„Du warst als Kind auch mal so!“

Es gibt zwei Arten von Reizempfindlichkeit: Die Spießigkeit und die neurologisch bedingte Empfindlichkeit. Natürlich kann man immer Spießigkeit vorwerfen, wenn sich jemand über lärmende Kinder und Jugendliche echauffiert, aber bei Autismus liegen die Ursachen woanders und es verletzt die Gefühle, wenn man sich ständig rechtfertigen muss, reizempfindlich zu sein.

„Du warst als Kind auch so!“
„Warst Du in der Schule immer leise?“

Solche Aussagen ändern absolut gar nichts. Die Qualität der Geräusche ändert sich dadurch nicht zwingend. Ja, es gibt Ausnahmen. Ich hatte mich in der alten Wohnung monatelang über meine Nachbarin aufgeregt, die recht geräuschvoll das Stiegenhaus hinaufgestöckelt ist. Durch einen Zufall fand ich dann heraus, dass es eine mir nur allzu bekannte Person war, der ich über social media schon längere Zeit folgte, sie aber nie persönlich kennenlernte. Danach empfand ich den Lärm nicht mehr so schlimm, vielleicht, weil ich immer im Hinterkopf hatte „aha, jetzt ist wieder eine vertraute Person im Haus“. Gefühle der Sicherheit und Vertrautheit, die man als allein lebender Mensch vielleicht eher hat als wenn man ohnehin in einem Mehrpersonenhaushalt lebt und immer jemand da ist, den man kennt.

Kindergarten- oder Schulhoflärm ist allerdings eine andere Qualität, ein uneinheitlicher Lärmbrei, den ich nicht wegfiltern kann. Ebenso bei Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, im Zoo oder im Wirtshaus, wo auch die Erwachsenen genügend Krach machen, sich immer lauter unterhalten, ein wasservogelähnliches, sehr penetrantes Lachen haben. Ich kann das nicht ausblenden, der Cocktailpartyeffekt (sich während einer Party im Stimmengewirr auf den Gesprächspartner fokussieren) funktioniert bei mir nicht. Das liegt aber nicht daran, dass ich schwerhörig bin. Mein Gehör funktioniert einwandfrei, es galt in der Schulzeit sogar als absolut und half mir dabei, meine Gitarre zu stimmen. Mein Gehör ist nicht außergewöhnlich wie es bei manchen Autisten der Fall ist, die auch entferntes Geflüster noch klar und deutlich verstehen, aber es ist auch nicht beeinträchtigt. Es liegt also am kaputten Reizfilter, was neben Kindergeschrei auch deren hektische Bewegungen umfasst, weil mein visueller Filter genauso betroffen ist. Was ich meist als Stärke wahrnehme, weil mir so Details nicht entgehen, ist in diesem Fall ein Fluch. Das ist längst nicht auf Kinder beschränkt, das Arbeiten in einem Großraumbüro ist für mich so regelrecht körperlich anstrengend und ich kann diese Konzentrationseinbußen nicht so gut überspielen wie Nichtautisten, die zwar hinterher immer sagen, dass sie das auch alles anstrengt, denen man das aber während der Anstrengung nie anmerkt.

Auch Besuche von großen Einkaufsmärkten wie Ikea oder Interspar oder Kleidergeschäfte werden so zur Belastungsprobe. Neben zu vielen Bewegungen, plärrender Werbestimmen kommt hier noch dazu, dass ich es nicht mag, wenn Menschen hinter mir hergehen oder ich ewig hinter dahinschleichenden Menschen hergehen muss. Damit meine ich nicht solche, die aus körperlichen Gründen nicht schneller gehen können. Das erkenne ich (an), sondern die Dahinschleicher mit belanglosem Smalltalk oder noch schlimmer, die Smartphonetipper, die mitten am Absatz stehen bleiben und ansatzlos die Richtung wechseln. Was dazu führt, dass ich gewöhnlich schnell gehe und das österreichische „Laufen“ auf meinen Gehstil wie die Faust aufs Auge passt.

