Wie geht Urlaub?

 

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Venedig

Unmittelbar nach der frohen Botschaft, im kommenden Jahr wieder in Wien arbeiten und leben zu dürfen, begann mein insgesamt neuntägiger Urlaub. Über so einen langen Zeitraum habe ich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn nur selten Urlaub genommen. Auslandsreisen mache ich alleine gar nicht, für längere Hüttentouren kam in mir zu sehr der Meteorologe zum Vorschein – leider manchmal, denn mit dem Wissen, wie gewittrig die Sommermonate sein können und wie gefährlich entsprechend alpine Unternehmungen, kann ich nicht ein halbes Jahr im Voraus Urlaub planen. Dieses Jahr werde ich mit diesem kategorischen Nein erstmals brechen, wenn ich im Juli eine Woche durch die Ötztaler Alpen wandere und Ende September eine Woche durch die Hohe Tatra (jeweils geführte Touren).  Nervenkitzel alleine durch das Wetter – das versuche ich zu meiden. Ich bin vielleicht kein expliziter Schönwetterwanderer, wohl aber dann, wenn die Touren anspruchsvoll werden.

 

Urlaub hat bei mir immer einen ähnlichen Ablauf. In den Tagen davor wächst einerseits die Freude, andererseits aber auch die Anspannung. Wird das Wetter halten? Was soll ich mitnehmen? Geht bei der Anreise alles klar? Und: Hoffentlich ist alles in der Wohnung unbeschadet, wenn ich wieder zurückkomme. Dieses Mal zog ich vorsorglich alle Stecker, denn ich wusste, dass in meiner Abwesenheit eine gewittrige Wetterphase anstand. Ausnahmsweise hatte der pensionierte Nachbar unter mir, der mir sonst mit seinem Lärm so oft auf die Nerven geht, seinen Vorteil, weil so die Gefahr eines Einbruchs gering war. Die Urlaubszeit selbst bedeutet vor allem außerhalb der eigenen vier Wände eine massive Umstellung meiner Routinen. Später und ausgedehnt frühstücken, was ich sonst nie mache. Mittagessen und Abendessen, was bei mir sonst häufig zu einem Nachmittagessen verschmilzt. Ich esse, wenn ich Hunger habe, auch wenn ich in der Arbeit sonst versuche, Regelmäßigkeit hineinzubringen, weil ich die nächtlichen Heißhungerattacken vom Magen her nicht mehr vertrage. Neben dem Essen ändert sich auch die Kommunikation. Ich komme nicht zum Bloggen, überhaupt sehr wenig oder gar nicht zum Schreiben – meine wichtigste Ausdrucksmöglichkeit. Nach einigen Tagen ohne juckt es redensartlich in den Fingern.

Wenn es kein Wanderurlaub ist, wo ich ohnehin tägliche Bewegung habe, bedeutet so ein – für andere Menschen entspannender Urlaub – vor allem Bewegungsmangel. Und nach drei Tagen ohne Sport werde ich innerlich unruhiger und unrunder. Ein Nichtsporturlaub heißt im Umkehrschluss ein Vielmenschenurlaub. Dieses Mal schauten wir uns viele kleinere und größere Orte und Städte an, leider mit hohem Touristenaufkommen. Ebenso überfüllte Busse, mit viel Körperkontakt und Geruchsaggressionen. Reizüberflutung jeden Tag. Ich kompensiere Vielmenschenkontakt in der Regel mit intensivem Sport – in meinem Fall viele Höhenmeter und/oder viele Streckenkilometer in kurzer Zeit. Wenn ich dazu nicht komme, werde ich zunehmend gereizt und gebe patzige Antworten, oder der Fluchtinstinkt nimmt Überhand und ich will einfach nur noch weg. Nach fünf Tagen Stadtbesichtigungen hat es mir dann gereicht und ich habe – immerhin mit Verständnis der Familie – einen Tag für mich alleine in Beschlag genommen und ging wandern. Daraus wurden sieben Stunden Gehen, Fotografieren und am Ende knapp 23km Strecke und 760 Höhenmeter. Mit wenigen Pausen, ohne größere Mahlzeiten. Ich traf unterwegs kaum Menschen und fühlte mich wieder wie ein Fisch im Wasser, in meinem Element.

