„Verzerrtes Denken“ im Job (Newsletter von Barbara Bissonnette)

Von Barbara Bissonnette, u.a. Job-Coach für Asperger-Autisten, habe ich einen E-Mail-Newsletter abonniert, in dem sie regelmäßig auf Schwierigkeiten im Job und mögliche Lösungsansätze aufmerksam macht.
Vor kurzem ging es um „verzerrtes Denken“, welches bei der Jobsuche behindert oder dabei, mit den Kollegen zurechtzukommen.  Der Begriff „Kognitive Verzerrungen“ (cognitive distortions) nimmt Bezug auf Gewohnheitsmuster mit negativem Denken, was zur Missinterpretation von Personen und Situationen führt: Ein Ereignis tritt auf und man kommt zu einem negativen Schluss darüber, weshalb und verhält sich entsprechend. Das Problem besteht darin, nicht zu beachten, ob die Schlussfolgerung überhaupt einen Sinn ergibt.
In Dr. David Burns Buch Feeling Good: The New Mood Therapy (1) wurden zehn häufige Muster verzerrten Denkens identifiziert:

  1. Polarisieren (alles oder nichts): Personen und Situationen in absoluten Begriffen sehen, wie gut oder schlecht, richtig oder falsch, klug oder dumm.
  2. Katastrophisieren: Die Tendenz, das Potential für negative Resultate zu übertreiben. Dein Chef zeigt Dir einen Fehler in einer Aufgabe und Du gehst davon aus, dass er Dich gleich feuern wird.
  3. „Sollte-Sätze“. Eine strenge Reihe von Regeln, nach denen sich Leute, Dich eingeschlossen, verhalten sollten, mit übertriebenen Folgen, wenn die Regel missachtet wird, etwa, dass alle, die keine Fristen einhalten können, gefeuert werden sollten.
  4. Personalisierung: Annahme, dass es an Dir liegt, wenn sich jemand in einer bestimmten Art und Weise verhält, ohne andere Erklärungen zu berücksichtigen: „Er sagte nicht hallo, weil er mich nicht mag.“
  5. Voreilige Schlüsse ziehen: Gedankenlesen, wo Du schlussfolgerst, dass jemand negativ auf Dich reagiert, ohne Beweise zu haben. „Er reparierte meinen Computer nicht, weil er möchte, dass ich die Fristen verpasse“ oder Aberglaube, dass etwas nicht funktionieren könnte als vermeintliche Tatsache: „Das Projekt wird scheitern und ich verliere meinen Job.“
  6. Etikettierung: Negative Begrifflichkeiten für sich selbst oder andere erfinden, ohne Beweise zu haben, die diese Schlussfolgerung unterstützen. „Meine Kollegen sind egoistisch und nicht unterstützend, weil sie mich nicht vertreten würden.“ oder „Der Abteilungsleiter ist ein Idiot, weil er mich nicht befördert.“
  7. Selektive Aufmerksamkeit: Aufmerksamkeit gilt nur negativen Informationen, während positive herausgefiltert werden, etwa sich auf ein Satz zu „benötigt Verbesserung“ im Mitarbeitergespräch zu versteifen, obwohl insgesamt mit „übertrifft die Erwartungen“ beurteilt und mit der Empfehlung einer Gehaltserhöhung abgeschlossen wird.
  8. Leistungen herabsetzen: Darauf bestehen, dass positive Erfahrungen nicht zählen „Jeder hätte die Prämie dafür bekommen können.“
  9. Emotionale Begründung: Der Glaube, dass Deine Gefühle der Wahrheit entsprechen: „Ich fühle mich dumm, also muss ich dumm sein.“ oder „Ich habe Angst meinen Job zu verlieren, also müssen sie bereit sein mich zu feuern.“
  10. Verallgemeinerung: Generelle Aussagen über Einzelereignisse. Weil Du eine falsche Formel in Excel eingegeben hast, glaubst Du, Du seist nicht gut mit Finanzen. Oder, weil Du an der falschen Haltestelle ausgestiegen bist, glaubst Du, keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen zu können.
Verzerrte Denkmuster sind im Gedanken über ein Ereignis begründet, nicht im Ereignis selbst. Dein Gedanke erzeugt eine Emotion und Du reagierst auf dieses Gefühl. Der erste Schritt zur Veränderung verzerrter Denkmuster ist es, Deine Gedanken mit dem Verhalten zu verbinden, das Du ändern willst.
Wenn man etwa glaubt, man müsse gleich nach dem ersten Bewerbungsgespräch angestellt werden und dann mehrere Absagen erhält, könnte man zu dem Schluss gelangen, man würde niemals angestellt werden. Stattdessen sollte man realistisch sein und denken „Wenn ich meine Fähigkeiten im Bewerbungsgespräch ständig verbessere, etwa übe, auf bestimmte Fragen angemessen zu reagieren, begreifen die Arbeitgeber eher meine Stärken und Talente und ich werde eingestellt*.“

Sich neue Denkmuster anzueignen braucht Zeit und Übung. Entscheidend dabei ist, sich auf diese einzulassen, sonst funktioniert es nicht. Der Fokus gilt dem positiven Ergebnis, das mit dem neuen Gedanken verbunden ist.

