Autistische Stärken in der Pandemie

Liebe zum Detail

Die Schwächen sind hinreichend bekannt. Der Mangel an Kompensationsroutinen, ein Jahr lang kein richtiger Urlaub (= auswärts übernachten, sich das Essen nicht selbst machen müssen, verwöhnt werden), Mangel an Alltagsroutinen wie das Frühstücken im Frühstückslokal, die entspannende Zugfahrt, das Zeitunglesen im Kaffeehaus, der Konzertbesuch , das gemeinsame Biertrinken – was halt in der Stadt Entspannung bringt. Die Reizüberflutung, die Ohnmachtsgefühle gegenüber der Regierung, die moderne Sklaverei betreibt. Hackeln bis zum tot Umfallen, aber Privatleben maximal einschränken – für nichts und wieder nichts. Keine Perspektive, während Low/NoCovid-Länder zur Normalität zurückkehren, was einem wie die unerreichbare Karotte vor der Nase (Redewendung) vorkommt. A richtiger Schas eben. Einsamkeit seit einem Jahr. Jeder Abend gleich. Keine Lust mehr auf Selbstbespaßung mit Netflix und CO. Keine Konzentration für Serien. Bücher seit einem Jahr nicht mehr gelesen. Die frühere Normalität ist jetzt Utopie.

Stärken:

Ich lebe immer noch.

Ungekannte Widerstandsfähigkeit (Resilienz).

Wandern zwar oft auf die nähere Umgebung beschränkt, aber irgendwas geht immer und irgendwie find ich immer noch neue Wegabschnitte oder Gipfel. Kamera ist immer mit dabei, da hat sich nichts geändert. Das Auge entspannt sich mit.

Radfahren ist im Kommen. Es darf halt nichts passieren unterwegs, weil ich mangels Technikverständnis nicht in der Lage wäre, alleine einen Schlauch zu wechseln. Fahre daher nicht komplett in der Wildnis herum. Zudem Pannenreifen. Beim Radfahren kann ich schlecht fotografieren, aber mich körperlich am besten auspowern, zudem kann ich dabei nicht ständig aufs Handy schauen und bin auch mal ein paar Stunden geistig abwesend, ohne mich dauernd zu informieren wie sonst.

Bloggen…. Ich blogge seit 400 Tagen über die Pandemie. Wie so ein Hobby-Wissenschaftsjournalist. Experten und Wissenschaftsjournalisten haben meist einen Vorteil, sie haben eine Fachausbildung/Studium in einem Spezialgebiet und können darin brillieren, müssen sich um den Rest – das big picture nicht kümmern, das erledigen andere (oder sollten es). So können sie sich vertiefen. Ich bin hingegen Quereinsteiger, komme aus einer ganz anderen Fachrichtung. Mein einziger Berührungspunkt ist die Virusübertragung – Aerosole sind nämlich Teil der Meteorologie und Klimatologie. Daher ist meine Vorstellungskraft hier gut, bei Genetik und und Impfung eher so meeeh. Ich schreibe chronologisch mit, sammel Fachliteratur (wissenschaftliche Artikel) und Zitate von Wissenschaftlern, Ärzten und Politikern. Das ist wahnsinnig aufwendig, aber wenn mich ein Spezialinteresse gefangen hat, dann habe ich …

Ausdauer, Beharrlichkeit, dann funktioniert die Liebe zum Detail, das logisch-analytische Denken, das Langzeitgedächtnis (darüber hab ich doch mal geschrieben, ah, hier, zack….), das interdisziplinäre Denken, was manchmal als Outsider leichter gelingt als bei Experten, die nicht über den Tellerrand schauen können.

Ich hab ein gutes visuelles Gedächtnis, bin aber ein lausiger Zeichner. Daher kann ich komplexe Sachverhalte nicht skizzieren, sondern muss es mit Worten umschreiben. Das mache ich aber schon seit der Schulzeit gerne. Ich schrieb damals Kurzgeschichten und Gedichte, schrieb über erlebte Träume und formulierte eigene Theorien über meine ersten Wetterbeobachtungen. Ich habe seit bald 20 Jahren eine Webseite übers Wetter, seit 15 Jahren eine zweite, habe hunderte Wanderberichte geschrieben, unzählige Wetter-Fallstudien, Verifikationen, Übungsfachartikel. Ich schrieb später beruflich Presseaussendungen, Blog-Artikel, beantwortete Interview-Fragen. Also irgendwie schon ein wenig journalistisches Arbeiten. Ich liebe Recherche, aber nur wenn es über ein Thema geht, das mich interessiert.

