Nach dem “Urlaub”

portrait

Eine Woche am Kärntner Weißensee, “Deutschlands Süden”, wie es mein Kollege scherzhaft nannte, aber es stimmt. Zu 90% deutsche Urlauber, ein wenig Gardaseefeeling. Ich fühlte mich wie ein Neutrum, kannte mich geographisch gut aus, verstand den Dialekt der Einheimischen, feierte meinen 15. Jahrestag in Österreich am vergangenen Samstag, und doch werde ich vom Dialekt her als Deutscher sofort identifiziert. Auf der Rückfahrt im 4er Abteil fragte mich der Kärntner direkt “Woher aus Deutschland kommen Sie?” Das war Premiere, erstmals und endlich eine konkrete Frage und nicht das rhetorische “Kommen Sie aus Deutschland?” (siehe Eva Steffen. Wir sind gekommen, um zu bleiben.) Das hab ich entsprechend gerne beantwortet, zumal der Fragesteller ein Bahnfreak war und wir uns gut drei Stunden über Züge und Bahnstrecken unterhalten haben (nachdem mein reservierter Zug ausfiel und durch eine Ersatzgarnitur ohne Speisewagen und geringem Getränke/Speiseangebot ersetzt wurde).

Das Beste am ersten alleinigen 7-Tage-Urlaub sind meine Bilder, die ich mit der Spiegelreflexkamera aufgenommen habe. Ich bin auch das erste Mal alleine in einem Badesee geschwommen. Es war herrlich. Hätte ich damals gewusst, dass ich wegen der Fußverletzung immer noch nicht mehrere Tage am Stück gehen kann, hätte ich früher gebucht. So war nach der Kaltfront am dritten Tag leider mit Schwimmen Schluss. Von 25 Grad ging es runter auf 15 Grad tagsüber und 5 Grad in der Nacht.

Die ersten Tage konnte ich noch gut entspannen, bin langsam gegangen, viele Pausen, zwischendurch mit dem Massageball und mit den bloßen Händen die Füße massiert. Ich kam sogar etwas zum Lesen. Derzeit Malte Borsdorf – Flutgebiet, packender Roman über die Hamburger Sturmflut 1962. Am dritten Tag bekam ich im Abstieg plötzlich Migräne, klassisch mit Aura davor. Dieses Mal vor den typischen Zickzackschlangen noch ovale Kreise, die ich noch nicht hatte. Der Anfall dauerte rund zwanzig Minuten, ich musste mich setzen, verbrauchte meine Mg-Pulver und nahm eine Schmerztablette. Erfahrungsgemäß half das, um das dröhnende Kopfweh am nächsten Tag zu mildern.

Am vierten Tag hatte ich ein flaues Magengefühl. Ich nahm Iberogast und ging wandern. Meist bessert es sich durch die Bewegung wieder. Tagsüber wurde der Magen besser. Ich aß am Nachmittag einen Kaiserschmarrn, der genau richtig war, nicht zu süß, mit Apfelmus. Der erste Kaiserschmarrn seit Jahren, wohl auch der letzte. Beim Abstieg hatte ich schon leichte Bauchschmerzen, auch der Fuß schmerzte an bekannter Stelle wieder etwas. Zum Glück fährt, wenn auch viel zu selten in der Nachsaison, der mit der Gästekarte kostenlose Naturparkbus noch stündlich, so konnte ich drei Kilometer Hatscherei sparen. Ich nahm nochmal Iberogast, das Menü bestand immer aus Vorspeisenbuffet und Suppe, Hauptmenü, vom Dessert hab ich die ersten Tage gegessen. Entweder Vorspeisenbuffet oder Dessert, irgendwas war anscheinend länger ungekühlt. Das Hauptgericht Ente mit Kroketten und Rotkraut wars jedenfalls nicht. Es waren nur fünf winzige Scheiben Ente (jede Asia Nudelbox mit Ente ist gehaltvoller). Nach dem Essen bekam ich jedenfalls heftige Bauchkrämpfe und Durchfall. Ich unterdrückte den Brechreiz nur mit Mühe. Bis in die Nacht saß ich quasi stündlich am Klo. Medikamente hatte ich dagegen nicht.

