Terminoverload…

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Auch für mich gibt es eine Grenze dessen, was ich alleine bewältigen kann. Diese Grenze hatte ich letzte Woche erreicht. Wenn ich zurückblicke, dann waren seit März vor allem Termine, Termine, Termine. Im März die zwei Wochen Einschulung am Stück in Wien, dazwischen zum Orthopäden. In Salzburg zum Röntgen, dann Umzug, dann Dienstreise Salzburg. Anfang April zurück, am ersten freien Tag gleich Urologe. Mitte April Röntgen und MRT, die Woche darauf Augenärztin, die Woche darauf Orthopäde, die Woche darauf Hausarzt, dann Einlagen abholen, dann nochmal Orthopäde, kommende Woche nochmal extra rausfahren zum Orthopäden, weil falsche Verordnung für Einlagen verschrieben wurde. Und nochmal Einlagen abholen. Jeder Arzttermin war mühsam. Willkommen in der neurotypischen Welt!

Einen Termin bei meiner Psychologin hab ich Mitte Mai bereits verpasst, stand zwar in der Mail vom 1. Februar, aber da kam einiges nervenaufreibendes dazwischen, ich habs schlicht vergessen. Der zweite Termin wäre letzte Woche gewesen. Und da ist etwas passiert, was ich rational nicht erklären kann. Es ist vor allem nicht zu erklären, wie man sowas verhaut und gleichzeitig im Job hohe Leistungen bringen kann. Aber das ist ein anderes Thema und adressiert sich eher an die hier sporadisch mitlesenden Kollegen (hat was mit Vorbereitung, Anwendung von Fachwissen, Routine versus unvorhergesehene Veränderungen zu tun).

Jedenfalls war ich überpünktlich da. Im Warteflur gibt es zwei Stühle. Im Praxiszimmer hörte ich eine Patientin reden. Ein Stuhl war besetzt durch eine junge Frau, die auf einem Block zeichnete. Sie war tief darin versunken, sie vermied Blickkontakt mit mir. Ich blieb stehen, denn zu zweit nebeneinander wäre es eng geworden und es lag in unser beiderseitigem Interesse, Abstand zu wahren. Die Situation hat mich von Beginn an irritiert, ich fragte mich, ob wir beide auf den gleichen Termin warten. Ob ich mich vertan hatte im Datum. Es wurde 11.00, die Patientin hörte nicht auf zu reden, die Psychologin kam auch nicht zum Abschluss. 11.05, 11.10, ich wurde ungeduldig und immer unsicherer. Ich glaubte wirklich, ich hätte mich vertan. 11.15, 11.20. Immer noch kein Ende. 20min überziehen kam noch nie vor, seit ich hinging. Meist hatte sie ja mehrere Termine in Serie, seit Wochen ausgebucht. Bisher war sie immer pünktlich. Die mit mir wartende und malende Frau sagte die ganze Zeit keinen Ton, saß stumm da und beachtete mich nicht. Irgendwie hat mich die Situation überfordert, ich ging nach draußen, frische Luft schnappen, und stieg dann in den nächsten Bus ein. Um 11.50 kam die Mail, wir hätten um 11.00 einen Termin gehabt. Ich war zu dem Zeitpunkt nicht fähig zu antworten, weil ich nicht wusste, wie ich das jetzt erklären sollte. Ehrlich gesagt weiß ich es immer noch nicht. Im Nachhinein ist klar, dass es eine zutiefst autistische Reaktion war. Etwas am gewöhnlichen Ablauf hatte sich geändert. Es war eine zweite wartende Person da, die sonst nicht da ist. Meist ist es umgekehrt, in der Praxis ist die Tochter oder der Sohn und draußen wartet die Mutter, dieses Mal war es umgekehrt oder irgendwie anders. Und es wurde um 20min überzogen, was sonst nicht vorkam. Beide Umstände führten dazu, dass etwas nicht nach Plan verlief. Und das genügte in der Situation für den Overload. Zweifel, ob es das richtige Datum und Uhrzeit waren. Und die innere Unruhe und Erschöpftheit aus den Wochen und Monaten mit vielen Terminen, erwarteter hoher Flexibilität, kein Tag richtig planbar, noch dazu mit den Fußproblemen, was die Entspannungsroutinen verunmöglicht hat. Das kam alles in dieser halben Stunde Warten im Warteflur zusammen.

