Anschluss finden ist schwierig

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Vor kurzem wurde ich gefragt, wie mir das in Innsbruck und Wien zuvor gelungen ist, wo ich je sechs Jahre gewohnt habe.  Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Gegensatz zu vielen Nichtautisten habe ich keinerlei Kontakt und auch nie das Bedürfnis danach gehabt, alte Schulkollegen wiederzusehen. Man kann sich wahrscheinlich vorstellen, dass mit zwischenmenschlichen Missverständnissen und noch dazu ohne Diagnose/Erklärung ein autistisches Schulleben alles andere als einfach ist, im Grunde war es traumatisch. Ich verstand mich mit den Lehrern immer deutlich besser als mit Gleichaltrigen oder Jüngeren. Ich war ja schon immer ein Kopfmensch und maß mich nicht mit anderen Schülern. Ein gutes Lehrerverhältnis macht Schüler nicht unbedingt beliebter. Ich hatte wechselnde Freunde abseits der Schule, und ein Kumpel, mit dem ich früher oft meine Freizeit verbrachte, verlor ich aus den Augen, als ich ins Gymnasium kam und er in die Realschule ging. Die meiste Zeit verbrachte ich alleine, erst durch meine Wetterleidenschaft ergaben sich bis 2002 zaghafte Kontaktversuche mit meist älteren Leuten, über deren Wetterhobby durch die regionale Zeitung berichtet worden war. Weiterlesen

Verkehrslärm und Kommunikation

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Die häufigste Aussage auf Lärmempfindlichkeit ist „Du gewöhnst Dich dran!“

Das hängt jedoch stark von der Lärmquelle ab. An gleichmäßige und regelmäßige Geräusche kann ich mich leichter gewöhnen, etwa, wenn die Straßenbahn immer im gleichen Intervall nahe der Wohnung vorbeirattert, wenn man in der Ferne den gleichmäßigen Geräuschpegel einer Autobahn hört, wenn im Kaffeehaus – ohne Musik! – ein Klangteppich aus Gesprächen in normaler Lautstärke entsteht.

Sich an unberechenbare, plötzliche, unregelmäßige Geräusche gewöhnen? Eher nein. Auch nach vier Jahren Wohnen in einer Seitengasse kann ich das Fenster nicht allzu lange öffnen, ohne von beschleunigenden, hupenden, quietschend abbremsenden Auto- oder Motorradfahrern gestört zu werden. Es gibt aber grundsätzlich Phasen, je nach Alltagsform, wo es länger tolerierbar ist. Verkühlungen, depressive Grundstimmung, Schlafstörung und Anspannung verstärken die vorhandene Empfindlichkeit. Wenn ich mich zudem bereits über Stunden hinweg erhöhter Reizbelastung aussetzen musste, bringt eine weitere Situation mitunter das Fass zum Überlaufen. Im Gegensatz zu früher weiß ich das alles jetzt aber und kann gegensteuern.

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Begriffe und Lebensrealitäten

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Ich könnte mich jetzt wieder darüber aufregen, dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm in einem sonst hervorragenden Artikel über die Flüchtlingspolitik die Metapher „nationaler Autismus von Ungarn“ benutzt, um auf die Selbstbezogenheit Ungarns hinzuweisen. Wenn Journalisten solche Metaphern benutzen, ist die Kontaktaufnahme leichter möglich als bei Politikern, die auf direktem Wege, sofern sie nicht twittern, gar nicht erreichbar sind. Meist ist ein Sekretariat vorgeschoben, dass alle Anfragen abfängt.

Was mich aber momentan mehr schmerzt als rhetorische Fehltritte, sind die Hürden, die  Autisten den Alltag und die Zukunftsplanung nachhaltig erschweren. Weiterlesen

Was ihr nicht seht …

Blogger-Kollegin Blutiger Laie hat einen klasse Beitrag zu Kompensation bei Erwachsenen und ihren Folgen geschrieben:

Ja, es gibt sie, die erwachsenen Autisten, die so gut kompensieren können, dass sie nach außen hin weniger auffallen als andere Autisten mit sichtbaren Meltdowns, Stimming, Selbstverletzungen, Wutausbrüchen, etc. Ich zähle weitgehend dazu, Wutausbrüche richten sich bei mir meistens gegen Dinge und sind am häufigsten Folge von Frustration (speziell, wenn eine technische Herausforderung wieder einmal an meinem Mangel an Vorstellungsvermögen scheitert).

