Neurotypische Augenpraxis

21

Oder: Wie autististenfeindlich kann eine Praxis aufgebaut sein?

Ordination … ohne Privatsphäre, aber die hat man inzwischen nirgends. DSGVO my ass, es hört jeder Patient alles mit. Zwei Ordinationshilfen, räumlich nicht voneinander getrennt, hatte Probleme, die erste akustisch zu verstehen, während die zweite telefonierte. Also Wartezimmer, dann aufgerufen werden. Nebenbei erfährt man, dass der Augenarzt, der einem empfohlen wurde, gar nicht da ist, sondern eine Vertretung.

Wartezimmer … wie ein Kaffeehaus, mehrere Gespräche gleichzeitig, ständiges Kommen und Gehen. Aus schlechten Lautsprechern dröhnen die Aufrufe des Arztes, der etliche Namen falsch ausspricht. Ich sitze da wie auf glühenden Kohlen und hoffe, ich verstehe, wenn ich aufgerufen werde.

Erst der Sehtest, die Geräte befinden sich mitten am Flur, hinter mir kommen und gehen ständig Ordinationshilfen und Patienten vorbei, der Mitarbeiter warnt vor “das wird ein bisschen unangenehm gleich”, ich zucke zusammen und stoße mit der Stirn an die Umrahmung, als der Augeninnendruck mit einem Luftstoß gemessen wird, insgesamt zucke ich vier Mal zusammen, was den Mitarbeiter grinsen lässt. Dann darf ich wieder zurück ins Wartezimmer.

Als nächstes komm ich zu einer weiteren Gehilfin, die mir Brillengläser aufsetzt, um die Sehstärke zu messen. Dann drückt sie mir einen Zettel in die Hand, worauf das “Eintropfen” der Augen (für den Augenhintergrund) erklärt wird und fragt mich, ob das heute in Ordnung ist, weil man danach nur verschwommen sieht, ich unterschreibe verdutzt, weiß aber noch nicht so genau, was eigentlich, und lese erst dann nach, dass die Augentropfen in meinem Fall für 24-48 Stunden für Nebenwirkungen sorgen können. Ich springe aus dem Wartezimmer, das passt mir jetzt überhaupt nicht. Hatte mich auf meine ersten freien Tage seit längerem gefreut und wollte jetzt nicht zum Nichtstun verdammt sein, weil ich nur verschwommen sehe.

Die nächste Gehilfin holt mich ab zum Test des räumlichen Sehens, ich sage, dass ich das mit den Tropfen doch nicht will, sie sagt ok, ich erfahre erst dann die Erklärung, wofür das eigentlich ist, und dass ich dann einen neuen Termin dafür brauche. Dann wurde gesagt, dass mein Schielen nicht manifest sei, sondern vermutlich stressbedingt. Wieder zurück ins Wartezimmer.

Der nächste Mitarbeiter, in Summe vier verschiedene, kommt für den Gesichtsfeldtest. Am Monitor leuchten dabei in verschiedener Entfernung vom Mittelpunkt Lichtblitze auf, dann solle man einen Knopf drücken. Am Anfang drücke ich versehentlich dann, wenn das Gerät Geräusche macht, die sind aber unabhängig vom Erscheinen der Lichtblitze. Nur ist es für mich sehr schwer, beide unterschiedlichen Reize voneinander zu trennen. Möglicherweise war der Test nicht sehr repräsentativ, aber jedenfalls war der Arzt zufrieden …

Ach ja, nach der Rückkehr ins Wartezimmer wurde ich dann aufgerufen. Name klang entfernt ähnlich zu meinem. Der Arzt hat leider noch schlechter deutsch geredet als seine ausländischen Mitarbeiter, die sich wenigstens bemüht haben. Außerdem hat er sehr schnell und viel gesagt, was wichtig war. Sehr trockene Augen, ich solle viele trinken und mir in der Apotheke Augentropfen besorgen. Und dann drückt er mir einen Zettel in die Hand wegen Lidentzündung, irgendwas besorgen von wegen Babyshampoo, Gelpad und Abschminkzeug. Und die Dioptrin seien schlechter geworden, neue Brille notwendig. Ich bringe an, dass ich viel am Bildschirm sitze, dafür werde ich wohl eine geeignete Brille brauchen. Seine Antwort war relativ kurz, vermutlich ein Ja. Er sei sonst zufrieden. Schön für ihn. Irgendwas soll noch einmal nachvermessen werden, hab aber vergessen was. Viel Zeit hatte ich nicht, nach drei Minuten war ich wieder draußen, eher mit Fragezeichen.