Gegen Ende der Urlaubszeit wächst dann, insbesondere weiter weg von Zuhause, die Anspannung. Ist zuhause noch alles in Ordnung? Springt der Computer wieder an? (Als ich damals studierte und länger daheim war, hatte ich ein paar Mal den Schrecken, dass Fehlermeldungen kamen und der Computer nicht mehr richtig startete.) Am Tag der Abreise kann ich oft kaum richtig frühstücken, muss häufiger aufs Klo. Die Nervosität steigt ins Unermessliche. Ich mag dann keine Unterbrechungen mehr, Zwischenstopps, ich möchte auf schnellstem Weg nach Hause. Lästig sind dann Staus oder Zugverspätungen. Zuhause die Feststellung, dass eh noch alles passt. Der PC geht, keine vergessenen Gläser und Töpfe mit Wildbewuchs, keine Spinnennetze oder Ameisenkolonien.

Wie geht Erholung? Ich mag Städte mit mittelalterlichen oder antiken Gebäuden. Venedig hat mir sehr gefallen, und obwohl die Stadt so überfüllt war wie die Salzburger Altstadt im Hochsommer, hat mich das weniger gestört als hierzulande, denn gefühlt kamen die Touristen aus 160 Ländern, eine Vielfalt der Kulturen, der Kleidung, der Sprache, wie man sie sonst nur an wenigen Orten der Erde findet. Das hatte seinen eigenen Flair, wenngleich ich die Einheimischen verstehen kann, dass es längst zuviel ist, dass die Heimat zugunsten des Massentourismus geopfert wurde. In den bekannten Touristenorten am Gardasse, aber auch in Salzburg überwiegen dagegen zwei, drei Touristenherkunftsländer, wo bisweilen Vorurteile und Klischées bestätigt werden. Obwohl ich wie gesagt Architektur mit Geschichte mag, alte Kirchen, Profanbauten, ist ein reiner Städteurlaub nichts für mich. Es sind einfach zu viele Menschen. Das ertrage ich nicht jeden Tag. Meine Energie ziehe ich aus der Ruhe und aus Bewegung.

Alleine ist das für mich oft schwierig, genügend Erholung zu finden. Urlaub planen ist immer eine Herausforderung. Wenn sich aus dem Schichtrad ergibt, dass ich mehrere Tage in Folge frei habe (ohne Urlaub), setzt mich das immer unter Druck, das sinnvoll zu nützen. Ich könnte ja wegfahren, ein Hotel suchen, aber wo? Ich würde gerne den verdammten Wetterfaktor einmal komplett ignorieren können, aber wenn drei von vier Tagen verregnet ausschauen oder gar Unwetter drohen, kann ich das nicht ignorieren. Hüttentouren wiederum bergen die Gefahr, dass sich Schlafdefizite ansammeln, weil ich im Lager mit anderen Menschen nur schlecht einschlafen kann oder die dünnere Höhenluft den Schlaf seichter macht. Ein Standquartier im Tal ist mir daher fast am liebsten, aber das muss man wieder rechtzeitig buchen, und rechtzeitig bedeutet, den Wetterfaktor zu ignorieren. Ja, es ist toll, wenn man einen Meteorologen fragen kann, wie das Wetter denn am Urlaubsort sein wird, aber man selbst findet das mitunter gar nicht so toll, weil man schlechtes Wetter aufgrund des eigenen Fachwissens nicht schönreden kann.

Von daher ist es eher selten der Fall, dass ich nach einem längeren Urlaub ehrlich sagen kann, ich sei jetzt erholt und tiefenentspannt. Viele Bedingungen müssen dazu passen, die ich nur teilweise beeinflussen kann. Ich suche immer noch nach Möglichkeiten, mich besser erholen zu können, unter Berücksichtigung meiner autistischen Symptomatik. Ich freue mich über Ideen und Anregungen von Eurer Seite – wie erholt ihr Euch?

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3 thoughts on “Wie geht Urlaub?

