Der etwas andere Arzt

13
Nicht immer verläuft der Lebensweg geradlinig

Inzwischen habe ich den Orthopäden gewechselt, auf Empfehlung bin ich zu einem Privatarzt, der selbst aktiv Sport treibt. Der erste Kontakt verlief holprig. Es gab zwei E-Mail-Adressen, eine bestehend aus Vor- und Nachname, die andere von der Gemeinschaftspraxis, in der er ordiniert. Terminanfrage telefonisch UND per Mail möglich, stand auf der Webseite, ausschließlich telefonisch aber nur bei der Gemeinschaftspraxis, die für mich öffentlich besser erreichbar ist. Ich schrieb trotzdem an die private Adresse, weil ich sicher gehen wollte, dass er meine Ausführungen liest. Geantwortet hat trotzdem eine Ordinationshilfe mit der Bitte um telefonische Terminvereinbarung. Ich schrieb kurz, aber deutlich zurück, dass ich Autist sei und nicht telefonieren könne und bat um eine schriftliche Terminvereinbarung. Das hat dann doch unkompliziert funktioniert. Continue reading

Advertisements

Neurotypische Augenpraxis

21

Oder: Wie autististenfeindlich kann eine Praxis aufgebaut sein?

Ordination … ohne Privatsphäre, aber die hat man inzwischen nirgends. DSGVO my ass, es hört jeder Patient alles mit. Zwei Ordinationshilfen, räumlich nicht voneinander getrennt, hatte Probleme, die erste akustisch zu verstehen, während die zweite telefonierte. Also Wartezimmer, dann aufgerufen werden. Nebenbei erfährt man, dass der Augenarzt, der einem empfohlen wurde, gar nicht da ist, sondern eine Vertretung.

Wartezimmer … wie ein Kaffeehaus, mehrere Gespräche gleichzeitig, ständiges Kommen und Gehen. Aus schlechten Lautsprechern dröhnen die Aufrufe des Arztes, der etliche Namen falsch ausspricht. Ich sitze da wie auf glühenden Kohlen und hoffe, ich verstehe, wenn ich aufgerufen werde. Continue reading

Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun

“#Sprechstunde #Landarztpraxis Eine 22-jährige normal entwickelte junge Frau kommt mit Erkältung. In Begleitung ihrer Mutter. Mehr muss man über die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung nicht wissen.”

So tweetete kürzlich ein Arzt über ein Erlebnis in seiner Praxis. Daraufhin entwickelte sich ein heftiger Shitstorm, der von User @Motte als Paradebeispiel für fehlerhafte Kommunikation gesehen wurde:

Ganz im Sinne von audiatur et altera pars (auch der Andere möge gehört werden) habe ich seine Tweet-Kette hier abgeschrieben:

“Eine Sach-Botschaft wird auf Beziehungs-, Appell- und Selbstkundgebungsohr gehört.”

Immer mehr junge körperlich und geistig gesunde Menschen gehen, durch Unselbständigkeit und völlig fehlendem Körpergefühl begründet, mit kleinsten Wehwehchen zum Arzt und müssen durch Vertrauenspersonen begleitet werden. Was durchaus im weiteren Verlauf auf eine Angst- oder Panikstörung hinweisen kann, diese aber auch in wachsender Inzidenz und Prävalenz einiges über unsere Gesellschaft und die Befähigung junger Menschen zur Autonomie aussagt. Was ankommt, ist eine Herabwürdigung der Patientin und ein lustig machen über psychiatrische Erkrankungen. Mit keinem Wort wird die imaginäre Patientin ins lächerliche gezogen. Einzig und alleine ein Phänomen wird beschrieben und an eine Kritik unserer Gesellschaft gebunden.

[…]

Manche Kommentatoren machen aus “normal entwickelt” einen Bezug auf das Aussehen und sagen als Arzt dürfe man das nicht beurteilen. Sorry, natürlich gibt die körperliche und geistige Entwicklung des Patienten Rückschlüsse über zu erwartende Erkrankungen und Differentialdiagnosen. Und auch die Begleitung durch die Mutter bei objektiv minimalem Krankheitswert der Beschwerden gibt Hinweise auf möglich zugrunde liegende Probleme, wie zum Beispiel die häufig erwähnten Panikstörungen. Von einem guten Arzt erwarte ich, dass er sowas aufnimmt und für die Diafferentialdiagnostik sowie weitere Versorgung beachtet und bewertet. “Mit Fieber darf man kein Auto fahren!” Dem aufmerksamen Leser wird auch hier auffallen, von Fieber steht nix in dem Tweet. Eine Erkältung ist nicht unbedingt ein fieberhafter Infekt! Warum werden frei Symptome ergänzt, damit man sich aufregen kann?

[…]

“Jetzt darf ich nicht mal mehr meine Mama mit zum Arzt nehmen!”

