Der Mensch zählt nichts mehr

5
Wenige Freuden im Arbeitsalltag: Sonnenaufgang im Nachtdienst 

Ich machs relativ kurz. Beim Arbeitgeber hat letztes Jahr die politische Farbe der Chefetage gewechselt.Als ich 2015 von einem privaten Wetterdienst wegging, wo es All-in-Verträge und keinen Betriebsrat gab und Mobbing und Intrigen auf der Tagesordnung standen, hab ich aufgeatmet. Es sollte nur noch aufwärts gehen. Schließlich bin ich dort gelandet, wo ich jetzt bin. Ein sozialer Arbeitgeber, wo niemand gekündigt wird, wo eine flache Hierarchie auf Abteilungsebene herrscht. Wer hier arbeitet, will keine Karriere machen, sondern sich zum Spezialisten vertiefen. Spätestens seit der Coronakrise ist klar, dass unsere Arbeit keinerlei Wertschätzung mehr erfährt. In den Medien werden wiederholt Falschberichte lanciert, in denen völlig aus der Luft gegriffene Gehälter als Grund dafür herangezogen werden, die Löhne deutlich zu senken. Dabei kostet unsere Firma den Steuerzahler keinen Cent, sondern finanziert sich zu 100% aus den Gebühren der Kunden. Das passt natürlich nicht in den Startvorteil, den man sich den Gewerkschaften gegenüber herausholen will. Es geht aber definitiv zu weit, wenn der Redakteur einer rechtsradikalen Boulevardzeitung einen Gewerkschaftsfunktionär “Kapo” nennt.

Im operativen Betrieb arbeiten alle im Schichtdienst, mit Nachtdienst, teils 12-Std.-Schicht und mit hoher Verantwortung. Das darf sich meiner Meinung nach durchaus im Gehalt niederschlagen. Das Totschlagargument ist ja immer, “die anderen verdienen viel weniger, also sollt ihr auch weniger kriegen”. Statt dass man für seine Branche für höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen kämpft, zieht in Österreich immer sehr gut die Neiddebatte. Bloß niemandem die Butter auf dem Brot gönnen. Erst, wenn es allen so schlecht geht wie mir, bin ich zufrieden. Eine Haltung, die zum Kotzen ist, aber was soll man in einem Land erwarten, das Europameister im Schulmobbing ist, wo Frauen, Behinderte und Ausländer systematisch diskriminiert werden. Solidarität ist ein Fremdwort.

Seit dem Lockdown sind viele Priviligien, die die verantwortungsvolle Arbeit erleichtert haben, weggefallen und nicht mehr zurückgekommen. Seit sage und schreibe Mitte März sind beide Kantinen geschlossen, seitdem muss man sich mit Supermarktessen, Burger, Sandwiches oder McDonalds selbst versorgen. Alternativen werden keine angeboten, dabei wurden in anderen Firmen längst die Kantinen wiederöffnet (zumindest zum Mitnehmen). In der Umgebung meines Arbeitsplatzes arbeiten mehrere tausend Mitarbeiter unterschiedlicher Firmen und es gibt kein gegenwärtig kein offenes Restaurant mit preisgünstigen, gesunden Speisen. Viele mit Familie nehmen sich was von zuhause mit, aber das ist für mich keine Option. Ich weiß ja oft nicht einmal, worauf ich am nächsten Tag Hunger habe, und nach einem Zwölf-Stunden-Arbeitstag stell ich mich nicht mehr abends hin und fange an zu kochen. Die letzten Wochen war es mir überhaupt zu warm in der Wohnung, da hab ich nicht einmal tagsüber an freien Tag gekocht, sondern ging immer essen. In meinen Augen kann man die Verpflegung nicht einfach so abdrehen. Im Schichtdienst ist es nochmal wichtiger, dass man sich gesund ernährt – das ist seit Monaten nicht der Fall!

