Kein Beruf für Autisten?

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Spezialinteressen kommen und gehen, manche bleiben ein Leben lang und werden schließlich zum Beruf gemacht. Vor der engeren Beschäftigung mit Autismus hielt ich mathematische Berufe für Autisten für stereotypisch. Das lag auf der Hand, logisch-analytisches Denken einzusetzen. Autisten in Sozialberufen? Als Schauspieler? Als Journalisten? Als Burlesque-Tänzerinnen? In ganz normalen Berufen? Ausgefallene Berufe? Was für viele neurotypische Menschen befremdlich erscheint, zeigen Studien und Erfahrungsberichte ganz deutlich: Autismus ist kein Widerspruch dazu, den Beruf auszuwählen, der einem Spaß macht – selbst wenn er auf den ersten Blick ungeeignet erscheint.

Zwar findet man in vielen Artikeln und Büchern über Autismus immer wieder mal den Hinweis auf das Wetterinteresse von (jungen) Autisten, aber nirgends liest man von autistischen Meteorologen. Es gibt sie: Ich bin einer von ihnen, der sein Spezialinteresse zum Beruf gemacht hat.

The Big Picture – die Übersicht fürs Ganze behalten

Die Karten im Teaser zeigen eine kleine Auswahl des Datenmaterials, mit dem sich Meteorologen in ihrer Arbeit täglich beschäftigen: Vergangene und aktuelle Beobachtungen, sowie Modellprognosen in reichhaltiger Vielfalt. Gerade als Autist besteht die Gefahr, sich in zu vielen Details zu verlieren. Meteorologen leben nicht außerhalb der Zeit, auch sie sind meist dem Zeitdruck unterworfen und müssen ihre Arbeit effizient gestalten. Sie ähnelt in vielerlei Hinsicht der von Journalisten: verschiedene Quellen heranziehen, sortieren, vergleichen und schließlich die Information kondensieren und textlich zusammenfassen.

Eine wesentliche Hilfestelle ist daher eine Checkliste, in der chronologisch festgehalten ist, bis wann etwas erledigt sein muss. Hilfreich sind außerdem diverse Lesezeichen im Browser, sodass ich meine Lieblingsquellen nicht jedes Mal von Neuem suchen muss. Mit mehrjähriger Erfahrung erfasse ich bestimmte Situationen rascher und weiß sofort, wo und was ich nachschauen muss. Überraschungen bleiben in diesem Beruf nicht aus. Er verlangt ein hohes Maß an Flexibilität, wie wir wissen, DIE große Stärke von Autisten! [Ironie] Wetterlagen können unerwartet markante Ausmaße annehmen, in diesem Fall spricht von man einem „low probability – high impact„-Szenario. Geringe Eintrittswahrscheinlichkeit, aber große Auswirkungen im betroffenen Gebiet. Meine Aufgabe ist es, selbst unwahrscheinliche Szenarien frühzeitig zu erkennen und im Hinterkopf zu behalten. Meteorologen sind geografisch fit, sie sind oft für große Gebiete oder ganze Länder zuständig, kennen viele Städtenamen oder Gebirgszüge. Weil das Wetter aber nicht nur vor Ort gemacht wird, sondern oft draußen auf dem Atlantik oder Richtung Arktis, weiß man von der Existenz der Barentsee, des Bottnischen Meerbusens oder des Skagerraks.

Ich schreibe auch immer noch viel mit der Hand auf, weil ich es dank haptischer Eigenschaften leichter ins Langzeitgedächtnis transferieren kann als ein PDF-Artikel oder Notizen online. Listen, Tabellen, Karten sind eine Arbeitserleichterung, alles, was niedergeschrieben werden kann oder mithilfe von Zeichnungen auf einer Landkarte veranschaulicht werden kann. Für visuelle Denker ideal.

Uni oder Schichtdienst?