Und ich liebe das Wissen ermitteln und vermitteln (Stefan Hörmann, R.I.P. old friend), ich war Tutor auf der Uni, ich schulte gerne ein und besuchte Fortbildungen. Ich schreibe, schreibe, schreibe für mein Leben gern, und das kommt mir alles zu gute für meinen Blog über das Virus. Manchmal ist es ein Nachteil, das ständig am Ball bleiben, das big picture nicht aus den Augen verlieren. Was tut sich bei den Varianten? Was tut sich bei den Impfstoffen? Was für ein Schas macht die Regierung jetzt schon wieder, was alles unnötig verkompliziert und erneut die Perspektive raubt? Das ist mühsam und dieses Störfeuer verhindert oft, dass ich mich richtig vertiefen kann. Es passiert täglich einfach zu viel. Ich bleibe dann notgedrungen oberflächlich, quasi Universaldilettant (thx Bernold Feuerstein, old friend), aber überlasse die Vertiefung überhaupt den Spezialisten.

Ich kann das Virus nicht erklären, das können nur Experten. Deswegen besteht mein Blog überwiegend aus einer direkten oder sinngemäßen Ansammlung von Zitaten, von Zusammenfassung einer komplexen Materie, die ich mir nicht anmaße, besser verstehen zu wollen als ebenjene Experten. Ich suche auch oft den direkten Kontakt, schreibe Mails, schreibe PNs, schreib sie über Twitter an. Viele antworten, geben Feedback. Und wenn ich einen Schas schrieb, bin ich dankbar, wenn das Feedback eine klare Gegenansicht vertritt und ich meinen Schas korrigieren kann.

Man kann sagen, ich bin da in meinem Element, lerne ständig dazu, lerne interessante Leute kennen, es lenkt ab, den Schrecken versachlichen schrieb ich damals. Als wir im August 2010 am Berg zu dritt beim schweren Hagelunwetter unter einer Baumgruppe am Waldrand saßen, beschrieb ich geistesgegenunwärtig, wie der Hagel entsteht, was die physische Konsistenz aussagt, um die Minuten zu überdauern, wo Lebensgefahr herrschte. Weg von den Emotionen, die Panik auslösen, hin zur nüchternen Betrachtung und daraus Schlüsse ziehen, die einem eventuell das Leben retten können. Kontrollverlust hat noch keinem was gebracht. Und wie wir nach einem Jahr wissen, leugnen und verdrängen auch nicht. Das ist der Natur wurscht, egal ob es das Gewitter ist, das Virus oder die Erderwärmung. Sie haben den längeren Atem. Beim Virus wir meistens den kürzeren.

Ich will das Ganze ja irgendwie überleben und hoffen, dass die Welt danach noch lebenswert ist. Leugnen, verdrängen hilft nicht. Auszeiten ab und zu sind wichtig. Ich muss weiter in die Arbeit fahren, kein Homeoffice. Bin mit allem konfrontiert. Genauso beim Einkaufen, bei sonstigen Erledigungen, die nicht ewig aufschiebbar sind. Ich kann mich immer nur kurzzeitig entziehen. Ich könnte auch so tun, als ob mich das alles nichts mehr angeht, die Regierung soll tun, was sie will. Aber sorry to say – so bin ich nicht. Politisch interessiert bin ich auch schon seit der Jugend, soziale Ungerechtigkeit ist einfach mein Thema, da kann ich mich nicht fernhalten. Wäre gegen mein Naturell.

Also schreib ich halt weiter und allmählich wird die Zahl derer größer, die sich ebenso Gedanken macht, sie verbloggt und Missstände anspricht, aufdeckt, und darüber berichtet, damit sich weitere anschließen können. Das heißt, die Beharrlichkeit trägt Früchte, und das ist durchaus von Vorteil, wenn das Belohnungszentrum in dieser schlimmsten Gesundheits- und Gesellschaftskrise seit 100 bzw. über 76 Jahren auch von Zeit zu Zeit mal aktiviert wird. Denn zu lachen gibt es seit einem Jahr sehr wenig, und so wenig lachen kann nicht gesund sein. Ich lache hauptsächlich noch, wenn ich lustige Tiervideos anschaue. Das ist zu wenig. Lachen befreit, Belohnung ist nicht dasselbe, aber wenigstens besänftigt es das ungute Gefühl, dass die ganze Schreibhackn umsonst wäre. Das Gefühl ist angesichts der massiven Wissenschaftsleugnung ohnehin allgegenwärtig.

