Brauche ich mehr Routinen?

that autism feel when people change a plan last minute and are pissed off when you’re upset because you can change your own plans last minute and they don’t understand how that is something completely different and has something to do with your level of spoons.

Quelle: „That Autism Feel“

Routinen sind wichtig, um Stress zu vermeiden. Nichtautisten staunen manchmal, was zu Routinen zählt.

Unerwartet frei bekommen statt arbeiten zu müssen, kann für Autisten ein Problem darstellen. Die meisten Nichtautisten freuen sich spontan, wenn sie erfahren, am nächsten Tag nicht arbeiten müssen. Für den Autisten bedeutet die Arbeit auch, dass die Essenszeiten, die Kantine, der Imbiss am Rückweg mit eingeplant sind. Und so kurzfristig nichts planen kann, um die Zeit sinnvoll zu nutzen. Alles muss durchgeplant werden. Ein Autist kann auf unerwartete Freizeit entsprechend ungehalten und erregt reagieren, was für die Außenwelt zunächst völlig unverständlich ist.

Ich habe inzwischen auch meine Routinen entwickelt, um das Bahnfahren möglichst stressfrei zu gestalten. Wobei ich bewusst keine Platzreservierung vornehme, weil ich mir meinen Sitznachbar aussuchen möchte und nicht umgekehrt. Damit ich trotzdem keinen Stress bekomme, bin ich immer möglichst früh am Bahnhof, mit ausreichend Pufferzeit, um mich zudem an die Hektik und Menschenmassen zu akklimatisieren. Ich hole mir vor längeren Fahrten fast immer etwas beim Bäcker, eine Zeitung und gehe vor der Abfahrt am Bahnsteig entlang, checke die Wagenreihung, wo die tendenziell leeren 2. Klasse-Abteils sind, wo das Bistro oder Restaurant. Bis der Zug dann einfährt, ist alles abgeklärt und ich bin beruhigt.

Routinen spielen auch sonst im Alltag eine wichtige Rolle. Viele Routinen besitze ich noch gar nicht. Meiner Ansicht nach trägt der Mangel an Routinen zu Ängsten und Depressionen bei, weil das Frustrationslevel erniedrigt und das Ohnmachtgefühl, „es nicht mehr zu packen“ gestärkt wird. Die vermeintlich so an ihre Routinen gefesselten Autisten haben dadurch bedeutend mehr Sicherheit – jedenfalls, so lange sie die Routinen aufrechterhalten können.

  • z.B. Essensroutinen, drei Mahlzeiten am Tag, immer die nötigen Zutaten im Haus haben, immer zum selben Supermarkt, wo man weiß, was wo steht, und schnell wieder draußen ist.
  • z.B. Hygieneroutinen, mit Aufräum-, Putz- und Waschtagen
  • z.B. Freizeit/Bewegungsroutinen, mit Spaziergängen oder Wanderungen entlang von bestimmten Routen, wo man sich nicht jeden Tag neu überlegen muss, wo man heute hinfährt, wie man hinkommt und wie man wieder zurückkommt, um rechtzeitig irgendwo zu sein.

Genügend Freiraum muss freilich gegeben sein, um im Falle von Änderungen rechtzeitig reagieren zu können. Einen Plan B parat zu haben, schadet nie.

Nur eine Routine muss ich jetzt erst langsam durchbrechen. Die über Jahrzehnte antrainierte Nichtautistenlebensunroutine, die dazu geführt hat, mir zu viel Stress zu machen, mich an der Erwartungshaltung der Umwelt zu orientieren statt darauf zu achten, was MIR gut tut. Und das sind nicht zwingend dieselben Ratschläge, wie sie Nichtautisten anderen Nichtautisten geben. Seinen Lebensentwurf umzuplanen, bringt zwangsläufig mit sich, viele Routinen über Bord zu werfen, vor allem viele Denkroutinen. Das geht nicht von heute auf morgen, nicht einmal über mehrere Wochen hinweg.

Vor ein paar Wochen noch sagte ich, dass ich mir auch etwas ganz anderes vorstellen könnte. Jetzt stelle ich fest: Nein, so weit bin ich noch lange nicht. Und noch will ich mich vom Gedanken nicht verabschieden, mein erlangtes umfangreiches Wissen über meine bisher zur Profession gemachten Spezialinteressen auch künftig einsetzen zu können. Mit dem Wissen über Asperger, die andere Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, und vor allem dem zunehmenden Wissen darüber, was mir gut tut und was nicht.

Ich denke nicht langsamer, aber brauche länger, um mich auf Veränderungen einzustellen. Ich denke eher zu viel durch, zu viel “Junk” im Hirn, das die klaren Gedankenbahnen verstopft. Und je länger ich handlungsunfähig bin, desto überforderter fühle ich mich, was dann zusätzlich blockiert.

Realistische Pläne sind wichtig, mit vielen, vielen Zwischenschritten.

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