Innovatives Denken als Stärke

Die Zahlen ähneln sich in den USA, in UK und wahrscheinlich auch in Deutschland oder Österreich: Nur rund 15 % der erwerbsfähigen Autisten haben eine Vollzeitstelle. Viele arbeiten Teilzeit oder wechseln häufig den Job, weil auf ihre Bedürfnisse, aber auch Fähigkeiten zu wenig Rücksicht genommen wird. Viele arbeitsfähige Autisten arbeiten zudem unter ihrer Qualifikation, werden oft in Werkstätten abgeschoben. Dabei handelt es sich bei Autismus um keine geistige Behinderung. Meine Erfahrungen dürfen keineswegs als stellvertretend für das Spektrum gesehen werden. Wenn sich andere Autisten in meinen Erfahrungen wiederfinden, zeigt das aber deutlich, welche grundsätzlichen Schwierigkeiten immer wieder auftreten. Ich hab dazu schon öfter gebloggt, in der Theorie klingen meine Anregungen auch wunderbar, nur in der Umsetzung hapert es. Warum?

Provokant gesagt: Wenn wir keinem Menschen erlauben würden, aus bestehenden Denkmustern auszubrechen, stünde die Menschheit heute wohl am Rande des Abgrunds. So stellt uns der Klimawandel vor riesige Herausforderungen. Wir haben nur den einen Planeten und müssen uns zwangsläufig anpassen. Selbst wenn es uns gelänge, die Klimaerwärmung zu stoppen, würden sich positive Auswirkungen dessen erst stark verzögert bemerkbar machen. Sowohl bei banalen Dingen als auch bei weitreichenden Entscheidungen sind immer wieder Innovationen notwendig, ein „Thinking outside the box“. Der Mensch ist jedoch ein Herdentier, die Gesellschaft orientiert sich am Mainstream. Gleichförmigkeit ist vor allem als ökonomische Ersparnis bekannt, so braucht es keine zusätzlichen Anstrengungen, neue Prozesse zu erlernen und individuell anzupassen. Manchmal führt Gleichförmigkeit aber auch zu systematischen Fehlern, die hingenommen werden, weil mögliche Verbesserungen weder bekannt sind noch erwartet wird, Zeit und Geld zu investieren, nach diesen zu suchen. Solange das zugrundeliegende System weiterrennt, ergibt sich kein Änderungsbedarf. Mit dieser Denkweise haben *viele* Autisten Probleme. Sie neigen zum Perfektionismus, sie haben ein Auge für das, was nicht rund läuft. Sie erkennen die winzigen Details, die das Zahnrad immer wieder ins Stocken bringen können. Und es setzt ihnen zu, wenn sie keine Chance erhalten, ihre Ideen einzubringen und umzusetzen. Ich möchte insofern relativieren, als dass es jedem Menschen zusetzt, sich nicht frei entfalten zu können. Jedoch verfügen nichtautistische Menschen häufig über eine ausgeprägtere Ressilienz als Autisten, um mit „nicht idealen“ Umständen umgehen zu können. Viele Leser werden nämlich bis dahin sagen, das kenne ich auch, bin ich deswegen auch ein Autist? Ich glaube, dass es Autisten in der Regel schwerer fällt, einen Missstand einfach hinzunehmen und zu sagen „Es ist nun mal so. So wird’s gemacht. Sei froh, dass Du einen Job hast und beklag Dich nicht.“ Sich dagegen auflehnen wird jedoch als Unwilligkeit gesehen, sich zu anzupassen und das führt jetzt oder später zur Degradierung oder Kündigung. Liegt das an unserem Wirtschaftssystem, am politischen Klima? Ich könnte nicht behaupten, dass es früher besser war. Minderheiten hatten es immer schwerer und mit körperlichen oder psychischen Auffälligkeiten ist es doppelt schwer.

Langfristig denken, nicht kurzfristig

Ich glaube, die Überzeugungsarbeit scheitert vielmehr häufig daran, dass Menschen kurzfristig denken, aber nicht auf lange Perspektive sehen, welchen Eintrag es bringen kann, auf die Vielfalt zu setzen, auf individuelle Stärken, auf neue Denkmuster, auf neue Ideen. Kurzfristig ist selten etwas so zu ändern, dass sich unmittelbar ein Gewinn daraus ergibt. Dafür gibt es unzählige Beispiele ….

