Aber Du siehst gar nicht krank aus? – Die Löffeltheorie

Christine Miserandino, die an Lupus erkrankt ist, beschrieb die daraus folgende Erschöpfung und begrenzten Handlungsradius mit der „Spoon Theory“:

Kranke Menschen müssen Entscheidungen treffen oder bewusst über Dinge nachdenken, während die gesunde Mitmenschen nicht tun müssen. Gesund sein bedeutet, ein Leben ohne schwierige Entscheidungen führen zu können. (Anmerkung: gemeint sind meiner Meinung nach Entscheidungen bezogen auf die geschilderten Alltagsaktionen in der Spoon Theory. Natürlich muss JEDER Mensch schwierige Entscheidungen treffen.) Die meisten Menschen, vor allem junge Leute, beginnen den Tag mit einer unbegrenzten Menge an Möglichkeiten und Energie um das zu tun, was immer sie begehren. Meist müssen sie nicht über die Auswirkungen ihrer Handlungen nachdenken. Als gesunder Mensch habe man einen unbegrenzten Nachschub an „Löffeln“. Wenn man nun seinen Tag planen muss, muss man genau wissen, wie viele Löffeln verfügbar sind. Jede Aktion geht auf Kosten eines Löffels, selbst vermeintlich leichte Alltagsfertigkeiten wie Aufstehen, sich zurechtmachen, Frühstück machen, etc… am Ende bleiben nur wenige Löffel für den restlichen Tag übrig. Wenn man sich einen Löffel vom Folgetag leiht, bleibt entsprechend weniger Energie übrig. Man läuft ständig Gefahr, in eine ernste Situation zu geraten, weshalb es ratsam ist, immer einen Löffelvorrat zu haben. Folglich bleiben zu Tagesende kaum Löffel übrig und Essen machen ist zwar noch möglich, nicht aber mehr der Abwasch.

Die Löffeltheorie ist eine Metapher dafür, was man als kranker Mensch tun kann und was nicht. Und das gilt nicht nur für Lupus sondern für jede Art der Behinderung oder Krankheit.

Cynthia Kim von MusingsofanAspie stellt ihre Löffelschublade vor:

my-spoons

darunter sind Löffel für körperliche Aktivitäten, sensorische Reize, Exekutivfunktionen, soziale Interaktion und Verwendung von Sprache.

Allgemein haben die Menschen unterschiedliche Löffelressourcen für unterschiedliche Gebiete. Es mag einem die Energie fehlen, zum Verwandtschaftsbesuch zu kommen, doch reicht es aus, sich stundenlang mit seinem Spezialinteresse zu beschäftigen.

Für Kim gilt, dass sie sich leisten kann, vor der Arbeit eine Stunde zu joggen, nicht aber ein Treffen mit anderen, das eine Stunde dauert. Körperliche Aktivitäten sind am wenigsten eingeschränkt, „socialising“ am stärksten.

Wenn man erkennt, wie die Löffel verteilt sind, kann man sich seinen Tag intelligent strukturieren. Sie sind jedoch nicht völlig unabhängig voneinander.

Unerwartete Dinge ziehen ständig Löffel, etwa das Geräusch des hämmernden Nachbarn, das sich über Stunden erstreckt. Das geht zulasten der Sinnesreize. Selbst durch passive Aktivitäten können Löffel verloren gehen, so wie sich die Batterie selbst dann entleert, wenn man sein Handy nicht benutzt. Wenn die Löffel zu früh ausgehen, kann man sich Ruhe gönnen. Leider geht das nicht immer. Was Autisten manchmal vergessen: Man kann sich die Löffel von jemand anderem borgen, indem man ihn um Hilfe bittet. Das kann schwierig sein, weil man eigentlich beweisen möchte, dass man von anderen unabhängig ist. Oder andere nicht stören möchte. Doch ist um Hilfe bitten ein wichtiges Selbsthilfewerkzeug.

