Tebartz van Elst’s andere Sicht auf Autismus (II)

Im ersten Teil hat van Elst schrittweise an das Thema Normalität, Krankheit und psychische Störung herangeführt. Im zweiten Teil geht es um die Heranführung an das Thema Autismus, und die Unterteilung in primären und sekundären Autismus.

In der Inneren Medizin spricht man etwa von sekundärem Bluthochdruck bei Verengung der Nierenarterien und primärem Bluthochdruck, wenn keine Ursache gefunden wurde (stattdessen eine genetische familiäre Veranlagung).

Sekundäre Ursachen lassen sich nachweisen durch …

  • bildgebende Verfahren (Neuroimaging)
  • EEG
  • entzündliche/immunologische Folgeursachen im Blut- oder Gehirnwasser
  • Stoffwechselstörung
  • virale Entzündungen
  • Vitaminmangelsyndrome
  • unauffällige Familienanamnese
  • mono/oligogenetische Erkrankungen (ein Gen wirkt alleine bzw. mehrere Gene zusammen)

Sie sind wichtig für das Krankheitsmodell und Selbstbild.

Primäre Syndrome und Normvarianten:

Als Beispiel werden Tic-Störungen genannt, über einen längeren Zeitraum motorischer oder vokaler Tics spricht man vom (Gilles de la) Tourette-Syndrom. Wie bei Migräne kommt es vor Tics oft zu einer Tic-Aura, mit Kribbeln und sensorischen Gefühlen in der betroffenen Körperregion. Die Tic-Bewegungen sorgen für ein Lösen dieser Anspannungsgefühle, vergleichbar mit Heuschnupfen ist ein Unterdrücken der Tics nur für eine begrenzte Zeit möglich. Die meisten Menschen wissen nicht, wie es ist, Bewegungsimpulse nicht unterdrücken zu können. Tics werden daher spontan als „abnormal“ bezeichnet.

„Das eigene Leben ist die Deutungsschablone der Welt.“

Während Niesanfälle von Heuschnupfenpatienten als normal betrachtet werden, reagieren die Menschen entsetzt, wenn vokale Tics bis hin zu Schimpfwörtern reichen (Koprolalie ist allerding selten bei Tourette). Gemäß von Studien zeigen 10-15 % aller Grundschüler zumindest vorübergehend Tics, es handelt sich also um ein normales Phänomen. Rund 1 % hat dauerhafte Tics, kann aber dennoch ein erfolgreiches Leben führen (siehe auch die Fallgeschichte von Oliver Sacks eines Chirurgen mit Tourette-Syndrom).

Schlussfolgerung: Das Vorhandensein von Tics ist also eine Normvariante.

Im nächsten Kapitel definiert van Elst die Persönlichkeitsstörung (PS):

Persönlichkeit kommt von lat. personare = hindurchtönen, und beschreibt ein zeitstabiles Muster im Wahrnehmen, Denken, Erleben und der emotionalen Verarbeitung und des Verhaltens.

Nach dem ICD-10 weichen bei einer PS die Muster von der Mehrheitsgesellschaft ab, es handelt sich also erneut um einen sozialen Normbegriff. Die Störung ist unabhängig vom Umfeld und Kontext (Schule, Beruf, Freizeit) beobachtbar, und es muss eine Dysfunktionalität vorliegen (Leidensdruck, Störung im sozialen Kontext). Sind nicht alle Kriterien erfüllt, spricht man von Persönlichkeitsakzentuierungen. PS werden als primäre psychische Störungen verstanden, d.h., es lässt sich keine organische Ursache feststellen.

Weltweit haben 4-14 % der Bevölkerung eine PS, unter Kinder und Jugendlichen sind es 15-20 %. Die Häufigkeit nimmt also mit dem Alter ab, was auf Reifungsprozesse (bzw. Kompensation) hindeutet.

Rund die Hälfte ist genetisch bedingt, es sind aber keine speziellen Gene erkennbar. In der primären Variante gibt es eine familiäre Häufung.

In einer dimensionalen Sichtweise gibt es Persönlichkeitsmerkmale, dann -akzentuierungen und schließlich -störungen.

Alle Menschen sind aufgrund ihrer Gene und Biographie impulsiv, offen, extrovertiert, etc. Die PS sind die Subgruppe mit der stärksten Ausprägung innerhalb dieser Norm. Jede PS geht auch mit Stärken einher.