In der Früh hatte ich grauenhaftes Kopfweh und Gliederschmerzen. Ich schleppte mich zum Frühstück, trank einen Fencheltee und aß Zwieback und einen Apfel, mehr ging nicht. Bis Mittag lag ich im Hotelbett, am Nachmittag kurz an die frische Luft auf die andere Seite vom See in die Sonne. Ich las wieder etwas, auch wenn mir alles wehtat. Aber im Zimmer war eine Stubenfliegenplage, auf dem Balkon die Wespenplage. Es war zum Katzen melken. Ohne herumzufuchteln konnte ich keine Viertelstunde liegen. Beim Abendessen pulte ich die Panade von Zucchini und Sellerie, dazu gab es Pellkartoffeln. Eine Suppe davor. Im Speisesaal war es wegen der zehnköpfigen deutschen 60+ Frauengruppe immer zu laut für mich, ich nahm meine Mahlzeit ein und ging sofort aufs Zimmer. Dieses Mal bekam ich gleich nach dem Essen Schüttelfrost. Ich fror erbärmlich, deckte mich mit zwei Decken zu. Ich hatte eindeutig Fieber. Ich nahm die letzte verbliebene halbe Ibuprofen und schlief rasch ein.

Das hat anscheinend gut getan, am nächsten Tag, Samstag, ging es mir deutlich besser, zunächst. Nach dem sparsamen Frühstück kam die Übelkeit und das flaue Gefühl zurück, aber keine Gliederschmerzen mehr. Ich war weiterhin fest entschlossen, wenigstens den schönsten Tag der Woche nicht im Bett verbringen zu wollen, also fuhr ich mit dem Sessellift auf die Alm. Das kostete viel, viel Überwindung. Ich war der erste Fahrgast. Sessellifttrauma überwunden. (Seit ich beim Schikurs in der Schule mit der Jacke im Ankerlift hängenblieb und aus dem Lift geschleudert wurde, auch später immer wieder Probleme, wenn der Lift beim Ausstieg zu flott ist). Dieser Lift fuhr langsam, alles gemütlich auch beim Ausstieg. Das ist eher so ein (autismustypisches?) Motorikproblem, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung finden, wie damals beim Weitsprung oder Kugelstoßen. Alles gut gegangen dieses Mal.

Ich wanderte langsam rund zwei Stunden zur Hütte, es war Mittag. Statt Jause und Bier gab es Tee und Frittatensuppe für mich. Auch ok. Ich erstieg noch einen weniger begangenen Gipfel, der eine grandiose Fernsicht bot. Der Weg war nicht so weit dorthin. Dann ging ich langsam wieder zurück. Der Fuß begann wieder stärker zu schmerzen, ich hatte zu wenig Pausen gemacht, aber vielleicht war es auch der generelle schlechte körperliche Zustand. Mit dem Lift probemlos wieder ins Tal. Zum Abendessen Filetstücke vom Schwein mit gekochtem Gemüse. Das vertrug ich gut. Dachte ich. In der Früh war mir wieder übel, dazu kam die Nervosität wegen dem Zug, weil mit der Ersatzgarnitur meine Reservierung futsch war. Und ich hatte nur sieben Minuten Umsteigezeit, weil auch die S-Bahn verspätet war. Es lief alles gut. Ich meldete mich währenddessen für den nächsten Arbeitstag krank, mir ging es immer noch nicht gut.

Heute früh hab ich mir dann die Teetasse umgestoßen und das heiße Teewasser über den nackten Oberschenkel geleert. Großflächige Verbrühung. Nichts zuhause. Kalt abduschen half nicht. Zum Glück brachte mir eine gute Bekannte was von der Apotheke. Bin erst mal weiter krankgeschrieben, Termin beim Gastroenterologen (weil ich grad in einer vollkommenen Wurschtigkeitsstimmung bin, konnte ich sogar anrufen und Termin ausmachen), schaun, was da im Magen wortwörtlich faul ist. Schade um die Pass-Egal-Wahl, die morgen in Wien stattfindet, bei der Ausländer wählen dürfen. Sehr vieles ist derzeit schade, und ich musste jetzt wieder weitere Termine absagen, die mir meine freien Tage bis in den Oktober hinein verkacken werden.

One thought on “Nach dem “Urlaub”

  1. blutigerlaie 23. September 2019 / 20:19

    Wünsche dir dass die Pechsträhne bald mal ein Ende hat!

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