Tebartz van Elst’s andere Sicht auf Autismus (I)

Neu erschienen: Ludger Tebartz van Elst „Autismus und ADHS. Zwischen Normvariante, Persönlichkeitsstörung und neuropsychiatrische Krankheit“ (2015, Kohlhammer-Verlag).

Als versierter Leser von Wissenschaftsliteratur ist mir das Fachchinesisch sehr leicht gefallen, aber ich fürchte, dass viele Laien an der reichlichen Häufung von Fachbegriffen scheitern werden. Das ist schade, denn van Elst präsentiert viele gute Denkansätze und schlägt eine neue Definition von Krankheit vor.

Ich hab die Zusammenfassung in drei Teile gegliedert.

Link zu Teil 2

Link zu Teil 3

Van Elst befasst sich zunächst mit dem Begriff der Normalität, welche sich als statistische Größe (z.B. Körpergröße), technische Größe (körperliche Funktionsstörungen, Gendefekte) und als soziale Größe (gesellschaftlich festgelegte Normen, Verhaltensregeln) definieren lässt.

Dem gegenüber steht das Konzept der multikategorialen Normalität (= aus vielen Kategorien zusammengesetzt), denn Körpergröße hängt auch vom Kontinent, vom Geschlecht, von der Ethnie, Pubertät, etc. ab.

Die Definition von Krankheit unterliegt häufig sozialen Normen, in der Medizin geht es aber meist um die Erforschung konkreter Krankheitsbilder. Wichtig hierbei sind Symptome, die objektiv (Husten, Fieber, Ausschlag) und subjektiv (Schmerzen, Müdigkeit, Antriebslosigkeit) sein können. Syndrome sind eine Kombination von sub- und objektiven Symptomen, die regelhaft gemeinsam auftreten, zunächst ohne Bezug auf eine bestimmte Zeitperiode. Jemand kann sich autistisch oder hyperaktiv verhalten, ohne ein ADHS- oder autistisches Syndrom diagnostiziert zu bekommen.

Der Autor kritisiert, dass im Zuge der neuen Diagnosekriterien immer mehr auf die Ursachensuche verzichtet wird:

Ätiologie (Erstursache einer Funktionsstörung) und Pathogenese (Folgeursachen) sind dabei wesentliche Eckpfeiler.

Beispiel: Diabetes mellitus

Symptome: Überhöhte Zuckerwerte im Blut, vermehrt Zucker in der Niere, dadurch vermehrtes Wasserlassen, Gewichtsabnahme, starkes Durstgefühl und durch den gestörten Glukosetransport verstärkte Müdigkeit und Abgeschlagenheit

Gemeinsame Folgeursache: Überhöhte Konzentration von Blutzucker

Erstursache: Bei Typ 1 Entzündung der Bauchspeicheldrüse

Jedoch kann ein Syndrom trotz ähnlicher Auswirkungen („Phänotyp“) unterschiedliche Erstursachen haben!

Von Krankheit im engeren Sinne spricht man dann, wenn Erstursache, Verlauf, Behandlungsstrategie und Prognose eindeutig identifizierbar sind. Bei Depressionen, ADHS und Autismus ist dies schwierig bestimmbar, daher kann man hier nicht von Krankheit sprechen.

Definition von psychischen Störungen

im DSM-V: klinisch relevante Störung der Kognition, Emotionsregulierung, Verhalten des Individuums (-> Leidensdruck, Behinderung im Alltag)

Einschränkung:

  • erworbene/kulturell anerkannte Reaktion auf Stressor/Verlust ist keine mentale Störung („Trauer“)
  • sozial abweichendes Verhalten (politisch, religiös, sexuell) oder Konflikte zwischen Individuen und Gesellschaft sind keine mentalen Störungen, es sei denn, sie sind durch Dysfunktionen bestimmt.