Was ich damit sagen will. Nur, weil ihr nicht versteht, wie einen das so stören kann, ist es nicht dadurch beseitigt, belehrende Aussagen über die eigene Kindheit zu machen. Auch bei Autisten gilt, dass sie – oft, nicht immer – selbst verursachten Lärm als nicht so schlimm empfinden wie fremden Lärm. Im Gegensatz zu den Menschen, die auch mit eingeschaltetem Radio und ständigem Gelaber oder lauter Werbung konzentriert arbeiten können, können sie derartige Geräusche aber tendenziell schlechter filtern. Die typisch autistische Stressreaktion folgt auf die Überlastung durch zu viele Reize (Overload) in Gestalt eines Meltdowns („Wutausbruch“) oder Shutdown („Verstummen“), was dann zur Verwunderung führen kann („warum reagierst Du jetzt so aggressiv?“). Das ist Menschen mit funktionierendem Reizfilter schwer zu erklären, sie müssen sich vor allem darauf einlassen können und respektieren, dass Reizempfindlichkeit nicht nur gleichzusetzen mit spießigem Verhalten ist.

Verkehrslärm und Kommunikation

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Die häufigste Aussage auf Lärmempfindlichkeit ist „Du gewöhnst Dich dran!“

Das hängt jedoch stark von der Lärmquelle ab. An gleichmäßige und regelmäßige Geräusche kann ich mich leichter gewöhnen, etwa, wenn die Straßenbahn immer im gleichen Intervall nahe der Wohnung vorbeirattert, wenn man in der Ferne den gleichmäßigen Geräuschpegel einer Autobahn hört, wenn im Kaffeehaus – ohne Musik! – ein Klangteppich aus Gesprächen in normaler Lautstärke entsteht.

Sich an unberechenbare, plötzliche, unregelmäßige Geräusche gewöhnen? Eher nein. Auch nach vier Jahren Wohnen in einer Seitengasse kann ich das Fenster nicht allzu lange öffnen, ohne von beschleunigenden, hupenden, quietschend abbremsenden Auto- oder Motorradfahrern gestört zu werden. Es gibt aber grundsätzlich Phasen, je nach Alltagsform, wo es länger tolerierbar ist. Verkühlungen, depressive Grundstimmung, Schlafstörung und Anspannung verstärken die vorhandene Empfindlichkeit. Wenn ich mich zudem bereits über Stunden hinweg erhöhter Reizbelastung aussetzen musste, bringt eine weitere Situation mitunter das Fass zum Überlaufen. Im Gegensatz zu früher weiß ich das alles jetzt aber und kann gegensteuern.

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es bleibt schwierig

entwurf

niemand kann von uns verlangen, jede unserer lebensgeschichten in buchform darzustellen. wir können von niemanden verlangen, alle diese lebensgeschichten zu lesen und erst dann zu begreifen. es ist individuell verschieden, das ist klar, aber so viele autisten kämpfen jeden verdammten tag um ein bisschen verständnis dafür, anders zu sein. vor allem darum, anders nicht als schlecht zu begreifen, sondern als legitimen lebensentwurf, den sie sich nicht ausgesucht haben, aber die wenigsten menschen können das. manchmal fühle ich mich an den film matrix erinnert, einige wenige, die vom gleichförmigen strom abweichen, während die große masse nicht nach links und nach rechts schaut und einfach nichts begreift, nichts mitkriegt und gar nicht auf neue ideen kommt.

