Ursache und Wirkung der gestörten Darmflora bei Autismus

In Elternforen stößt man immer wieder auf Erfahrungsberichte, wo auf bestimmte Diäten geschworen wird, die angeblich autistische Symptome zurückbilden lassen. Als ich im Herbst 2014 über den Österreichischen Autismuskongress in Wien (20-21.09.14) recherchierte, stieß ich auf zweifelhafte Vorträge wie  ‚“Lass Nahrung deine Medizin sein“ – Warum eine Diät-Behandlung bei ASS?‚ und ‚Fehlernährung bei ASS‚, und weiters ‚Biomedizinische Behandlungen bei Autismus‚. Der eine Vortragende (John Kucera) kommt direkt von AutismSpeaks, die andere (Dominguez-Shaw) ist Ernährungsdiätspezialistin bei Autismus und ADHS.

Vor ein paar Tagen ließ das reißerische „Wissenschafts“-TV-Magazin Galileo mit einer Meldung über eine Datenbank in den Niederlanden aufhorchen, die Stuhlproben sammelt, um Therapien z.B. gegen lebensbedrohliche Durchfallerkrankungen zu entwickeln, indem Fäkalien eines gesunden Spenders transplantiert werden.Galileo ging noch einen Schritt weiter und spekulierte über eine Anwendung bei Autismus (keine anderes Medium, auch speziell in den Niederlanden, konstruierte hier einen Zusammenhang). Laut Organisatoren der Datenbank gibt es bisher keine wissenschaftlichen Beweise dafür, diese Therapie bei Autismus anzuwenden. Davon abgesehen ist das Verfahren offiziell noch gar nicht zugelassen. Weiterlesen

Die Rolle des Kleinhirns (Cerebellum) bei Autismus

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Koordination, Gleichgewicht, Zusammenspiel der Muskeln und Gelenke (Symbolbild)

Kurzer Abstecher zum Klinefelter-Syndrom (47,XXY): Strukturelles Neuroimaging zeigt, dass Betroffene im Schnitt ein kleineres cerebellum aufweisen (z.B. Steinman et al., 2009); 47,XXY und Autismus zeigen starke Überlappungen bei kognitiven Funktionen und sensomotorischen Fähigkeiten, dazu zählen u.a. auch motorische Defizite. Auch bei anderen mit Autismus verwandten Syndromen wurden Abweichungen im Cerebellum festgestellt (z.B. Williams-Syndrom).

Erfahrungsberichte von und über Autisten zeigen: Motorische und koordinative Defizite sind häufig, dazu zählt zum Beispiel spätes oder nicht vorhandenes Erlernen des Radfahrens im Kindesalter, unsicherer Gang, häufiges Fallen, Verschütten von Lebensmitteln, sich beim Essen anpatzen, sich stoßen an Möbeln, Türen, Wänden, Schwierigkeit beim (Bäume) Klettern, usw. Temple Grandin ließ sich ihr Kleingehirn vermessen, dabei stellte sich heraus, dass es rund 20 % kleiner ist als ein durchschnittliches Kleinhirn. Das erklärt in ihren Augen ihren lausigen Gleichgewichtssinn und warum sie so arge Probleme beim Skifahren lernen hatte (nicht nur sie….). Weiterlesen

Boulderkurs: Wider dem Stress, für Körper und Geist

Seit Mitte Januar besuche ich einen Boulderkurs. Bei Bouldern handelt es sich um Klettern ohne Seilsicherung bis in maximal vier Meter Höhe. Ziel ist es, vor allem durch technische Kniffe und dynamische Bewegungen mit wenig Kraftaufwand Routen zu klettern. Das geht sowohl in der Halle als auch an Boulderfelsen im Gelände. Für mich ist es der erste Sportkurs seit der Schulzeit.

Bouldern ist aus mehreren Gründen auch für Autisten ein gutes Training:

Man beansprucht viel mehr Muskelgruppen als bei einfachen Sportarten wie Joggen oder Radfahren. Das stärkt auf Dauer gerade Rücken, Schultern und Bauch, und kann damit Rückenschmerzen oder gar Bandscheibenvorfälle bei längerem Sitzen vorbeugen. Zudem gewinne ich auch an Kraft in Armen und Beinen und verbessere Körperwahrnehmung und Kondition, gerade letzteres zählt häufig nicht zu den Stärken von Autisten mit sensomotorischen Schwierigkeiten. Nebenbei beugt die Bewegung auch Volkskrankheiten wie Diabetes und Osteoporose vor. Klettern und Bouldern stärkt das Selbstwertgefühl. Es besteht kein Zwang oder Wettbewerbsgrund, unbedingt alle Routen zu Ende zu klettern, man kann auch zuerst die Technik verbessern, oder zuerst die Kraft trainieren. Aber über längere Zeit ist ein Fortschritt sichtbar, und das ermutigt zum Dranbleiben. Hallenbouldern ist wetterunabhängig und damit das ganze Jahr über betreibbar.

