“Das haben aber viele – sind das auch alles Autisten?”

Das Bild zeigt eine Nelkenart auf einem waagrecht hervorstehenden Pflanzenstängel über Waldboden.
Autismus: Der Blick fürs Detail

Wenn ich über Probleme durch meinen Autismus im Alltag spreche, was ohnehin nur sehr selten vorkommt, höre ich oft: “Das kenne ich auch, das haben viele Leute.” Großteils ist es den Leuten, die diese Aussage treffen, wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie uns Autisten damit absprechen, autistische Besonderheiten aufzuweisen. Denn eines ist wichtig: Es gibt kein Alleinstehungsmerkmal bei Autismus! Erst die Anzahl spezifischer Merkmale (gemäß den derzeitig gültigen Diagnosekriterien, die sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder wandeln bzw. anders gewichtet werden), die zeitliche Beständigkeit und die resultierenden Beeinträchtigungen in verschiedenen Lebenssituationen (Beruf, Alltag, Freizeit, Familie) qualifiziert für eine Autismus-Diagnose.
Nichts ist besser geeignet als eine Liste an Beispielen, worin sich Autismus vom Alltag anderer Menschen unterscheidet. Meist ist es die Intensität des Empfindens und darauf Reagierens. Vorab: Alles, was ich hier aufzähle, trifft nicht auf jeden Autisten zu. Im Autismus-Spektrum sind per definitionem so viele Bereiche betroffen, dass die Autismus-Diagnose steht, aber es sind nicht alle Bereiche bei jedem gleich intensiv betroffen.

Empfindlichkeit auf Lärm und weitere Sinnesreize

Viele Menschen sind geräuschempfindlich, bitten darum, das Radio leiser zu drehen oder ziehen die Augenbraue hoch, wenn das Kind die Zimmertür wieder mal wuchtig ins Schloss fallen lässt. Mit dem Alter steigt oft die Geräuschempfindlichkeit (Schwerhörigkeit), auch bei Hörgeräten kann das der Fall sein, wenn die grellen Geräusche noch lauter werden, während man eigentlich nur einem Gespräch folgen will. Viele Autisten sind nicht nur geräuschempfindlich und reagieren z.b. auf hochfrequente Geräusche wie Staubsauger oder Laubbläser mit Fluchtinstinkt, sondern auch empfindlich auf visuelle Reize. Das können Menschen sein, die vorbeilaufen (z.b. während man im Großraumbüro sitzt und ständig Kollegen auf und ab gehen.,), bewegende Objekte (Autos, Blätter und Zweige im Wind), bestimmte Muster oder Farben, die irritieren. Manchmal sind es Geräusche, die anderen gar nicht auffallen, z.b. der surrende Kühlschrank und Kühlregale, Neonröhren, tickende Uhren. Zu sensorischen Auffälligkeiten kommen auch motorische Auffälligkeiten, etwa die Feinmotorik (greifen, sich nicht anschütten beim Trinken), die Grobmotorik (Nachteile besonders im Sport, sonderbarer Gang) und bei Gleichgewicht und Körperwahrnehmung. Wenn Euch und anderen Leuten das Kind ständig hinten auf den Fuß tritt oder unter dem Tisch berührt, dann kann es daran liegen, dass das Kind keine gute Vorstellung vom eigenen Körper im Raum hat. Wo hört mein Körper auf, wie muss ich mich im Gleichschritt bewegen?

Konzentration auf Gespräche und Aufgaben

Viele Menschen tun sich schwer, in einer Gruppe anderen Gesprächen zu folgen, sei es an einem langen Tisch in einem vollen Lokal oder an einer Party. Vielen gelingt es scheinbar, ob sie tatsächlich imstande sind, das einzelne Gespräch unter Umgebungsgeräuschen herauszufiltern oder nur besonders gut darin sind, den Kontext zu erraten (quasi Lippen lesen für Hörende), sei dahingestellt. Für viele Autisten, wenn nicht ausnahmsweise sogar für alle Autisten, zählt das zu den größten Herausforderungen. Es ist nicht nur mühsam und “fällt schwer” wie Nichtautisten auch, sondern es ist Schwerstarbeit, die erschöpft. Denn mit einem kaputten Reizfilter, der andere Geräusche nicht ausblenden kann, höre ich mehrere Gespräche gleichzeitig. Sobald meine Konzentration etwas nachlässt, wechsel ich unbewusst zur nächsten Unterhaltung, die mich gerade gar nicht interessiert. Es ist dabei nebensächlich, ob ich mich im Lokal oder in einem Schani- oder Gastgarten befinde. Zwar werden im Außenbereich die Nachbarunterhaltungen abgeschwächt, dafür höre ich auch vorbeifahrende Autos, Sirenen, den Straßenmusiker und spielende Kinder. Einen ähnlichen Effekt haben private Telefonate in der Arbeit in bestimmter Lautstärke, während ich gerade einen Text schreibe oder selbst telefonieren muss. Es kostet dann allergrößte Mühe, meine eigene Stimme zu hören, die Stimme des Gegenübers, sinnerfassend zu hören und zu antworten. Das führt zu Erschöpfung und dem Bedürfnis, sich danach an einen ruhigen Ort zurückzuziehen.

