Wie geht Urlaub?

 

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Venedig

Unmittelbar nach der frohen Botschaft, im kommenden Jahr wieder in Wien arbeiten und leben zu dürfen, begann mein insgesamt neuntägiger Urlaub. Über so einen langen Zeitraum habe ich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn nur selten Urlaub genommen. Auslandsreisen mache ich alleine gar nicht, für längere Hüttentouren kam in mir zu sehr der Meteorologe zum Vorschein – leider manchmal, denn mit dem Wissen, wie gewittrig die Sommermonate sein können und wie gefährlich entsprechend alpine Unternehmungen, kann ich nicht ein halbes Jahr im Voraus Urlaub planen. Dieses Jahr werde ich mit diesem kategorischen Nein erstmals brechen, wenn ich im Juli eine Woche durch die Ötztaler Alpen wandere und Ende September eine Woche durch die Hohe Tatra (jeweils geführte Touren).  Nervenkitzel alleine durch das Wetter – das versuche ich zu meiden. Ich bin vielleicht kein expliziter Schönwetterwanderer, wohl aber dann, wenn die Touren anspruchsvoll werden. Continue reading

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Was ist Autismus?

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Quelle

Es bleibt definitiv keine leichte Aufgabe, Autismus korrekt zu definieren. Über die Rolle Hans Aspergers während der Zeit des Nationalsozialismus kann man differenzierter Meinung sein. Die Medien pickten sich vor allem die bösen Zitate aus dem vorliegenden Artikel und ignorierten die guten Seiten. Aber sind wir doch einmal ehrlich? Ohne Hans Asperger’s Artikel über den “autistischen Psychopathen” (damals hatte das eine andere Bedeutung als heute) hätte Lorna Wing ebendiesen nicht Jahrzehnte später aus den Akten gegraben. Ihr wäre nicht der Gedanke eines “Autismus-Spektrums” gekommen, welches jetzt – 30 Jahre später – Eingang in das medizinische Klassifizierungssystem (DSM, in Europa ICD) gefunden hat. Asperger als vorbelasteten Begriff aus der Medizingeschichte zu verbannen, hieße, einen wichtigen Verdienst an der Diagnose Autismus-Spektrum auszublenden.

“Eine Wissenschaft, die ihre Geschichte nicht kennt, versteht sich selber nicht.”

(Kurt Schneider, 1950)

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Nazi News sell better!

Ich möchte auf den Inhalt der Veröffentlichung von Herwig Czech noch in einem anderen Artikel eingehen. Zuvor ein Gedankenspiel …

“Ich möchte etwas sagen. Ich habe eine Asperger-Diagnose. Das ist …”

“Asperger…? Das ist doch der Arzt, der für die Ermordung dutzender Kinder in der Nazizeit verantwortlich war.”

“Ja, eigentlich spricht man heute auch nur noch von Autismus-Spektrum?”

“Autismus? Aber Du kannst doch sprechen!”

“Ich hab sogar studiert und arbeite selbständig in …”

“Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Autismus ist doch diese Krankheit, bei der Kinder schaukelnd in einer Ecke sitzen und bei allem Hilfe im Alltag brauchen.”

“Autismus ist keine Krankheit. Es heißt doch darum Spektrum, weil es so viele individuelle Ausprägungen davon gibt, von sprechenden zu nichtsprechenden Autisten, von Autisten mit verminderter bis zur hohen Intelligenz, von …”

“Hab schon verstanden. Was hat das mit dem Asperger-Nazi zu tun?”

“Asperger hat diese Form von Autismus während der 30er und 40er Jahre entdeckt und Kinder danach behandelt. Es geriet aber danach in Vergessenheit und Leo Kanner, mit dem nach ihm benannten Kanner- bzw. frühkindlichen Autismus erntete die größte Aufmerksamkeit. Seine Autismus-Patienten waren von außen betrachtet viel stärker betroffen. In den 80er Jahren wurde das Asperger-Syndrom von Lorna Wing wiederentdeckt, übrigens eine …”

“Das ist mir zu kompliziert. Ich habe nicht das Gefühl, dass Du stärker betroffen bist.”

“Deswegen spreche ich lieber von Asperger, das stößt die Menschen nicht sofort vor den Kopf, wenn sie es das erste Mal hören, aber jetzt denken alle bei Asperger sofort an die Naziverbrechen. Dabei …”

“Asperger war also ein Nazi.”

“… war Asperger laut Aussagen seiner damaligen Weggefähren wahrscheinlich selbst im autistischen Spektrum zuhause.”