Steht auch nicht in dem Tweet. Viele schreiben, dass sie aufgrund einer Panikstörung Begleitung zum Arzt brauchen. Das ist auch völlig ok und wichtig, dass es möglich ist.

Aber wie schon geschrieben, sagt die Zunahme von Panik- und Angststörungen etwas über unsere Zeit, die Gesellschaft sowie den kontinuierlichen Erfolgs- und Leistungsdruck aus, der viele, völlig nachvollziehbar, krank macht. Auch gibt es immer mehr Menschen, die durch traumatische Erlebnisse an psychischen Störungen erkranken. Aber das ist wieder ein Hinweis auf abnehmende Resilienz der Menschen und zeigt, dass hier irgendetwas grundlegend falsch läuft. Und das zu kritisieren und herauszustellen, zeugt nicht von fehlender Empathie, sondern Frustration mit dem System, an dem wir alle unser Päckchen zu tragen haben. Natürlich kann man das alles, herabwürdigen einer Patientin mit Angststörung, verkennen einer schweren Erkrankung, etc. in diesen Tweet implizieren, wenn man will. Aber dazu gehört der eigene Wille, hier etwas boshaftes zu lesen. […]

Ich gebe zu, ich hatte so wie viele Leser auch den Willen etwas Boshaftes darin zu lesen, auch wenn ich einige Reaktionen klar für überzogen halte: “So jemand hat hoffentlich keine Kinder.” – “Falschen Beruf erwischt!” – “Dem sollte die Approbiation entzogen werden!”

Wohlwollend betrachtet wollte der Arzt das System des wachsenden Leistungsdrucks kritisieren und sich nicht über den Umstand lustig machen, dass eine junge Frau für eine banale Erkältung Begleitung bis ins Sprechzimmer braucht. Das Attribut “normal entwickelt” gibt der Grundaussage allerdings einen unguten Unterton. Mein erster (impulsiver) Gedanke war: Woran macht er das fest, dass jemand normal entwickelt ist?

Meine erste Reaktion war:

“Ich wirke vermutlich auch ‘normal entwickelt’, vergesse aber leider oft wichtiges zu fragen und meine Mimik passt nicht immer zu den Schmerzen. Ich wäre froh, wenn öfter mal jemand dabei wäre.”

Woran ich nicht dachte, war: Er schrieb diesen Tweet nicht in situ, sondern nach dem Besuch, als für ihn deutlich war, dass es sich um eine banale Erkältung gehandelt hat. Man möchte dem Arzt schließlich nicht unterstellen, dass er unfähig sei, den geistigen und körperlichen Zustand einer Patientin zu erkennen.

Ungeachtet dessen, wie sich die Kritik entwickelt hat, wurde offenbar ein wunder Punkt getroffen, was der Umgang von Ärzten mit ihren Patienten betrifft. Wegen dem Gesundheitsystem, wie es sich heute präsentiert, dauert ein Termin gerade beim Hausarzt oft nur wenige Minuten. Es ist gerade für Menschen mit kommunikativen Schwierigkeiten eine Herausforderung bei der Mehrzahl der Ärzte , seine Bedürfnisse angemessen zu artikulieren. Gerade unter Stress. Da würde es manchmal helfen, wenn man zusätzlich zum Termin vor Ort noch wichtige Anliegen per E-Mail klären könnte. Stattdessen werden E-Mails, selbst wenn Kontakt via E-Mail angeboten wird, meistens ignoriert. Das führt dazu, dass viele Autisten häufig nicht die Hilfe erhalten, die sie brauchen – weil die Hürden der Kommunikation zu hoch sind. Der Gesundheit ist das langfristig abträglich, wenn Arztbesuche aus diesem Grund nicht möglich sind – oder nicht das Anliegen behandeln, weswegen man eigentlich dort war. Da würde eine Begleitung schon helfen, das artikulieren zu können, was einem wichtig ist.

Schade letzendlich, dass der besagte Arzt seine Kritik nicht näher ausgeführt hat. Twitter ist dazu auch nicht unbedingt geeignet aufgrund der Zeichenbeschränkung und der Unübersichtlichkeit von Tweet-Ketten.

