Rückblick auf ein turbulentes Jahr 2017

Für mich ging die Wandersaison 2016 nahtlos in 2017 über, indem ich zu Jahresbeginn mit einem Freund ins Mariazellerland fuhr und bei eisiger Kälte (bis -18°C) tiefwinterliche Schneeschuhtouren absolvierte.

1

Damit schob ich das Problem Wohnungssuche in Salzburg vorerst auf. Die Prioritätensetzung rächte sich später, als die Zeit vor den Prüfungen und dem Beginn der Ausbildung am neuen Wohnort bereits knapp wurde. Ich geriet ausgerechnet auch noch an einen unzuverlässigen Makler und hatte auch mit den Nachbarn nicht das beste Los erwischt – was ich aber erst nach dem Einzug bemerkte. Deswegen gilt für mich künftig bedingungslos: Entweder ist ein zweiter bei der Wohnungssbesichtigung dabei oder ich lasse es ganz bleiben. Abseits davon war das Frühjahr recht erfolgreich. Continue reading

Advertisements

Stärkenorientiert denken

SI

Ein paar Worte zum heutigen Autistic Pride Day.

Ich muss gestehen, dass ich mit dem Begriff Pride wenig anfangen kann, auch wenn ihn viele Autisten oder Aktivisten anderer Pride Days anders einordnen. Weder habe ich mir ausgesucht, wo ich geboren wurde (= Nationalstolz) noch, dass mir bei der Geburt ein zusätzliches X-Chromosom zugewiesen wurde (= “XXY pride”) noch dass ich Autist bin (= “autistic pride”).

Meine Identität nehme ich so an wie sie ist. Ich arbeite an meinen Schwächen, ich werbe für meine Stärken. Unter den genannten Stärken von andereren BloggerInnen, z.B. BloggerAspekte, Sinnesstille oder Something Autrageous, möchte ich heute eine besonders hervorheben: Spezialinteressen! Continue reading

Kein Beruf für Autisten?

sammel

Spezialinteressen kommen und gehen, manche bleiben ein Leben lang und werden schließlich zum Beruf gemacht. Vor der engeren Beschäftigung mit Autismus hielt ich mathematische Berufe für Autisten für stereotypisch. Das lag auf der Hand, logisch-analytisches Denken einzusetzen. Autisten in Sozialberufen? Als Schauspieler? Als Journalisten? Als Burlesque-Tänzerinnen? In ganz normalen Berufen? Ausgefallene Berufe? Was für viele neurotypische Menschen befremdlich erscheint, zeigen Studien und Erfahrungsberichte ganz deutlich: Autismus ist kein Widerspruch dazu, den Beruf auszuwählen, der einem Spaß macht – selbst wenn er auf den ersten Blick ungeeignet erscheint.

Zwar findet man in vielen Artikeln und Büchern über Autismus immer wieder mal den Hinweis auf das Wetterinteresse von (jungen) Autisten, aber nirgends liest man von autistischen Meteorologen. Es gibt sie: Ich bin einer von ihnen, der sein Spezialinteresse zum Beruf gemacht hat. Continue reading

“Der ist halt ein bisserl komisch.” Presse, 27.3.16

Im Karriere-Teil der Presse-Zeitung ist am 27. März 2016 ein ausführlicher Artikel zu Asperger im Beruf erschienen, auch Specialisterne Austria wird erfreulicherweise erwähnt.

Es war wieder einmal höchste Zeit, dem Thema Autismus eine ganze Seite zu widmen, im wesentlichen ist dies in diesem Artikel auch gut umgesetzt worden. Ein paar Anmerkungen dennoch, in der Hoffnung, sie mögen eines Tages auf fruchtbaren Boden fallen …

Die inhaltliche Aussage ist klar: Autisten können mehr als man ihnen zutraut, zu viele sind arbeitslos. Continue reading

Nachwort zu den Savant-Artikeln

Mir lag fern, den Eindruck zu erwecken bzw. zu verstärken, dass Autismus und Savant identisch seien oder alle Autisten über Talente verfügen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass besonders “hochfunktionale” Autisten ständigem Anpassungsandruck unterworfen sind. Ich erlebe das selbst oft genug. Wann immer das Thema Inselbegabung aufkommt, dauert es nicht lang, bis irgendwer die Frage stellt, welche Inselbegabung man selbst habe.

Die beiden Texte über das Savant-Syndrom sind eine direkte Übersetzung von Spectrum, die neue Forschungsergebnisse über Autismus erläutern. Ich selektiere hier schon vorab, weil ich nicht jede abstruse Theorie breittreten will. Im Fall von Savants und Autismus erschien mir die Erläuterung jedoch schlüssig.