Natürlich hatte ich danach ein schlechtes Gewissen und mich sehr geärgert. Ich hätte den Termin dringend gebraucht. Ich hätte gerne über meine Gedanken, meine Ängste und Sorgen wegen der letzten Monate, den körperlichen Problemen, der verpatzten Urlaubsplanung, etc. geredet. Nichtautisten können das kaum nachvollziehen, leider, wie sehr das belastet, speziell wenn man keinen festen Partner an der Seite hat und alleine alle Entscheidungen treffen muss, übrigens auch schlechte Entscheidungen, die man selbst wieder ausbaden muss. Auch Freizeit kann dann sehr belasten, wenn man sie nicht mit dem füllen kann, was man sonst tut. Also Tageswanderungen, 2-Tages-Wanderungen, Stadtbesichtigungen, etc. Zwischendrin hatte ich wieder einen Histaminschub und konnte zwei Wochen lang nur Schonkost essen. Sich wenigstens mit gutem Essen belohnen, abends auf ein Bier gehen, das ging auch alles nicht. Ich war nicht in der Lage, mich ad hoc an soviele veränderte Umstände anzupassen. Ich freute mich beinahe mehr auf die Dienste als auf die Freizeit. Die Dienste laufen immer gleich ab, es gibt Checklisten, es ist nie fad, weil das Wetter immer anders ist, aber ich kann mich besser darauf einstellen, zumal es mich ja auch interessiert. Glücklicherweise bildet sich mein Knochenmarködem langsam zurück und ich kann die Belastung langsam wieder steigern, kann wieder Bilderorgien schießen und stundenlang Berichte schreiben.

Trotzdem merke ich, dass ich langsam machen muss, speziell mit neuen Terminplanungen. Freie Tage müssen jetzt erst einmal freie Tage bleiben.

ad Psychologin …

Ich hab mir das im ersten Termin von ihr empfohlene Buch gekauft:

  • Annelies Spek – Achtsamkeit für Menschen mit Autismus, mit beschriebenen Achtsamkeitsübungen für Stressbewältigung
  • Außerdem hab ich mir Noise-Cancelling-Kopfhörer besorgt, die ich gerne im Supermarkt und in öffentlichen Verkehrsmitteln benutze.
  • Schließlich hab ich mir eine Gewichtsdecke besorgt (8kg), die nachweislich Menschen im Autismus-Spektrum (aber auch mit ADHS, Depressionen) dabei hilft, besser zu entspannen, weil der Druck, den das Gewicht auf den Körper ausübt, beruhigt, vgl. “squeeze machine” von Temple Grandin.

Ich bin also nicht untätig geblieben seitdem, sondern suche nach Möglichkeiten, vom hohen Stresslevel herunterzukommen. In Planung ist auch noch ein Rudergerät für zuhause, um nach den Diensten noch Sport treiben zu können, ohne das Haus verlassen zu müssen.

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One thought on “Terminoverload…

  1. ditanerbas 13. June 2019 / 21:23

    Hallo! Wir kennen uns nicht und ich kenne auch die genauen Umstände nicht und habe daher gar nicht mitzureden. Bloß, wenn ich deinen Text richtig verstanden habe, warst du vor 11 Uhr überpünktlich zum Termin dort. Niemand kann dir einen Vorwurf machen. Ich halte deine Reaktion für völlig normal. Schließlich hattest du mehr als zwanzig Minuten unbequem und angestrengt gewartet. Ok, höflicher wäre gewesen, Bescheid zu sagen, dass du jetzt gehst. Aber auch so müsste das jeder verstehen können. Wenn man deinen Text liest.
    Grüße von
    Dita

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