Nichts verstanden: Kolumne in der FAZ über „Fahrstuhltypen“

Ja, natürlich handelt es sich auch bei dieser Kolumne (abgerufen am 19.10.16, 18.23) um einen nicht ganz ernst gemeinten Beitrag. Es herrscht Meinungsfreiheit, Künstlerfreiheit, Satirefreiheit. Aber: Der Autor suggeriert, Unhöflichkeit sei typisch autistisch. Und das ist keineswegs der Fall!

Wer nicht grüßt, redet auch sonst nichts, und deshalb pressen diese autistischen Mitfahrer ihren Blick auf die kahlen Aufzugwände, als gäbe es da irgendetwas Spannendes zu entdecken – was selten der Fall ist. Dient natürlich nur dem Zeittotschlagen. Solche Mitfahrer scheinen nur einen Wunsch zu haben: Ich will hier raus!

Wenn ich einen Fahrstuhl betrete, hoffe ich immer, dass er leer ist und bin frustriert, wenn auf dem Weg nach oben ständig diese nichtautistischen Mitfahrer einsteigen und ich den fürchterlichen Smalltalk ertragen muss, der mich nicht die Bohne interessiert. Das kann anstrengend sein, besonders früh am Morgen, wenn das Gehirn erst langsam auftaut und das Sprachzentrum vor dem ersten Kaffee noch nicht funktionsfähig ist. Sofern ich geistig Betriebstemperatur erreicht habe, grüße ich durchaus, ich brülle es beim Einsteigen vielleicht nicht ins Gesicht, aber ich bewege meine Lippen. Manchmal bin ich aber auch so im Gedanken und so unter Strom, dass keine zusätzliche Energie für Begrüßungsfloskeln und Smalltalk aufgewendet werden kann.

Wenn mein Akku vollkommen erschöpft ist, möchte ich tatsächlich nur noch so schnell hinaus wie möglich, insbesondere dann, wenn die Kabine „so groß wie ein Hasenstall“ ist und man genauso eng zusammenstehen muss. Jeder Mensch hat seine persönliche Komfortzone, was die Distanz zu seinen Mitmenschen betrifft. Da gibt es kulturelle Unterschiede (Mitteleuropäer versus Südamerikaner), aber auch sensorische Unterschiede. Im Gegensatz zu anderen Autisten schreie ich nicht auf, wenn mich jemand berührt, ich falle auch nicht in Ohnmacht oder bekomme sonstige Zustände, aber ich empfinde es als sehr sehr unangenehm, wenn ich mit fremden Menschen sehr nahe zusammenstehen muss (Weihnachtsmärkte sind daher nicht meine Lieblingsplätze). Sie dringen dann in meine Komfortzone ein. Und das kann, wenn ich ohnehin schon überlastet bin, durchaus eine Panikattacke auslösen „Ich will hier raus!“

Gewöhnlich sieht man das dem Menschen aber nicht an. Autismus ist unsichtbar. Selbst ein Flattern mit den Händen, ein unruhiges Schaukeln oder Wippen kann man als Folge bloßer Nervosität erklären und nicht als selbstregulierendes Verhalten infolge einer sensorischen Überlastung. Andere halten aber eben ihr Smartphone vor die Nase, weil sie versuchen, sich auf einen (hier: visuellen) Reiz zu konzentrieren, wenn man aufgrund der Anzahl der Personen im Hasenstall keine leere Wand mehr anstarren kann.

So, und ist das schlimm? Nein. Genauso wie es Morgenmuffel gibt, haben auch Fahrstuhlbegrüßungsmuffel ihre Berechtigung. Die wenigen Sekunden unkommunikativ sein lassen sich ohne bleibende Egoschäden überleben.

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