Wenn man beispielsweise viel mehr Geld dafür ausgeben würde, das Ärztepersonal zu erweitern, mehr Haus- und Landärzte anzustellen, damit sie mehr Zeit für ihre Patienten hätten, damit alleine schon Gespräche mehr Linderung verschaffen und Medikamente überflüssig werden, damit Erkrankungen rechtzeitig gesehen werden, damit psychische Erkrankungen frühzeitig behandelt würden, dann würde das auf lange Sicht Milliarden an Folgekosten unbehandelter oder zu spät erkannter Erkrankungen ersparen, es würde die arbeitende Bevölkerung viel länger als Steuerzahler fithalten, es würde zwar der Pharmalobby schaden, aber den Kassen Medikamentenersatz ersparen.

Wenn man bei der Bildung auf mehr Lehrpersonal setzt, um sowohl individuelle Betreuung als auch Inklusion zu fördern, würde das ebenfalls gut ausgebildete Arbeitskräfte hervorbringen, die wiederum ins System doppelt einzahlen können. Es würden viel mehr Menschen mit Behinderung, die mangels Inklusion auf zusätzliche Unterstützung angewiesen sind, ebenfalls in den Arbeitsmarkt bringen.

Auf kurze Sicht gedacht kostet alles Geld und schadet erst einmal dem Budget, der Wirtschaft, neue Schulden, etc. Auf lange Sicht hinaus überwiegen jedoch die Vorteile. Diesen Schritt hat man bisher noch nie gemacht. Zu sehr hängen konservative Denkschablonen in den Köpfen fest, welche nur die Kosten sehen.

Viele Innovationen erfordern einen Mehraufwand, dabei ist es das, was Unternehmer von Beginn an haben, sie nehmen einen Kredit auf, um Arbeitsmaterial zu beschaffen, in der Hoffnung, dass „es sich später rechnet“ und sie mehr einnehmen als sie ausgeben. Manchmal gehen solche Kalkulationen auch schief, doch behaupte ich, dass systematisch vorgetragene und gut begründete Ideen das Risiko verringern, einen Schaden zu erleiden. Nicht zufällig zählen systematische und analytische Denkmuster zu den Stärken vieler Autisten. Die größte Herausforderung, neben dem „sich darauf einzulassen“, besteht darin, kommunikative Missverständnisse auszuräumen, nicht aneinander vorbeizureden. Das erhöht das Risiko natürlich ganz erheblich, aber das gilt für beide Seiten.

Beispiele für eigene abweichende Denkmuster

Während meinem Studium kaufte ich viele Fachbücher, die ich nie im Studium brauchte, aber trotzdem meine Spezialinteressen betrafen. Ich beschäftigte mich damit sehr intensiv und stellte das erworbene Wissen dann häufig in Foren oder auf meine Webseiten, wo es nachfolgend diskutiert wurde. Ich wurde gefragt „wofür ich das denn brauche“ und ich antwortete irritiert „weil es mich interessiert“. Und wenn mich etwas interessierte, genügte mir der Lehrstoff alleine nicht. Ich erstellte unzählige Fallstudien von Wetterereignissen und entwarf Fachartikel professionell mit LaTeX, was sich später als gute Übung für die Diplomarbeit herausstellte. Dabei lernte ich, methodisch und wissenschaftlich zu arbeiten – schon Jahre vor der Abschlussarbeit.

Objektiv setzte ich meine Prioritäten falsch und verzögerte aufgrunddessen meinen Studienabschluss. Auch weil ich mit abstrakten Inhalten, die zu wenig auf die visuelle Wahrnehmung setzten oder mit mangelnden Zwischenschritten, Probleme hatte. Ich biss mich jedoch durch und meisterte innerhalb zwei Semestern über 20 Prüfungen, um im Diplom-Studium bleiben zu können.

Meine größte Stärke ist die Recherche und die Aufbereitung des ermittelten Wissens. Ich erkannte, dass ich einen Sachverhalt am besten verinnerlichen und verstehen konnte, wenn ich ihn niederschrieb – bestenfalls in einer Form, wo ich jemand anderem etwas erklärte. Erst beim Erklären merkt man nämlich selbst, ob man es verstanden hat. Natürlich könnte man meine tausenden Forenbeiträge und Webseitentexte auch mit erhöhtem Geltungsbedürfnis erklären, doch haben diese Texte dazu beigetragen, dass ich mir große Wissensmengen dauerhaft merken kann. Durch das Schreiben lege ich die Erinnerungen in meiner eigenen Wissensdatenbank an – im Kopf.