Das Zweite, was man einfach abgedreht hat ohne Aussicht auf Rückkehr, ist die hausinterne Massage. Die Masseurin kam einmal die Woche an einem fixen Tag und man konnte zu vergünstigen Kassentarifen massieren gehen. Bei zwölf Stunden Bürojob durchaus eine gesundheitsfördernde Maßnahme. Vorsorge ist wichtig. Nebenbei war es auch oft Psychohygiene. Mal eine halbe oder dreiviertel Stunde über manches reden können. Obwohl Massage behördlich unter Einhaltung der Hygienevorschriften längst wieder erlaubt ist, bleibt das Angebot auf unabsehbare Zeit abgedreht. 12-Stunden-Schichten im Büro bleiben aber unabhängig von Corona eine Belastung für die Wirbelsäule. Und zu reden gäbe es derzeit genug, die Gesamtsituation ist belastend. Jeder hat seine Ängste. Wie hoch wird die Ansteckungsgefahr wohl sein, wenn Masseurin und Kunde jeweils FFP2-Maske tragen? Wahrscheinlich niedriger als im Büro.

Drittens scheint es selbstverständlich, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, denn im Büro atmet man über viele Stunden die gemeinsame Atemluft ein. Filter hin oder her, ein Restrisiko bleibt selbst bei genügend Abständen – speziell, da wir keine Fenster öffnen können. Erst vor kurzem habe ich gelesen, dass viele Klimaanlagen bei heißer Außenluft Strom sparen, indem sie die Frischluftzufuhr verringern. Getestet wird nur externes Personal durch Fieber messen – eine Alibimaßnahme, da nur ein Drittel der Infizierten Fieber hat und die höchste Ansteckungsgefahr herrscht, wenn man noch oder durchwegs keine Symptome zeigt. So wie im Tourismus sollten systemerhaltende Arbeitskräfte regelmäßig getestet werden, um eine unbemerkte Ausbreitung des Virus frühzeitig einzudämmen. Meine Sorge bleibt und wird im Herbst größer, dass Kollegen mit Kindern zuhause das Virus in die Arbeit bringen und ich mich im Büro anstecke. ICH möchte das Virus nicht bekommen – ich fürchte die Spätfolgen selbst bei leichten Verläufen, außerdem hab ich seit diesem Jahr massive Beschwerden einer lange Zeit unerkannten Pollen- und Milbenallergie, die anscheinend schon die Etage gewechselt hat (leichtes Asthma). So schnell findet man sich als Risikopatient wieder.

Die ganze Situation mit Pandemie, Zusammenbruch der Weltwirtschaft und -ordnung, Überbordwerfen sämtlicher Pläne und Träume für die Zukunft auszuhalten, könnte ruhig etwas Wertschätzung und Respekt verdienen. Stattdessen regieren Angst und Druck und ständige Falschaussagen in den Medien. Ich komme mir vor wie im falschen Film.

Was mich derzeit ja meisten aufregt, dass die vernünftigen, vorsichtigen, zurückhaltenden Menschen dauernd die Arschkarte ziehen. Wer vernünftig bleibt, brennt aus. Seit März hab ich ein einziges Mal auswärts übernachtet. Auf Urlaub habe ich völlig verzichtet. Danke an die Regierung für die von zahlreichen Experten als unnötig und gefährlich angekreideten Lockerungen insbesondere in der Gastronomie und Tourismus. Über das ganze Land verstreut gibt es Meldungen von infiziertem Hotelpersonal oder erkrankten Gästen. Gesichtsvisiere werden den Masken gleichgesetzt, obwohl sie Aerosole ungehindert durchlassen. In anderen Ländern kann man sich längst freiwillig testen lassen. In Österreich muss man Tests selbst zahlen, wenn sie nicht behördlich angeordnet werden. Unter 120 Euro geht nichts. Wer auf dem Rücken der Bevölkerung ein Geschäft machen will, ist an einer ernsthaften Eindämmung nicht interessiert.