Der wichtigste Punkt aber ist – wie beim Wandern auch – der Abbau von Stresshormonen, die bei mir sonst aufgrund der Reizoffenheit und niedriger Frustrationsschwelle rascher in den Overload führen.

Eine liebe Autistin hat mir das so erklärt, dass beim Sport Adrenalin abgebaut wird, sobald man in das berühmte „Runner’s High“ im Flow-Zustand gerät. Der Flow tritt jedoch erst ein, sobald die Bewegungsmuster aus dem Cerebellum (Kleinhirn) abgespielt werden, also unbewusst geschehen . Bei Marathonläufern, langen Wanderungen oder ausdauernden Kletterern ist das der Zustand, wenn man keine Schmerzen mehr spürt, alles eine rhythmisch fließende Bewegung ist, die scheinbar ewig andauern könnte.

Bis dahin ist es jedoch ein langer Weg mit so manchen Rückschlägen. Menschen mit Autismus (und 47,XXY) zeigen zum Teil funktionale und/oder strukturelle Abweichungen im Kleinhirn (Cerebellum) und benötigen daher länger als andere Menschen, bis diese Bewegungsmuster dort abgespeichert sind. Länger heißt jedoch nicht nie! Und ist es erst einmal geschafft, kann man mit dem Sport das Adrenalin wieder runterbringen, was durch die Reizoffenheit aufgebaut wurde. Das macht auf Dauer belastbarer und glücklicher und ist ein Gewinn an mentaler Stärke.

Nun besteht die Hauptschwierigkeit für mich darin, während der Boulderaktivität in der Halle für eine möglichst reizarme Umgebung zu sorgen. Denn ich bin dort leider nicht alleine, sondern zahlreiche andere Kletter sind dabei. Im Hintergrund läuft häufig Musik in mehr oder weniger angenehmer Lautstärke, manchmal spielen Kinder und Jugendliche Tischfußball oder rufen laut Kommandos. Andere sitzen auf den Bänken und unterhalten sich. Unter der Woche, aber zum Teil auch während der Kurse herrscht also ein gewisser Lärmpegel, der zeitweise meine Schmerzgrenze überschreitet (Overload). Das Entziffern der Ansagen vom Kursleiter ist dann besonders anstrengend und zieht Energie, die ich für die restlichen Aktivitäten bräuchte. Hinzukommt die Präsenz der anderen, auf die ich visuell stark reagiere, d.h., ich nehme hektische Bewegungen ständig wahr, ich fühle mich eingeengt, wenn zu viele um mich herum stehen oder sitzen oder klettern, und wenn sie in meine Richtung klettern, setzt mich das unter Druck. Ich werde dann fahrig, schwitze noch mehr als sonst und bin rascher frustriert. Auch die Interaktion mit Trainer und den anderen Kursteilnehmern ist noch eine Herausforderung, darum zu bitten, etwas vorzuzeigen, Fragen stellen, Smalltalk führen, das Gefühl, wenn andere mich beobachten, während ich mich an einer Route versuche. In Summe sind das viele Reize und Stressfaktoren, die mich immer an den Rand vom Overload bringen. Hinzukommt die Ernährung, die ich erst auf diesen kraftraubenden Sport umstellen muss.

Heute merkte ich den Unterschied in einer reizarmen, guten Stunde: Die Halle war relativ leer, die Wände frei und nur wenige Rundenkletterer unterwegs (das sind die, die routenunabhängig den ganzen Raum umrunden, und dabei alle verdrängen, die gerade an einer Route beschäftigt sind), die Musik war angenehm zurückhaltend. Keine Kinder, kein Geschrei oder Wuzzler nebenan. Auf einer Ratgeberseite hatte ich von den Vorzügen von Koffein vor dem Klettern gelesen und mir daher schnell noch einen Espresso reingehauen. Das blies die Müdigkeit weg und half mir tatsächlich in der Konzentration und Ausdauer. In Summe ging wesentlich mehr weiter als in der frustrierenden Kursstunde davor, wo ich mich soziophobisch und unsicher fühlte. Nach der fünften Kursstunde und drei Mal zwischendurch trainieren hatte ich erstmals das Gefühl, dass irgendwas ins Kleinhirn rüberhupfte, nämlich ging das Eindrehen an der Wand flüssiger als vorher, ohne dass ich überlegen musste, wie ich mich Hindrehen muss. An diesem Fortschritt werde ich auch das nächste Mal anknüpfen. Ein wesentlicher Punkt ist jedoch, mich nicht unnötiger Reizüberflutung auszusetzen, sondern die ruhigen Hallenphasen zu suchen.