Meteorologen bleiben entweder in der Forschung oder schwärmen zu den verschiedenen Wetterdiensten aus. Autisten mit besonderer Affinität zum Programmieren tun sich mit der Uni oder in der Modellentwicklung bei normalen Bürozeiten leichter, während in der Vorhersage in der Regel Schichtdienst verlangt wird, mit Flexibilität im zeitlichen Erscheinen und kurzfristigem Einspringen. Je nachdem kann eine flexible Zeiteinteilung aber auch ein Vorteil sein, wenn man dadurch zu Zeiten arbeiten kann, wo Ruhe im Büro und im Umfeld herrscht und der zwanghafte Smalltalk wegfällt. Lasst Euch also vom Schlagwort Schichtdienst nicht sofort abschrecken! Ein Montag-bis-Freitag-Job im Großraumbüro kann von der Geräuschkulisse her anstrengender sein als ein alleiniger Nachtdienst. Zudem ermöglicht Freizeit unter der Woche auch, Sehenswürdigkeiten oder Berge zu Zeiten aufzusuchen, wo nicht die Masse unterwegs ist wie am Wochenende. Auch der Einkauf kann schon vormittags erledigt werden (sofern man nicht zu einem Lieferservice greift), und nicht gemeinsam mit hunderttausend Berufstätigen zum Feierabend. Es mag mein Vorteil sein, dass ich keine ausgeprägten Routinen entwickelt habe und daher in der Flexibilität sukzessive einen Gewinn für die Lebensqualität sehen kann – in gewisser Weise muss, weil Schichtdienst zu diesem Berufsbild einfach dazugehört. Aber es ist mein Spezialinteresse, und dafür nehme ich auch Nachteile in Kauf. Das ist allemal besser als in einem Beruf arbeiten zu müssen, der mich unterfordert oder langweilt.

Inklusion ist, wenn keine geschützten Arbeitsplätze mehr geschaffen werden müssen

Gegenwärtig gibt es spezielle Jobvermittler wie Specialisterne oder Unternehmen wie Auticon, die nur Autisten beschäftigen. Etwa 90 % der angebotenen Jobs sind im IT-Umfeld anzusiedeln. Für einen Teil der arbeitsfähigen Autisten sind diese Möglichkeiten überhaupt erst der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt und in einen geregelten Unterhalt. Eine löbliche Initiative, die mit Sicherheit weiter ausgebaut werden sollte. In meinem Bekanntenkreis über Twitter oder auch bei anderen Gelegenheiten sehe ich jedoch, dass Autisten in ganz normalen Berufen arbeiten, jedoch gehäuft unter erschwerten Bedingungen, manchmal ungeoutet, und immer wieder mit Konflikten konfrontiert, die im Gespräch entstehen. Jobs zu schaffen, die für einen Teil von Autisten besonders geeignet sind, ist eine notwendige Maßnahme. Für die verbleibenden Autisten in anderen Berufsfeldern ist eine breite Aufklärungskampagne aber unerlässlich. Nicht jeder Autist benötigt gleich ein Einzelbüro oder monotone Aufgaben, aber eventuell mehr Verständnis dafür, weshalb die Mittagspause lieber alleine statt in der Kantine verbrachtet werden möchte. Was viele Autisten in verschiedenen Berufen eint, ist das Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeiten, und dass Socialising gelegentlich zurückgefahren werden muss, wenn bereits im Alltag viel Energie verloren geht (vgl. meinen Löffel-Artikel). Besser offen darüber reden als still leiden. Miteinander reden ist daher wichtig.

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Ein Gedanke zu “Kein Beruf für Autisten?

  1. lizzzy07 15. April 2016 / 13:19

    Das mit dem Spezialinteresse zum Beruf machen überleg ich schon manchmal. Die einzige Gemeinsamkeit mit meinem derzeitigen Jobsuchprofil: Der Arbeitgeber ist in irgendeiner Form die evangelische Kirche. Unterschiedlicher könnten die Aufgabenfelder aber kaum sein: Jetztige Suche Verwaltung, dem Spezialinteresse am nächsten kommt Verkündigungsdienst. Auch wenn der die Eigenart hat, dass man viel mit Menschen in allen Lebenslagen arbeitet. Also potentiell extrem anstrengend. Und der Weg dahin ist auch anstrengend: Ich brauche das Abitur. Und vieles von dem Stoff lerne ich nur für die Prüfung.

    Ich werd in der Richtung nen Anfang machen und mich zum Lektorenkurs anmelden. Warum auch immer fällt es mir leichter als das Thema Autismus zu erwähnen. Da werd ich wohl auch noch mal nachhaken müssen. Immerhin weiß ich in Sachen Lektorenkurs unsre Kirchältesten hinter mir. Ob das den Unterschied ausmacht?

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