“Asperger war also ein Nazi.”

“Er war nicht Mitglied der NSDAP, aber er war auch nicht die heilige Figur, die später aus ihm gemacht wurde. In Östereich war der Austrofaschismus und Nationalismus schon lange vor der Nazizeit sehr beliebt in der Bevölkerung. Viele waren Mitläufer und Opportunisten. Wenn er sich widersetzt hätte und nicht Mitglied bei NS-Organisationen geworden wäre, hätte er vermutlich nicht mehr praktizieren dürfen.”

“Asperger war also ein Nazi.”

“Seine Ansichten im Einklang mit dem Euthanasieprogramm und seine Handlungen, die den Tod dutzender Kinder zur Folge hatten, sind nicht zu rechtfertigen. Dennoch kommt man nicht umhin, sich mit allen seinen Veröffentlichungen und Aussagen über Autismus differenziert auseinander zu setzen. Ohne seine Verdienste unabhängig von seiner Rolle während der NS-Herrschaft wären noch heute zehntausende, hunderttausende Autisten undiagnostiziert, mit hohem Leidensdruck ohne zu wissen, woher die Andersartigkeit kommt.

Leider geht in der derzeitigen hysterischen Berichterstattung genau diese Differenzierung verloren. Das, was seine damaligen Weggefährten über ihn sagten, kann man nicht ignorieren, auch nicht mit den neuen Erkenntnissen vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands. Überhaupt geht es in den derzeitigen Zeitungsberichten gar nicht mehr um die vorurteilsfreie Aufklärung über Autismus, sondern nur um eine reflexhafte Verbannung Aspergers aus dem medizinhistorischen Bewusstsein.”


Und genau das macht mir Angst. Ob das neue Psychiatriegesetz in Bayern, dass Menschen mit Depressionen registrieren will, oder die Datensammelwut der schwarzblauen Regierung in Österreich. Eine logische Überleitung wäre, von der Rolle Aspergers im Nationalsozialismus auf die heutigen Gefahren eines deutlichen Rechtsruck in Mitteleuropa zu verweisen. Was es bedeutet, wenn Menschen mit psychiatrischen Diagnosen stigmatisiert werden, wenn im Regierungsprogramm betont wird, wie wichtig Sonderschulen sind, wenn sozialdemokratische Bürgermeister durchklingen lassen, dass sie kein Fan von inklusiven Schulversuchen sind. Der Koalitionspartner der ÖVP in Österreich, die FPÖ, fällt fast täglich durch “Einzelfälle” von Nazisagern auf. Angesprochen auf den Nationalsozialismus antwortete Kanzler Kurz mit “das war vor meiner Geburt” (1986). Seit die neue Regierung im Amt ist, schweigt die ÖVP zu allen rassistischen Ausfällen ihres Koalitionspartners.

Die aktuelle Regierung ist nicht sonderlich bemüht, ihre eigene Nazivergangenheit aufzuklären. Im Gegenteil, und viele Regierungsmaßnahmen bedeuten Rückschritte für den Sozialstaat, die offenen Drohungen gegen den staatlich geführten ORF, wenn er nicht pro-FPÖ berichtet, zeigen deutlich, wes Geistes Kind sie sind. Über zwei Drittel der Reichweite österreichischer Zeitungen gehen auf das Konto des Boulevard, die vor allem durch regierungsfreundliche Berichterstattung und rassistisch motivierte Falschmeldungen auffallen, nicht selten werden Infos von der Polizei zugesteckt, um ausländerfeindliche Meldungen zur Quotensteigerung konstruieren zu können.

 

Kernaussage dieses Gedankenspiels ist:

Asperger wurde jahrzehntelang als Diagnose verdrängt. Autismus für sich gehört(e) nicht einmal zur Pflichtvorlesung im Psychologie-Studium. Viele Allgemein- und Fachärzte haben erschreckend wenige Kenntnisse darüber. Wenn überhaupt, denken sie an den “frühkindlichen” Autismus. Die Bevölkerung selbst kannte Asperger vielfach überhaupt nicht, oder dachte allenfalls an “Rain Man”. Die wenigen ehrenamtliche Organisationen und Vereine in Österreich sind fast ausschließlich an Kinder und Jugendliche mit Autismus adressiert, nicht an Asperger und vor allem nicht an Erwachsene. Viele Österreicher denken immer noch, dass Autismus nur männliche Personen betrifft und sie denken an nichtsprechende, schaukelnde Kinder, nicht an Erwachsene mit einer bunten Vielfalt an autistischen Ausprägungen und Berufswünschen, die mitten im Leben stehen, wie man so schön sagt, sogar Familien gründen, Freundschaften aufbauen.

