Alte Freundschaften, neue Freundschaften

Natur als Antidepressivum

Zu viele der letzten Beiträge hier hatten ‘Frust’ im Titel. Aber seit zwei Jahren bin ich dauergefrustet ohne Besserung in Sicht. Die letzten zwei Jahre waren extrem fordernd – geistig, aber auch körperlich durch anhaltende Schlafstörungen und Magendarmprobleme.

Freundschaften im Wandel

Bei Pandemiebeginn war ich froh, dass mir als regelmäßige Kontakte zwei enge Freunde geblieben sind. Beim Wanderfreund hat sich nichts geändert, auch wenn ich einmal den Bogen beinahe überspannt hätte, als ich im gemeinsamen Forum als Moderator den Beitrag eines Covidleugners zensiert hatte. Ein No-Go, das im Affekt der zweiten Welle geschah. Da überkamen mich das erste Mal die Ohnmachtsgefühle, die ich bis heute habe, wenn die scheinbare Mehrheit der Bevölkerung zusieht, wie wir uns unsere Zukunft verbauen. Freundschaften ging zu Bruch wegen dem Coronathema. Gerade in der zweiten Welle trennte sich der Spreu vom Weizen, jene, die an die Wissenschaft glaubten, und jenen, die lieber Verharmlosern glaubten.

Bei der Freundin hab ich über die kleinen und größeren Krisen lange weggesehen, wollte es nicht wahrhaben, obwohl ich mehrfach gewarnt wurde. Der erste und letzte gemeinsame Urlaub hat dann die Illusion zerstört, dass es überhaupt je Freundschaft gewesen ist und nicht eher eine Zweckgemeinschaft. Zu heftig waren die Vorwürfe einige Tage danach. Wenn man so ein furchtbarer Mensch sein soll, warum fährt man dann mit ihm in Urlaub? Oder hatte ich in einer Woche so einen starken Charakterwandel? In acht Jahren Freundschaft, in der mir anfangs die entscheidende Hilfe gegeben wurde nach der Diagnose, könnte man meinen, dass man nicht gleich das Schlechteste über den anderen Menschen annimmt, wenn er sich nicht so verhält, wie man das erwartet. Man hätte das gemeinsam auf Augenhöhe besprechen können, sich aussprechen können, was nicht gut gelaufen ist, aber darauf antworten durfte ich nicht. Ich bekam das ‘Leb wohl’ schon in der ersten Rückmeldung. Ich hätte natürlich gerne angesprochen, dass ein Campingurlaub für einen Autisten eine große Herausforderung ist, der es nicht gewöhnt ist, auf engstem Raum zusammenzuleben. Und dass trotzdem zugesagt hatte, ihr zuliebe, obwohl ich eher der Bewegungsurlaubmensch bin als tagelang am gleichen Ort zu bleiben. Ich hätte gerne angesprochen, dass es schwierig wird, aufeinander Rücksicht zu nehmen, wenn der eine eine Nachteule ist und der andere durch jahrelangen Schichtdienst früh am Abend müde wird, und dann immer schweigsamer und eher keine Partysau. Ich hätte auch gerne angesprochen, dass ich Dankbarkeit selten laut ausspreche, sondern lieber durch nette Gesten zeige, etwa den anderen zum Essen einzuladen oder Geschenke. Ich hätte auch angesprochen, dass es mich stresst, wenn man erst spätnachmittags aufbricht und bei Dunkelheit am Urlaubsort ankommt, in fremder Umgebung ohne Orientierung und mit der erwähnten Müdigkeit am Abend, die einfach daher rührt, dass ich seit 12 Jahren Schichtdienst arbeite mit sehr frühem Aufstehen. Anders als zur Studienzeit, wo ich öfter bis spätnachts fortging oder ganze Nächte durchmachte. Ich hatte nach ein paar Tagen das Gefühl, dass meine Bedürfnisse zu kurz kommen, manchmal auch schroff abgewiesen wurde – ein einziges Mal zeigte ich meinen Ärger, hatte einen kleinen Gefühlsausbruch. Ab da war alles anders. Die Bemerkungen wurden abfälliger, verletzender. Später schwieg man sich an, auch als Besuch da war. Der das bemerkt hatte. Ich ahnte nicht, wie tief mein Gefühlsausbruch gekränkt hatte, und was darauf folgen sollte. Ich hätte gerne geholfen beim Einpacken für die Rückfahrt, wusste aber nicht, wie ich helfen sollte. Alles musste perfekt hineingeschlichtet werden. Ich kam mir überflüssig vor. Die Rückfahrt fand schon wieder in der Nacht statt, wieder nicht meine Zeit, aber wir hörten stundenlang ein Hörbuch, wahrscheinlich mit Absicht, damit man nicht miteinander reden musste. Wir gingen noch gemeinsam zu Bäcker danach und sie fuhr mich nach Hause, immerhin hatte ich jede Menge an Koffer und Taschen, ohne Auto hätte ich das nicht transportieren können. Ja, ich hätte Danke sagen sollen, ich war aber nach der langen Fahrt, einer kurzen Nacht und stundenlangem Ausräumen einfach zu müde. Und so sehr das nach Ausrede klingt, aber im erschöpften Zustand geht mir oft die Höflichkeit verloren, da geht das nicht mehr mit sozialen Floskeln, das ist Autismus. Manchmal gelingt es mir trotzdem, ich erinnere mich dann bewusst, manchmal auch nicht. Shit happens, aber nicht aus Boshaftigkeit oder weil ich es für selbstverständlich halten würde, von Freunden bedient zu werden. Aber sei es wie es sei. Missverständnisse reihten sich an Missverständnisse danach, zur Aussprache gab es keine Gelegenheit mehr. Nichts hasse ich mehr als wenn unausgesprochene Konflikte bleiben. Und wenn es unfair wird, wenn behauptet wird, ich hätte mich als Retter in der Pandemie aufspielen wollen, obwohl ich ernsthaft daran interessiert war, ihre Krankheit besser zu verstehen.