Ziele im Leben runterschrauben

Wohnung im Grünen, das wäre mein Traum

Vor der Pandemie war kurz nach der Kur. Da hatte ich schon wieder Reisepläne geschmiedet. Die erste Fernreise wäre nach Kap Verden gegangen, Urlaub vielleicht auf den Azoren oder zweiter Versuch Zagoria Trail in Griechenland mit dem Alpenverein. Realistisch betrachtet wird daraus die nächsten 2-3 Jahre nichts werden. Bevor nicht die Weltbevölkerung durchgeimpft wurde, also schlappe 10 Milliarden Impfstoffe produziert wurden, und in jedem Land Herdenimmunität erreicht wurde, kann man sich das aus dem Kopf schlagen.

Continue reading

Wenig Änderung

Dritte Welle in Österreich, gleiche Scheiße wie im Herbst schon. Viele nicht klüger geworden. Und wieder steigt mein individuelles Risiko deutlich an. Jetzt gab es auch den ersten positiven Fall am Arbeitsplatz – ohne die Antigentests, die wir seit letzter Woche im Büro machen können, hätte man ihn wohl erst spät entdeckt. Damit kenn ich jetzt auch den ersten offiziell bestätigten Corona-Infizierten persönlich. Bisher waren es “nur” virtuelle Bekanntschaften. Und das rückt das Virus halt ein ganzes Stückchen näher an mich heran.

Continue reading

Wie soll man nicht an Corona denken?

Mein Lieblingsblick geht meist nach oben

Es ist für mich nahezu unmöglich, mich thematisch von der Pandemie abzukapseln – selbst für ein paar Stunden. Das ist einfach die Folge davon, wenn man schon seit Monaten alleine lebt und keine regelmäßigen Gespräche führen kann. Das ist wie mit dem rosa Elefanten. Es gibt momentan auch wenig, was mich nicht daran erinnert, die alte Zeit zu vermissen. Ein paar Dinge, die ich früher gemacht habe und jetzt nicht mehr so leicht oder gar nicht gehen:

Continue reading

Feiertage

Gespannte Vorfreude an der weihnachtlichen Vogeltankstelle

Das werden nicht die Feiertage, wie ich sie mir vorstellte. Letztes Jahr ging es aus anderen Gründen in die Hose, dieses Jahr hatte ich mir fest vorgenommen, wieder nach Hause zur Familie zu fahren. In weiser Vorausschau entschied ich mich aber schon im September dagegen und die Entwicklung der Infektionszahlen in Österreich und Deutschland geben mir Recht. Sieben. Stunden. Zugfahrt. sind. zu . riskant. Da gibt es für mich auch nichts zu diskutieren. Abgesehen davon, dass ich die letzten Jahre keine einzige Bahnfahrt auf deutschem Boden ohne gröbere Probleme hatte. Ausfall von Klimaanlagen im Hochwinter, Festsitzen wegen irgendwelcher Störungen, das hab ich alles schon gehabt. Was früher lästig war, kann jetzt wegen Aerosolakkumulation lebensgefährlich sein. Dann komme ich zwar noch uninfektiös zuhause an, aber bin dann krank alleine zurück in Österreich. Feiertage bedeuteten für mich immer Stress, auch das war ein Grund, weswegen ich die letzten Jahre gerade über die Feiertage nicht heimfahren wollte. Lieber außerhalb von Feiertagen, wenn die Leute weniger hektisch sind, und lieber zu einer Jahreszeit, wo die Tageshelligkeit erlaubt, länger draußen zu sein. Das alles sind momentan keine gewichtigen Gründe für mich, die Familie nach zehn Monaten Trenning wieder sehen zu können, sondern alleine das Infektionsrisiko für uns alle. Zuhause nicht viel machen zu können, würde mich gerade weniger stören.

Continue reading