Aspergers Verklärung?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hab mir den Artikel von Herwig Czech übers Hans Aspergers Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus noch nicht vollständig durchgelesen. Dafür braucht es einen klaren Kopf und einen starken Magen. Nicht anders ergeht es mir mit Medienberichten zu den aktuellen Veröffentlichungen, wie Edith Scheffers “Asperger’s Kinder”, das sich den Morden am Wiener Spiegelgrund ausführlich widmet. Ich habe mir Rezensionen und Kommentare aus Autismusforen dazu durchgelesen. Wie erwartet soll das Buch eine sehr amerikanisch gefärbte Sichtweise auf die Rolle Aspergers in der Nazizeit zeigen, die die damaligen Umstände wenig berücksichtigt. Asperger war kein NSDAP-Mitglied und habe sich aus strategischen Gründen Nazivokabular bedient. Soweit widerspricht die Darstellung wenig den Erkenntnissen von Czech zuvor. Welche Möglichkeiten hätte Asperger gehabt? Fundamentalopposition und inhaftiert oder ermordet werden, oder auswandern? Oder sich vermeintlich anpassen, gute Miene zum bösen Nazispiel zeigen, um weiter praktizieren zu können? Genau hier fehlt offenbar aus der US-Perspektive, die bis dahin nie eine totalitäre Diktatur am eigenen Leib erlebt haben, die Differenzierung. Es ist rückblickend sehr leicht zu sagen, er hätte offener opponieren sollen. Das rechtfertigt den Massenmord am Spiegelgrund in keinster Weise, ebenso wenig die Todesurteile, die er offenbar selbst unterzeichnet oder zumindest mitzuverantworten hat. Wirklich neu ist das aber nicht. Fakt ist, dass Aspergers Veröffentlichungen das Ende des Nationalsozialismus überdauert haben und darauf fußend Lorna Wing das Asperger-Syndrom quasi neu entdeckt hat. Asperger ist es indirekt zu verdanken, dass eine große Anzahl erwachsener Autisten spät, aber doch erkannt und diagnostiziert wurde, was in den meisten Fällen für Betroffene vielleicht anfangs Schock, aber dann doch eine große Erleichterung ist, zu verstehen, warum man anders ist. Die Verklärung zum Genie in Boulevardmedien und Serien ist ein anderes Thema.

In Österreich speziell ändert sich für mich wenig. Ja, mit dem ICD-11 gibt es nurmehr Autismus-Spektrum-Störung, nicht mehr Asperger und strenggenommen auch nicht klassischen Autismus. Tatsächlich ist diese Erkenntnis aber bei den wenigsten Ärzten und in der Durchschnittsbevölkerung nahezu überhaupt nicht angekommen. Über Jahre hinweg wird es abseits medizinisch-fachlicher Begriffsänderungen im Alltag also bei der klassischen Unterteilung in Autismus und Asperger bleiben, jedenfalls für Betroffene, bei Haus- und Fachärzten, im Beruf und wahrscheinlich auch in der Schule. Das kann man persönlich ablehnen, ich bin auch kein expliziter Fan davon, aber es ist nun einmal Tatsache. Wenn also Journalisten hoffnungsfrohe Aussagen treffen wie “Der Begriff Asperger-Syndrom dürfte damit bald Vergangenheit sein”, dann mag sich das vielleicht in aufgeklärteren Ländern wie (Teilen von …) Deutschland eher durchsetzen, aber sicher nicht in Österreich, wo keine Sau je von Asperger gehört hat. Wo ist das Problem, wird man sich fragen, dann kann man ja eh gleich von Autismus reden? Link: Das ist das Problem. Wenn ich Autismus sage, werde ich nicht ernstgenommen:

  • Meine Mail an den Alpenverein wegen mangelnder E-Mail-Adressen als Kontaktaufnahme statt nur Telefon bei ausgeschriebenen Touren? Keine Reaktion.
  • Meine Mail an den Tierschutz-Ombudsmann wegen dem schlecht erzogenen Nachbarshund, der ständig bellt, mit der Bitte, Kontakt zur Nachbarin aufzunehmen? Keine Reaktion.
  • Meine Mail an die Ernährungsberatung vom Spital, mit denen ich Kontakt wegen einem Termin aufnehmen sollte? Keine Reaktion.

In allen Fällen hab ich mich geoutet, um zu erklären, warum ich nicht anrufen kann oder direkt mit der Nachbarin Kontakt aufnehmen. Aber für die meisten Außenstehenden passt das offenbar nicht mit Autismus zusammen, wenn man sich (schriftlich) gewählt ausdrücken kann, wenn man alleine lebt und Vollzeit arbeitet. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich Asperger mitbenutzt habe, vermutlich ja, selbst das hat offenkundig wenig genützt. Wenn wie im Spital die Schwester nachhakt, ob ich klassischer Autist sei und bei Asperger aufatmet, dann zeigt es schon, dass den wenigsten bewusst ist, dass Asperger Teil des Autismus-Spektrums ist, und nicht etwas völlig anderes. Das sind jetzt drei Beispiele, die mir spontan einfallen und sich alle auf Salzburg beziehen, wo die Versorgungslage für Autisten katastrophal ist. In Wien hatte ich viele ähnliche Erlebnisse. So, das sind jetzt große Städte, vom Land rede ich hier erst gar nicht, und ländliche Strukturen gibt es in Österreich deutlich mehr als in Deutschland.

