Gesichtererkennung

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Während der Mittagspause hab ich immer einen kurzen Fußweg zur Kantine, dabei treffe ich öfter auf Kollegen anderer Abteilungen. Manche grüßen, sobald sie die Erlaubniskarte sichtbar an der Kleidung sehen, andere grüßen, weil sie mich kennen. Nur ich brauche bei manchen Gesichtern manchmal Sekunden, bis ich überhaupt reagieren kann. Mein Gehirn verhält sich dann wie ein Prozessor, der erst einmal rödelt, um mit abgespeicherten Gesichtern zu vergleichen, bis er das passende Gesicht erkannt hat. In dieser Zeit wirke ich geistig abwesend oder gar ignorant bis verwirrt oder perplex, insbesondere, wenn mir das Gesicht von irgendwoher bekannt vorkommt, z.b., weil es der Kollege vom Nachbarzimmer ist, den ich jede Woche sehe, aber ich nicht darauf komme, woher er mir bekannt vorkommt.

Schlimm ist das auch bei Gesichtern, die den Gesichtern von Bekannten sehr ähnlich sehen, die gleiche hohe Stirn, das runde Kinn, die gleiche Brille und womöglich noch eine sehr ähnliche Körpergröße. Mein Gehirn ist dann überfordert. Es versucht in Erfahrung zu bringen, ob das wirklich der Bekannte ist, der in Wahrheit in einer ganz anderen Stadt arbeitet. Bis ich dann erkenne, dass es nur der Doppelgänger ist, schaut der andere schon ganz irritiert, weil ich nicht reagiere. Neulich war ich mit einem Bekannten unterwegs, der Skifahren ging, während ich meine Schneeschuhtour machte. Es war ausgemacht, sich am Parkplatz zu treffen. Natürlich erkannte ich sein Auto nicht wieder, weil ich mir als Nichtautofahrer und Technikfeind nicht gemerkt habe, worin ich überhaupt eingesteigen bin. Für mich sahen die alle gleich aus. Dann erkannte ich aber leider ihn auch nicht wieder in der Skifahrermontur, selbst als er mir aus etwa fünfzig Meter Entfernung gewunken hat. Auch, als er den Helm abnahm und ich Teile des Gesichts sah, hatte ich keinen Schimmer, ob das Winken und der Blick mir galt oder den anderen Leuten am Parkplatz. Erst, als er auch die Haube abnahm und mein Gehirn rekonstruieren konnte, ob die Frisur und Haarfarbe zur eingespeicherten Frisur und Haarfarbe des Bekannten passte, erkannte ich ihn endlich.

So ging es mir auch vor vier Jahren bei einer Herbstwanderung in den Ybbstaler Alpen. Am Abend hatte ich mich länger und sehr angeregt mit einem 79jährigen Wanderer unterhalten, der sich in der umliegenden Bergwelt auskannte. Am nächsten Tag brach er früher auf, weil er wegen einem Nagel im Schienbein nur langsam gehen konnte. Nach zwei Drittel der Strecke holte ich ihn ein. Erkannt habe ich ihn aber nur an seinem Rucksack, nicht am Gesicht. Wieder das Gleiche, ein bekanntes Gesicht, aber wer war das nochmal?

Bei der zuvor erwähnten Schneeschuhwanderung überholte mich ein Tourengeher im Abstieg. Später sah ich einen anderen Tourengeher entgegenkommen, der ihm aus der Ferne ähnlich sah. Ich hätte keinerlei Chance gehabt, ihn wiederzuerkennen oder definitiv auszuschließen, dass er es nicht ist, wenn er nicht bedeutend jünger gewesen wäre und einen modernen grünen Tourenrucksack trug, während ältere Menschen meist ältere Rucksackmodelle tragen.

Worauf ich hinauswill:

Ich weiß nicht, ob es am klassisch autistischen Symptom liegt, Blickkontakt zu vermeiden. Seit mir einmal gesagt wurde, ich schaue immer weg, wenn man sich unterhält, achte ich sehr darauf hinzuschauen, bis mir meine Psychologin sagte, ich neige zum Starren. Es ist für mich einfach schwierig, das richtige Maß zu finden. Aber egal wie intensiv ich offenbar schaue, kann ich mir keine Gesichter merken, sondern nur auffällige Merkmale, also Frisuren, Bärte, rote Haare, oder der charakteristische blaue Rucksack, die schwarze Ledertasche, der Mantel, usw. Wenn die Accessoires einmal fehlen, die Kleidung gänzlich anders ist und ich die Person in einem anderen Kontext wiedertreffe, wie den Kollegen vom Büro in der Kantine oder im Bus, dann fällt es mir sehr, ihn gleich wiederzuerkennen und entsprechend zu reagieren bzw. zu grüßen. Diese Handlungsstarre ist nicht unhöflich gemeint, mein neurologischer Prozessor ist nur in dem Moment schwer am Rödeln und ich muss warten, bis er mir ein Ergebnis ausspuckt. Je unruhiger die Umgebung ist, also viel Autoverkehr, Baustellenlärm, Menschengruppen, sonstiges Gewusel und Hintergrundgeräusche, desto länger brauche ich und werde zugleich unruhig. Darum versuche ich manchmal Begegnungen zu vermeiden, um die peinliche Situation zu ersparen, den anderen nicht wiederzuerkennen. Fotografisches Gedächtnis ja, aber eben nur für Details.