Ein halbes Jahr später ist wieder eine Freundschaft kaputt gegangen. Dieses Mal hatte ich heftig den Zeitpunkt eines Benefizkonzerts für die Ukraine kritisiert, als die Infektionszahlen hoch waren und die Maskenpflicht längst gefallen. Ich hielt es für fahrlässig, auch im Anbetracht eines Konzerts eine Woche davor, wo 40000 Menschen ohne Maske feierten. Im Freien, aber eng beisammen. Ich fand es zu früh für so eine Veranstaltung, so wichtig das Motiv war und so betroffen mich der Krieg machte. Aber man konnte nicht die Pandemie ausblenden und so tun als ob man mit Verhältnismäßigkeit argumentieren könnte, wenn zigtausend sich nicht an die Empfehlung, Maske zu tragen, halten, während die Normalbetten überlastet waren und das Ansteckungsrisiko hoch. Die Rechnung folgte unmittelbar danach. Politiker, Covidleugner wie Wirtschaftsttreibende griffen das maskenlose Konzert auf und forderten das Ende der Maskenpflicht für alle, was bis Ostern auch weitgehend umgesetzt wurde. Lehrer taten sich am nächsten Tag schwer in der Schule, denn die Schüler begehrten auf, warum sie noch Masken tragen sollten, wenn man zehntausende das auf einem Konzert nicht mehr tun müssen. Diese Logik kann kein Mensch erklären. Daher hat mich das so empört und frustriert. Kritik am Zeitpunkt der Veranstaltung, auch an der Durchführung. Nachmittags schien es ok, der Abstand größer, abends ist es eskaliert – man hätte das Abendprogramm streichen oder kürzen können, wenn der Alkohol schon stärker fließt. Darüber hätte man sachlich diskutieren können, stattdessen wurde es als Kritik an der Person aufgefasst. Eine Person, die ich die letzten anderthalb Jahre gegenüber harte Kritik verteidigt habe. Die fast täglich unterwegs war von einer Veranstaltung zur nächsten. Der geborene Superspreader, ätzten viele, und ich entgegnete, er hätte immer Maske getragen, er wäre vorsichtig, regelkonform. Ich hätte ihm das Gefühl gegeben, er verhielte sich immer falsch und ich immer richtig. Ich verhalte mich auch nicht immer richtig. Ich versuche so vorsichtig wie möglich zu sein, aber schaff es auch nicht immer, vergesse mal auf einen Test oder denke mir scheiß drauf, ins Lokal geh ich rein, und hoffe, es hat mich nicht erwischt. Ich kritisiere die Politik hart und heftig, aber mit Unterstützung durch viele, die schwere chronische Erkrankungen haben, für eine Infektion trotz Impfung lebensbedrohlich sein kann, weil sie kaum Antikörper ausbilden können. Über den Kontakt zu den Betroffenen, die auf die Beibehaltung der Schutzmaßnahmen angewiesen sind, habe ich neue Bekanntschaften gebildet. Menschen, die es mir wert sind, dass ich nicht locker lasse. Weil ich mir auch denke, es kann sehr schnell gehen im Leben und man gehört selbst dazu. Ein Unfall, eine Diagnose oder eben LongCOVID. Und man ist auf die Solidarität der Mehrheit angewiesen. Meine Hartnäckigkeit in der Pandemie, die politischen Fehler aufzuzeigen, aber auch zu wiederholen, was man besser machen kann, beschreiben manche als wahnhaft, andere sagen, ich wäre standhaft. Manche sagen, ich hätte mich nicht zum Besseren verändert, andere sagen, ich wäre der Ruhepol in der Pandemie – trotz der negativen Entwicklung würde ich mich nicht aus der Ruhe bringen lassen und immer weitermachen.

Manchmal scheint es mir derzeit, wolle man mir sagen, jetzt ist aber genug, zurück zur Normalität, das Leben muss weitergehen. Aber ich möchte mein Leben möglichst lange ohne gesundheitliche Einschränkungen leben können. In meinem Freundeskreis SIND die ersten LongCOVID-Betroffenen. Auffallend häufig sagen das Menschen zu mir, die ihren 50er oder 60er schon überschritten haben. Die schon viel gelebt haben. Ich hab noch sehr wenig von der Welt gesehen, auch wegen meinem Autismus. Ich war lange sehr soziophobisch und hab mir schwer getan, alleine wegzufahren, eine Auslandsreise alleine, noch nie, ich hab wenige Länder gesehen, den Kontinent nie verlassen. Ich würde gerne noch was erleben, sofern es mit Ende des Krieges und der weiteren Pandemieentwicklung noch möglich ist. Dafür nehme ich weitere Monate auf Sparflamme in Kauf, wenn ich mich dafür nicht infiziere, nicht LongCOVID bekomme, und mir einen angepassten Impfstoff reinhauen kann, mit dem ich das Risiko allgemein senke.

Das könnte man respektieren, oder weiter drauf herumhacken.

Konstruktive und sachliche Kommentare werden freigeschaltet.

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.