es ist frustrierend nicht durchzudringen, die andere wahrnehmung erklären können. ich lese zum beispiel sehr schnell, ich kann auch karten in sekundenschnelle durchklicken, viel schneller als andere. jede verlangsamung hält mein gehirn auf, das mit einer superschnellen grafikkarte ausgestattet ist. ich verarbeite viele informationen gleichzeitig, wenn ihre darstellung mir vertraut ist. das ist dieses oft zitierte bedürfnis nach gleichförmigkeit und unveränderlichkeit. dieses gehirn kann unglaublich viele informationen speichern, aber nur unter bestimmten voraussetzungen. und diese weichen so oft von dem ab, was für den durchschnitt genügsam ist. es heißt so oft, wir leben in unserer eigenen welt, aber jeder lebt in seiner eigenen welt, in seiner filterblase, seinem privaten wohlfühlstudio. es ist längst bewiesen, dass bei konflikten menschen zu autistischem verhalten neigen, positionen sich verhärten, auf dem eigenen standpunkt verharrt wird und die perspektivübernahme fehlt. autistisch also. oder bloß menschlich? was wäre, wenn das in autisten projizierte asoziale verhalten bloß eine spiegelung des eigenen ist? es ist wirklich auffällig, wie häufig autisten das gleiche berichten, nämlich mangelnde empathie auf der anderen seite, wenn sie versuchen, ihr anderssein zu erklären, manchmal auch als rechtfertigung benutzen, wenn sie nicht den sozialen normen entsprechend gehandelt haben, weil sie die normen schlichtweg nie gelernt haben, sie nicht intuitiv ins blut übergehen.

zwar ist das nur eine satire, die ich hier damals übersetzte, aber sie hat einen wahren kern. es spielt das bild zurück und zeigt auf, dass vieles, was an uns als krankhaft gesehen wird, eine gesellschaftliche und damit willkürliche definition von norm ist, keine biologische. in prähistorischen zeiten waren menschen mit ausgeprägten reizempfängern überlebenswichtig. die welt hat sich anders entwickelt, industrielle revolution, viel menschengemachte reizüberflutung. ein erdgeschoss voller parfum im shoppingcenter, sportmotorradfahrer, dicht gedrängt in öffentlichen verkehrsmitteln, blendendes scheinwerfer- und flackerndes neonröhrenlicht, summende tiefkühltruhen. sieht man vom sonnenlicht ab, sind die meisten reize, die uns täglich auf den keks gehen, vom menschen ausgehend. und selbst ständig bellende hunde oder kreischende kinder liegen weniger an ihnen selbst, sondern an der erziehung durch den menschen. intense-world-syndrome.

es ist ausgesprochen schwierig, das zu erklären. und es gibt nur wenige phasen, wo sowohl die ansprechperson als auch man selbst bereit wäre, diese langwierige erklärung zu versuchen. so etwas kann man nicht zwischen tür und angel erklären. es hilft auch nicht, einen stapel literatur in den briefkasten zu legen und zu sagen ’nach mir die sintflut, wiederschaun‘. es entstehen falsche bilder, sobald man nur den mund aufmacht. wie soll man auch etwas vernünftig erklären, worin sich nicht einmal forscher einig sind? das geht bei körperlichen krankheiten oder behinderungen wesentlich leichter. also nichts sagen, sich einfügen, nach gewöhnung lechzen?

es endet nie, anzuecken, wenn anpassen anecken an sich selbst ist.

Begriffe und Lebensrealitäten

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Ich könnte mich jetzt wieder darüber aufregen, dass der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm in einem sonst hervorragenden Artikel über die Flüchtlingspolitik die Metapher „nationaler Autismus von Ungarn“ benutzt, um auf die Selbstbezogenheit Ungarns hinzuweisen. Wenn Journalisten solche Metaphern benutzen, ist die Kontaktaufnahme leichter möglich als bei Politikern, die auf direktem Wege, sofern sie nicht twittern, gar nicht erreichbar sind. Meist ist ein Sekretariat vorgeschoben, dass alle Anfragen abfängt.

Was mich aber momentan mehr schmerzt als rhetorische Fehltritte, sind die Hürden, die  Autisten den Alltag und die Zukunftsplanung nachhaltig erschweren. Weiterlesen