Hoffnung

Nach einer gefühlsmäßig ziemlich turbulenten Woche geht es seit gestern wieder aufwärts. Es ist ein Lichtblick entstanden und es ist wieder eine Perspektive vorhanden. Ich hoffe, ich hab den Tiefpunkt überstanden. Ich merke nur eines, nach über sechs Jahren bei einem menschlich sehr zweifelhaft agierenden Arbeitgeber fällt es mir schwer, wieder Vertrauen zu haben, nicht immer das Schlimmste anzunehmen. Diese lange Zeit dort hat traumatische Spuren hinterlassen. Wie schwerwiegend das ist, merke ich selbst zweieinhalb Jahre später noch. Das Andere ist das “catastrophizing”, das Katastrophendenken, immer den Worst Case annehmen. Das scheint in meinen genetischen Code eingebrannt. Ich weiß aus Verhaltensstudien, dass es auch bei 47,XXY häufiger auftritt als beim Durchschnitt. Opfer meiner Gene. Ich ergebe mich diesen aber nicht mut- und willenlos. Das Durchtauchen dauert nur oft seine Zeit, bis es wieder aufwärts gehen darf, bis ich wieder andere (gemäßigte) Sichtweisen annehmen kann. In diesem wunderbaren Beitrag über Autisten und Beruf wird sehr ausführlich dargelegt, welche schlimmen Folgen Mobbing haben kann. Nehmt sowas bitte Ernst, danke.

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Was ist Autismus?

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Quelle

Es bleibt definitiv keine leichte Aufgabe, Autismus korrekt zu definieren. Über die Rolle Hans Aspergers während der Zeit des Nationalsozialismus kann man differenzierter Meinung sein. Die Medien pickten sich vor allem die bösen Zitate aus dem vorliegenden Artikel und ignorierten die guten Seiten. Aber sind wir doch einmal ehrlich? Ohne Hans Asperger’s Artikel über den “autistischen Psychopathen” (damals hatte das eine andere Bedeutung als heute) hätte Lorna Wing ebendiesen nicht Jahrzehnte später aus den Akten gegraben. Ihr wäre nicht der Gedanke eines “Autismus-Spektrums” gekommen, welches jetzt – 30 Jahre später – Eingang in das medizinische Klassifizierungssystem (DSM, in Europa ICD) gefunden hat. Asperger als vorbelasteten Begriff aus der Medizingeschichte zu verbannen, hieße, einen wichtigen Verdienst an der Diagnose Autismus-Spektrum auszublenden.

“Eine Wissenschaft, die ihre Geschichte nicht kennt, versteht sich selber nicht.”

(Kurt Schneider, 1950)

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Junge Autisten für Neurofeedback-Studie an der Uni Wien gesucht

Ich erlaube mir einen Aufruf zu veröffentlichen, der mir zugemailt wurde:

Wir, das ABC BRAIN LAB-Team an der Univ.Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien führen gerade eine Studie zum Thema Wirksamkeit von Neurofeedback bei Kindern und Jugendlichen im Spektrum durch. Neurofeedback ist eine Methode, um die eigene Hirnaktivität am PC darzustellen und dadurch zu lernen sich selbst besser wahrzunehmen und in der Folge auch zu regulieren. Dies kann bei Konzentration bei Prüfungen helfen oder dem Umgang mit Gefühlen erleichtern.

Hierfür suchen wir noch Teilnehmer zwischen 12-18 Jahren mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung, die Rechtshänder sind und keine Metallteile (wie z.B. Zahnspange) im Körper haben (aufgrund von MRT-Messungen).

Weitere Informationen (Kontaktaufnahme per E-Mail wird angeboten)

Flyer zur Studie

Sind Selbstdiagnosen valide? (lang)

Vorab die Feststellung, dass es Autisten auf Twitter gibt, die mich zwar blocken, aber trotzdem auf meine Tweets antworten oder sie gar zitieren und mir zugleich etwas unterstellen, was ich so nicht geschrieben habe. Ignoriert mich doch bitte einfach, denn das ist eigentlich der Sinn eines Blocks.