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3 thoughts on “Gesichtererkennung

  1. atarifrosch 15. February 2018 / 19:14

    Oh, wie gut ich das kenne!

    Mir fiel auch immer wieder auf, daß es meist veränderliche Dinge sind, die ich mir merke. Kleidungsstücke, oder ein Bart. Sehe ich Leute regelmäßig, legt sich das Problem meistens (nicht immer). Und dann bleibt da noch die Namenszuordnung bei Ähnlichkeiten – oder dem, was für mich Ähnlichkeiten sind.

    Als ich noch regelmäßig zum CCC-Congress fuhr, passierte mir das jedes Jahr. Da trifft man ja eigentlich immer dieselben Nasen, und trotzdem mußte ich öfter nachfragen: Ich kenn Dich, wer bist Du nochmal? Mit der Zeit hatte ich mir angewöhnt, immer gleich dazuzusagen, daß ich mir Gesichter von Leuten, die ich nicht oft sehe, nicht merken kann. Wobei auch das nicht immer stimmt: Oft genug sehe ich ein Gesicht, weiß genau, die Person kenne ich, hab ich auch schon früher bei dieser oder ähnlichen Veranstaltungen öfter getroffen, aber – Name? Kontext? Völlige Fehlanzeige.

    Vor ein paar Jahren hatte ich es tatsächlich geschafft, einen Menschen nicht wiederzuerkennen, den ich schon seit vielen Jahren zuvor gekannt hatte, aber halt nicht täglich sah. Grund: Er hatte sich einen Bart wachsen lassen.

    Typisches Problem bei mir: Jemanden treffen, von dem ich bisher nur ein Foto (oder auch mehrere Fotos) gesehen habe. Bei Online-Bekanntschaften ist das ja nicht sooo selten. Die Chance, daß ich die Person dann erkenne, ist deutlich unter 50 %.

    Den Zusammenhang mit der Vermeidung von Blickkontakt vermute ich übrigens auch. Wäre ja auch logisch: Von da, wo ich nicht hingucke, kann ich auch keine Details abspeichern.

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  2. Sarinijha 15. February 2018 / 22:21

    Was für ein Zufall, dass Du den Beitrag ausgerechnet heute schreibst. Mir ist nämlich heute genau so ein Fall passiert: Ich saß bei meiner Referentin im Büro, als eine Frau hereinkam und ihr die Post brachte. Sie unterhielten sich kurz, als die Frau mich ansah und meinte: „Ach, wir kennen uns doch.“ Ich blickte die Frau an, aber ihr Gesicht war mir vollkommen unbekannt. Ich dachte, dass das vielleicht eine Verwechslung sei, aber dann sagte die Frau: „Ich sehe Sie doch immer mit Ihrem Hund.“ Da wurde mir zumindest schon mal klar, dass das keine Verwechslung sein konnte. Ich erkannte die Frau aber immer noch nicht und schätze, dass meine Verwirrung nur noch stärker zum Ausdruck kam. Dann sagte sie: „Sie wohnen doch auf der Irgendwasstraße.“ Okay, dachte ich, jetzt wird es aber langsam gruselig: „Na, ich bin Ihre Nachbarin. Erinnern Sie sich? Ich wohne zwei Häuser weiter? Wir haben uns die letzten Tage bestimmt dreimal gesehen.“ Und dann konnte ich ihr Gesicht auch endlich zuordnen. Meine Nachbarin!

    Ich war einmal hier im Weinverkauf mit einer Kommilitonin, weil ich meiner Mutter ein Weihnachtsgeschenk besorgen wollte, als ein junger Mann zur Tür rauskam. Wir wollten gerade rein, und da meinte ich: „Hej, Du bist ja auch hier.“ Er sah mich total verwirrt an und ging einfach an mir vorbei. Zu meiner Kommilitonin meinte ich: „Was ist denn mit dem los? Der grüßt mich doch sonst immer und wechselt ein paar Worte mit mir?“ Meine Kommilitonin klärte mich dann auf: „Der sieht Deinem Projektpartner vom letzten Semester ähnlich, gell? Das war er aber nicht!“ Oh man! Er war das gar nicht. Ich glaub ich grüßte den jungen Mann noch zweimal; danach wurde mir klar, dass ich lieber abwarten sollte. Und irgendwann sah ich dann wirklich meinen Projektpartner wieder, der mich grüßte und fragte, wie es im Studium läuft. Da wusste ich dann, dass es dieses Mal der Richtige ist.

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  3. autistanbord 16. February 2018 / 21:31

    Bei mir liegt das Problem mit den Gesichtern daran, dass ich sie nicht „am Stück“ sehe, sondern mich immer nur auf einen kleinen Aspekt gleichzeitig konzentrieren kann – Mundwinkel, Nasenspitze, ein Auge, etc.,sodass kein stimmiges Ganzes draus wird (belebtes Gesicht auf einmal? Wimmelbild in Bewegung. Ständig zuckt was, das Ergebnis ist nicht mehr aufzulösen). Da sich beim hin und her schauen das Gesicht ständig bewegt bekomme ich aus diesen Einzelteilen kein Vollgesicht konstruiert.

    Auf Fotos habe ich kein Problem damit, Menschen zu erkennen. Fotos halten still, ich kann die einzelnen Aspekte betrachten und „im Kopf zusammensetzen“.

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