Sein Leben alleine bestreiten

Im Lockdown Ende März im Prater: Weltuntergangsstimmung mit Vogelzwitschern

Ich muss mein Leben alleine bestreiten und den Großteil der Konflikte mit mir selbst ausmachen. Die äußeren Konflikte und die inneren Konflikte. Es gibt momentan nicht viele Menschen abseits virtueller Kontakte, mit denen ich ernsthaft und tiefsinnig reden kann. Das war vor der Pandemie schon so. Die Pandemie hat Spreu von Weizen getrennt, sie hat aber auch offen gelegt, dass viele gute Bekannte selbst total im Sand sind und mit sich selbst genug zu tun haben. Virtuell ist gut und schön, aber wenn ich zeitversetzt antworten kann, dann hab ich in der Zeit dazwischen genug Gelegenheit für Hirnfasching und Kreisgedanken. Es wird höchstens temporär unterbrochen. Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte Phasen exzessiven Internetkonsums und stieß eine reale Person nach der anderen vor den Kopf damit.

Vielleicht sollte ich mir keine Gedanken darüber machen, dass ich zu viel jammere und mich zu wenig daran erfreue, was ich habe. Es ist mein Blog, ich kann schreiben was ich will und (nicht nur) in Zeiten einer Pandemie fürchte ich, dass es vielen ähnlich geht wie mir, mit ihrer eigenen individuellen Geschichte eben. Jeder hat Träume, jeder hat sich sein Leben irgendwie vorgestellt oder kann rückblickend zumindest sagen, so lief das gut, so lief das schlecht. Die Pandemie ist wie ein Brennglas auf die Fähigkeit, mit einschneidenden Veränderungen umzugehen. All das, was in der Vergangenheit geschah, wird in der Gegenwart noch einmal konzentriert wiedergegeben.

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Stresszeiten

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Ein Hundeleben möchte man führen

Meine Versuche, mich zu entspannen und gleichzeitig wichtige Einkäufe zu erledigen, sind nicht gerade von Erfolg gekrönt. Derzeit ist wirklich alles mühsam. Die Öffis sind teilweise wieder bummvoll, vor allem die U-Bahnen, wo ich oft erst in die zweite einsteige, weil in der ersten schon alle stehen. Die Straßenbahnen ähnlich voll. Sitzplätze für sich alleine gibt es kaum noch. Auch mit Masken ist es immer noch unangenehm, wenn sich Fremde zu einem setzen. War vorher übrigens auch schon unangenehm für mich. Am Mittwoch rief ich beim HNO an, wegen Termin am Freitag ausmachen. Das ging nicht, man könne nur noch am selben Tag anrufen, bis zu eine Stunde vorher (das hieß, ab 8.00). Ich quälte mich um halb neun aus dem Bett und rief an, da hieß es, es gäbe keine freien Termine mehr, aber sie könne mich noch einschieben. Ja, was jetzt? Ich bekam dann um 11.45 noch einen freien Slot, aber “mit Wartezeit”. Continue reading

Der Traum ist aus.

Sieben Jahre ständig darum gekämpft, im Job glücklich zu sein. Mobbing überstanden, den Wechsel überstanden, neurotypisches Umfeld überlebt mit Coming Out, Wohnort gewechselt für eine Ausbildung, nach zähem Ringen alle Prüfungen bestanden und neuen Job mit hoher Verantwortung gefunden. Nach sieben Jahren endlich dort angekommen, wo meine Stärken und Talente geschätzt werden und meine autismusbedingten Schwächen weniger ins Gewicht fallen. Der unbefristete Vertrag war schon eingereicht, zum Greifen nah. Dann kam Corona. Als erstes fiel der Urlaub aus, auch die geplante erste Fernreise auf Kap Verden, Lebensziel. Sonstige Auslandsurlaube mit fortschreitender Dauer des Lockdowns abgesagt. Dann kam die Kurzarbeit und die Erkenntnis, dass ich nach drei Jahren bereits den Gehaltszenit erreicht haben sollte. Der Traum von einer Eigentumswohnung passé. Selbst der Traum von einer Wohnung am Stadtrand nicht mehr leistbar. Und jetz steh ich vor den Scherben von sieben Jahre lang durchgehalten zu haben. Mangels Alternativen. Und weiß eigentlich nicht, wie es noch weitergehen sollen. Ich hab meinen Autismus nie großartig an die Glocke gehängt. Aber wenn man der Erste ist, der wahrscheinlich gehen muss, weil unter dem Deckmantel des Virus das zu Tode sparen der Arbeitswelt durchgesetzt wird, dann spielt der Autismus eben doch eine Rolle. Die Veränderungen der letzten Jahre waren auch ohne Corona krass genug. Dazu gesundheitliche Probleme. Heute Diagnose Pollenallergie (quasi ganzjährig). Ich hab nie bis ins Folgejahr planen können. Chronischer Stress, die Kur zu Jahresbeginn tat gut, meine erste. Aber jetzt gehen mir die Alternativen aus. Einen Plan B hab ich nicht, kein technisches oder handwerkliches Geschick, kein autismustypisches Spezialinteresse in Programmiersprachen. Zum Leben reicht weder das Schreiben noch das Fotografieren. Ich bin gut, aber nicht gut genug.