Einschub: Autismus-Spektrum versus Asperger, frühkindlich, atypisch …

Jene Autisten versuchen mir wiederholt zu unterstellen, ich wolle mich von frühkindlichen oder allgemein schwerer betroffenen Autisten abgrenzen, weil ich mich für etwas besseres hielte. Dafür habe ich andere Begleiterkrankungen, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Ich habe keine Ahnung, in welchen Umfeldern ihr lebt und welche Jobs ihr ausübt, aber es ist der Öffentlichkeit sehr sehr schwer zu vermitteln, dass stark betroffene Autisten, die nicht selbständig leben, geschweige denn arbeiten können, im gleichen Spektrum sind wie (vermeintlich) hochfunktionale Autisten, denen man ihre Einschränkungen und Alltagsproblematik nicht ansieht. Objektiv betrachtet sehe ich auch wenig Sinn darin, eine künstliche Trennung der unterschiedlichen Autismusformen aufrechtzuerhalten, weil man das im Erwachsenenalter nicht mehr unterscheiden kann. Die Kernsymptomatik ist bei allen ähnlich: andere Kommunikation und Interaktion, Spezialinteressen und Reizüberflutung. Die Auswirkungen sind aber höchst unterschiedlich, was stark davon abhängt, wie viele und welche Begleiterscheinungen hinzukommen, von Epilepsie über Mutismus bis zu Depressionen, Angsterkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Egal, in welche Schubladen man was packt, es läuft darauf hinaus, dass es nie gelingen wird, alle Autismusformen zu repräsentieren durch einen Oberbegriff (wie Autismus-Spektrum), weil die Öffentlichkeit mit dem Begriff Autismus immer etwas anderes verbinden wird als man “hochfunktionalen” Autisten ansieht. In der Zukunft wird man Subtypen für Autismus haben, je nach genetischer oder neurologischer Ursache. Prinzipiell finde ich das eine gute Sache, nur bereitet mir die derzeitige gesellschaftliche und politische Entwicklung Magenschmerzen, weil eben genau jene Ideologien an den Schalthebeln sitzen könnten, die Eugenetik propagieren und uns eine sehr differenzierte Unterteilung zum Nachteil wird. Für (lebende) Autisten mit schwersten Begleiterkrankungen sind genetische Fortschritte möglicherweise ein Segen, für die ungeborenen Autisten eine Bedrohung durch vorzeitige Abtreibung. Der einzige Weg, alle unter einen Hut zu bringen, ist den Inklusionsgedanken in der Gesellschaft einzupflanzen, damit sich niemand dafür schämen muss, anders zu sein. Aktuell halte ich das für eine schöne Utopie, die Realität sieht aber leider großteils anders aus bzw. geht es durch die gesellschaftliche Akzeptanz sozialdarwinistischen Gedankenguts sogar in die Gegenrichtung.

Um dieses Kapitel abzuschließen. Jeder soll sich so nennen dürfen, wie er sich damit wohl fühlt. Andere Autisten haben nicht zu entscheiden, ob ich mich Autist oder Asperger nenne. Das ist alleine meine Sache. Ich verwende sogar beide Bezeichnungen, je nach Anlassfall. Aufgrund der eklatanten Unaufgeklärtheit meines beruflich-sozialen Umfelds ist Asperger zunächst mal leichter zu erklären, weil das keiner kennt und man nicht sofort auf die üblichen Vorurteile stößt. Wenn ich dagegen sofort mit Autismus komme, glaubt mir das kein Mensch und ich bin erstmal ewig beschäftigt, Vorurteile auszuräumen, sodass ich nicht mal dazu komme, über mich zu sprechen.

In meiner Literaturliste hier am Blog befinden sich übrigens auch Empfehlungen für frühkindlichen Autismus, z.b.

  • Birger Sellin – ich will kein inmich mehr sein. botschaften aus einem autistischen kerker. KiWi, 1993
  • Gee Vero – Autismus – (m)eine andere Wahrnehmung. FeedARead.com Publishing, 2014
  • https://kanner840.wordpress.com/

 

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Telefonitis nimmt gerade Überhand

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Zum Thema Multitasking und Telefonate hab ich mich bereits ausgelassen. Mir ist neulich dann aus anderen Gründen wieder einmal der Kragen geplatzt und ich habe eine E-Mail abgeschickt, die ich mir sonst verkneifen würde, denn ich habe mich geoutet, ohne Not eigentlich. Worum geht’s? Wir leben im digitalen Zeitalter und oft sind Telefonate alternativlos, was nicht sein müsste. Es geht um meine Bedürfnisse, es geht um meinen Willen, an der Gesellschaft teilzunehmen und damit geht es letzendlich um Inklusion. Continue reading