Zahnarztbesuch

Kurzer Rückblick in die letzte Woche und wieder einmal ein Beleg dafür, dass es manchmal nicht vermeidbar ist, seine Diagnose offenzulegen. Durch Zufall fand ich bei der Internetrecherche eine auf Angstpatienten spezialisierte Zahnklinik, die Online-Terminvereinbarung anbot, wo es sogar einen umfangreichen Angstfragebogen gab, den man ausfüllen und anschließend um einen Termin bitten konnte. Weil ich Schmerzen in einem abgebrochenen Weisheitszahn hatte und eine gute Woche später ein gebuchtes Schneeschuhwanderwochenende anstand, überwand ich meine Angst und füllte den Bogen aus. Abgeschickt: Fehlermeldung. Das zwei Mal in Folge. Wieder verstrichen zwei Tage, bis ich mich vergangenen Montag entschied, direkt ans Sekretariat hinzumailen, kurz das erläuterte, was ich eigentlich in den Fragebogen schrieb, u.a. dass ich im Schichtdienst arbeite und dieses Wochenende Urlaub ansteht und ich entscheiden müsste, ob das was wird oder nicht. Ich bekam sofort eine Antwort mit einem Termin wenige Stunden später. Es handelt sich um eine Gruppenpraxis und ich geriet leider an einen wenig gesprächigen, phasenweise nicht anwesend wirkenden Arzt [der übrigens auch ein paar Mal gehustet hat, was mich regelrecht schockiert hat]. Ich war furchtbar nervös, weil es der erste Zahnarztbesuch seit vielen Jahren war und ich war mit der Situation vollkommen überfordert. Er hatte natürlich von der Zusammenfassung in meiner Mail keine Ahnung und ich brachte auf die Schnelle nicht alles so herüber, wie ich unbedingt sagen und fragen wollte.

Folge: Ich übte zu wenig Druck auf den Stoffballen zum Aufbeißen aus und wachte am nächsten Tag mit einem gefühlten Liter Blut im Mund wieder auf, was er dann mit einem blutstillenden Mittel in die offene Wunde behandeln musste. Er hatte mich zwar mehrmals gefragt, ob meine Blutgerinnung normal wäre, aber da ich noch nie einen Zahn gezogen bekam und ich mich nicht einmal erinnern kann, wann ich das letzte Mal eine größere blutende Wunde hatte, konnte ich ihm das nicht beantworten. Ich fragte auch wegen dem Wanderwochenende, aber da wich er irgendwie aus und ich erhielt weder ein ok noch ein no-go. In dem Verhaltensmaßregelzettel, den er mir mitgab, stehen 7 Tage Pause, demzufolge hätte ich absagen müssen. Aber ich bekam weder Antibiotika noch wurde genäht, und es wurde auch nur ein Wurzelrest entfernt, was nur wenige Minuten gedauert hat.

Das nächste Problem war die Arbeit. Ich sagte zwar, wo ich arbeitete, aber er schlussfolgerte nur, dass ich dann keine schwere körperliche Arbeit vor mir hätte. Das nicht, aber ich muss viel telefonieren und reden, was mit einem blutenden Mund nicht so schön ist. Ganz zu schweigen davon, dass es mit der Ernährung auch schwierig ist. Nachdem ich am Folgetag erneut bei ihm war wegen der Blutung, meldete ich mich krank. Ich war völlig fertig, schlief am Nachmittag, auch durch das Schmerzmittel (Ibu 600) eher schwindlig auf den Beinen. An Arbeiten war nicht zu denken. Auch am Folgetag schleppte ich mich noch durch den Dienst, ich musste ja wegen der Blutgerinnung auf Koffein bzw. Kaffee verzichten. Bei 12 Stunden Schicht mühsam. Insgesamt hatte ich die Folgen deutlich unterschätzt und fühlte mich auch nicht gut aufgeklärt, was genau ich jetzt wie lange unterlassen soll, ab wann ich wieder normal essen und trinken darf, wie lange keine Milchprodukte oder Koffein, etc. Das Hauptproblem war eigentlich, dass ich in der Situation vor und nach dem Eingriff reizüberflutet war und das meiste gleich wieder vergaß, was er sagte, oder inhaltlich gar nicht zu mir vordrang.

Was ich mir für die Zukunft merke: An den Folgetagen eines solchen Eingriffs unbedingt freie Tage oder Krankenstand einplanen. Und ich hatte den Satz mit dem Autismus schon in der Mail, aber dann wieder entfernt, weil ich mir eh schon dachte, dass das jetzt nur die Ordinationshilfe liest, nicht der zuständige Arzt. Ich wollte eigentlich begründen, woher mein großer Würgereiz kam, dass das sensorische Ursachen hat. Der hat ja dazu geführt, dass ich den ersten Aufbissballen gleich wieder ausspuckte und nicht lange Druck ausüben konnte. Jedenfalls fahre ich jetzt trotzdem wie geplant zum Wandern, bisher scheint es keine Komplikationen bei der Heilung zu geben, die Schmerzen sind vollkommen weg. Aber ein ungutes Gefühl bleibt einfach. Am kommenden Montag ist übrigens die Nachkontrolle. 10.30 steht drauf, obwohl ich gesagt habe, dass ich ab 11 Uhr arbeiten muss. Ich könne ja früher kommen. Ja, aber mindestens eine Stunde früher, sonst schaff ich das nicht. Das kommt eben davon, wenn man keine Zeit oder Gelegenheit hat, sich klar und unmissverständlich zu artikulieren.