Was ihr nicht seht, sind die stillen Erschöpfungszustände:

Erschöpfungszustände sind gleichwohl häufig, stillerer Natur: Migräne, Erschöpfung, Energielosigkeit, Deprimiertheit, Schlaflosigkeit, Grübeln und Schwirren im Kopf, Rückzug. Das Brauchen von sensorischer und sozialer Ruhe, von Ausgleich im Lesen, Musikhören, an die Wand starren. Soviel zum aktuellen Überflutungszustand, z.B. nach zuviel “socializing”.

Der Alltag ist täglich eine Herausforderung, sich zu Struktur zwingen (im Haushalt, Einkaufen, evtl. Medikamente), sodass nicht mehr viel Energie für die anderen (schönen) Dinge des Lebens übrig bleibt.

Schnelle Wechsel snd schwer, mit der fehlenden Flexibilität geht auch viel Schönes verloren, spontane Besuche z.B., ein ungeplanter Spaziergang, neue Sportarten ausprobieren. Und weil die Kräfte im täglichen Kampf verbraucht werden, können sie nicht für langfrstige Ziele eingesetzt werden. Obwohl man also die Fähigkeiten hätte, z.B. umzuziehen, sich zu bewerben, ein größeres Projekt anzugehen, tut man es nicht. Es passt nicht mehr in den Kopf. Das kann alles betreffen, was außerhalb des direkten Alltags liegt: Urlaubspläne, Autokauf, finanzielle Vorplanung, Steuererklärung usw. usf.. Mancher mag hier in eine Art Abhängigkeit von äußerer Unterstützung geraten, nicht, weil er faul wäre oder etwas im Notfall nicht könnte, sondern weil schlicht die Kraft nicht mehr da ist.

Das wird von außen leider sehr oft nicht verstanden.

– Warum hast Du Dich nicht schon längst woanders beworben?
– Schau Dich doch mal nach einer neuen Wohnung um?
– Warum fliegst Du nicht mal in Urlaub?
– Warum fängst Du nicht mit dem X-Sport an?

usw.

Der Kopf ist bereits gefüllt mit dem, was einen morgen erwartet, die folgenden Wochen. Alles, was weiter weg ist, ist ein riesiger Berg an Unsicherheit, etwas, das nicht planbar ist. Das kann einen regelrecht darin lähmen, von seiner Routine abzuweichen. Auch darin zeigt sich die fehlende Flexibilität als Kernsymptom bei Autismus. Ich z.B., esse nicht täglich dasselbe, habe keine TV- oder Spiele-Rituale, mache nicht an einem bestimmten Wochentag immer dasselbe. So gesehen bin ich gegenüber anderen Autisten ziemlich flexibel. Und trotzdem geht es mir ganz genau so wie im zitierten Text beschrieben, was im Umfeld häufig auf Unverständnis stößt und Rechtfertigungszwänge auslöst.

Natürlich hängt vieles vom Umfeld ab, von der aktuellen Lebenssituation, ob man depressiv ist oder ob man eine positive Lebensphase hat. Dann ist auch mehr Kraft da, als wenn die Depression einen bereits im Alltag niederringt, und Gedanken an die Zukunft weit weg erscheinen. Es ist dann keine Schande, nach Unterstützung zu suchen, sich bei langfristigen Projekten helfen zu lassen, Informationen einholen zu lassen, die Ungewisses planbarer machen. Je mehr Informationen vorhanden sind, desto leichter kann man (nicht nur Autisten) sich darauf einstellen. Hier bemerke ich auch eine gewisse Angst vor der Angst, die für Autisten typisch scheint (auch bei Prüfungsangst beschrieben, z.b. hier), also die eigentlich paradoxe Angst/Blockade, sich die Informationen einzuholen, die die Angst/Blockade abbauen würden. Wenn das ggf. Dritte übernehmen können, ist schon einmal ein wesentlicher Schritt zur Abbau der Blockade getan.

Ein unterstützendes, verständnisvolles Umfeld ist wesentlich für Autisten!