Nach 16 Jahren Österreich hab ich sowas die Schnauze voll. Und es nützt nichts, wenn ihr jetzt sagt, dass es in der Schweiz oder Deutschland genauso scheiße ist. Es kommt auch sehr auf die Art an, wie manche Veränderungen passieren. Dieses Hinterfotzige, vorne freundlich tun, hinten das Hackl ins Kreuz hauen, das ist hier das Unerträgliche daran. Ich hab Österreich durchgespielt. Mir reichts.

Abschied nehmen

Bisher war das Sterben immer woanders. In den Aufnahmen aus anderen Ländern, im entfernten Bekanntenkreis. Ältere Menschen. Die ersten Tage hatte ich selbst noch Panik, konnte kaum atmen. Die Pandemie war sehr nah. Ich hab mich erstmals mit dem Thema Patientenverfügung befasst und was bei einem Testament wichtig ist. Bald ließ ich den Gedanken wieder fallen, zu unwirklich, zu weit weg. Verdrängung. Von der Familie in Deutschland getrennt zu sein, die ich letzte Woche getroffen hätte zum gemeinsam Geburtstag feiern, das ist eine Sache. Ein Zustand, der nicht veränderbar ist. Selbst wenn die Grenzen wieder öffnen, sind mir sieben Stunden Zugfahrt zu gefährlich und mit Maske auch zu unbequem. Und umgekehrt möchte ich unter diesen Umständen auch keinen Besuch “aus der Risikogruppe”, denn ich möchte nicht unbewusst jemanden anstecken, der daran sterben kann. Wobei ich nicht einmal weiß, wie sehr ich selbst überhaupt davor geschützt bin.

Die Freunde vor Ort sind jetzt wichtiger denn je. Risiken in Kauf nehmen, im gegenseitigen Einverständnis, aber nicht völliger Abbruch von Kontakten. Und nicht zu allen die geforderte Distanz halten müssen. Ich lese und schreibe seit sieben Jahren auf der Twitter-Plattform mit. Viele Kontakte sind entstanden, einige geblieben, sehr wenige wurden zu engen Freundschaften. Ich hab die regelmäßigen Twitter-Treffen im Tachles immer gemocht, trotz der Enge und Lautstärke. Zwischendrin war dann meine Autismus-Diagnose und ich wusste plötzlich, warum die Lokalbesuche für mich so anstrengend waren. Ich bin auch nicht mehr so belastbar, war immer geräuschempfindlich, aber kann mich nicht gut unterhalten, wenn mehrere Menschen auf engem Raum zusammen sind, mit dem sonstigen Geräuschpegel. Das erschöpft sehr schnell, ich bekomme akustisch wenig mit, muss oft nachfragen, sage keine drei Sätze am Abend. Das sind die Situationen, wo ich den Autismus und die zugehörige Reizfilterschwäche als Behinderung empfinde. Viele Kontakte gingen über Twitter zum Glück weiter, auch wenn man sich nie getroffen hat.

Ich hab M. jahrelang gerne gelesen, bin ihr damals vermutlich wegen ihrem Kater gefolgt, eine prächtige, flauschige Katze mit riesigen Samtpfoten, wie kleine Kissen. Und sie hatte diese herzliche wienerische Art zu Granteln, dieses halbernst gemeinte Sudern über irgendetwas, hatte einen tollen Humor. Mit den Jahren bekommt man so vage mit, was jemand sonst so macht. Ich las von ihrer Liebe zum Fußball, dem Wiener Sportclub, von den Konzerten, die sie besucht hat, und zwischendurch immer wieder Fotos und Videos von ihrem Kater. Als Katzenliebhaber ohne eigene Katze war das oft Balsam für die Seele. Manchmal sprach sie mir aus der Seele, wenn sie sagte, dass ihr bisweilen die Menschen am Oasch gehen (natürlich nicht alle, aber wenn sie draußen unterwegs war), dass sie lieber alleine ist, sie war immer ehrlich und direkt. Ich konnte das gut nachvollziehen. Es gibt nicht allzuviele Menschen, die diesen “Schuss” Autismus haben, positiv gemeint, mit denen ich mich sofort identifizieren kann. M. gehörte dazu. Leider hab ich sie nur ein einziges Mal getroffen, vor vielen Jahren im Tachles, als sie gemeinsam mit einer weiteren Twitterbekannten kam. Es war viel los, wir saßen am großen Tisch und sie saß am anderen Ende. Wir haben uns nicht unterhalten können. Ich hatte immer gehofft, es ergäbe sich mal eine Gelegenheit, sie und ihren Karl zu besuchen, ein Katzenstreichelbesuch. Das war nur ein winziger Ausschnitt ihrer tollen Persönlichkeit, in den ich Einblick hatte, ihre Liebe zu den Katzen und ihren Humor. Leider hab ich mich nie getraut, sie zu fragen, wie so oft, wo ich denke, eigentlich wäre es schön, wenn man sich einmal treffen könnte. Aber ich hab kein gutes Gespür dafür, ob sich der andere auch treffen mag. Zu oft bin ich damit auf die Nase gefallen. Ich glaube, es wäre zustande gekommen, sie wusste ja von meiner Katzenliebe. Ich erinnere mich noch, als wir beide im 16. Bezirk wohnten und sie immer an einem Fenster mit Katzen vorbeikam. Ich ließ mir von ihr genau beschreiben, wo das Fenster war, und sah tatsächlich die Katzen und war ganz glücklich.