Energie aus Sozialkontakten ziehen und gleichzeitig verlieren

Viele Menschen brauchen Erholung nach einer Reihe anstrengender Tage, sei es wegen Stress im Job, Baustellen im Haus oder sonstige Erledigungen, die einen hohen Stellenwert haben. Autisten brauchen aber auch Erholung, nachdem sie sich mit Freunden getroffen haben, etwa zum gemeinsamen Kinobesuch oder in ein Lokal, nicht nur aufgrund der Reizüberflutung und weil ein Treffen mit neurotypischen Menschen selten nach den Bedürfnissen von Autisten ausgesucht wird (ruhiges Hinterzimmer/Nischen wäre am besten, nicht zu aufdringliche Musik, nicht zu nah an der Küche (klapperndes Geschirr, Kaffeeautomat, nicht zu große Tische), sondern weil die Kommunikation selbst anstrengend sein kann. Smalltalk führen, nicht zu intime oder deplatzierte Dinge erzählen. Ein Gespräch am Laufen halten, ständig unterbrochen werden.  Auch Zusammensein erfordert oft Erholungszeit, selbst wenn man sich Sozialkontakte wünscht. Ich habe mich schon bei Gedanken ertappt wie “Ich freue mich riesig, dass Du ein paar Tage auf Besuch kommst!” und gleichzeitig “Ich freue mich riesig, wenn Du wieder weg bist!” Der vermeintliche Widerspruch löst sich dadurch auf, dass jeder Besuch eine Veränderung der täglichen Routinen bedeutet. Routinen, die Autisten benötigen, um chronischen Stress bewältigen zu können. Stress, der für viele Nichtautisten unsichtbar ist, weil sie ihn gar nicht als Stress wahrnehmen. Das kann der einzelne Anruf bei der Behörde, beim Arzt, im Geschäft oder sonstwo sein, der Einkauf im Supermarkt, der Einkauf im Schuh- oder Bekleidungsgeschäft, der viel Interaktion und Feedback erfordert. Meine Routinen sind dann zuhause oft Film schauen (während dem Essen) oder Zeitung lesen, bloggen, stundenlang Karten wälzen, um Wandertouren zu planen, Bilder bearbeiten. Das funktioniert. Wenn ich mehrere Tage nicht dazukomme, werde ich immer unrunder und nach Reizüberflutung immer gereizter. Was der Besuch tun kann: Rückzugsräume erlauben. Ein paar Stunden alleine lassen, früher schlafen gehen lassen, man muss nicht ununterbrochen aufeinander kleben (außer es ist gewünscht).

Menschenmassen

Viele Menschen fühlen sich in großen Menschenmassen “unwohl”, aber nur wenige wie etwa Autisten erleiden Panikattacken durch die akustische/visuelle Overloadsituation und brauchen nach solchen Veranstaltungen 2 Tage zum Erholen, bevor sie wieder unter Leute gehen können.

Bedürfnis nach Gleichförmigkeit

Positive Veränderungen sind super, oder nicht?