Nicht viel besser sieht es dann in Ost- und Südeuropa aus, auch Frankreich hinkt deutlich hinter, was Autismus-Aufklärung betrifft. Vorbildlich sind nur die skandinavischen Länder, UK und die Niederlande. Das ist sehr wenig Fundament für die Umsetzung des ICD-11 in die Praxis, mit Vereinheitlichung auf Autismus-Spektrum, in dem alle unterkommen, und die (ehemaligen) Asperger nicht gesondert betrachtet werden. Ich rede von der Praxis, nicht von der Theorie, vom Alltag, nicht von Fachzeitschriften und Historikerrecherchen. In Österreich speziell kommt der verklärte Blick auf den Nationalsozialismus hinzu, das mangelnde Unrechtsbewusstsein ist in Salzburg besonders stark ausgeprägt, wie man im Umgang mit Mahnmälern, unkritischen touristischen Hinweisen und Straßenbezeichnungen erkennen kann. Asperger ist da nur ein kleiner Baustein in der österreichischen Vergangenheitsbewältigung, die bis heute eher eine Verdrängung ist, und so wird auch Aspergers vielleicht stärker katholisch.-nationalsozialistisch geprägte Vergangenheit als bisher zugegeben verdrängt werden. Und wenn daraus hervorgehend der Begriff Asperger noch stärker gemieden wird als jetzt schon, schadet das ganz massiv den Betroffenen, die – leider – darauf angewiesen sind, dass man Asperger und Autismus unterscheidet, um überhaupt ernstgenommen zu werden.  Zu dieser Einschätzung stehe ich, unabhängig von der persönlichen Meinung, die ich mir zu den neuesten Enthüllungen erst noch bilden muss.

 

 

 

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Für einen Autisten hätte ich Dich nie gehalten …

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Schneeschuhwandern

Nicht selten sorgen meine Coming Outs für Erstaunen, manchmal auch für skeptisches Stirnrunzeln. Du bist Autist? Nicht wirklich, oder? Also für mich bist Du ganz normal. Das hängt stark davon, in welchem Umfeld man mich kennenlernt, ob es eine einzelne Begegnung bleibt oder ob man mehrere Tage zusammen ist und wie sich meine Tagesverfassung dabei entwickelt. In einem kürzlichen Twitter-Thread wurde anschaulich aufgezeigt, welchen Stellenwert die Bewegung (Sport) für manche Autisten hat: Überfordernde Umgebungsreize, aber auch Überforderung und mentaler bzw. emotionaler Stress führen dazu, dass man irgendwann am Limit ist und keine Energie mehr hat, sich der Situation länger auszusetzen. Was das @trampeleinhorn nun empfiehlt:

“Je nach persönlicher Veranlagung kann es also sinnvoll sein, Kartons zu treten, zu schreien/laut zu singen, Dinge zu werfen, einfach rauszulassen, was gerade im Kopf geschimpft wird für “fight”, oder zu springen, zügig zu gehen/laufen, sich zu bewegen für “flight”. Damit lässt sich […] verhindern, dass sich die Stressreaktionen sowohl energetisch als auch betreffend der Nebeneffekte kumulieren.”

Genau diese Rolle erfüllt bei mir das Wandern und Bergsteigen. Continue reading

Spitalsaufenthalt

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Meine Hausberge (Kapuzinerberg, Kühberg und Gaisberg) im schönsten Herbstkleid (Blick aus dem Zimmer vom Spital)

Erste OP seit 11 Jahren (kleiner Nabelbruch wurde direkt genäht mit selbstauflösenden Fäden). Über die Vorbereitung hatte ich schon berichtet. Der zweite Versuch, den Chirurgen zu treffen, hat dann funktioniert. Ich hatte das Aufklärungsgespräch in seinem Büro und das mit der Anästhesistin im Schwesternbüro. Der Eingriff dauerte nur rund zwanzig Minuten und verlief komplikationslos. Nach einer Nacht im Spital wurde ich am nächsten Morgen entlassen. Meine Mutter kam am gleichen Tag aus Deutschland und half mir im Haushalt in den letzten Tagen. Mittlerweile ist die Bewegung fast schmerzfrei und mein lästiger Husten fast weg, den ich mir kurz zuvor eingefangen habe.  In diesem Beitrag möchte ich kurz erwähnen, was gut lief und was in der Kommunikation zwischen mir (Autisten) und medizinischem Personal ausbaufähig ist.

Wichtig hervorzuheben ist mir: Pfleger, Schwestern und Ärzte waren alle freundlich. Ohne Migranten würde so ein Spital nicht funktionieren, ich möchte Euch nicht missen. Danke, dass es Euch gibt!

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Exekutive Dysfunktion: Zu viele Termine, zu wenige Termine

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Genügend Leerlaufzeit ist wichtig

Exekutivfunktionen beschreiben die Fähigkeit, Aufgaben zu beginnen, fortzusetzen und zu beenden. Die Exekutive Dysfunktion macht sich unter anderem dann bemerkbar, wenn es darum geht, sein Leben zu organisieren, ob in der Arbeit, im Haushalt, in der Freizeit, eingeschlossen Urlaub und Ausflüge, aber auch beim Einkaufen, beim Sichtzurechtfinden in fremden Umgebungen und in der Terminplanung. Continue reading

Eine autismusgerechte Wohnung finden.

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Quelle: Stadtplan Wien

Jetzt sind es noch knapp fünf Monate, allerhöchstens sechs Monate hin bis zu meiner Rückkehr nach Wien. So langsam also Zeit, nach einer neuen Wohnung zu suchen. Seit dem Auszug aus dem Elternhaus im September 2003 ist es mein insgesamt siebter Umzug und der vierte Ortswechsel. Der große Vorteil jetzt zumindest ist, dass ich meinen künftigen Wohnort schon fast sieben Jahr lang kennengelernt habe. Continue reading