Jetzt kann ich sie nicht mehr fragen, denn sie ist vergangenen Montag im 40. Lebensjahr gestorben. Stunden zuvor hatte sie noch getwittert und am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie tot sein sollte. Konnte es nicht glauben. Es kommt mir jetzt auch noch so unwirklich vor. Und sie wird in meiner Timeline fehlen. Meine Trauer ist nur ein Bruchteil der Trauer, die jene empfinden, die sie persönlich gekannt haben. Das lässt einen nicht so schnell los, und in Zeiten einer Pandemie, wo das Thema Tod und Sterben noch viel näherrückt, als sonst, ist es noch schwieriger, dies zu verarbeiten. Ich fühle mit denen, die ich gut kenne und die sie besser kannten als ich. Die es kaum fassen können. Es kam auch völlig unerwartet, und selbst erwartet muss man es noch lange nicht begreifen.

Die Angst vor dem Alleinsein ist seitdem größer geworden. Was ist, wenn es mir rapide schlechter geht und keiner bekommt es mit? Zugleich mahnt es, gemeinsame Vorhaben nicht ewig zu verschieben, Gelegenheiten nicht auszulassen. Die Pandemie hat bereits aufgezeigt, was das bedeutet, nicht nur geschlossene Grenzen, auch Berührungen zu vermeiden. Obwohl es genau das ist, wonach sich viele von uns derzeit sehnen, um diese Lebenskrise, die zur Weltkrise geworden ist, durchzustehen.

Das alles macht sehr nachdenklich und traurig. Es lässt mich auch an Freundschaften der letzten Jahre denken, die einfach so auseinander gingen, ohne den genauen Grund je erfahren zu haben. So sollte das nicht enden. Die Gelegenheit, sich auszusprechen, kommt vielleicht nie wieder. Es ist ein ehrenwertes Vorhaben, sein Leben jetzt bewusster zu leben. Jeden Tag richtig zu leben, weil es so schnell gehen kann. Zu sagen, was man denkt, jemandem zu sagen, wie lieb man ihn hat, es nicht nur zu denken, sondern wirklich zu zeigen. Zu oft scheitert es an der Alltagsrealität, ist rasch vergessen. Derzeit ist die Realität verzerrt, passt in kein Drehbuch. Ich müsste mich daran nicht halten. Ich werd sie nicht vergessen. Nicht so schnell. Jedes Mal, wenn ich eine Katze sehe, werde ich an sie denken, sie und ihren Kater. Ich hoffe, ihr seht euch auf der Regenbogenbrücke wieder.

Der unbeliebte Job

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Abflug von LOWW

Ich arbeite als Flugmeteorologe, bin also für Wetter und Warnungen an den Flugplätzen und im Luftraum zuständig. Als ich 2003 zu studieren anfing, hätte ich mir nie träumen lassen, einmal im 90m hohen Flugsicherungstower zu sitzen mit Rundumsicht. Zwei Semester Flugmeteorologie hatte ich gehabt, war sehr spannend, aber damals für meine Selbsteinschätzung über meinem Niveau. Von meinem Autismus wusste ich da noch lange nichts. Nach mehreren Jahren bei privaten Wetterdiensten beendete ich im Sommer 2017 die Ausbildung zum Flugmeteorologen. Ein riesiger Sprung, nicht nur finanziell, sondern auch fürs Selbstwertgefühl. Meine Stärken konnte ich endlich dort einbringen, wo sie gewertschätzt und gebraucht wurden. Der Wechsel von Salzburg nach Wien war nochmal ein Sprung nach oben in der Verantwortung, aber alternativlos. Entweder in Salzburg bleiben mit dem Freundeskreis in Wien, mangelnde Mobilität, Massentourismus (jetzt nicht mehr), oder nach Wien zurück, aber dann war klar, dass ich 800 Flugbewegungen am Tag hatte, Dreiviertel mehr als am stärkstfrequentiersten Chartersamstag in der Wintersaison in Salzburg. Es war klar, es ging um etwas, aber die Arbeit im Team machte mir trotzdem Spaß. Die Aussicht von 90m Höhe im Tower ist nicht zu überbieten, die Dämmerungsfarben am Abend und in der Früh unübertrofffen. Continue reading