Bei Knochenbrüchen wesentlich leichter festzustellen (niemand fragt nach dem Leidensdruck).

van Elst betrachtet diese Definition kritisch, denn

… klinische Relevanz wird durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen festgelegt (während des zweiten Weltkriegs interessierte z.B. niemand Depressionen)

… Störung von Kognition, usw. sind eine technische, statistische Norm. Erwartet wird ein geordnetes Denken, alltägliche Logik, angemessene Emotionen in Bezug auf den Reizauslöser, berechenbares und zielgerichtetes Verhalten. Erwartungshaltung an sich selbst (Wortfindungsstörungen, Gedächtnisstörung „da stimmt etwas mit mir nicht“)

… Leidensdruck hängt stark vom Umfeld und Kontext ab, die Einschränkungen nehmen ebenso Rücksicht auf soziale und gesellschaftliche Erwartungen.

In Summe wird ein starker Bezug auf soziale und moralische Normen hergestellt, nicht jedoch objektive und statistische Fakten. Die Diagnose wird nicht an empirischen Beobachtungen festgemacht.

Im DMS-V erfolgt die Diagnostik nach einem Katalog an Symptomen, Untergruppen und einem zeitlichen Kriterium. Weil mehrere Diagnosen gleichzeitig gestellt werden können („Komorbiditäten“), kommen am Ende so viele Diagnosen heraus, bis alle Aspekte des klinischen Bilds abgedeckt sind. Dswegen gewinnt die neurobiologische Forschung auch keine einheitlichen Erkenntnisse. Schizophrenie und Depressionen sind eben kein Krankheitsbild mit eindeutiger Herkunft.

In Summe handelt es sich um beschreibende Kriterien, nicht um Ursachendenken.

Die Aufgabe kausalen Denkens hat historische Gründe. Frühe Konzepte des 19. und 20. Jahrhunderts waren von „Schulen“ geprägt, wissenschaftliche Kliniker. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es zunehmend zu einer Institutionalisierung der psychiatrischen Wissenschaft, die Vertreter verschiedener Schulen stritten sich. Als Folge wollte man die Diagnostik möglichst theoriefrei gestalten. In weiterer Folge gewannen klinikferne und politisch orientierte Personen an Einfluss. Als Kompromiss klammerte konfliktrelevante Themen aus, wie eben die Ursachen psychischer Störungen.

Dies bedeutet aber auch die Aufgabe eines zentralen wissenschaftlichen Ziels, nämlich die Identifikation relevanter Erstursachen, was Voraussetzung ist, um eine Krankheit bzw. Störung zu verstehen und ursächlich zu behandeln.

Dazu das Zitat im Buch …

„Eine Wissenschaft, die ihre Geschichte nicht kennt, versteht sich selber nicht.“

(Kurt Schneider, 1950)

Der Störungsbegriff führt immer wieder zu Missverständnissen

…ADHS, Autismus, Syphilis, Diabetes werden vermischt. Bei Epilepsie wird unterschieden, durch welche Region sie verursacht wird (Temporallappen, Hippocampussklerose), während ADHS und Autismus als klassische Krankheiten missgedeutet werden.

…durch Patienten und Angehörige:

Beispiel: Eine familäre Häufung von Tourette ist allgemein bekannt. Die Anamnese zeigt, dass es sich um eine Infektion als Erstursache handelte. Künftige Kinder sind also nicht betroffen, was große Auswirkungen auf Selbstbild und Familienplanung hat.

…durch Ärzte:

mangelnde Ursache, die Erkenntnis hat keine unmittelbare therapeutische Konsequenz. Depressionen werden oft sehr ähnlich behandelt (-> die autistische Depression hat oftmals andere Ursachen!)

…durch Wissenschaftler:

Es wird viel in bildgebende Verfahren für das Gehirn und neue Medikamente investiert, mit großem Aufwand, aber wenig Ergebnissen. Man erforscht keine Krankheiten i.e.S., sondern Sammelbegriffe (Syndrome!)

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2 Gedanken zu “Tebartz van Elst’s andere Sicht auf Autismus (I)

  1. reynard1603 29. August 2016 / 21:47

    Danke für die Zusammenfassung. Das hat mich neugierig gemacht. Dieses Buch werde ich sicher auch bald lesen.

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  2. Forscher 29. August 2016 / 21:51

    Der zweite Teil wird Dein Interesse noch mehr wecken 🙂

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