Meine Befürchtung ist jetzt, dass “Asperger” als Thema noch stärker gemieden wird, dass man damit nur alte Wunden nicht aufgearbeiteter Nazivergangenheit aufreißt. Es ist schon ohne diese Vergangenheit schwierig, sich als Autist zu outen, offen über Autismus zu reden, in einem Land, das einmal jährliche stattfindende ArmeHascherl-Spendenaktionen wie “Licht ins Dunkle” bereits als ausreichend empfindet statt offen über Inklusion zu reden.

Die Abschaffung des Begriffs Asperger-Syndroms würde übrigens nicht ausreichen. Auch das Rett-Syndrom ist nach einem Entdecker mit nationalsozialistischer Vergangenheit (Andreas Rett) benannt und noch heute in Verwendung. Und dies ist schon wesentlich länger bekannt als bei Hans Asperger. Auch mit dem Begriff Klinefelter-Syndrom bin ich nicht sehr glücklich, weil Harry F. Klinefelter 1942 lediglich anhand von 9 Buben charakteristische Merkmale feststellte, die, wir wir heute wissen, alle ein zusätzliches X-Chromosom aufweisen. Nicht alle Personen mit 47,XXY entwickeln jedoch das Klinefelter-Syndrom (Testosteronmangel) und nicht alle mit diesem Mangel wollen diesen therapiert haben (Intersexualität, Transgender). Es handelt sich um ein Spektrum wie bei Autismus auch. Trotzdem wird Klinefelter-Syndrom heute synonym mit 47,XXY verwendet, ohne das Spektrum dahinter zu hinterfragen.

Summa summarum: Die Naziverbrechen von damals, den Mangel an Widerstand im Kontext heutiger politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen sehen, die Betroffenen dabei nicht aus den Augen verloren und vor allem nicht in Schwarzweiß-Denken verfallen. Von vielen Veröffentlichungen und Entdeckungen Aspergers und seiner Kollegen profitieren Autisten noch heute, trotz seiner – wie jetzt erst bekannt wird – ethisch verwerflichen Rolle.

In eigener Sache: Interview mit MiMa

Heute hat Indre Zetsche ein Interview mit mir auf ihrem Blog “MiMa (M)eine Art Gesellschaftsmagazin” veröffentlicht:

https://m-i-ma.de/2018/04/16/gefuehle-sind-ein-minenfeld-im-gespraech-mit-felix-w-autistenbloggen/

Indre Zetsche (*1972) hat Kulturwissenschaften studiert und einige Jahre freiberuflich als Autorin und Kulturmanagerin gearbeitet. Seit 2004 ist sie bei der Kommunikationsberatung tätig und nebenher Referentin, Rednerin und Moderatorin. Sie lebt in Berlin und ist Mutter zweier Kinder.

Ich freue mich sehr, dass sie meinen Blog gelesen hat und an mich herangetreten ist. Die Fragen haben mich sofort positiv angesprochen und darin bestärkt, vieles offen anzusprechen. Vielen Dank nochmals, Indre!

Vollzeitautist.

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In ihrem Blogartikel zum Welt-Autismus-Tag über mangelnde Barrierefreiheit für Autisten schrieb elodiyla diese Zeilen:

Der größte Teil der Autisten ist arbeitslos. Wahrscheinlich, weil sie an Bewerbungsgesprächen und sozialen Strukturen scheitern. Die Barrieren in den Köpfen der anderen hindert sie daran, ihre Produktivität einsetzen zu können. Doch zu viele Menschen glauben, dass jemand, der im Alltag viele Schwierigkeiten hat, keine komplexe Aufgaben lösen kann.

Ich erlebe diesen vermeintlichen Widerspruch selbst und er hemmt mich dabei, offen mit meinem Autismus umzugehen. Für Außenstehende ist es nicht nachvollziehbar, wie jemand, der Vollzeit im Schichtdienst arbeitet, im Alltag ein einfaches Telefonat nicht führen kann, nicht mal zu den Nachbarn hingeht, wenn sie zu laut sind, kein Auto fahren will oder kann, obwohl er ständig über die Öffis meckert und seine Einkäufe und Arzttermine andauernde verschiebt. Wie passt das zu beruflichen Höchstleistungen?

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