Ich fahre nicht ins Ausland und weil ich kein Auto habe, auch nicht nach Hause. Denn dafür müsste ich sieben Stunden lang Maske tragen, außerdem sind beide Elternteile in der Risikogruppe.  Meine Eltern hab ich zuletzt im Februar gesehen und werde sie vermutlich nicht vor dem Sommer nächsten Jahres sehen. Dass sie nach Wien kommen, halte ich für noch unverantwortlicher, weil die Regeln hier zu locker und die Leute generell zu sorglos geworden sind. Seit Mitte März hab ich genau einen Menschen, den ich umarmen kann und darf. Die letzten Wochen waren doppelt schwierig, weil auch Psychologin und Arbeitsassistentin im Urlaub waren. Meine geplanten Urlaube sind alle dem Lockdown zum Opfer gefallen, zuletzt auch dem Wetter, denn Innenräume mit Fremden sind zu meiden, das Risiko einer Ansteckung ist zu groß. Es genügt ein einziger Regentag. Und wie macht man es beim Frühstück, beim Abendessen? Es ist zum aus der Haut fahren. Wenn man weder eine Zweitwohnung noch Verwandte am Land hat, versauert man regelrecht in der Stadt. Seit März bin ich immer in Wien und die INLÄNDER hängen mir inzwischen zum Hals raus. Nachts haben die Bars und Clubs alle geschlossen, die jungen Leute feiern dafür Balkonpartys oder ziehen gröhlend durch die Stadt. Es ist viel lauter geworden, dazu ständig Baustellenlärm. Der Effekt der Kur im Jänner ist längst verpufft – ich bin schon wieder ausgebrannt.

Die Aussichten sind grimmig. Im Herbst fürchten sich alle vor einer zweiten Welle. Nach mehreren Jahren wollte ich dieses Jahr zu Weihnachten wieder heimfahren und dafür Silvester bzw. zwischen den Jahren arbeiten. Wenn kein Wunder geschieht und das Virus im Dezember verschwindet, dann verbringe ich Weihnachten in meiner Wohnung.

Und was ist der Dank dafür, dass man trotzdem irgendwie durchhält und weiter arbeiten geht, obwohl die Situation psychisch und auch körperlich belastend ist? Die Aussicht auf Jobverlust, weil die Arbeit, die man leistet und sich seit Jahren dafür engagiert, nicht wertgeschätzt wird. Meinen Autismus erwähne ich schon gar nicht mehr – als Quoten-Behinderter zähle ich nicht und unter dieser politischen Führung habe ich kein Verständnis fürs Anderssein zu erwarten.

2 thoughts on “Der Mensch zählt nichts mehr

  1. John 26. August 2020 / 18:42

    In Deutschland genauso schlimm. Dieser Neid ist pures Gift aber leider ein traditionelles deutsches Kulturerbe.
    Bei mir ist es nicht die gesellschaftliche Neidkultur, die mich zermürbt, sondern das alltägliche toxische Arbeitsklima. Seit Corona noch viel schlimmer geworden. Ich muss sonst sehen, ob ich was anderes suche – zur Not über Integrationsdienst. Auf mein Handicap wird unter Kollegen kaum Rücksicht genommen. Man muss die paradoxen Ansprüche schaffen und paradoxerweise gelten diese für andere wiederum nicht so stark.
    Es ist schwer als Autist. Ich habe einen Ausweis, mit Behinderungsgrad 80 aber hilft trotzdem nicht viel dagegen.

    Liked by 1 person

  2. John 26. August 2020 / 18:45

    Es tut mir sehr leid für dich, dass deine Arbeit die du so gerne machst, keine Wertschätzung kriegt. Es ist schlimm. Die Krise zeigt wieder deutlich, dass wir ein zutiefst großes Problem mit der kaltherzigen Mentalität haben.

    Liked by 1 person

Konstruktive und sachliche Kommentare werden freigeschaltet.

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.