* Dieser Artikel ist an amerikanische Leser adressiert. In den USA gibt es effektivere Methoden, gegen Diskriminierung aufgrund einer Behinderung vorzugehen und ein viel größeres Bewusstsein, dank des American Disability Act (ADA).

Der ADA hat aber unter der Mehrheit der Amerikaner ein Bewusstsein für Fragen von Behinderten geweckt. Viele Leute wissen, dass es Regelungen für Behinderte gibt. Es ist mir noch nie so oft aufgefallen wie in den USA, dass Leute, die nichts mit Blinden zu tun haben, über Blindenschrift oder Computerarbeit von Blinden sehr gut informiert waren. Außerdem ist es eine besondere Stärke des ADA, dass er die Verantwortung von Organisationen, wie Behörden und große Firmen, herausfordert. Es besteht in den USA ein Bewusstsein, dass man Behinderten eine Chance geben muss.

Diese Chance wird Behinderten dort oft gegeben, meist insbesondere denjenigen, die leistungsbereit sind. Es bleibt eben doch dabei, dass Behinderte besser sein müssen, als ihre nichtbehinderten Kollegen. Aber der ADA hat viel erreicht, vor allem in der Antidiskriminierungspolitik. Und hier können wir sicher noch viel lernen, wenn es um unsere Diskussion zum Artikel 3 Abs. 3 S. 3 GG geht. Antidiskriminierung heißt eben nicht Bevorzugung, sondern Abbau von ungerechtfertigten Benachteiligungen.

Quelle: http://www.dvbs-online.de/horus/2000-2-2256.htm

Im deutschsprachigen Raum ist das Bewusstsein für Antidiskriminierung und Barrierefreiheit hingegen deutlich unterentwickelt. Unternehmen zahlen lieber Ausgleichstaxen statt behinderte Menschen einzustellen. Es herrschen viele Vorurteile und man scheut Mühen, die sich bei genauerer Betrachtung als gar nicht so groß herausstellen können. Man schlägt arbeitswilligen Menschen von vorneherein die Türen zu. Auch im öffentlichen Dienst werden Behinderte oft nur de jure zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, obwohl von vorneherein feststeht, dass sie nicht eingestellt werden – aus den oben genannten Gründen. Die ehrenamtlichen Initiativen, Autisten zu Jobs zu verhelfen, sind oft löblich, beschränken sich aber auf einen Bruchteil der vorhandenen Talente und Spezialinteressen, meistens Software, IT und Technik. Darin liegt die Zukunft ja, aber was ist mit den anderen, die darin kein Talent haben, sondern ihre Stärken in denselben Berufszweigen wie Nichtautisten auch? Dazu eines meiner liebsten Graffiti-Aufnahmen aus Wien (2012 aufgenommen):

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Graffi am Wiener Donaukanal „Don’t try to be an apple if you are a banana“

Es ist mir derzeit mein wichtigstes Anliegen, dass Autisten in allen Berufen sichtbar werden, dass sie nicht auf jene Bereiche beschränkt bleiben, die auf den Klischees über Autismus basieren. Denn während man im IT-Bereich leichter ein Einzelbüro zuweisen kann, ist das bei Lehrern oder im Sozialbereich keine Option. Zentral ist hier der Umgang miteinander, das sich aufeinander einlassen, vor allem aber das Fragen stellen. Ich bin inzwischen seit siebeneinhalb Jahren berufstätig und nichts ist quälender für mich, als die ständige Distanz zu merken, den ewigen Erklärungsbedarf und Rechtfertigungsdruck, aber sich nicht bemerkbar machen können – weil viel zu viel Vorwissen fehlt. Zum Glück ist die vollständige Offenlegung nicht immer nötig, manchmal reicht es zu sagen, dass man sehr geräuschempfindlich ist oder schriftliche Kommunikation bevorzugt. Das ist toll, wenn es so funktioniert. Und ja, oben genannte Denkmuster kann man alle selbst beeinflussen, doch sind die Rahmenbedingungen für mehr Akzeptanz und Toleranz bei uns in Europa längst nicht so günstig wie in den USA. Und vom Leistungsdruck her gleichen wir uns ihnen sowieso im Eiltempo an.

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Ein Gedanke zu “„Verzerrtes Denken“ im Job (Newsletter von Barbara Bissonnette)

  1. leidenschaftlichwidersynnig 11. Februar 2018 / 10:45

    Viele dieser Denkmuster werden schon in der Schulzeit geprägt. Sprechen junge Autist*innen dann bei Berufsberatern ( Pädagogen in Maßnahmeträgern etc.) vor, geben sie entsprechende Antworten, die zu gern übernommen werden anstatt hinterfragt zu werden. so wird nicht gemeinsam geschaut, was geht, sondern was geht nicht und dann bleibt allzu oft nicht viel übrig. Auf eine Äußerung : ich kann nicht so leicht in einer großen Gruppe sein wurde dann schon ein: sie kann nur alleine arbeiten. Schwarz-weiß-denken also auch bei denen, die doch unterstützen sollen.
    Und ja, Autist*innen sollen in allen Bereichen sichtbar werden. Und wenn sie Unterstützung brauchen ( also geförderte Ausbildung oder so) dann sollte ihnen nicht nur der IT-Bereich oder die üblichen Behinderten-Arbeitsbereiche Lager; Küche, Gartenbau angeboten werden.

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