Wider die Vernunft?

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Ich sehe mich zunehmend mit inneren Widersprüchen konfrontiert, weiß immer weniger, was ich eigentlich will und was gut für mich ist. In zwei Tagen werde ich siebenunddreißig. Ich lebe immer noch alleine. Das hat sich über die Jahrzehnte so ergeben, glücklich war ich mit diesem Zustand nie. Das Alleinsein kostet Kraft, gleichzeitig kostet Gesellschaft auch Kraft. Es gibt genügend Beispiele für Autistinnen und Autisten in Partnerschaft und Ehe. Autismus ist kein Ausschlussgrund für Zusammenleben. Es würde mir in vielen Alltagssituationen Erleichterung bringen, wenn ich Entscheidungen nicht alleine treffen müsste, wenn den Alltag organisieren nicht nur an mir hängen bleiben würde. Das ständige Ausgebranntsein kommt eben auch davon, sich täglich organisieren müssen, keinen Tag die Verantwortung abgeben zu können. In Phasen des autistischen Burnouts passieren Kurzschlussreaktionen.

Die Pandemie lehrt die verpassten Gelegenheiten des Kennenlernens. Ich brauche dafür bestimmte Voraussetzungen – am besten funktioniert es, wenn man sich vorher schreiben kann und ich schon etwas über den anderen erfahre, bevor man sich erstmals trifft. Oder beim Ausüben eines gemeinsamen Hobbys, wie der Fotografie oder Wandern. Mangels geführter Touren in Coronazeiten und sonstiger Gruppenveranstaltungen fehlen diese Gelegenheiten. Andere Kontakte haben sich hingegen zurückgezogen und wie viele Autist*Innen leide ich unter der wahrscheinlich irrigen Annahme, das hätte mit mir zu tun und würde ich mich melden, hätte ich das Gefühl, nur zu stören. Wenn man viele Mal ein Nein bekommen hat mit dem oftmals schwerfallenden ersten Schritt, merkt man sich das leider und ist immer weniger geneigt, die aktive Rolle einzunehmen. Jetzt herrscht also Pandemie und Kennenlernen ist genauso weit entfernt wie der Mond.

Ich merke, dass mir das Allein sein jetzt mehr ausmacht als vorher – wahrscheinlich eine Folge des Lockdowns. Ich übernehme Wandertouren und Ausflüge am liebsten gemeinsam, während ich vorher eher geneigt war, öfter alleine unterwegs zu sein. Jetzt fällt mir das Aufstehen immer schwerer, oft bleibe ich liegen, dann ist der halbe Tag vorbei und ich öfter verlasse ich die Wohnung dann gar nicht mehr. Es ist eben viel motivierender, wenn man sich verabreden kann. Dann ist auch Frühaufstehen kein Hindernis, ich hab noch nie verschlafen. Jetzt ist alles im Umbruch, die gesellschaftliche Ordnung, die Welt steht Kopf. Die monatelange Angst um den sicheren Arbeitsplatz hat Spuren hinterlassen. Ich bin ständig am Grübeln und kann kaum abschalten, nicht einmal auf meinen Wanderungen. Es beschäftigt ununterbrochen und wird eben nur dann unterbrochen, wenn ich einen Gesprächspartner habe.

Jetzt naht also der Geburtstag und auch wenn seit Monaten klar war, dass das keine große Feier werden kann, wäre ein Treffen im Freien möglich gewesen. Aber so wie es aussieht, feier ich wohl alleine und das war eigentlich nicht das, was ich mir in der jetzigen Situation gewünscht hatte. Ich hatte nicht einmal materielle Wünsche für den Geburtstag – mir fällt momentan absolut nichts ein, was eine größere Bedeutung hätte als aus dieser Einsamkeit herauszukommen.