Viele Menschen tun sich schwer mit Veränderungen, insbesondere mit ungeplanten, aber kaum jemand ist in der ersten Reaktion außer sich, weil er am nächsten Tag unerwartet frei bekommt. Ich erinnere mich an einen Tag in der früheren Firma ganz genau, als über mich hinweg beschlossen wurde, dass ich am Folgetag plötzlich freibekommen sollte. Ich war völlig aufgelöst, verärgert, wütend. Neurotypische Menschen sind dann oft irritiert von seinem Verhalten. Was, der freut sich nicht mal, dass er frei hat?! Der Grund dafür ist zweierlei: Zunächst einmal bedeutet jede unvorhersehbare Veränderung Stress, zum Anderen ist Arbeiten Routine, ungeplante Freizeit bedeutet Stress, nämlich den Zwang, die freie Zeit mit sinnvollen Tätigkeiten auszufüllen. Ich habe solche Tage schon durchwegs zuhause verbracht, unfähig, irgendetwas zu tun, weil die Zeit davor einfach nicht gereicht hat, sich etwas zu überlegen. Ein Arbeitstag ist durch seine Aufgaben vordefiniert, durchgeplant, da muss ich nicht mehr darüber nachdenken, es belastet nicht mehr vom grundsätzlichen Ablauf. Was helfen kann: “Was wäre, wenn …?” Listen anlegen. Sich für ungeplante Freizeit etwas überlegen, wie den Einkauf, der immer wieder verschoben wird, weil er nirgends reinpasst, oder eine Freizeitaktivität, oder sich andere niederschwellige Tätigkeiten vornehmen, die keiner Vorbereitung bedürfen (Haushalt, Festplatte aufräumen).

Blickkontakt

Viele Menschen üben keinen Blickkontakt und schauen lieber ins Handy, wenn sie mit ihren Mitmenschen sprechen, aber viel weniger tun das gerade in Gruppen, weil sie sich akustisch bzw. sozial überfordert fühlen und den Gesprächen nicht mehr folgen können. Es ist dann nicht als Unhöflichkeit/unsoziales Verhalten zu verstehen, sondern ein Versuch, den Fokus zu verlagern, aus der Stresssituation zu gehen und wieder zu sich selbst zu finden. In einem Lokal mag das nicht sonderlich stören, in einem Meeting wirkt es eher deplatziert. Was helfen kann: Langsamer sprechen, lauter sprechen, nicht durcheinander reden, Pausen machen, usw. Und das hilft ausnahmsweise jedem.

Hobby oder Spezialinteresse?