Beim Wandern gelingt mir das inzwischen dadurch, dass ich bewusst unmarkierte oder weglose Strecken gehe, wo ich unter Garantie keine Massen habe. So oder so spüre ich den Fortschritt und bin froh, mich zum Kurs überwunden zu haben und dranzubleiben. Ich kann es nur weiterempfehlen.

Neues aus der Mäuseforschung

Die Übertragbarkeit von Ergebnisse von Mäusen auf Menschen ist umstritten (siehe http://www.drze.de/im-blickpunkt/tierversuche-in-der-forschung). Bei Autismus kommt hinzu, dass es hier nicht nur um genetische und neurologische Einflüsse geht, sondern auch um die Identität des Menschen. Autismus macht einen wesentlichen Teil meiner Identität aus. Den kann man nicht einfach nach Belieben an- und abschalten.

Die neuesten Forschungsergebnisse propagieren genau das:

Neurowissenschaftler reversieren Autismus-Symptome bei Mäusen.

Bei etwa 1 % der Autisten fehlt das Gen Shank3, was zu typischen Autismus-Symptomen wie Stimming und Vermeidung sozialer Kontaktpflege führt. In einer Studie mit Mäusen wurde nun gezeigt, dass manche dieser Verhaltenssymptome umkehrbar sind, indem später im Leben das Gen zurückgedreht wird, und das Gehirn sich ordentlich rekalibrieren kann. Das bedeutet, dass selbst ein erwachsenes Gehirn plastisch formbar ist.

Feng, einer der Forscher, hofft, dass manche Defekte umkehrbar sind und selbst erwachsene Autisten mithilfe einer Gentherapie behandelt werden können.
These techniques are not yet ready for use in humans, however.

Feng glaubt, dass die Wissenschaftler ebenso in der Lage seien, allgemeinere Ansätze für einen größeren Teil der Betroffenen zu entwickeln. Beispielsweise können Forscher fehlerhafte Schaltkreise identifizieren, die für bestimmte Verhaltensanomalien bei einigen Autismus-Patienten spezifisch sind, und herausfinden, wie man die Schaltkreisaktivität anpassen kann. Das könnte auch anderen Menschen mit Defekten in den gleichen Schaltkreisen helfen, selbst wenn das Problem von verschiedenen genetischen Mutationen kommt.

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Da hat jemand Autismus nicht verstanden. Was Herr Feng behandeln möchte, sind Auswirkungen der anderen Wahrnehmung. Was würde das für autistische MENSCHEN bedeuten, wenn man ihnen die Kompensationsstrategien (wenige Kontakte, Stimming) entzieht? Wer stellt sich für so etwas freiwillig zur Verfügung? Welche erwachsenen Autisten betrachten dies als ihr Hauptproblem? Mäuse müssen in der Regel nicht zur Schule gehen, zum Sportunterricht, einen Haushalt führen, Geld verdienen, sie werden nicht von anderen gemobbt und müssen auch nicht täglich zum Einkaufen und dabei den lauten Verkehr oder die grelle Sonne ertragen.

Ich möchte damit herausstellen, dass die Umwelt einen wesentlichen Einfluss auf Autismus hat. Zuhause spüre ich den Autismus kaum, erst in der Interaktion mit anderen wird es schwierig. Aber zur Interaktion gehören immer zwei. Der andere muss sich auf mich einlassen können. Was ist bei erfolgreichen Autisten anders? Liegt es nur an den Genen oder auch an einer benignen Umwelt?

Gender Dysphorie und Autismus: Was sagt die Wissenschaft?

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In den vergangenen Wochen und Monaten, wo nicht nur der Riss durch die Gesellschaft sichtbar wurde, sondern auch durch die Autismus-Communities, beißen wir uns zunehmend auf Begrifflichkeiten fest. Zuerst war die korrekte Definition von Neurodivergenz die große Streitfrage, kurz darauf die Selbstdiagnose und schließlich autismgender – eine Zusammenziehung von Autismus und Gender. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, sagen die Kritiker, wobei die Ablehnung teilweise recht heftig zum Ausdruck gebracht wird. Doch was heißt autismgender eigentlich? Gibt es dafür wissenschaftliche Untermauerungen? Und warum kann man nicht einer Teilgruppe von Autisten eigene Bezeichnungen zugestehen?

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