Das Savantsyndrom ist durch das Zusammentreffen kognitiver Einschränkungen (meist: Autismus) und außergewöhnlicher Fähigkeiten definiert. Es ist häufiger als noch vor über 30 Jahren angenommen wurde. Es gibt verschiedene Savant-Fähigkeiten, z.B. ein enormes visuelles Gedächtnis, Kalenderrechnen, ohne Instrumente Distanzen/Höhen messen, etc. Manche Forscher glauben nicht daran, dass die Fähigkeiten so außergewöhnlich sind, sondern führen sie auf die intensive Beschäftigung mit Spezialinteressen zurück.

Im Artikel wird betont, dass nur ein kleiner Anteil von Autisten diese Savant-Skills aufweist, was man sich wie eine Glockenkurve vorstellen müsse.

bellcurve
Versuch der Häufigkeitendarstellung herausragender Fähigkeiten bei Autismus

Ich bin ein lausiger Zeichner, aber ich hoffe, es spiegelt wider, dass Savants nur einen kleinen Teil des autistischen Spektrums ausmachen.

Laut MOTTRON hilft diese verstärkte/besondere Wahrnehmung dabei, Savant-Fähigkeiten zu erwerben (!). Selbstverständlich gibt es auch unter Nichtautisten absolutes Gehör, Hyperlexie oder Synästhesie, nur sind Autisten gegenüber Nichtautisten begünstigt, diese Fähigkeiten (weiter) zu entwickeln.

Wenn Spezialinteressen und andere Wahrnehmung zusammenfallen, sind Savant-Skills die Folge, oder wie BLUTIGERLAIE im Blog kommentierte:

Und daß mit erweiterten Wahrnehmungsskills Spezialinteressen ganz anders nachgegangen werden kann, sie können viel schneller “explodieren”?

Beispielsweise Fremdsprachen. Bei Daniel Tammet, dem britischen Sprachentalent, wird z.B. angezweifelt, ob er wirklich ein Savant ist, oder sich bloß eine Technik entwickelt hat (= SPEZIALINTERESSE), um Fremdsprachen effizient zu erlernen. Nur: Daniel Tammet besitzt außerdem eine Synästhesie, wodurch er mathematische und sprachliche Aufgaben anders meistert als ohne diese Fähigkeit.

Das Savant-Syndrom bzw. Savant-Fähigkeiten ist nach diesem Artikel die Folge davon, wenn besondere Wahrnehmungsfähigkeiten (die nunmal häufiger bei Autisten auftreten) mit Spezialinteressen zusammenfallen. Nur besitzt lediglich ein kleiner Teil der Autisten (zwar größer als gedacht, aber immer noch eine deutliche Minderheit) wirklich herausragende Fähigkeiten. 

Medien stürzen sich immer auf das Ungewöhnliche, Auffallende. Bei ADHS heißt es immer Zappelkinder, bei Autisten sind es die schaukelnden, wegschauenden Kinder in der Ecke, oder die Hochbegabten, die entsprechend medial stärker präsent sind. Aber wie im Artikel ebenfalls erwähnt wird, interessiert sich die Medizin stärker für (vermeintlich) schwerer betroffene Autisten als für die (vermeintlich) mild betroffenen Autisten. Das führt zu einem ziemlichen Selektionsbias bei den ganzen Studien und natürlich auch in der Öffentlichkeit. Der Durchschnitt interessiert niemanden!

Ich kann nur wiederholt betonen, dass man nicht verallgemeinern darf. Und es gibt durchaus Journalisten, die diese Kritik annehmen und umsetzen. Ich mag mir aber meine Neugier auch nicht nehmen lassen, darüber zu lesen und zu berichten, nur weil es falsch verstanden werden kann. Und weil das Spektrum halt so groß ist, Inselbegabung hin oder her, grenzt man mit Verallgemeinerungen immer wieder Menschen aus.

Auch nach diesem Spectrum-Artikel gilt: Savants bzw. Inselbegabung betreffen nur einen kleinen Teil der Autisten. Die Notwendigkeit von Unterstützungsbedarf, aber auch Akzeptanz von Autsten wird dadurch nicht weniger. Über die Gefahren, jemanden von außen zu beurteilen, habe ich bereits oft und hinreichend geschrieben.

Wenn man sich nicht näher auskennt, kann es schon verwirrend sein, was der Unterschied zwischen Wunderkind, Savant, Inselbegabung und Spezialinteressen sein soll. Ich kann auch nur meine Leser immer wieder dazu ermutigen: fragen, fragen, fragen. Schriftlich lässt das mehr Raum für Erklärungen als mündlich. Aber fragen ist so oder so besser als annehmen, alle wären so.Auch bei anderen Spezialinteressen, wie z.B. Wetter, haben Fragen immer dazu geführt, dass ich mich näher mit einem bestimmten Sachverhalt auseinandersetzte und oft Aha-Erlebnisse dabei hatte. Im Fall von Savant hieß das für mich, es ist doch etwas häufiger als angenommen und nicht so deutlich von Autismus trennbar, aber weiterhin sehr selten.