interessen in die Wirtschaftswelt hineinpassen. Sie betonen aber, dass nicht alle Autisten im IT-Bereich tätig sind. Entsprechend gibt es auch etwas für Qualitätssicherung (z.b. Dokumentation, Lektorat, z.B. Sicherstellung korrekter Beipackzettel bei Pharmaunternehmen) und Datenerfassung (Transkribieren, Abschriften).

Sie gehen am potentiellen Arbeitsplatz des Klienten offensiv mit Diagnose und besonderen Bedürfnissen um, das nimmt den Druck. Sie versuchen das Interesse in Firmen zu wecken, etwa dort, wo ungeliebte Tätigkeiten keine Abnehmer finden. Die Kandidaten werden dann bei Specialisterne den Firmen vorgestellt. Viele Klienten sind langzeitarbeitslos und beginnen zunächst mit Teilzeit. Im Unternehmen selbst steht oft ein Mentor (Teamleiter) bereit.

Es gibt auch bei Specialisterne regelmäßige Treffen der Klienten (Autisten), wobei das Gruppentreffen für Autisten kein Problem darstelle. Sie sind sehr sozial zusammen, sehr sensibel, kriegen viel mit und interessieren sich sehr für andere. Der Vortragende betonte an dieser Stelle, dass viele Klischées über Autisten, was die soziale oder empathische Komponente betrifft, nicht zutreffen.

Das Feedback auf ihre Arbeit ist überwiegend positiv, auch vom AMS, das leider die Finanzierung von Qualifikationen für Autisten eingestellt hat, bzw. nur ältere Menschen ab 50 aufwärts finanziert. In Oberösterreich werden Qualifikationen hingegen vom Sozialministerium bezahlt, in Wien, Niederösterreich und im Burgenland nicht. In Linz gibt es Work_aut von den Barmherzigen Brüdern, die eine ähnliche Arbeit wie Specialisterne machen.

„Inselbegabungen“ sind keine Voraussetzung, um sich an Specialisterne zu wenden. Sie stellen dort fest, wo die Stärken des Klienten liegen, und für welche Arbeit bei welchen Voraussetzungen er am besten geeignet wäre, und zwar unabhängig von der Qualifikation bzw. vom Abschluss. Gerade im IT-Bereich sind formale Abschlüsse oft nicht notwendig, oftmals können Klienten rasch an die Aufgabe herangeführt werden. Rund 20 % der Klienten haben einen höheren Abschluss, 80 % niedrigere Abschlüsse. Im Handwerksbereich ist die Vermittlung deutlich schwieriger, hier fehlen auch die Kontakte, zudem sind meist Qualifikationen/Abschlüsse Voraussetzung.

Die Entlohnung geht nach dem Kollektivvertrag und ist für studierte Autisten besser bezahlt. Allerdings arbeiten viele Teilzeit und verdienen rund einen 1000er im Monat, was der Mindestsicherung entspricht. Aber: Viele wollen arbeiten. Korrekte Entlohnung ist ihnen wichtig, weil sie nicht die Behinderung sehen, sondern Spezialisten.

Eine Diagnose ist Voraussetzung für ein (gratis!) Beratungsgespräch von Specialisterne, aber oftmals ein Problem, weil Diagnosen sehr teuer sein können (400-600 €) und nicht komplett von der Kasse übernommen werden. Zudem gibt es gerade in Österreich bzw. in Wien nur wenige Diagnostiker bzw. Autismus-Experten. Negativ aufgefallen ist Kuno Gruber vom Personalmanagement, dass es ein absurdes Konkurrenzverhalten unter den Autismusvereinen gibt, die sich gegenseitig Gerüchte streuen, was hier und dort schlecht läuft.

Der erste Kontakt mit Firmen zeigt oft die Angst der Unternehmer bzw. der Chefs vor Autismus. Sie wissen darüber praktisch gar nichts, höchstens irreführende Beschreibungen wie durch den Film „Rain Man“, und haben Angst davor, dass der Autist das Team sprengen könnte. Die Angst kann den Unternehmen aber bald genommen werden, und eine andere Perspektive auf Autismus vermittelt werden.