Auf längere Zeit gesehen sollte man die Kosten einer Aktivität identifizieren. Eine soziale Aktivität ist kostspieliger, wenn man dabei unbequeme Kleidung tragen muss oder sich in einem Raum aufhält, wo es sehr laut ist, und man sehr viel Konzentration aufwenden muss, um sich mit jemand anderem zu unterhalten. Dieselbe Aktivität kostet weniger, wenn man mit jemand zusammen ist, der „auf gleicher Wellenlänge“ ist.

Und manchmal muss man selbst das, was einem eigentlich Spaß macht, einfach sein lassen.

Überbeanspruchte Exekutivfunktionen mit Dauerplanungen, dazu noch äußere Reize und ständige Overloads, die den Körper schließlich in die Knie zwingen und sagen: Stop, es reicht! Doch die Welt dreht sich weiter, sie gönnt keine Auszeit. Familie und Beruf gehen weiter, insbesondere in einer Welt, in der die Mehrheit der Menschen nichts von der Löffeltheorie weiß und erwartet, dass man immer 100 % Leistung zeigt. Von dieser Erwartungsgeißelhaltung muss man sich befreien, um mit seinen privaten Löffelreserven haushalten zu können.

Résumée:

Es ist bereits eine Herausforderung und ein langer Weg, seinen eigenen Löffelhaushalt zu erkennen und das Leben irgendwie danach anzupassen. Es wäre daher sehr hilfreich, wenn nichtbetroffene Mitmenschen erkennen, welcher Denk- und Energieaufwand dahintersteckt, mit weniger Löffeln als andere Menschen auskommen zu müssen. Idealerweise wird auf diesen Umstand Rücksicht genommen bzw. entgegengekommen.

Manchmal reicht etwas Verständnis bereits aus.

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12 Gedanken zu “Aber Du siehst gar nicht krank aus? – Die Löffeltheorie

  1. atarifrosch 23. Dezember 2015 / 20:43

    Einer Aussage kann ich allerdings nicht zustimmen:

    Gesund sein bedeutet, ein Leben ohne schwierige Entscheidungen führen zu können.

    Das eine hat mit dem anderen jetzt nicht so wirklich was zu tun. Nur weil jemand psychisch und physisch gesund ist, heißt das nicht, daß das Leben ihn nie vor schwierige Entscheidungen stellt.

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    • Forscher 23. Dezember 2015 / 20:46

      Ja, hab mir fast gedacht, dass diese Aussage zweideutig ist. Ich denke, sie war von Christine auch eher hinsichtlich Entscheidungen gemeint, wo der eigene Körper (oder seelische Gesundheit) direkten Einfluss hat, und weniger allgemein äußere Umstände.

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  2. 2ndplanetleft 23. Dezember 2015 / 21:10

    Danke für den interessanten Beitrag! Der wird mir sehr helfen meinen Kollegen auf der Arbeit mal zu erklären, wieso ich mit meinem Energiehaushalt so zu kämpfen habe.

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  3. Melanie 13. Januar 2016 / 10:02

    Ich find die Erklärung sehr gut und hilfreich. Allerdings würde ich der Auffassung, das gesunde Menschen einen quasi unbegrenzten Vorrat an Löffeln haben nicht zustimmen. Ich stelle mir das eher als das Äquivalent eines ausreichenden Gehalts vor: Genug für alles wichtige, einige schöne Dinge und noch ein bisschen extra, sodass man nicht so stark drauf achten muss.
    Ich finde der wesentliche Unterschied liegt vermutlich in den Kosten der kleinen Dinge: Auswahl der Kleidung, Frühstücken, Bus fahren und vermutlich genug andere „Kosten“, die mir gar nicht einfallen. Diese Centbeträge nehme ich als Gutverdienende gar nicht als Kosten wahr. Die merkt man erst, wenn’s knapp ist.
    Respekt für alle, die’s mit einer Hand voll Löffel durch den Tag schaffen.

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  4. Luka 11. Februar 2016 / 11:37

    Hat dies auf Loner on the road rebloggt und kommentierte:
    #reblogged Sehr interessant zu lesen. Danke für’s erklären!

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