Ich hab die letzten Wochen immer öfter darüber nachgedacht, aus Österreich wegzugehen, zurück nach Deutschland, im Bewusstsein, von neuem anfangen zu müssen, ohne soziales Netz. In Salzburg ging das schon einmal beinahe schief. Ich kann es mir nach sechzehn Jahren in Österreich nicht mehr vorstellen, völlig abseits der Alpen zu leben. Nur fünf Wochen im Jahr in den Bergen verbringen zu können. Ich müsste in Deutschland wahrscheinlich wieder Auto fahren, um mobil zu sein – strenggenommen auch derzeit in der Pandemie. Ich weiß, welch ungeheurer Stressfaktor das Autofahren für mich war. Nach vierzehn Jahren ohne Fahrpraxis würde das anfangs kein Zuckerschlecken sein. Meine Gedanken drehen sich ewig im Kreis. Ich weiß, dass ich mit einer Rückkehr keine Freude hätte – ich würde mich auf nichts freuen, sondern verbittert und enttäuscht weggehen. Keine gute Voraussetzungen für einen harmonischen Neuanfang. Und ich weiß genau, dass – rational oder irrational – meine Sehnsucht nach den Bergen einen gewichtigen Anteil daran hat, mich hier heimisch zu fühlen. Bei gemeinsamen Wanderungen, doch selbst alleine. Selbst im Fall, dass alle Kontakte abreißen. Diese Abhängigkeit hemmt mich beim Suchen nach neuen Möglichkeiten, zugleich ist sie auch eine Form der Bescheidenheit. Bewegung in der Natur, Freunde zu haben, die diese Leidenschaft teilen, wo man nicht viele Worte verlieren muss, wenn man gemeinsam die Landschaft bestaunt und die Stille genießen kann. Viel mehr will ich eigentlich gar nicht – bis auf die langen Phasen allein dazwischen, die können weg.

4 thoughts on “Wider die Vernunft?

  1. olithal 31. August 2020 / 17:10

    Wenn du mal Tapetenwechsel brauchst, steig in den Zug nach Ljubjana – ich zeig dir gerne die Stadt. Grüße aus Slowenien. Ollie

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  2. geschlechtslos 31. August 2020 / 17:19

    Die allermeisten Autisten haben niemals eine Beziehung. Die Leute im Netz mit Beziehung, Arbeit, Freunden sind nur ein winziger Bruchteil aller Autisten. Es wirkt nur so als wären es viele weil sie so präsent sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass Du eine haben ist ist meiner Meinung nach sehr sehr gering.
    Ich bin übrigens weit über 50 und habe auch keine Beziehung, werde auch niemals eine haben.
    Das zu akzeptieren gehört halt dazu.
    Immerhin gehörst Du zu den Autisten, die, wenn auch mit Anstrengung, in der Lage sind einen Beruf auszuüben. Das ist schon eine ganze Menge. Das können sehr sehr viele nicht.
    Was den Gedanken betrifft zurück nach Deutschland zu ziehen. Wenn Dein Herz so sehr an den Alpen hängt bleibt eigentlich nur Südbayern. Aber wäre das so ein großer Unterschied zu Österreich? Der Vorteil wäre natürlich gegenüber Wien das es schön ruhig auf dem Land ist.
    Ansonsten wäre vielleicht auch eine Möglichkeit in die Schweiz zu ziehen. Die Schweiz gehört zum Schengenraum, und ich persönlich finde die Schweiz viel viel schöner als Österreich.
    Viel Erfolg!

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  3. Alicia Frohe 1. September 2020 / 18:27

    Herzlichen Glückwunsch nachträglich und alles Gute für das neue Lebensjahr! Es geht weiter, irgendwie …

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  4. leidenschaftlichwidersynnig 2. September 2020 / 10:35

    Moin,
    Überlege lieber gut, ob du nach Deutschland Zurück kommen willst. Hier hat sich viel verändert. Die Arbeitswelt wird immer unsozialer. Wenn du als Autist nicht gerade hochspezialisiert in eine Nische passt, ist es schwer Arbeit zu finden und zu behalten. Trotz der ganzen Inklusions- Hochglanzbroschüren: die meisten Menschen wollen Inklusion ( und damit meine ich auch im privaten Bereich ) nicht.
    Es gibt sehr viele Autist* innen hier, denen geht es so wie dir, viele ohne Arbeit. Und ohne Perspektive, dass sich hier was verändert.

    Ich hoffe, du hattest dennoch einen angenehmen Geburtstag … ich kenne diesen jährlichen Stress von meiner Tochter, der immer genau dann klar wird, wie einsam sie ist. Ich würde vieles darum geben, wenn sie diesen Tag mit Freunden/ Partner statt nur mit Mutti verbringen könnte….

    Alles Gute 🍀 dir aus dem hohen Norden ,
    LW

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