Themenwoche Psyche beim „Kurier“

Die österreichische Tageszeitung „Kurier“ lancierte vergangene Woche eine Themenreihe über Psyche, neben Depressionen, Demenz und Angsterkrankungen wurden auch ADHS und Autismus besprochen. Um überzogene Erwartungshaltungen gleich zu dämpfen: Während die anderen Themen relativ ausführlich behandelt werden, gibt es zu ADHS und Autismus nur je eine Doppelseite. Der Hauptkritikpunkt beim Lesen: Es wird suggeriert, dass beides vor allem bei Kindern auftritt. Schule und Arbeit werden bei Autismus völlig ausgeklammert, dabei gehören diese Themen in meinen Augen zu den größten Baustellen in Österreich. Ebenso werden ADHS und Autismus stark aus der defizitorientierten Perspektive betrachtet, wo zudem der Eindruck vermittelt wird, mit Medikamenten und Therapien sei alles heilbar. Es sind leider immer wieder vergebene Chancen in den (österreichischen) Medien, Autismus neutral darzustellen.

Autismus (Seite 1-3, Ausgabe vom 13. Oktober 2016)

Abgesehen von den Inhalten, die ich hier vermisse, ist der vorhandene Inhalt handwerklich in Ordnung. Es sind keine grob falschen Aussagen vorhanden. Die eingebauten Zitate der Psychologin Hippler und der Mutter eines Autisten, Bauerfeind, sind gut, aber warum wurde kein Autist oder Autistin selbst interviewt? [Das lässt sich durchaus auch ohne vis-à-vis bewerkstelligen, wenn man Fragen per E-Mail zuschickt]

Höchstens bei der Wortwahl könnte man noch etwas nachbessern.

„Autismus ist eine der psychischen Störungen …“
„Ebenfalls vorsichtig sein sollte man beim Verständnis von Autismus als Krankheit …“
„Die WHO definiert Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung …“

Ob Störung oder Krankheit, das ändert an der defizitorientierten Sichtweise nicht. Tebartz van Elst (2016) definiert Autismus zunächst als Normvariante, nur in den „schweren“ Fällen als Störung/Krankheit. Hippler spricht von einer „anderen Form der Wahrnehmung“ und – ein ganz wichtiges Zitat:

„Autismus ist etwas, worauf man sich einlassen und womit man arbeiten muss“.

Zur Ursachenforschung wird sie zitiert mit:

„Man weiß, dass es eine erhebliche genetische Komponente gibt, welche die frühkindliche Hirnentwicklung beeinflusst. Komplexe Umwelt-Gen-Interaktionen können dann Autismus auslösen.“

Das entspricht auch den Darlegungen bei van Elst (2016) und Knippers (2016).

Positive Seiten werden erst ganz zum Schluss erwähnt (Detailwahrnehmung, Gerechtigkeitssein, Humor).

ADHS

Leider wurde versäumt, in die einzelnen Subtypen zu unterteilen. So wird wieder das Bild vom Zappelphilipp suggeriert und die stille Variante, ADS, ignoriert. Dabei sind von der stillen Variante mehrheitlich Mädchen und Frauen betroffen, die aber nicht auffallen, aber trotzdem Schwierigkeiten haben können.

Die beschriebenen Ursachen und Symptomatik …

  • Gehirn kann unwichtige innere und äußere Reizimpulse schlecht filtern, was zur Ablenkbarkeit, Problemen bei der Selbstorganisation, Impulsivität, Unruhe führt
  • Hyperfokus bei – als interessant empfundenen – Computerspielen
  • Unruhe und mangelnde Konzentration bei „uninteressanten Unterrichtsstunden“

finden sich öfter auch in den Symptomen bei Autismus wieder. Es ist auch kein Zufall, dass in der neuen Ausgabe des DSM-5 Autismus und ADHS gemeinsam diagnostiziert werden kann. Zuvor galt ADHS als Ausschlussdiagnose. Es lässt sich eben nicht so strikt trennen, was auch bei van Elst mit ein paar Zahlen belegt wird:

  • ca. 50 % der Menschen mit Tourette-Syndrom haben ADHS, viele zeigen autistische Züge
  • ADHSler haben gehäuft Tics und autistische Züge, rund 20-50 % hat Autismus
  • Bei Autisten haben 30-80 % ADHS. Dies ist auch die häufigste Erstdiagnose bei Hochfunktionalem Autismus im Kinder- und Jugendalter.

Gemeinsame „Risikogene“ erscheinen dadurch denkbar.

Mein abschließender Appell an Journalisten:

Angehörige und Fachleute sind zweifelsohne eine wichtige Quelle für Informationen, aber viele Betroffene können sprechen und zumindest schriftlich (noch besser) kommunizieren. Es ist auch durchaus so, dass einige Betroffene darauf warten, dass man bei ihnen nachfragt bzw. gerne diese Gelegenheit nutzen würden, eine Innensicht zu präsentieren. Mit entsprechenden Hashtags versehen auf Twitter oder in öffentlichen Facebook-Gruppen findet man durchaus potentielle Interviewpartner für Autismus oder ADHS. Leider existiert in Österreich keine Selbstvertretung für Autisten, bei der man offiziell anfragen könnte. Mögliche Gründe dafür sind hier erläutert; es liegt aber auch daran, dass kaum Infrastruktur für Autisten in Österreich gibt. Vielleicht tue ich der Autorin auch Unrecht und in dem neu gegründeten Gesundheitsmagazin PSYCHE wurde Autismus ausführlicher dargestellt. In Summe ein in fachlicher Korrektheit erfreulicher Artikel, der in meinen Augen leider zu wenig auf die stärkenorientierte Sichtweise eingeht.

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