Auf Universitäten steht die Fachkompetenz im Vordergrund, manchmal zum Leidwesen von Studenten, wenn Professoren nichts von Didaktik verstehen und ihren Studenten mangels Empathie die Zukunft versauen. Für Autisten ist der große Vorteil jedoch, das die abgelieferte Leistung im Vordergrund steht, und nicht seine Smalltalkfähigkeit.

Mit meinem „thinking outside the box“ erschwerte ich mir manchmal selbst das Leben. Ich wählte selbst Themen für Referate aus statt sie mir zuweisen zu lassen. Im Fall meiner Diplomarbeit brachte es erheblichen Mehraufwand und nicht das gewünschte Ergebnis. Dafür wühlte ich in 130 Jahre alter Fachliteratur in der Institutsbibliothek, was meinen damaligen Betreuer beeindruckte, und auch andere Professoren. Und ich schrieb die Arbeit auf Englisch und machte sie somit einem amerikanischen Forscher zugänglich, der sich sehr darüber freute. Es war für mich auch unvorstellbar, ein x-beliebiges Thema zu nehmen, das später keinen interessieren sollte. „Hauptsache beendet“ kam in meinem Denken nicht vor – ich wollte etwas erschaffen, was zu neuen Ideen anregte und auch außerhalb des deutschsprachigen Raums zugänglich war. So konnte ich umgekehrte Talwinde auch am Arlberg nachweisen und vermutete sie aufgrund bestimmter Wolkenerscheinungen auch bei anderen Pässen in den Alpen.

Wenn ich an Fallstudien schrieb, saß ich stundenlang am Computer im Hyperfokus und konnte enorm viel Inhalt in kurzer Zeit erschaffen. Ich konnte eine unglaubliche Energie und Genauigkeit dabei entwickeln, wenn ich mich mit etwas beschäftigen durfte, was genau meinen Interessen entsprach. Umgekehrt tat ich mir mit subjektiv uninteressanteren Themen viel schwerer und brauchte länger als andere. Das lag manchmal aber auch am Lehrtempo. Ich bin kein Programmiergenie und falle in dem Punkt klar aus dem männlichen Autistenklischee. Das liegt aber nicht am mangelnden Interesse, sondern daran, dass Programmierkurse oft zu schnell für mich sind. Mir fehlen oft die Zwischenschritte und intensive Wiederholungen, ehe man ins nächste Level einsteigt. Die sehr abstrakte Darstellung (Zahlen, Buchstaben) anstelle eines Bildes vor Augen erschwert dabei mein Verständnis. Das heißt nicht, dass ich es nicht lernen kann, aber dass man für mich mehr Geduld aufwenden muss als für den Durchschnitt. Hinzu kommt die Angst vor der Angst, also gar nicht anzufangen aus Furcht nicht weiterzukommen. Prokrastination nicht aus Faulheit, sondern wegen innerer Blockade.

Meine Sichtweise zum Wissen ermitteln und vermitteln hat sich trotz negativer Erfahrungen im ersten Job nicht geändert. Es ging damals um Konkurrenzdruck und darum, Wissen, das andere nicht haben, so lange für sich zu behalten, wie es einem selbst nützt. Das war überhaupt nicht meine ideologische Haltung – meine Überzeugung war viel naiver: Ich lasse alle an meinem Wissen teilhaben, und wir lernen gemeinsam dazu und schätzen einander. Leider existieren nur selten solche Bedingungen und auf der Universität sind sie wahrscheinlicher als außerhalb. Und unabhängig davon kann es manchmal von Vorteil sein, eine Idee für sich zu behalten, bis sie ausgereift ist, ehe sie unausgereift von anderen weggeschnappt und nicht so umgesetzt wird, wie man es sich ausdachte.

Schriftliche Kommunikation als Nachschlagewerk

Ich bin als Forenmensch ins Internet eingetreten und habe davon trotz aufkommender Messenger und sozialer Netzwerke nie völlig Abstand nehmen können. Ein gut moderiertes und ausgestattetes Forum ist ein ideales Nachschlagewerk für Fragen und Antworten. Es ermöglicht im Gegensatz zum telefonischen Austausch und E-Mail-Verteiler übersichtliche Erläuterungen mit Beispielen (Dateianhängen) und auch ausgiebige Diskussionen, die sonst entweder zeitaufwändig oder rasch unübersichtlich werden. Und die nicht in Vergessenheit geraten können.