Viele Menschen haben Hobbys, die sie mitunter intensiv ausleben, sei es das klassische Briefmarken sammeln, Flugzeuge fotografieren, Sterne gucken, Gaming, Basteln, Zeichnen, Laufen, usw., aber viel weniger betreiben das so intensiv, weil sie daraus ihre ganze Erholung ziehen, um den Alltag bewältigen zu können. Sie können daher nicht ad hoc auf andere Interessen ausweichen. Die Anpassung dauert in der Regel viel länger, sich auf den Wegfall bestimmter Interessen anzupassen. Autisten haben die Stärke im Detail, im akribischen Hinsehen, sie können sich völlig verlieren in ihrer Lieblingstätigkeit (Zustand des “Flows”), Zeit spielt keine Rolle mehr. Dieser Zustand ist (für mich) unendlich erholsam. So schaffe ich neue Ressourcen, lade meine Akkus wieder auf. Nur schlafen ist erholsamer. Doch was passiert, wenn meine Interessen gerade nicht ausübbar sind? Weiter oben habe ich den Fall geschildert, wenn Besuch da ist, und ich einige Tage verzichten muss. Oder wenn ich selbst auf Reisen bin, etwa ein Familienurlaub oder eine Dienstreise, und mehrere Tage verzichten muss.
Ein schwerer persönlicher Rückschlag, der Monate gedauert hat, ihn zu verkraften, war meine Fußverletzung im April. Da erfuhr ich, dass ich wegen eines Knochenmarködems im Fuß meine gesamte Jahresplanung über Bord werfen musste. Plötzlich war alles infrage gestellt, worauf ich mich mit der Übersiedlung nach Wien gefreut hatte: Regelmäßig bouldern gehen wie vor meinem Weggang aus Wien, speziell mit der einen Freundin, mit der ich fast ausschließlich übers Bouldern und Wandern zusammen war, die drei, vier Wanderpartner, mit denen ich gemeinsam öfter Touren gehen wollte, nachdem ich zwei Jahre lang in Salzburg überwiegend alleine unterwegs war. Der Wanderurlaub im Juni, den ich absagen musste, weil ich bis dahin noch nicht fit genug war. Knochenmarködeme brauchen zwischen drei Monaten und zwei Jahren, bis sie vollständig abgeheilt sind. Schichtdienst ist Fluch und Segen zugleich, ich hab auch unter der Woche oft frei. Ich hatte mich auf häufigere Zwei/Drei-Tage-Urlaube gefreut, wo ich von Hütte zu Hütte gewandert wäre. Auch das musste ich absagen. Mit einem Fuß, den man nicht zu stark belasten darf, gingen nicht einmal Stadtbesichtigungen. “Schwimmen und Radfahren” waren erlaubt, aber Schwimmen habe ich noch nie gut gekonnt wegen der mangelnden Koordination meiner Arme und Beine, und beim letzten Ausflug an die Alte Donau vor zwei Jahren merkte ich, dass ich das Schwimmen ganz verlernt hatte. Radfahren war ok, aber mein Stadtrad ist uralt und ich habe mir noch immer kein neues gekauft, weil mich die Auswahl im Radgeschäft überfordert und ich von den technischen Anforderungen zu wenig verstehe. Außerdem erfordert Radfahren gut befestigte Wege und Straßen, und da ist meistens Gegenverkehr, das ist nicht vergleichbar mit der Idylle und Ruhe auf meinen Wanderungen.
Ich bekam Ratschläge wie “Fahr doch ans Meer!” Aber schon der Gedanke daran, das alleine organisieren zu müssen, hat Stress ausgelöst. Es hat Jahre gedauert, bis ich alleine Wanderurlaube geplant habe, bis ich es geschafft habe, auf der Hütte anzurufen, weil es keinen Emailkontakt gab. Auf Hütten fallen einzelne Wanderer nicht so auf, in Hotels fühle ich mich oft verloren. Alleine essen gehen kostet jedes Mal große Überwindung. Auf Berghütten fällt mir das leichter, dort sind außerdem Menschen mit dem gleichen Interesse und Ziel, sogar ich komme noch leichter ins Gespräch, wenn man über seine Tourenziele, Gipfel bestimmen oder vergangene Touren erzählen darf. Es läuft letzendlich darauf hinaus, dass ich mich viele Jahre mit Wandern beschäftigt habe, mich dort auskenne. Es war und ist für mich unvorstellbar, stattdessen eine Woche faul am Strand zu liegen und nichts zu tun. Nach wie vor ist für mich Bewegung Erholung, aber nur bestimmte Bewegung, nämlich so, dass ich unabhängig von anderen Menschen bin, alleine in den Bergen bin ich das. Ich merkte außerdem, dass andere Interessen, die mir viel bedeuten, darunter litten, etwa das Fotografieren und in der Folge, stundenlang zuhause Bilder zu bearbeiten, für Wanderberichte zu recherchieren (z.b. landschaftliche Details, Ruinen, alte Kirchen, Pflanzen, Etymologien etc.). Diese Entspannungsroutinen fielen mangels neuem Material ebenso weg. Für einige Wochen hat mich das psychisch ziemlich zerlegt, körperlich sowieso. Wie habe ich es gelöst?  Anfangs gar nicht, ich habe tagelang nichts gemacht, da ging es mir psychisch schlecht. Später fing ich wieder an mit Spaziergängen und mit Radfahren auf der Donauinsel. Die Sportpause führte tatsächlich zur Besserung der Beschwerden und ich konnte die Aktivitäten langsam steigern. Zwar bin ich noch weit von meiner ursprünglichen Intensität entfernt, aber ich kann wieder leichte Wanderungen machen (14km, 800hm) und bin dabei fast schmerzfrei.
Ich glaube, man sieht daran gut, dass es eben mehr ist als nur ein Hobby, das man nach Belieben zurückfahren oder durch ein anderes ersetzen kann. Für mich bedeutet Wandern Unabhängigkeit. Autisten neigen zu Spezialinteressen, die sie alleine ausüben können. Autismus bedeutet sonst oft Abhängigkeit. Autismus im ursprünglichen Wortsinn wird als Selbstbezogenheit gedeutet, aber tatsächlich lässt sich diese im gesellschaftlichen Kontext meist gar nicht ausleben, weil unsere Bedürfnisse selten den Bedürfnissen der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Umso wichtiger sind Aktivitäten, in meinem Fall das Wandern, um zurück zum eigenen autistischen Ich zu finden. Das unterscheidet Spezialinteressen von Hobbys.

One thought on ““Das haben aber viele – sind das auch alles Autisten?”

  1. ditanerbas 2. July 2019 / 20:10

    Sehr guter Blogbeitrag, finde ich. Gerne weiterschreiben, mehr davon! :=)))

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