  1. lizzzy07 23. May 2018 / 12:07

    Alles, was Abwechslung vom Alltag bietet und nicht im Wesentlichen aus sozial funktionieren besteht. Oder nach einem anstrengenden Event (also wenn hier was los ist) ausschlafen. Oder Kaffee und ein Stück Süßes bei meinem Lieblingsbäcker. Zum Abschalten hilft es, gewisse Gattungen von Musik in Dauerschleife zu singen. Taizé-Gesänge eignen sich z. B. hervorragend. Oder bestimmte Kanons. Und manche ruhige Lieder. Zu meinem Abendritual gehört Bibellesen. Ein guter Ort zum Abschalten ist auch eine leere Kirche. Oder ein ruhiger Ort im Grünen. Meinen Lieblingsplatz hat mir allerdings der zunehmende Verkehr auf der nahen Autobahn verdorben. Auf dem Radweg oder auf wenig befahrenen Landstraßen ohne Zeitdruck entlangradeln.

    Was Urlaub betrifft: Ich fahre vor allem zu überregionalen Events (herrlich, aber anstrengend), wenn es nur für ein paar Tage sein soll. Ansonsten habe ich meine liebe Not mit wegfahren. Entweder ist es eben ein klar umrissenes Ereignis oder ich müsste dort mehrere Wochen am Stück verbringen (und vor Ort auch arbeiten, und sei es ehrenamtlich). Meine einzige Chance, was das betrifft, ist ein Einsatz als Volunteer. Mehrere Monate, Teil des Alltags vor Ort, die Leute dort wirklich kennenlernen können. Letzteres hat viele Tücken (Organisation, Sprache, die Unsicherheit wegen Ereignissen zu Hause, Geld, Orientierung in der Fremde (vor allem in Gegenden mit anderen Buchstaben als lateinischen)). Ohne Zweifel schön und interessant, aber wegfahren ist nicht wirklich Erholung.

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    • Forscher 30. May 2018 / 23:23

      Das Einzige, was umsetzbar ist, wäre das mit dem Shampoo, sonst, aber sonst bin ich ja schon viel in der Natur. Nachdem ich im Schichtdienst arbeite, ist mein Montag sowieso jeder Wochentag. Ich hab noch nie länger als eine Woche Urlaub am Stück gehabt in den letzten 8 Jahren, jedenfalls nicht absichtlich. Es sind mal 10-14 Tage worden in der Ausbildungszeit, beim Jobwechsel, aber aber wenn ich länger als eine Woche nicht daheim bin, werde ich unruhig. So gesehen mach ich das mit den Kurztripps immer wieder. Trotzdem ist da die innere Unruhe, was wohl übergeordnet damit zu tun hat, dass mein Leben in den 8 Berufsjahren nie reibungslos abgelaufen ist. In den ersten Jahren Mobbing, dann Zukunftsängste und Depressionen. Seit 2,5 Jahren steht ein Umzug nach dem nächsten an, es ist Druck da durch Prüfungen, Ausbildungen, befristete Verträge. Es ist noch nichts so fest und so fixiert, dass ich mich wirklich entspannt zurücklehnen kann. Gleichzeitig ist die politische und gesellschaftliche Entwicklung so alarmierend, dass ich lieber sofort als später einen unbefristeten Job hätte, damit mir später nichts mehr passieren kann, wenn immer mehr Schikanen kommen. Das belastet mich dann zusätzlich. Ich könnte natürlich keine Zeitungen mehr lesen, wie ich viele Autisten kenne, die quasi nach Vogel-Strauß-Methode völlig unpolitisch werden, aber ich komme aus einer Zeitungsleserfamilie und kann mir ein Frühstück ohne Zeitung lesen nicht vorstellen, das ist Teil meiner Routine und ich bin froh, überhaupt noch Print zu lesen und nicht alles am Computer. Das haptische Erlebnis und so. Kehrseite ist eben, dass die News derzeit nur noch beunruhigen und das zur inneren Unruhe addiert. Ich hoffe, dass ich nach der Übersiedlung mit Wien wieder öfter mal politisch interessierte Menschen treffe und vieles diskutieren kann, was ich jetzt alles nur schlucke.

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