Viele Autisten bevorzugen die schriftliche Kommunikation, weil sie mehr Zeit zum Nachdenken haben, wie sie auf etwas reagieren und wie sie es ausformulieren sollen. Zudem kann eine spontane Reaktion auf eine unerwartete Ankündigung, Aufgabe, Aussage oder räumliche Veränderung negative Emotionen nach sich ziehen, die der Autist nicht kontrollieren kann. Nachdem er die unerwartete Situation durchdacht hat, fällt seine zweite Reaktion wesentlich milder und sachlicher aus – und das gelingt schriftlich besser als mündlich.

Die größte Gefahr bei mündlicher Kommunikation ist jedoch, den Gesprächsinhalt zu vergessen oder wichtige Aussagen zu überhören oder falsch zu interpretieren. Insbesondere finden die wenigsten mündlichen Gespräche unter autistisch idealen Bedingungen statt – oft ist es laut, die Tonqualität schlecht, man wird unterbrochen. Mir fällt es unter solchen Bedingungen extrem schwer, mich auf den Inhalt zu konzentrieren. Beim Rekonstruieren schieben sich Umgebungsreize zwischen die Aussagen, der dechriffrierte Code ist dann Schrott und die Erinnerung nur bruchstückhaft. Weder bei einer E-Mail noch in einem Forumseintrag kann das passieren.

Vorgesetzte und Kollegen müssen respektieren, dass für *manche* Autisten schriftliche Kommunikation gleichwertig mit mündlicher ist, aber auch, dass schriftliche Kommunikation, obwohl sie auf den ersten Blick mühsam erscheinen kann, große Vorteile für alle haben kann.

Thinking outside the box auch bei …

  • Theorie über bestimmte Wolkenarten als Indikator für nachfolgende Wettererscheinungen
  • These, dass auch im Inntal Bora auftreten kann (und nicht nur an der Adriaküste)
  • Nachweis von Kelvin-Helmholtz-Wellen bei einem seichten Föhnereignis über Innsbruck
  • Fallstudie zu den wahren Ursachen von Fallwindböen bei Sturmtief Paula (27.1.2008)
  • eigene Theorie zu den Weihnachtsstürmen 1999
  • abseits vom Wetter: Umfassende Recherche, wie 47,XXY und Autismus zusammenhängen und viele Aha-Erlebnisse gehabt, auch dank dem Kontakt zu Forschern und Betroffenen

Was ich damit sagen möchte: Es lohnt sich über den Tellerrand zu blicken und nicht nur zusätzliche Mühen, Kosten und Aufwand zu sehen, wenn es sich hinterher doppelt dreifach auszahlen kann, dieses Risiko eingegangen zu sein.

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2 Gedanken zu “Innovatives Denken als Stärke

  1. Lisi 19. Oktober 2016 / 12:00

    Grüß dich! Das Phänomen des erklärenden Lernens (docendo discimus) habe ich im Studium eigentlich auch permanent angewendet. Ebenso weigerte ich mich, meine Magisterarbeit in gekünsteltem Fachchinesisch zu schreiben. Ich bediente mich einer klaren Sprache, so daß auch der Informatiker oder der Biologe verstehen konnte, was ich zu meinem Forschungsschwerpunkt sagen wollte. Außerdem waren mir Abschlußarbeiten bar jeglicher Äathetik ein Greuel und ich stemmte mich mithilfe meines Stils dagegen. Meinem Professor gefiel das, zumal auch peinlichst genau recherciert und belegt wurde. Der Zweitkorrektor allerdings ging fast an den Plafond, als er es las und nannte die Arbeit verächtlich „Schöngeistiges Gelaber“. „Damit wird man höchstens Künstler, aber niemals Wissenschaftler!“, schnaubte er. Ich legte damals in der Sprechstunde nur den Kopf schief und antwortete: “ Oh, danke für den Tip, Herr Professor!“

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  2. muetzentraeger 25. Oktober 2016 / 17:57

    Bin zwar – noch? – kein Student, sehe aber einiges davon genauso. So frage ich mich beispielsweise schon immer, wieso man etwas nicht lernen sollte, bloß weil man es nicht zwingend benötigt – wenn es interessant ist, lerne ich es halt!
    Das „Problem“ mit dem Programmieren lernen habe ich auch genau so, dazu kommt, dass mir ein konkretes Projekt fehlt, was ich angehen könnte – ist wohl der Leidensdruck nicht groß genug 😉

    Insbesondere die umsetzung des vorletzten Absatzes zur Akzeptanz schriftlicher Kommunikation wird leider, fürchte ich, noch einige Jahre auf sich warten lassen.

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