Autismus

Einen geschichtlichen Abriss kann man auch in anderen Büchern nachlesen. Besonders gefallen hat mir, dass van Elst auf Seite 70 die autistische Stressreaktion erwähnt:

Sie wird ausgelöst durch Reizüberflutung, Erwartungsfrustation, Missverständnisse und Berührungen, und führt dann zu …

  • Wutattacken mit überschießender Aggression (von Autisten auch unter „Meltdown“ bekannt)
  • dissoziativer Rückzug, Mutismus, Anspannungszustände, Selbstverletzungen („Shutdown„)
  • motorische Stereotypien zur Anspannungsregulation („Stimming„, selbststimulierendes Verhalten)

Neben anderen Begriffen wird die kognitive Empathie genannt: Gefühlszustände anderer verstehen. Bei Autisten ist die kognitive Empathie beeinträchtigt, das tatsächliche Empfinden (affektive Empathie) hingegen nicht. Bei Soziopathen ist es umgekehrt (sie wissen, was sie tun, verspüren aber kein Mitleid). Bei Autisten liegt eine andere sensorische Wahrnehmung vor, sie verstehen sich untereinander besser und lassen sich in Ruhe, wenn sie merken, dass der andere überreizt ist. Zwischen Autisten und Nichtautisten kommt es hier oft zu Missverständnissen, weil die kognitive Empathie bei Nichtautisten beeinträchtigt ist (!).

Unter den Besonderheiten der Wahrnehmung werden angesprochen …

  • Akustik
  • visuell
  • Synästhesie
  • taktil
  • detailorientiert (negativ ausgedrückt: schwache zentrale Kohärenz*)
  • emotional

* detailorientierte Wahrnehmung führt zu beachtlichen Gedächtnisleistungen, Fehlererkennung, faktische Inhalte, bei Zeitgeist-Themen weniger anfällig für Hypes/totalitäre Wellen

Nach Dziobek et al. (2008) ist die emotionale Empathie (Mitleid) bei Autisten sogar stärker ausgeprägt (was mit ein Grund sein kann, warum ich viele befreundete Autisten und Autistinnen, aber auch Hochsensible als unpolitisch und entkoppelt von den Nachrichten erlebe, sie ertragen nur ein bestimmtes Maß an Leid).

Ein Problem ist die Alexithymie, eigene Gefühle nicht benennen zu können, aber auch verändertes Schmerzempfinden. Oftmals werden körperliche Symptome nicht als Angstsymptome erkannt und zu spät gegengesteuert. Während Kinder, Jugendliche und Männer eher mit Aggressionen reagieren, ziehen sich Mädchen und Frauen zurück bzw. verletzen sich selbst oder andere. Die Kombination aus Anspannung und Selbstverletzung führt zur häufigen Fehldiagnose Borderline-Syndrom (besonders bei Frauen).

Zum Thema Stimming schreibt van Elst, dass es sich hier um „einfache, gut funktionierende und nebenwirkungsfreie Methoden der Anspannungsregulation“ handelt. Im Freiburger Therapiekonzept ist daher ein Therapieziel, diese Methode neu zu erlernen. Händeflattern zählt seltener zur Stressreduktion als ein Ausdruck von Freude oder Hochstimmung.

Bei den kognitiven Besonderheiten wird klar, weshalb gerade gut kompensierende (Asperger-) Autisten erst nach Verlassen des Elternhauses eine Diagnose erhalten. Davor fällt die Orientierung leicht. Schul- oder Einkaufswege werden mehrfach gemeinsam begangen, ab der Ausbildung oder im Studium ist man auf sich alleine gestellt. Durch die kommunikativen Schwächen kommt Hilflosigkeit hinzu.

Der autistische Streit

Alle Menschen verhalten sich in Streit/Konfliktsituationen deutlich autistischer, indem die Übernahme der Perspektive des anderen völlig zurückgefahren wird (Theory of Mind). Es zählt nur noch die eigene Perspektive. Die Rücknahme der Bereitschaft zum Perspektivwechsel kann man als Wesensmerkmal des Streits betrachten. Diese Verweigerung ist nichts autismusspezifisches. Das Problem entwickelt sich dahingehend, dass Autisten die Eskalation und gegenseitige Beschimpfung weniger wahrnehmen, was bei Nichtautisten in der Regel Aggressionen eindämmt. Der Nichtautist deutet dieses Verhalten als Hass und es kommt zu Missverständnissen.

van Elst stellt klar: Frühkindlicher Autismus ist keine geistige Behinderung, und es ist genauso ein normaler oder hoher IQ möglich.

Autistische Regression

Rund ein Drittel der untersuchten Autismusfälle zeigen eine Rückentwicklung nach normal verlaufendem Baby- und Kleinkindalter. Im Schnitt beginnt diese nach 3 Jahren und hat eventuell eine sekundäre Ursache. Vermutet werden Epilepsie oder Gehirnentzündungen.

Autistische Persönlichkeitsstruktur

Unter dem Begriff broader autism phenotype werden autistische Züge (autistic traits) verstanden.Selbst, wenn jemand nicht alle Kriterien für eine Autismus-Diagnose erfüllt, können ihm Bewältigungsstrategien bei Autismus zur Konfliktvermeidung weiterhelfen.

Weiter zu Teil 3

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