Ö1-Punkteins: Leben mit Asperger-Syndrom

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Einschränkung, Sonderbegabung und der Kampf um soziale Akzeptanz
Gäste: Dr. Wolfgang Gombas, Psychiater. “Maria”: Betroffene
Moderation: Philipp Blom (noch abrufbar bis 13.09.2019)

Maria tritt anonym auf, weil nur engste Familienmitglieder und nahe Freunde Bescheid wissen, wohnt in kleinem Ort. Sie kann nicht abschätzen, was passiert. Es mangelt an Aufklärung in Österreich, es wird stigmatisiert.

Gombas kann das verstehen, wegen der Stigmatisierung durch die offiziellen Diagnosen. Asperger ist ein Syndrom, eine Ansammlung von Symptomen. Diagnosen verändern sich. Asperger ist im ICD-10, wird also als Erkrankung bezeichnet, dürfte dann aber nicht Syndrom heißen.

Maria wurde spät diagnostiziert, Anfang 30, zufällig durch einen Freund darauf angesprochen, ob sie nicht im Autismus-Spektrum sei. Sie hat es anfangs nicht ernstgenommen, hat aber nach einigen Monaten begonnen, viel darüber zu lesen und konnte sich damit identifizieren. Sie erkannte sich wieder in den Problemen der Reizüberflutung. Sie wusste nie, warum sie alles so anstrengend empfand. Sie begriff erst, dass es für andere leichter sei. Continue reading

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Strategien von Autisten im Umgang mit Schwierigkeiten im Berufsalltag (II)

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Ruhepol der Natur als Energieressource für den Berufsalltag

Dieser Beitrag war schon länger geplant, ist aber doch relativ umfangreich in der Umsetzung. Im ersten Teil hab ich das Buch Kohl, Seng, Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch. Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen, 2017 umfangreich rezensiert (Link). Im zweiten Teil geht es um einen gemeinsamen Nenner bei der Beantwortung der vorformulierten Interviewfragen für die 22 interviewten Autistinnen und Autisten. Ich möchte mich dabei auf konstruktive Strategien bei Problemen im beruflichen Alltag beschränken. Welche Bewältigungsstrategien funktionieren, was führt zu einer Verschärfung der Problematik? So mancher Leser mag sich denken, hey, das kenne ich auch und ich bin nicht autistisch! Aber das ist kein Widerspruch, denn es gibt keine autistischen Alleinstehungsmerkmale. Erst die Summe bestimmter Symptome qualifiziert für die Diagnose Autismus. Manche Strategien helfen neurotypisch denkenden Menschen also genauso, andere laufen intuitiver ab als bei Autisten – sie müssen darüber nicht extra nachdenken.

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Wie wichtig sind Routinen?

Mich heilt nur die Natur

Die übliche Reaktion auf die Kundmachung depressiver Verstimmungen ist die Empfehlung, “unter die Leute zu gehen!” bzw. “rauszugehen.” Dabei erleben viele Autisten meist eine Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach mehr Sozialkontakten und der gleichzeitigen Erschöpfung nach sozialen Aktivitäten. Diese sind selten den autistischen Bedürfnissen angepasst. Die Anfahrt kann bereits energieraubend sein, das Lokal hellhörig und laut, Stimmengewirr, klapperndes Geschirr, Verkehrslärm, Zigarettenrauch. Auch größere Gruppen sind anstrengend, wenn man mehrere Gespräche gleichzeitig hört. Für viele Autisten ist das eigene Zimmer oder die eigene Wohnung ein heiliges Refugium, ein wichtiger Rückzugsort, nach den eigenen Bedürfnissen eingerichtet. Abgeschirmt (bestenfalls) von Umgebungslärm, das Gegenteil von Menschenmassen in der Stadt und überfüllten Öffis. Continue reading

Der etwas andere Arzt

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Nicht immer verläuft der Lebensweg geradlinig

Inzwischen habe ich den Orthopäden gewechselt, auf Empfehlung bin ich zu einem Privatarzt, der selbst aktiv Sport treibt. Der erste Kontakt verlief holprig. Es gab zwei E-Mail-Adressen, eine bestehend aus Vor- und Nachname, die andere von der Gemeinschaftspraxis, in der er ordiniert. Terminanfrage telefonisch UND per Mail möglich, stand auf der Webseite, ausschließlich telefonisch aber nur bei der Gemeinschaftspraxis, die für mich öffentlich besser erreichbar ist. Ich schrieb trotzdem an die private Adresse, weil ich sicher gehen wollte, dass er meine Ausführungen liest. Geantwortet hat trotzdem eine Ordinationshilfe mit der Bitte um telefonische Terminvereinbarung. Ich schrieb kurz, aber deutlich zurück, dass ich Autist sei und nicht telefonieren könne und bat um eine schriftliche Terminvereinbarung. Das hat dann doch unkompliziert funktioniert. Continue reading

Rezension: Brit Wilczek – Wer ist hier eigentlich autistisch? Ein Perspektivwechsel (2019)

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Als in meiner Twittertimeline das Buch von Brit Wilczek aufploppte, fackelte ich nicht lange beim Bestellen. Ich hatte ihren Namen schon früher in Verbindung mit dem “Zwei Welten-Modell” gehört. Kein besonders neuer Ansatz, zugegeben. Die ironische Zuspitzung auf “Wrong-Planet”-Syndrom gibt es in der autistischen Community schon viel länger. Dennoch gebührt jeder Fachkraft Lob, die sich in ihre Klienten/Patienten versucht hineinzuversetzen. Das ist auch Brit Wilczek besonders gut gelungen in dem hier vorliegenden Buch. Continue reading