Das mit dem Shampoo war mir zu kompliziert, ich leg jetzt warme Kamille- und Malventeebeutel auf meine Augenlider. Augentropfen funktioniert genauso wenig, ich kann mir nichts selbst in die Augen geben. Hatte als Kind schon immer geflunkert im Schwimmbad, wenn ich unter Wasser die Zahl der gezeigten Finger sagen sollte. Ich konnte ohne Taucherbrille nie die Augen öffnen. Mal sehen, ob es auch Salben gibt.

Zurück bei der Ordination wegen Termin für den Augenhintergrund. Der sei Voraussetzung für die neue Brille, weil danach noch einmal den Augeninnendruck neu vermessen müsse. Toll, warum sagt man dass nicht gleich. Ich frage wegen der Dauer des verschwommenen Sehens, aus 24-48h werden plötzlich 3 Stunden, man könne das gut am Vor- oder Nachmittag erledigen. Ihr ist nur wichtig, dass ich kein Autofahren darf, was mich nicht interessiert, weil ich kein Auto habe. Ich dachte in dem Moment nur daran, dass ich nicht dazu kommen würde, Schriftkram zu erledigen, den ich seit Wochen schon immer wieder verschieben musste. Außerdem hänge es davon ab, wieviel man trinkt, weil das Wasser das Medikament ausspüle. Jetzt hätte ich noch einen Rückzieher machen können, aber es war einfach alles    t o o   m u c h    i n f o r m a t i o n.  Ich sagte zwei Mal, ich sei im Schichtdienst und müsse erst schauen. Natürlich hatte ich meinen Kalender nicht zur Hand. Ich würde das online ausmachen über das Terminprogramm, so hatte ich auch diesen Termin ausgemacht. Das ginge nicht, weil das Eintropfen könne ich gar nicht anwählen, ich müsse anrufen. Na super.

Ein idealisierter Ablauf würde folgendermaßen aussehen:

Ein räumlich abgetrenntes Ordinationszimmer, in dem man nicht akustisch und visuell (vorbeilaufende Menschen) überflutet wird und sich besser auf das konzentrieren kann, was man sagen will und einem gesagt wird. Im Wartezimmer in bessere Lautsprecher investieren, das wird die Praxis nicht in den Bankrott stürzen (obwohl, kurz zuvor wurde ein Teppich auf dem Parkettboden des Wartezimmers ausgerollt, der sichtlich beschädigt war und als Stolperfalle hätte dienen können), sorgt aber dafür, dass man besser versteht, wenn man aufgerufen wird und in welches Zimmer man gehen muss. Das reduziert den Stress im Wartezimmer (übrigens für alle). Langsam und deutlich sprechen und sich wenigstens ein bisschen Mühe geben, Namen korrekt auszusprechen, ist genauso kein Fehler und zeugt von Respekt gegenüber dem Patienten. Immer erklären, was man macht oder vorher ein Infoblatt austeilen und erklären, was bei der Erstordination alles gemacht wird und warum. Letzteres erspart es dem Mitarbeiter, dutzend Mal dumme Fragen beantworten zu müssen. Autisten wissen außerdem gerne, was sie erwartet. Wenn es die Möglichkeit einer Onlineterminvereinbarung gibt, sollte sie für alle Untersuchungen gelten. Ich habe nicht erwähnt, dass ich Autist bin, bei sieben verschiedenen Personen, mit denen ich zu tun hatte, wäre mir das zu mühsam geworden. Außerdem hätte es vermutlich keiner verstanden und der Fließbandarzt hätte ohnehin keine Zeit gehabt. In einer naiv-realistischen Welt würde ein Kassenvertragsarzt, dessen Leistungen von meinen Steuergeldern bezahlt werden, auch so anständig bezahlt werden, dass er sich mehr als drei Minuten Zeit für mich nehmen kann, und ggf. seine Therapievorschläge an meine Lebensrealität anpassen kann. Das gilt jetzt nicht nur für Augenärzte, sondern für alle Kassenärzte.

Leider leben wir nicht in so einer Realität. Wer vom Arzt das Gefühl vermittelt haben möchte, dass er Dir zuhört, muss – bis auf wenige Ausnahmen, die man erstmal finden muss – zum Wahl- oder Privatarzt gehen. In Österreich heißt das, man erhält theoretisch 80%, in der Praxis aber oft nur 20-30% des Arzthonorars wieder von den Kassen zurück. Zweiklassenmedizin, wie in Deutschland auch. Und Zusatzversicherungen, die das abdecken würden, gibt es praktischerweise für Autisten nicht, weil Versicherungsärzte unfähig sind, Diagnosen richtig zu interpretieren. Bei einer bestehenden Autismus-Diagnose besteht kein erhöhtes Risiko “später” noch an Epilepsie oder ADHS zu erkranken. Man hat es oder auch nicht. Spektrum-Diagnosen sollten überhaupt indiviudell behandelt werden und nicht alle Autisten in einen Topf geworfen werden. Aber das ist ein anderes Fass ohne Boden, was ich da aufmache …

Advertisements