Eine Metapher hat mir sehr gut gefallen:

„Das Leben ist ein soziales Echosystem“

Je mehr kommt, desto mehr wird gegeben. Je weniger kommt, desto weniger wird gegeben.

Interpretation:

Specialisterne übernimmt die Aufgabe des AMS, Menschen in Jobs zu vermitteln, die auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind. Viele Autisten empfinden die Bewerbung als größte Hürde, weshalb auch Bewerbungstraining stattfindet. Specialisterne ist es wichtig, dass man die speziellen Stärken der Autisten herausfindet und gezielt daraufhin nach möglichen Arbeitsplätzen schaut. So sind es vor allem Tätigkeiten, bei denen sich Nichtautisten schwerer tun bzw. weniger beliebt sind, die von Autisten besonders akribisch ausgeführt werden. Sie expandieren schrittweise auch in den Bereich abseits der IT, wenngleich viele Fachrichtungen immer noch zu kurz kommen. Sie sprechen nicht von Einschränkungen, sondern von Auffälligkeiten.

Die positive Grundeinstellung zog sich durch die gesamte Präsentation. Aufgrund des Vereinsstatus können sie aber nicht unbegrenzt Qualifikationen und Kursen anbieten, die finanziellen Mittel sind begrenzt, auch durch das AMS, und Sponsoring wäre dringend notwendig. Auch Crowdfunding wurde bereits überlegt. Wien scheint ein wenig Wüste zu sein, was Anlaufstellen für Diagnostik, Therapeuten und Aufklärungsstand betrifft, während Oberösterreich mit Linz schon weiter ist.

Und das bringt mich auf einen allgemeinen Gedanken:

Viele Firmen beschäftigen Autisten, die meisten davon vermutlich unwissentlich, und wundern sich über sonderbares Verhalten und Missverständnisse in der Kommunikation. Sie wissen nicht, dass ihre Mitarbeiter sehr produktiv sein können, wenn sie eine angemessene Umgebung zur Entfaltung haben. Ja, das betrifft alle Mitarbeiter, aber suboptimale Bedingungen wirken sich bei Autisten schwerwiegender aus (z.B. die Sensorik), und mehr Klarheit und Struktur nehmen viel Stress weg, denn Stress erleben Autisten bereits genug in Alltagssituationen, die für Nichtautisten nicht oder weniger als Stress empfunden werden. Nachdem man Mitarbeiter naturgemäß meist nur in der Arbeit erlebt, wissen die wenigsten von diesem alltäglichen Stress.

Wer klärt Unternehmen darüber auf, was für Schätze sich in ihren Mitarbeitern verbergen können? Dass oft nur minimale Veränderungen notwendig sind, und dass die meisten Anpassungen auch den anderen Mitarbeitern zugute kommen. Denn eines ist klar: In jeder Branche sind Autisten aktiv (auch wenn ein hoher Prozentsatz an Arbeitslosen oder Teilzeitarbeitern vorhanden ist), und haben nicht alle ein Recht darauf, dass man sie respektvoll und wertschätzend behandelt, gerecht entlohnt und sie ausreichend motiviert?

Ich stelle mir also die Frage, wie man ganz grundsätzlich vermitteln kann, ohne sich auf spezielle Berufszweige festzulegen, dass es sich hier um Menschen mit speziellen Fähigkeiten handelt, und nicht per se um behinderte Menschen (das schließt Komorbiditäten nicht aus, aber das hat dann nichts mit dem Autismus zu tun). Das setzt einen Paradigmenwechsel in der Sichtweise auf Autismus voraus, so wie ihn Specialisterne vorlebt. Unterstützung weiterhin ja, Förderungen, ggf. Betreuer oder Mentoren, aber Hauptaugenmerk darauf, was jemand besonders gut kann. Ich glaube, das erlebt auch jeder selbst – wenn er etwas mit Freude macht, fallen Schwierigkeiten weniger stark ins Gewicht.